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Ausgabe:

1924 Nr. 17

Spalte:

369-371

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eibl, Hans

Titel/Untertitel:

Augustin und die Patristik 1924

Rezensent:

Koch, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 17.

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1. Kor. 14,9 mit dem unartikulierten Sprechen verglichen! Daß
1. Kor. 15, 25 zu M Christus Subjekt sei, ist mir unglaublich; Subjekt
muß der .'norrtcW von V. 27, also Oott, sein, und das vnu i.
nidas aiiov V. 25 entspricht dem avita V. 27. 2. Kor. 3, 18 stimmt
die gegen die 1. Aufl. verbesserte Erklärung nicht mehr zu der oben
gegebenen Übersetzung; übrigens wäre in der Erklärung eine sprachliche
Bemerkung zu xazonrgi&olHu wieder erwünscht. Zu dem
auffälligen Artikel in tfj vnotnyjj Oal. 2,5 wäre wohl ein Wort zu
sagen; vgl. Zahn z. St. und Brun a. a. O. 30, 1. Qal. 3, 13 scheint
mir das fipäf nicht auf die Juden zu gehen, sowenig wie das
XaßwLiEv V. 14; Paulus ignoriert bei dem i)u<ig daß es genau genommen
nicht für die Heidenchristen zutrifft, und sieht, wie auch
sonst, die ganze vorchristliche Zeit ohne Differenzierung als eine
Zeit unter dem Gesetz an; erst im 1. !Vr< Satz denkt er an die Konsequenz
für die Heidenchristen, um freilich im 2. Iva -Satz wieder
mit dem allgemeinen hlß<OLiEV fortzufahren. Die schwierige Stelle

Oal. 2, 17_21 scheint mir einfacher verstanden werden zu sollen:

„Wenn ich, der Glaubende, der durch Chr. gerechtfertigt werden will,
das Gesetz noch nötig habe, so würde ich dadurch dokumentieren,
daß ich ein «u«pro>/Ulc wäre (denn nur für solche gilt das Gesetz);
wäre ich das aber, so hätte Christi Werk seinen Sinn verloren (V. 21).
Ich würde mich ja eben durch die Anerkennung des schon preisgegebenen
Gesetzes, als ein Sünder, der es noch nötig hat, dokumentieren
(V. 18)." Es ist also weder von der Sünde einer Gesetzesübertretung
die Rede (L.'s erste Möglichkeit), noch davon, daß die
Preisgabe des Gesetzes Sünde sei (L.'s zweite Möglichkeit). Für die
Möglichkeit, daß in Oal. 4, 15 eine sprichwörtliche Redensart des
Orients vorliegt, verweise ich auf 1001 Nacht, Ausgabe von Reclam
Nr. 3559/60 S. 101 und Nr. 3692/93, S. 49. Gal. 4, 25 muß es in
der Übersetzung doch wohl lebt statt lebte heißen. Zu Gal. 4, 30: in
Gen. 21, 10 redet nicht Abraham, sondern Sara. In Eigennamen sind
mir zwei Druckfehler aufgefallen; zu 1. Kor. muß es S. 71 Mosiman,
zu Gal. S. 41 Schmid heißen.

Marburg. R- Bultmann.

Eibl, Prof. Hans: Augustin und die Patristik. Mit einem Bildnis
Augustins nach einem Fresko d. 6. Jahrhunderts. München: E.
Reinhardt 1923. (462 S.) 8°. = Geschichte d. Philos. in Einzeldarstellungen
. 3. Abt.: Die christl. Philos. 10./11. Bd.

Gm. 5.50; geb. 7—.
Eibl ist mit Harnack der Anschauung, daß spät-
antike Philosophie und frühchristliches Dogma in Hinsicht
auf den treibenden Willen, die Methoden und die
Denkgebilde zusammengehören. Schon Philo verbindet
jüdisches und griechisches Denken, aber der Standpunkt,
von dem aus über diesen Zusammenfluß nachgedacht
wird, ist erst im Christentum gewonnen worden. ,Die
christliche Theologie der ersten vier Jahrhunderte ist
zum großen Teil Reflexion über jenen Sinn der Welt, der
sich in dem Zusammenströmen antiker und alttestament-
Hcher Überlieferung im und zum Christentum und im
Aufbau einer neuen Bildung um Christum als Mittelpunkt
offenbart . Die christliche Theologie ist insoweit
Qeschichtsphilosophie größten Stils' (S. 15). Eine solche
fehlte der Antike trotz bedeutender Ansätze. Die
Ergänzung, die nach dieser Seite das christliche Dogma
als .Metaphysik der Geschichte' bietet, gehört demnach
In die Geschichte der Philosophie. ,So oft sich das
Denken der Frage nach dem Sinne der Geschichte zuwendet
, nicht um diesen zu bezweifeln, sondern auszudeuten
, werden Denkgebilde auftauchen, die dem Dogma
verwandt sind. So im deutschen Idealismus' (S. 16).
Für das altchristliche Denken ist es der vorweltliche
Logos, der bei Juden und Griechen das Christentum
vorbereitet und die Bedingungen für seine Aufnahme geschaffen
hat, und dieser Logos hat dann in Jesus
Christus Gestalt angenommen. Damit ist der Teil des
Dogmas angegeben, der in die Geschichte der Philosophie
gehört. Was die Gliederung des Stoffes betrifft
, so drängen sich bald die Menschen bald die
Fragen in das Blickfeld des Beobachters. Der Verf. hat
es aber im allgemeinen vorgezogen, die Denker selbst zu
Wort kommen zu lassen und eine gewisse Eintönigkeit
, die dabei unvermeidlich ist, da alle von demselben
reden, in Kauf zu nehmen. So führt er uns in neun
Hauptstücken durch die christliche Gedankenarbeit, die
sich um die Person und das Werk Jesu Christi aufbaut
, vom Evangelium zu Paulus, zu den apostolischen
Vätern und den ersten Apologeten, zur ketzerischen

