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Ausgabe:

1924 Nr. 20

Spalte:

454-456

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heim, Karl

Titel/Untertitel:

Glaubensgewißheit. 3., völlig umgearb. Aufl 1924

Rezensent:

Wehrung, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 20.

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herbeiführen hilft. Das Christentum ist seinem Wesen
nach sozial und demokratisch, 2 Begriffe, die für E.
wesentlich dasselbe bedeuten, da wahre Demokratie
fordert, daß jeder Einzelne, jede Gruppe, jedes Volk
den ihm innerhalb des großen Menschheitsverbandes
zukommenden Platz einnimmt. Es kommt nun alles
darauf an, daß das Christentum dies sein wahres Wesen
erkennt, die bisherige Zersplitterung überwindet und,
indem es maßgebenden Einfluß auf die öffentliche Meinung
gewinnt, die Welt von Barbarei und Heidentum,
der Kultur der Macht und des Genusses, die einstweilen
in Politik, Wirtschaft und geselligem Leben noch dominiert
, befreit und so das Gottesreich auf Erden erbaut
. E. zweifelt nicht, daß es ihm gelingen werde.

Der deutsche Soziologe wird diesem Gedankengang,
fürchte ich, mißtrauisch gegenüberstehen, weil er schwerlich
wird zugeben wollen, daß die Bändigung und Unterordnung
des Egoismus unter den sozialen Willen so
leicht und sicher zu vollziehen sei, und weil er besorgt,
daß, falls es doch gelingen sollte, die Haupttriebkraft
des wirtschaftlichen und politischen Lebens unterbunden
sein möchte. Der deutsche Theologe wird tadeln, daß
der akosmistische und weltschmerzliche Zug aller Religion
, zumal des Christentums, ignoriert sei, und bezweifeln
, ob ein auf Gottvaterglauben und Liebesmoral
zurückgeschnittenes, also völlig rationalisiertes Christentum
, das ihm aus der Geschichte der Kirche nur zu gut
bekannt ist, genügend welterobernde Kraft besitzen
werde.

Trotz solcher Vorbehalte und Bedenken wird der
deutsche Leser das Buch mit dem Wunsche aus der
Hand legen, es möchte auch in seinem Vaterlande eine
Soziologie geben, die von solch edlem und gläubigen
Idealismus beseelt wäre, und Kirchengemeinschaften, in
denen der religiös-soziale Gedanke in solcher Kraft und
Reinheit lebte. Überlegenes Lächeln dürfte jedenfalls
nicht aufkommen, selbst wenn man nur das eine bedenkt
, daß dem Geiste, der aus diesem Buche so willensstark
und zukunftsfroh zu uns spricht, das amerikanische
Alkoholverbot seinen Ursprung verdankt.

Iburg. W. Thimme.

Piper, Priv.-Doz. Lic. Otto: Weltliches Christentum. Eine
Untersuchung über Wesen und Bedeutung der außerkirchlichen
Frömmigkeit der Gegenwart. Tübingen: J.C.B. Mohr 1924. (VII,
138 S.) 8°. Om. 3.60; geb. 5—.

Gegenstand dieser Untersuchung ist die moderne
Unkirchlichkeit, oder vielmehr das nach P.s Ansicht
hinter ihr stehende „einheitliche Phänomen", das er
„weltliche Religion" nennen zu dürfen glaubt. P. packt
die Erscheinung von allen Seiten her an: er verfolgt sie
bis in ihre Wurzeln, untersucht ihre Motive, er unternimmt
es, ihr Wesen zu bestimmen. Dabei unterscheidet
er sorgfältig die subjektive Seite und den
„Gegenstand" dieser Frömmigkeit, um dann das religiöse
Problem, das das w. Chr. darstellt, zu betrachten
. Sein Zweck ist doppelt. Zunächst will er an
einem verhältnismäßig leicht zugänglichen Phänomen
gewisse Gesetze der historischen Entwicklung der Kulturreligionen
nachweisen. In der Tat ergeben sich recht
interessante Gestaltungslinien, denen gegenüber nur
öfter die Frage sich erhebt, ob sie nicht mehr mit Kunst
oder auch mit Gewalt in das Geschichtsbild hineingezeichnet
als aus ihm herausgelesen sind. In den
Vordergrund des Interesses tritt der andere Zweck: die
Deutung des w. Chr. als einer Gegenwartserscheinung.
Scharfsinn im Sehen und Deuten, eine starke Gabe
einheitlicher Zusammenordnung auch sehr disparater
Elemente, eine große Kunst, Zusammenhänge aufzuspüren
, macht sich überall geltend. So verfolgt man
denn die keineswegs ganz leichte Darstellung mit großer
Spannung. Wo P. die kirchliche Gegenwartslage
kritisch beleuchtet, muß auch ich ihm weitgehend zustimmen
. Aber schon bei der Schilderung ihres Werdens
, erst recht bei dem Versuch, „das Neue" als

