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Ausgabe:

1924 Nr. 20

Spalte:

436-437

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lutz, Henry F.

Titel/Untertitel:

Textiles and Costumes among the Peoples of the Ancient Near East 1924

Rezensent:

Gressmann, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 20.

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hohen Mittelalter mit der Abkehr von allen weltlichen
Dingen zusammenhängen. Mit Beeinflussung durch andere
Kunstkreise erklärt man das Problem nicht.

Im einzelnen bespricht der Verf. das geometrische Ornament, entwickelt
richtig, wie sich allmählich im alten Orient die Kunst eine
Fläche zu füllen und zu teilen, herausgebildet; zeigt sehr hübsch, wie
in den Saummustern sich das christliche Symbol hervordrängt. Eingehend
werden Spirale, Wellenlinie und Mäander behandelt. Dann
geht Verf. dem Ursprung des Flechtbandes und der Bandverschling-
ungen nach. Das Resultat, daß das Ornament sich durch das Zusammenwirken
der verschiedenen Kunstkreise des Alten Orients herausgebildet
habe, könnte noch genauer präzisiert werden. Das Flechtband
findet sich in Altbabylonien in Telloh, entwickelt sich aber auch unabhängig
davon in der äg. Skarabäenornamentik. Beide Quellen fließen
zusammen auf den syrisch-mesopotamischen, leider noch immer hethi-
tisch genannten Siegelcylindern (nebenbei bemerkt heutzutage ein
Unfug, dem leider der Verf. zum Opfer gefallen ist, mit den eigentlichen
Hethitern haben diese Siegelcylinder nichts zu tun), deren
Ornamenten man den ägyptischen, gleichzeitig auch den babylonischen
Ursprung deutlich anmerkt. Mindestens seit dem Anfang des zweiten
Jahrtausend gibt es eine syrische Mischkunst. Auf diese Urform muß
m. E. jeder Versuch, der Entwicklung der syrischen Kunst nachzugehen
, zurückgreifen.

Die Bandverschlingungcn füllen in der koptischen Kunst regelmäßig
die ganze zur Verfügung stehende Fläche aus. Verf. meint:
„Das Erscheinen der flächenfüllenden Motive in der römischen Kaiser-
zeit ist die Folge einer Tradition aus dem alten Orient." Das ist
völlig richtig, gibt aber keine ausreichende Erklärung des Problems.
Das Prinzip der Flächenfüllung ist uralt, es erscheint regelmäßig in
den Kunstäußerungen primitiver Völker; wie in den künstlerischen
Versuchen der Kinder. Das Prinzip, nur einen Teil der Fläche hervorzuheben
, ist gewöhnlich ein Zeichen raffinierter Kultur. Das Prinzip
der äg. Ornamentik ist Flächenfüllung, erst in der Spätzeit wagt sich
die Flächenteilung hervor. Daß die alte Art in der christlichen
Zeit in Ägypten wieder lebendig wird, ist für Ägypten ohne weiteres
verständlich, da hatten sich andere Richtungen niemals durchsetzen
können. Weshalb in der gesamten Mittelmeerkunst ähnliche Bestrebungen
zum Siege gelangt sind, wird durch das Wiederaufleben
des alten Orients nicht erklärt.

Das wesentlichste Ornament der koptischen Kunst ist die
Ranke. Die Kunst des ausgehenden Altertums, so hebt D. hervor, zeigt
hier deutliche Wandlungen. Die hellenistische Wein- und Epheurankc
verfällt einer klar erkennbaren Stilisierung. Dazu werden die Ranken,
Weintrauben und dergl. in den Raum richtig hineingepreßt, also
wieder Flächenfüllung. Woher das alles? Verf. führt wieder das
Wiederauftreten altorientalischer Motive an, glaubt aber weiter nach
Osten gehen zu müssen. Die Vorbilder der neuen Kunst seien in
Indien und China zu finden.

Es ist sehr wohl möglich, daß mit der Seide auch die Art, die
Seidenstoffe zu verzieren, nach dem Westen kam. Aber einigermaßen
überzeugende Beweise sind bisher nicht gebracht, auch D. bringt
keine. Die Motive der Abbildungen 51 und 53 zeigen ihre Herkunft
aus dem griechisch-römischen Akanthusornament ganz deutlich, mit der
Volutenranke Abbildung 56 und den Spiralverzierungen auf dem
Seidenstoffe Abb. 57 haben sie nichts zu tun. Es wäre auch nicht
gerade sehr wahrscheinlich, daß man gerade die Ornamente von China
übernommen haben sollte, die für die chinesische Kunst so gar nicht
charakteristisch sind. Ich kann es nur für völlig verfehlt halten, im
Ornamentenschatz zweier so verschiedenen Völker Motive, die zufällig
eine gewisse Ähnlichkeit haben, herauszugreifen, und daraus
einen Einfluß des einen auf das andere herzuleiten. Ahnlich steht es
mit dem indischen Einfluß. Richtig ist, daß das Pfauen- und Elefantenmotiv
in Indien zu Hause ist, und wenn auf koptischen Geweben
z. B. Berlin 14 228 Pfauen erscheinen, so wird das Motiv
letzten Grundes aus Indien stammen, ob direkt von dort entlehnt, ist
zum mindesten fraglich. Aber das sind doch nur Einzelheiten. Damit
ist noch nicht gesagt, daß „Prinzipien der Ornamentik" von Indien
entlehnt sind. Verf. betont selbst, daß in der griechisch-römischen Zeit
der ägyptische Flachstil nicht völlig verschwunden ist. Wenn er nun
in koptischer Zeit wieder herrschend wird, warum in aller Welt soll er
aus Indien stammen? Es ist ein Wiederaufleben altäg. Art, was wir
beobachten, einer der unzähligen Beweise der alten Wahrheit, daß,
was einmal wirkliches Leben gehabt, auf die Dauer nicht verschwindet
. Mit der Besprechung von „Lebensbium und Kandelaber"
beschließt D. die Besprechung der einzelnen ornamentalen Motive.
Die gute Gelegenheit, hier einmal im einzelnen zu zeigen, wie in ein
echt äg. Schmuckmotiv die Übereinanderstellung von Blüten und
Knospen, die vorderasiatische Symbolik eindringt, hat sich Verf. leider
entgehen lassen, allerdings hätte dazu eine größere Zahl von Abbildungen
gehört. Hier ließe sich einmal zeigen, wie der äg. Charakter
sich durch die Jahrtausende erhält.

