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Ausgabe:

1924

Spalte:

30-31

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Forke, Alfred (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Mê Ti, des Sozialethikers, und seiner Schüler philosophische Werke 1924

Rezensent:

Haas, Hans

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sehen, die Auffassung des deutenden Apriori als eines
Wagnisses, die fundamentale Umgestaltung der Wert-
lehre durch den Gedanken der Wertrelativität und individuellen
Wertrealisierung: das alles sind Gedanken, die
dem geschichtsphilosophischen Geist überhaupt erst die
Bahn frei machen. Und T. ist völlig im Recht, wenn er
sich für die Idee des individuellen Schöpfertums auf die
protestantische Lehre von der Rechtfertigung aus dem
Glauben beruft. Es ist protestantischer Geist, der das
Bewußtsein der historischen Dynamik geschaffen hat.
(Es ist merkwürdig, wie wenig sich T. in seiner Analyse
der Phänomenologie, speziell Schelers, des absoluten
Gegensatzes bewußt ist, der ihn von der Phänomenologie
imd ihrem sratisch-miticlalterlichen Geist trennt.)

Der gegnerischen Auffassung wird es nahe liegen,
dem dynamischen Wahrheitsgedanken, wie ihn T. im
Gegensatz zu Rationalismus und Phänomenologie verkündigt
, den Vorwurf des Relativismus und der damit
notwendig gegebenen Selbstaufhebung zu machen. Hier
ist in der Tat ein Punkt, in dem T. nicht ausreichend geschützt
ist; und zwar deswegen nicht, weil er es schließlich
doch nicht wagt, sich dahin zu erheben, wohin ihn
die Berufung auf die protestantische Rechtfertigungslehre
führen müßte, zu einer eigentlichen, auf das Unbedingte
gerichteten, Geschichtsmetaphysik. T.
fürchtet sich nicht etwa .vor Metaphysik; er bekennt sich
offen zu der von Leibniz und Malebranche gelehrten
Identität des unendlichen und endlichen Geistes. Aber
das ist bei ihm doch schließlich nur eine erkenntnistheoretische
Konsequenz, keine metaphysische Haltung.
Wenn er von der „Notwendigkeit eines Zuschusses des
Glaubens an eine göttliche Idee" im Geschichtsprozeß
spricht, so zeigt sich in solchen Formulierungen, daß
das Metaphysische nur sekundär bei ihm ist. — Aber
das Metaphysische ist niemals ein „Zuschuß", sondern
es ist entweder das Fundament oder es ist nichts. Und
fehlt es, so schwebt der ganze Bau in der Luft. Das
Wort vom individuellen Schöpfertum kann die Wirkung
haben, die schöpferische Kraft zu zerstören, wenn es die
Forderung bedeutet, aus unendlichen Relativitäten eine
neue Relativität zu komponieren, wenn es nicht den
Punkt in sich trägt, wo das Relative seine Rechtfertigung
im religiösen Sinne des Wortes empfängt. Wohl hat T.
Recht, wenn er sagt, daß wir nur uns selbst verstehen
können, daß unsere Geschichtsdeutung soweit reicht,
wie unsere schaffende Kraft. Wohl hat er Recht, wenn er
infolgedessen die Geschichtsdeutung beschränkt auf den
europäischen Kulturkreis, aus dem allein unsere Gegenwartsaufgabe
hervorwachsen kann. Aber er hat Unrecht
, wenn er bei der empirischen Wirklich-
keitdes Europäismus stehen bleibt und auf eine
echte metaphysische Geschichtsanschauung verzichtet, in
welcher die konkrete Wirklichkeit der europäischen Kultur
und unserer gegenwärtigen Kulturaufgabe erst einen
letzten Sinn finden kann. Eine solche metaphysische
Geschichtsauffassung hat nichts mit Universalgeschichte
zu tun. Vielmehr ist sie die Vollendung eines Gedankens,
den auch T. in seiner Geschichtslogik andeutet, des Gedankens
, daß die geschichtlichen Begriffe Symbole
sind. Geschichtsmetaphysik im echten Sinne ist Geschichtssymbolik
. Sie schaut in repräsentativen,
symbolkräftigen Wirklichkeiten der Geschichte einen Sinn
alles Geschehens an, der frei ist von relativistischen Belastungen
und in unmittelbarer Einheit steht mit einem
Ethos, das selbst im Unbedingten wurzelt. Die gegenwärtige
Kultursynthese ist ein ethisches Ziel und Maßstab
einer Gescfiichtsmetaphysik nur insofern, als in ihr
der Sinn aller Kultursynthese, der unbedingte Sinn des
Handelns und Schaffens überhaupt — relativ zwar, aber
doch „gerechtfertigt" — erfüllt wird.