eine Erscheinung zu begreifen, hört für mich die
Überzeugungskraft auf; vollends finde ich den Versuch
zu dem Beweise dafür, daß es sich um eine
religiöse Erscheinung, gar um „Christentum" handele
, mehr als kühn. Was für Einzelmomente gruppiert
P. zusammen! Den modernen naturwissenschaftlichen
Monismus und den neueren Protestantismus, die Bardische
Glaubensreligion und die moderne Erlebnisreligion
will er als Auswirkungen derselben religiösen Entwicklungstendenz
nachweisen. Die gemeinsamen Kennzeichen
aller der verschiedensten Bestandteile des w.
Chr. fallen denn auch teils sehr negativ, teils sehr
allgemein und unbestimmt aus. Ob sie alle sich überall
finden, bleibt sehr zweifelhaft. So konstatiert P.
z. B., daß zur „neuen Haltung" das Verlangen nach
Vernünftigkeit der Religion gehöre, das am konsequentesten
ausgedrückt werde durch die Formel, die
Religion dürfe dem gesunden Menschenverstand nicht
widersprechen. Das soll Kennzeichen etwa auch für den
Bardischen Kreis sein? Auch für die Frömmigkeit der
modernen Jugendbewegung? Auch für die moderne
Mystik? Daß das Neue Religion sei, sucht P. vorwiegend
so zu zeigen, daß er die Frage, ob es denn
Moral, ob Philosophie, ob einfach Lebensgefühl, oder
ob etwa Entartung der Religion sei, aufwirft und (zumal
die letzte viel zu rasch) verneint. Erleichtert hat
er sich die Bejahung des religiösen Charakters durch
die Zusammenfassung der irreligiösen mit kräftig religiösen
Erscheinungen. Nimmt man, wie es ohne Vergewaltigung
allein zulässig ist, jede für sich, so ergibt
sich natürlich keine einheitliche, aber eine ganz andere
Antwort. M. E. bedeutet die Schrift einen geistreichen
und energischen, aber durchaus nicht geglückten Versuch
, die mannigfaltigen religiösen Auflösungs- und Reformerscheinungen
seit der Aufklärung einheitlich und
positiv als ein neues religiöses Werden zu deuten. Sie
ist reich an Anregungen; sie nötigt dazu, Dinge von
ganz anderen Seiten zu sehen; sie stellt große Probleme
. Dabei laufen aber unendlich viele Einseitigkeiten
und Ungerechtigkeiten unter; dem Protestantismus
als geschichtlicher Erscheinung
tutP. m. E. anmehralseinerStellebitteres
Unrecht; er sieht ihn fast nur unter dem Gesichtswinkel
des engon i nthertums an (S. 6), vergißt nicht
nur die welterobernde Kraft ues c.»i„;njsmus SOndern
übersieht auch die eingeborenen Tendenzen' cu,= .)r.
sprünglichen Luthertums. Er bringt es fertig, Vilmar
Recht zu geben, wenn dieser in der Abschwächung der
Lehre von der göttlichen Einsetzung des Amts einen
Abfall von den ursprünglichen protestantischen
Bekenntnissen (und das heißt in diesem Zusammenhang:
vom ursprünglichen Luthertum) sieht. Aber ich würde
ins Uferlose geraten, wenn ich die Hunderte ähnlicher
Sätze hier bestreiten wollte. Was ich sagte, soll nur
andeuten, wie reich und wie — gewaltsam P.s Schrift
ist. Als Symptom ist sie natürlich von großer Wichtigkeit
: das ist ja leider die Tendenz vieler neuer Erscheinungen
, daß sie das zukünftige Christentum dort suchen
und finden, wo das bisherige als vollkommen überlebt
angesehen wird.

Breslau. M. Schi an.

Heim, Karl: Glaubensgewißheit. Eine Untersuchung über die
Lebensfrage der Religion. 3. völlig umgearb. Aufl. Leipzig: J. C.
Hinrichs 1923. (IV, 276 S.) gr. 8°. Gm. 3.75; geb. 5.25.

Der Charakter dieses Buches steht längst fest; er
ist in der dritten A. nur bestimmter geworden, sollte
auch in einer Hinsicht vielleicht eine neue Wendung zu
verzeichnen sein. Merkwürdig ist die Verbindung von
elementarem Empfinden und sublimem Scharfsinn.
Wichtig genug ist jedenfalls das Unternehmen einer
Begründung der Denkmöglichkeit des Glaubens in einer
erkenn.tnistheoretischen Untersuchung: der Leser, der
diese Gratwanderung mitgemacht hat, ist, bei aller
Bestärkung in seiner „positiven" Haltung, über die äl-