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Ausgabe:

1924 Nr. 22

Spalte:

488-492

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Erlebnisse und Beobachtungen des ehemaligen Generalsuperintendenten von Schleswig D. Theodor Kaftan 1924

Rezensent:

Scheel, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 22.

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punkte mitgeteilt, unter welchen die Erscheinung Böhmes
begriffen wird, und wir bekommen hier einige
allgemeine Reflexionen über Mystik und Reformation,
über das Wesen des Barock — denn J. Böhme gilt als
„Barocker" Mensch — und im Anschluß an Sauer und
Nadler über das östliche Deutschtum, das sich in Böhme
zum ersten Mal sichtbar aufgerichtet hat, zu hören. Daran
schließen sich zwei Kapitel, die „Sendung" und
„Ausdruck" überschrieben sind; das erste versucht eine
Charakteristik Böhmes, seines Denkens, seiner Visionen
und seines Umschwungs; das zweite bringt Erörterungen
über seine Bildung, seinen Stil und seinen Lebensgang
oder Lebensrhythmus. Der zweite Hauptteil behandelt
die „Gestaltung". Hier haben wir ein „Erkennen" über-
schriebenes Kapitel, in welchem die Erkenntnislehre B„
seine Sprachtheorie, seine Anschauung von falscher und
echter Wissenschaft, seine Auffassung der Geschichte
und sein Menschenideal dargestellt oder besser „ausgedrückt
" werden; sodann folgt in einem besonderen
Kapitel — „Wesen" — die Darstellung der böhmeschen
Spekulationen über Gott, Welt und Mensch, wobei Han-
kamer erfreulicherweise in feiner Weise die psychoanalytische
Zerfaserung und Zerstörung B. korrigiert
und ins richtige Licht setzt; schließlich wird in dem
Schlußkapitel — „Leben" heißt seine Überschrift und
mit „Zwietracht", „Einheit", „Vollendung" sind die
Unterabteilungen bezeichnet — B. Lebensphilosophie
auseinandergelegt.

Der Verf. gehört dem George-Kreis an oder steht
jedenfalls in inneren Beziehungen zu ihm. Das zeigt sich
nicht bloß an seinem eigentümlichen „Dialekt" — Böhme,
ein „beginnlicher Mensch", die „Mannigfalt" seines
Denkens, „des Heilschwanke Eckarts Sagens", „Weis-
tum", „Denkbilder", um nur einige stilistische Proben
hervorzuheben — oder an seiner manierierten Interpunktion
, die dem Verstehen gradezu im Weg steht, sondern
auch an der eigentümlichen Geschichtsanschauung, die
in ihrer an Hegel erinnernden und sich doch prinzipiell
von ihm entfernenden Weise durch die Bemerkungen
über Gestalt und Gestaltung in Kürze und andeutend
charakterisiert worden ist.

Auch die Mängel der Arbeit stehen mit dieser grundsätzlichen
Stellungnahme im Zusammenhang. Einmal
kann ich es nicht glücklich finden, daß ein so dunkler
und trotz aller Großartigkeit primitiver Denker wie
Böhme in dem ebenso dunklen und leider im Gegensatz
zu B. selbst gekünstelten Stil des Georgekreises uns
vorgeführt wird, daß also die Dunkelheit nicht durch
Klarheit sondern durch erneute, in Begriffen eines bestimmten
Kreises sich gefallende Dunkelheit interpretiert
wird. Jede wirklich zulängliche Untersuchung über B.
müßte m. E. mit einer breit fundierten Prüfung der B.
Terminologie beginnen und sich auf der Aufhellung
dieser aufbauen. Das führt bereits zu dem zweiten prinzipiellen
Einwand, der erhoben werden muß. B. wird

— und das hängt mit dem Grundsätzlichen in der Geschichtsanschauung
Hankamers zusammen — isoliert und
in dieser Isolierung betrachtet und wiedergegeben. Wir
erhalten so keine ernsthaften Untersuchungen über das
Verhältnis B. zur Mystik — die Bemerkungen über
Eckart oder über die spanische Mystik genügen angesichts
der großen und noch ungelösten Fragen, die etwa
nur Paracelsus und Weigel betreffen, wahrhaftig nicht

