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Ausgabe:

1924 Nr. 17

Spalte:

363-365

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bruno, Arvid

Titel/Untertitel:

Gibeon 1924

Rezensent:

Volz, Paul

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 17.

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man kann eher von .Typen' sprechen, die sich allerdings in gewisser
Reihe folgen, aber nicht nach einem äußeren mechanischen Gesetze,
sondern nach einem inneren Gesetze des Entstehens und Wachsens.
Das Gesetz des Lebens ist auch das Gesetz der Geschichte: es heißt
Freiheit. Darum ist es auch verfehlt, die Geschichte eines einzelnen
Kulturgebietes, z. B. der Wirtschaft, zum Vorbild und Maßstab aller
andern Gebiete, der Religion, Kunst, Politik usw. zu machen, oder die
Geschichte der einzelnen Religionen mit Hegel dialektisch a priori zu
konstruieren. Wohl aber stehen die einzelnen Kulturgebiete mit einander
in Verbindung und spiegeln sich gegenseitig, wie auch in der
Religion selbst ein Bestandteil, z. B. das Opfer, nicht ganz losgelöst
von den andern (Gebet, Priestertum, Eschatologie usw.) betrachtet
werden darf. Und die Entwicklung der RG. liegt lediglich in der
konkreten Mannigfaltigkeit der einzelnen religiösen Entwicklungen vor.

Die Universalität der R. Q. ist nun daran verwirklicht
zu werden. Ein Weg dazu ist der vom ,insigne
maestro' Söderblom eingeschlagene, der zum Ausgangspunkt
die umfangreichste aller religionsgeschichtlichen
Einzelentwicklungen nimmt, jene große, um die Bibel
gelagerte Religionsgruppe (von den Religionen des
alten Orients bis zum Christentum und Islam einschließlich
), und nach und nach die entfernteren Religionen
einbezieht und vergleicht, nicht an einzelnen abgezogenen
Erscheinungen, sondern an den Entwicklungslinien
, in die die Einzeltatsachen eingereiht sind.
Dabei ist es die Hauptaufgabe, die einzelnen Religionen
in ihrer Eigenart, in ihrem innersten und individuellsten
Leben zu kennzeichnen, um so zu einer Kennzeichnung
der Religion zu gelangen. P. berührt dann
noch einen fast allen Religionen gemeinsamen Zug, der
in einer Krisis liegt, die sie durchgemacht haben. Er
stellt Buddhismus und Christentum in ihrer Ähnlichkeit
bei aller Verschiedenheit einander gegenüber und spricht
ein Wort über Nationalismus und Universalismus, sowie
über Einzelpersönlichkeit und Gemeinschaft in den Religionen
. Mit einem Blick auf die in verschiedenen
Ländern, auch in Italien, wieder auflebende ,religione
della nazione e della patria' schließt der gehaltvolle und
anregende Vortrag.

München. Hugo Koch.

Bruno, Lic. Arvid: Oibeon. Leipzig: A. Deichert 1923. (VII.
152 S.) 8°. Gm. 4—.

Vf. vertritt die Meinung, daß Gibea Sauls, Gibea
Gottes, Gibea Benjamins mit Gibeon, dem heutigen
ed-dschib, gleichzusetzen sei, und will es durch eine
Reihe topographischer, geschichtlicher und exegetischer,
literar- und textkritischer Untersuchungen beweisen. Zuerst
kommt ein Abschnitt über die alte Hauptstraße
durch das Land Benjamin. Aus den Quellen gehe klar
hervor, daß diese Hauptstraße in alter Zeit westlich
an Jerusalem Vorbei über Gibeon geführt habe, während
die jetzige Straße über er-ram, en-nasbe u. el-bire
nirgends sicher vorausgesetzt werde. Dies sucht er durch
die topographischen Aussagen in den Berichten über
die Verfolgung des Scheba', die Kämpfe zwischen David
und Ischba'al, den Philisterangriff 2. S. 5, 17ff. und
das Schafschurfest Absaloms, sowie durch die Lage
von Ba'al und Ba'ala an der jüdischbenjaminitischen
Grenze, von Ba'al-perasim und Peres-'Ussa, von Millo
und Mispa zu erhärten. Mispa ist der Nebi Samwil, wie
die ältere Überlieferung richtig behauptete, und der
Millo war der äußerste Punkt des von David gebauten
Festungsgürtels und lag an der Straße von Jerusalem
zwischen der Hauptstadt und dem Punkt, wo die Nebenstraße
in die große Landstraße einmündete (dem Ba'al-
perasim).