Gnosis und ihrer Bekämpfung, zur christlichen Gnosis,
die die Erlösung als Ergänzung oder Vollendung des
Schöpfungsaktes zu begreifen sucht und den Plato-
nismus erstmals planmäßig in das christliche Dogma
aufnimmt, zum Streit um die Christologie im dritten und
vierten Jahrhundert mit demErgebnis der Trinitätslehre,
die auf dem Emanationsgedanken aufgebaut ist und insofern
die Aufnahme des Piatonismus in das Dogma
fortsetzt, zu Augustin, der in erstaunlich reicher Tätigkeit
Überliefertes zusammenfaßt und Neues findet, zu
den übrigen Theologen des 5. Jahrhunderts, die das
Einströmen des Neuplatonismus in die christliche Gedankenwelt
fortsetzen und abschließen, zu den Denkern
des sechsten bis achten Jahrhunderts mit Johannes von
Damaskus als Endpunkt. Eibl versteht es, die Anschauungen
der einzelnen Denker in der Hauptsache erschöpfend
wiederzugeben, das Gemeinsame und die
Unterschiede hervorzuheben, die Gruppen auf ihren
Nenner zu bringen, auf Unstimmigkeiten und Widersprüche
, auf Ähnlichkeiten, Zusammenhänge und Fernwirkungen
aufmerksam zu machen und bemerkenswerte
l Durchblicke zu öffnen. Dabei ist die Sprache nicht
trocken lehrhaft, sondern lebhaft und packend und durch
treffende Bilder anschaulich. Daß die Darstellung nicht
I durchweg, ja nicht einmal vorwiegend aus den Quellen
j heraus gewonnen ist, wenn es auch in den am Schluß
folgenden Anmerkungen an reichlichen Quellenbelegen
nicht fehlt, wird man begreiflich finden. Bedenklicher
ist die Auswahl der benutzten Literatur, die von gewissen
Zufälligkeiten abgehangen zu haben scheint.
Der schwächste Abschnitt ist ohne Zweifel der erste
über Jesus. Die Reden bei Johannes als Selbstzeugnisse
Jesu über sein eigenes ewiges Wesen zu nehmen (S. 25f.
86), geht doch nicht an. Das mag sich Richard Kralik
für seinen Leserkreis gestatten, aber nicht wer beschichte
der Philosophie' schreibt. Da hilft auch der
Hinweis auf das nicht so seltene Vorkommen von
.Präexistenzgefühlen' und auf die aus solchen Gefühlen
erklärte .platonische Anamnesislehre' nicht, da die jo-
hanneischen Aussagen weit darüber hinausgehen. Auch
was S. 26 über das Seelenleben der Mutter Jesu im Anschluß
an das Magnificat vermutet wird, verkennt die
legendenhafte Art der Kindheitsgeschichte und steht im
Widerspruch mit anderen, kritisch gesicherten Erzählungen
der Synoptiker. Daß das Abendmahl glattweg
als Stiftung Jesu betrachtet wird (S. 35), nimmt unter
solchen Umständen nicht mehr wunder. Besser ist
schon der zweite Abschnitt über Paulus, und von da an
wächst E. zusehends in seine Aufgabe hinein, sodaß
seine Darstellung auch für Theologen lehrreich und
anziehend wird. Auf seine vorzügliche Bemerkung über
den Unterschied von übervölkisch und zwischenvölkisch
mit Bezug auf das Christentum und den klemen-
tinischen Logos (S. 176) möchte ich noch besonders
hinweisen. ,Das Christentum ist wohl im Prinzip katholisch
, alle Völker umfassend, übernational, aber man
täte ihm schwer unrecht, wenn man es als international,
als zwischenvölkisch bezeichnen wollte. Ein solches
Gespenstern zwischen den lebendigen Dingen paßt dem
Logos nicht. Der Logos, von dem Klemens spricht, der
Sämann des Evangeliums senkt seinen Samen in die
Herzen der Menschen und in die Herzen der Völker, er
will sie mit all ihren Kräften haben. Denn ein Gewächs,
dessen Zweige hoch in das Licht des Himmels ragen
sollen, muß seine Wurzeln tief in das Erdreich der
Natur hinabtreiben.' Bezeichnend ist, daß in der Reihe
der in diesem Buche aufgeführten Denker Hieronymus
keine Stelle findet — so wenig war er bei all seiner
sonstigen Bedeutung an dem Bau der hier behandelten
Gedanken tätig. Immerhin hätte er unter den Kirchenvätern
seiner Zeit wenigstens genannt und nach seiner
dogmatischen und philosophischen Unfruchtbarkeit gewürdigt
werden sollen.

Die .Apostel und Apostelschüler' sind nicht .Christen der zweiten
und dritten Generation' (S. 37), sondern der ersten und zweiten Oene-