Von hier aus bekommt auch das Problem der Pcriodisierung einen
neuen Sinn. Geschiclitsmetaphysischc Periodisierung; hat symbolische,
nicht empirische Bedeutung. Wenn T. Perioden der Gemeinschaft
und der Gesellschaft unterscheidet, und die Gegenwart als Entwicklung
zu einer neuen Gemeinschaftsperiode, als religiöse Redinteerations-

ris

entwicklung deutet, so ist das zum mindestens sehr fragwürdig, wenn
es irgendwie empirisch gemeint sein soll. Vor allem wäre nicht einzusehen
, warum eine Redintegration ethisches Ziel sein sollte. Sobald
aber diese Gedanken aus dem Empirischen ins Geschichtsmetaphysische,
Symbolische übertragen sind, gewinnen sie entscheidende Bedeutung.
Die „Redintegration" oder besser: Die Synthese der autonomen Kulturformen
und des autonomen Gesellschaftslebens in einer religiös-
theonomen Einheit ist das sozial-ethische Ziel schlechthin. Und seine
Verwirklichung in der unendlichen Spannung von Autonomie und Theo-
nomie ist das große Thema der Geschichte in allen Völkern. Gewisse
Zeiten, wie die Spätantike einerseits, das Mittelalter andererseits,
können symbolisch den einen der beiden Pole repräsentieren. Und aus
ihrer Anschauung können Motive für die Gestaltung der eigenen kulturellen
Lage hervorgehen. Das alles hat dann aber nichts mehr mit empirischer
Periodisierung der Geschichte zu tun, und enthält kein wissenschaftliches
Urteil über die Gegenwart. Es ist nicht mehr geschichtswissenschaftliche
und auch nicht geschichtsphilosophische Arbeit, die
dabei in Frage steht, sondern geschichtsmetaphysische d. h. im Grunde
ethisch-profetische Haltung, die uns freilich unendlich viel mehr not
tut als jene, und an deren Pforten geführt zu haben, der tiefste Sinn
des T.schen Lebenswerkes ist. Die Aufgaben der Periodisierung usw.,
von denen T. spricht, bleiben dennoch bestehen. Es sind die Aufgaben
der großen Geschichtsdarstellung und der sie tragenden normativ
gerichteten Geistesgeschichte, zu der grundlegend eine Geistesgeschichte
des Wirtschafts- und Gesellschaftswillens gehört. Aber dieses alles bekommt
seine letzte Realität, seinen unbedingten Sinn und seinen tiefsten
Lebensernst doch erst durch die geschichtsmetaphysische Haltung, die
sich in ihr konkret und individuell verwirklicht.1)

Berlin-Friedenau. P. Till ich.

1) Vgl. zu dem Ganzen mein Ernst Troeltsch gewidmetes Buch „Das
System der Wissenschaften nach Gegenständen und Methoden", Göttingen
1(J23 Vandenhoeck u. Ruprecht.

Me Ti, des Sozialethikers, und seiner Schüler philosophische
Werke. Zum ersten Male vollst, übers., mit ausfuhrt. Einleit., erl.
und textkrit. Erkl. vers. von Alfred Forke. Berlin: W. de Gruyter
& Co. 1922. (XIV, Ö38 S.) 4" — Mitteilungen d. Sem. f. oriental.
Sprachen an d. Friedrich-Wilhelms-Univ. zu Berlin. Jg. 23/25,
Beibd. Gz. 10—.

Forke's Me Ti — in Grube's Gesch. d. chin. Lit.
heißt er Moh Tih — ist selbig mit dem jüngeren Zeitgenossen
des Konfuzius, den man bei uns von länger her
dank Ernst Faber, der in einem 1877 erschienenen
längst vergriffenen kleinen Buch seine Grundgedanken
dargelegt hat, unter dem latinisierten Namen Micius
kennt. Sein erster deutscher Interpret hat, wie die Vorrede
seiner ihm gewidmeten Schrift wissen läßt,; seinerzeit
über zehn Jahre in ganz China gesucht, ohne ein
Exemplar der Werke des Philosophen auftreiben zu
können, und sich schließlich gezwungen gesehen, diese
nach James Legge's, seines englischen Kollegen, Kopie,
| die dieser einmal zufällig bei einem Trödler gefunden
I hatte, abschreiben zu lassen: so selten waren in China
j im Laufe der Zeit die Werke eines Denkers geworden,
der, ein ganz und gar nicht zu verachtender Rivale
Kungtse's und Laotse's, einmal sehr großen Anhang
gehabt haben muß. In der Folge für fast zwei Jahrtausende
vom orthodoxen Konfuzianertum als Erzhäre-
tiker völlig in den Hintergrund gedrängt, wurde er im
modernen, von der absoluten Autorität seines größten
Heiligen und Weisen sich etwas lösenden China sozusagen
wieder „entdeckt". Man tut sich etwas darauf
zugut, Ideen und Ideale, die zur Stunde die Welt bewegen
, (ethischen Sozialismus und Kommunismus, Pazifismus
und Völkerverbrüderung) bei einem Sohne des
eigenen Volks von vor zweiundeinhalbtausend Jahren
antezipiert erweisen zu können.

Ganz gewiß verlohnte es sich, das Geistesgut des
alten Weisen, eines „Predigers der Liebe im klassischen,
vorchristlichen China", wie ihn J. Witte neuerdings
(ZMR 1914) charakterisiert hat, uns zugänglich zu
machen. Geleistet aber ist dieser wertvolle Dienst in
vorliegendem Werke von Professor A. Forke, also einem
wirklich Berufenen, in der denkbar vollkommensten
Weise, die zu wünschen kaum etwas übrig läßt. Die
Me Ti von der Überlieferung zugeschriebenen Werke
sind nicht nur übersetzt (zum ersten Male überhaupt vollständig
übersetzt): eine die ersten 158 Seiten umfassende
Einleitung erörtert die Geschichte des Textes (Überliefe-

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