— und vor allem wir erfahren nichts über die Einwirkungen
Luthers und der Lutherischen Orthodoxie,
des kirchlichen Gemeindechristentums, auf Böhme. Dies
Manko muß aber als gradezu katastrophal für das ganze
Buch bezeichnet werden. Denn der Punkt, von dem aus
die Eigenart des B. Denkens erfaßt und aufgerollt werden
kann, ist — und ich habe darauf schon längst gelegentlich
hingewiesen — die Verwandtschaft seiner dualistischen
Metaphysik mit dem dualistischen Empirismus
Luthers und besonders mit dem tiefsinnigen und großartigen
Gottesbegriff Luthers. Hierauf gerichtete Untersuchungen
hätten die Eigentümlichkeit B. grade auf

dem Hintergrund der großen geistesgeschichtlichen
Mächte, Luthers und der Mystik, wirklich hervortreten
lassen und hätten wahrscheinlich auch bedeutsame geistesgeschichtliche
Ergebnisse im Hinblick auf die nicht
bloß theologischen Nachwirkungen Luthers durch die
Jahrhunderte hindurch gezeitigt. Die selbständige Kombination
mystischer und naturphilosophischer Ideen mit
lutherisch gefärbter starker Frömmigkeit bei Böhme
mußte entwirrt werden, wenn anders B. übrigens in
erster Linie natürlich theologisch interessierten Spekulationen
grade aus den Traditionen seiner Zeit heraus
wirklich lebendig „gestaltet" und verstanden werden
sollten. Hierfür aber hat sich der Verf. durch seine
unglaublich oberflächlichen und gänzlich unzulänglichen
Urteile über Luther und die Reformation, denen natürlich
die heute so oft übliche und schon darum so wenig
fest gegründete Vorliebe für den Katholizismus entspricht
, von vornherein den Weg verbaut. Es muß einmal
mit aller Deutlichkeit ausgesprochen werden, daß
es doch wirklich ein starkes Stück ist, wenn bei funda-
mentierenden Urteilen über Luther nicht einmal die
großen Lutherbücher der Gegenwart wie das von R.
Seeberg oder K. Holl — aus beiden hätte H. manches
auch über die geistesgeschichtlichen Nachwirkungen Luthers
, die übrigens auch von Schülern Holls stark betont
worden sind, lernen können — von Nichttheologen
eingehend zu Rate gezogen werden.

Ich bedaure dies herbe Urteil über Hankamers Buch,
an dem die Empfindung für die Größe Böhmes und die
Liebe zur Versenkung in seinen Geist ebenso sympathisch
ist wie seine Versuche, Epochen im Denken B.
zu scheiden, verdienstlich sind; aber eine die Geistesgeschichte
und ihre Erkenntnis fördernde Leistung ist
dies Buch schon wegen der diesem Zeitalter gegenüber
ganz verfehlten Methode nicht, und auch die „Gestalt"
B. ist wegen ganz entscheidender Mängel nicht richtig
gesehen worden. Mehr als Beitrag für die geistesgeschichtliche
Deutung unserer Zeit und für die oft
krampfhafte Umwandlung des „Historismus" in ihr denn
als wissenschaftliche Leistung ist dies Böhme-Buch interessant
.

Breslau. E. Seeberg.

Erlebnisse und Beobachtungen des ehemaligen Generalsuperintendenten
von Schleswig D. Theodor Kaftan.

Von ihm selbst erzählt. Kiel: Verein f. Schleswig-Holsteinische
Kirchengeschichte 1924; zu beziehen durch Buchdruckereibesitzer
J. M. Hansen in Preetz (Holst.) (VIII, 403 S.) gr. 8°. = Schriften
des Vereins für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte, 1. Reihe,
14. Heft. Om. 8.50; f. Mitgl. 5—.

Was der frühere schleswigsche Generalsuperintendent
Th. Kaftan hier vorlegt, soll keine Biographie sein.
Das Buch bietet aber doch mehr als sein Titel besagt.
Der Hauptinhalt besteht freilich aus den Erlebnissen
und Beobachtungen des Generalsuperintendenten. Das
hätte auch dann der Fall sein müssen, wenn wirklich
die Absicht bestanden hätte, eine Autobiographie zu
schreiben. In jungen Jahren Generalsuperintendent von
Schleswig geworden, hat Kaftan fast ein volles Menschenalter
hindurch dies Amt führen dürfen. Grund genug
, die in dieser langen Zeit gemachten Erfahrungen
zum Kernstück des Ganzen zu machen; vollends Grund
genug, wenn man auf die Schwierigkeit grade des
Postens eines Schleswiger Generalsuperintendenten achtet
, auf die großen kirchlichen Aufgaben, die in jenen
Jahren innerhalb des Schleswiger Sprengeis und zugleich
innerhalb der Landeskirche dem Generalsuperintendenten
erwuchsen, und auf die weit über die Grenzen
der Landeskirche hinausgreifende Beachtung, die
sich die Persönlichkeit Kaftans erzwang, mitsamt der
neuen Arbeit, die ihm aus seinem wachsenden Ansehen
entstand. Aber er greift doch weit über die Zeit der
Generalsuperintendentur zurück. Werden seine Erlebnisse
und Beobachtungen auch nicht zu einer Autobiographie
im strengen Sinn, so führen sie doch den
Leser bis in die Zeit der Kindheit zurück. Dazu hat je-