Das vorletzte Kapitel des Buches handelt
von der wichtigen Frage, wie weit sich geometrische

und vegetabile Ornamente beeinflussen. Richtig werden
zwei Stilstadien unterschieden, das erste mit naturalistischem
Streifenornament, das zweite bereits geometri-
siert. Wieder wird die Stilwandlung aus dem unvermeidlichen
Indien hergeleitet. Es genügt hierfür auf das
vorstehende zu verweisen.

Den Abschluß bildet eine Besprechung des fertigen
Ornaments. Auch hier zwei Stadien, kurz bezeichnet als
das hellenistische und koptische, das erste malerischplastisch
, das zweite mit dem Bestreben, eine möglichst
reiche dekorative Wirkung durch Farbenkontraste zu
erzielen. Im ersten noch Stoffe aus der griechischen
Mythenwelt, im zweiten aus der christlichen Heilsgeschichte
. Mit vollem Recht wird im zweiten Stil ein
Vordringen des Nationalägyptischen gesehen und Parallelen
zu altägyptischer Kleinkunst gezogen. Doch
zeigt sich hier, daß der Verf. auf dem Gebiet altäg.
Ornamentik nicht recht zu Hause ist. Es geht nicht an,
die Vorbilder der Ornamentik des Mittleren und Neuen
Reichs einfach auf die Goldschmiedekunst zurückzuführen
. Von den wichtigsten Motiven des Mittleren
Reiches, dem Flechtband und der Spirale ist das eine
aus der Hieroglyphik herzuleiten, das andere hat sich
auf Grund älterer Vorbilder in Ägypten selbst und
unter einer Anregung, die vom aegaeischen Meere gekommen
sein muß, entwickelt. In der Goldschmiede-
technik ist die Spirale recht selten, und wo sie, wie in
Dahschur auftritt, ist die ägyptische Herkunft recht
fraglich.

Zum Schluß sei noch einmal ausgesprochen, daß
die Arbeit als ganzes durchaus Anerkennung verdient.
Wogegen sich diese Besprechung gewandt hat, das
ist die Methode, ein Problem der Ornamentik dadurch
zu erklären, daß man sich in anderen Kunstkreisen
nach Parallelen umsieht und dann Beziehungen zwischen
beiden Völkern herstellt. Das ist die Methode, die in
den neueren Arbeiten Josef Strzygowski und seiner
Schüler nur zu häufig angewendet wird.

Die Ornamentik eines Volkes ist ein Organismus, der
sein Werden, Gedeihen und Vergehen hat wie jeder
andere. Gewiß werden oft genug Anregungen aufgenommen
, die aus der Fremde kommen, aber nur dann,
wenn sie zum eigenen Charakter passen, wenn für sie
vorgearbeitet ist. Die deutsche Bauernkunst ist gegen
fremde Einflüsse nicht spröde gewesen, von Renaissance
und Barock erkennt man in ihr manches wieder, von
Rokoko und Klassizismus nichts. Wesentlich sind die
auswärtigen Einwirkungen für ein künstlerisches begabtes
Volk für gewöhnlich nur dann, wenn gleichzeitig
eine Wandlung in der gesamten Kultur eintritt. Die
Schicksale der Ornamentik müssen nicht anders betrachtet
werden, wie die Schicksale eines Volkes oder
eines Menschen. Das läßt sich gerade bei den Ägyptern
durchführen. Die Schöpfung des Pflanzenornaments im
Alten, die Schulung des Formensinns im Mittlern
Reich, die Bereicherung des Formenschatzes in der
18. u. 19. Dyn., das Verlangen nach einer raffiniert einfachen
Kunst in der Spätzeit sind Etappen auf dem
Werdegange. Was sie dabei gelernt haben, befähigt die
Ägypter, selbst die ungeheure Flut der hellenistischen
Kunst zu ertragen und ihre Ergebnisse zu verarbeiten.
Das zeigt eben die koptische Ornamentik, wie es später
auch die äg. arabische Ornamentik zeigt, (die der Verf.
hätte heranziehen sollen). Nur vereinzelt haben sich
Motive, wie die Pflanze, Weintraube, wie der Gott Bes
(eine vollkommen richtige Feststellung des Verf.) in
die Ornamentik der koptischen Zeit hinübergerettet.
Berlin. M. Pieper.

Lutz, Henry F., Ph. D., D. D.: Textiles and Costumes among
the Peoples of the Ancient Near East. Leipzig: J. C.
Hinrichs 1923. (X, 207 S.) 8°. Gm. 3—; geb. 5.20.

Die vorliegende Studie behandelt 1. das in der
Textil-Industrie benutzte Material wie Flachs, Wolle
und Baumwolle (S. 1—39); 2. Spinnen und Weben