Ein 2. Kapitel spricht über Gibeon als Residenz
Sauls und sucht auf Grund der Quellenberichte darzulegen
, daß Gibea Gottes = Gibea Sauls in Wirklichkeit
Gibeon gewesen sei vgl. auch 1. Chr. 8, 29 ff. Die
Schwierigkeit, die in manchen der betreffenden Texte
durch die Erwähnung von Rama als der Stadt Samuels
sich ergebe, werde dadurch behoben, daß die Stadt
Samuels in Wirklichkeit ram-allah (nicht er-ram) gewesen
sei. „Gibea Gottes" sei das berühmte alte

Heiligtum Gibeons; diese große Bamä aber habe auf
dem Nebi Samwil (Mispa) gelegen, der beherrschenden
Höhe südlich von Gibeon, und dieses Heiligtum von
Gibeon sei mit dem Heiligtum von Nob gleichzusetzen.
Die von Saul zerstörte Priesterstadt sei also Gibeon gewesen
, und nach seiner unsinnigen Tat scheine Saul
nicht mehr viel in Gibea (Gibeon) geweilt zu haben.
Die Rache der Gibeoniten beziehe sich eben auf diese
blutige Tat Sauls, die Gibeoniten von 2. S. 21 seien
nichts anderes als die Priester Nobs in 1. S. 22.

Auch im 3. Kapitel „wie Gibeon eine israelitische
Stadt wurde" werden die bisher herrschenden Ansichten
stark verändert. Hier behandelt Vf. den Bericht Ri.
19—21 über Gibea (Gibeon) zunächst in einer sehr
ausführlichen, mit zahlreichen textkritischen Eingriffen
verbundenen literarkritischen Analyse. Er kennt einen
judäischen Bericht des J., einen efraimitischen des E.
und einen benjaminitischen, der in Gen. 34 noch erhalten
sei. Den geschichtlichen Hergang schildert er
(mit Beiziehung von Jos. 9) so: kurz nach der Einwanderung
wurde der Bund der Israeliten und des
kanaanitischen Gibeon geschlossen. Bei dem Ereignis
von Ri. 19—21 war Gibea (Gibeon) noch kanaanitisch;
der Frevel wurde also von einer kanaan. Stadt begangen.
Diese kanaan. Stadt wurde zur Strafe für den Frevel von
den israelitischen Stämmen völlig zerstört; die Benjami-
niten taten aber nicht mit und haben die israelitische
Rache stets mißbilligt. Die Stadt wurde von den Israeliten
neu aufgebaut und mit Israeliten besiedelt, dann
von Saul zur Residenz erhoben.

Ein Schlußkapitel spricht über die Marschlinie
Jes. 10, 28 ff.; auch hier ist Gibea Sauls = Gibeon;
der Feind kommt von Osten, und alle Orte, deren Lage
bekannt ist, liegen an dem Wege von Geba über Gibeon
und Mispa (Nebi Samwil) nach Jerusalem.

Der Scharfsinn und die Gelehrsamkeit des schwedischen
Verfassers, der mit dieser Erstlingsschrift unter
die deutschen Mitarbeiter tritt, sind durchaus anzuerkennen
. Die topographischen und geschichtlichen
Schwierigkeiten greift er kühn an und zwingt uns, festgewordene
Ansichten neu zu prüfen. Die Stadtlage von
ed-dschib macht in der Tat die Vermutung möglich, daß
diese Stadt die Residenz des Philistervogts und des benjaminitischen
Fürsten gewesen sei, die Tatsache, daß
unter den heutigen Ortsnamen außer ed - dschib und
dscheba' (Geba) kein entsprechender Name für Gibea
mehr da ist, gibt zu denken. Auch die Gleichsetzung
von Mispa und Nebi Samwil hat sehr viel für sich.
Und doch habe ich große Bedenken gegen die hier aufgestellten
Thesen, sowohl im Grundsätzlichen und
Methodischen wie bei den Einzelausführungen. Solche
topographische Einzelfragen lassen sich, wie Vf. selbst
einmal sagt, eigentlich nur an Ort und Stelle unter genauesten
Geländeuntersuchungen an Hand der biblischen
Texte erörtern, und selbst dann wird man, wie das
Zeugnis Dalmans bei Jes. 10, 28 ff. zeigt, bei der
Dürftigkeit der Quellen und der Beschaffenheit der biblischen
Texte schwerlich zu sicherem Ergebnis kommen.
Sodann müßte m. A. nach wieder eine größere Achtung
vor der biblischen Überlieferung in unserer alttesta-
mentlichen Wissenschaft gepflegt werden, und es sollte
methodisch ausgeschlossen sein, den Hypothesen zu lieb
mit solcher Willkür die Texte zu behandeln (vgl. z. B.
die Änderung kelim in hekal 1. S. 10, 221). Die Gleichsetzung
von Nob und Gibea (Gibeon) steht nicht in
den alten Quellen, denn das Heiligtum von Gibea ist
eben Gibea Gottes und nicht Nob; die alten Berichte
wußten doch auch, was sie mit ihren verschiedenen
Namen sagen wollten. Der Strafzug der Israeliten
gegen ein kanaanitisches Gibea (Gibeon) widerspricht
völlig dem Tatbestand der Quellen. Schweres
Bedenken habe ich auch gegen die neuerdings beliebte
Methode, möglichst viel biblische Namen und Berichte
zusammenzunehmen und sie auf das Gleiche zu beziehen
(so wie hier Gibea, Gibeon, Mispa, Nob l.S. 22