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Ausgabe:

1924

Spalte:

289-293

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Granet, Marcel

Titel/Untertitel:

La Religion des Chinois 1924

Rezensent:

Schüler, W.

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf von Harrnack

Herausgegeben von Professor D. Ematlliel HifSCh unter Mitwirkung von

Prof. D. Wilh. Heitmüller, Prof. D. Dr. 0. Hölscher, Prof. D. Arthur Tltlus, Prof. D. Dr. G. Wobbermin

Mit Bibliographischem Beiblatt, bearbeitet von Priv.-Doz. Lic. theol. Kurt Dietrich Schmidt, Göttingen
Jährlich 26 Nrn. Verlag: J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung, Leipzig.

Bezugspreise vierteljährlich 7.50 Gm.; 11— s. Fr.; 9 sh.; 2—$; 5.40 Fl.; 11.50 d. Kr.; 14.40 n. Kr.;

7.50 s. Kr.; 45— Lire; 66.50 tsch. Kr.; 80— finn. Mark.

40 l-ilirir Nr 14 Manuskripte und gelehrte Mitteilungen sind ausschließlich an Professor D. Hirsch in Gotting™. I? 1924

hry. Jülirg. ixt« Ihr. Nikolausberger Weg 31, zu senden, Rezensionsexemplare ausschließlich an den Verlag. «zun a^arx«

Gran et, La Religion des Chinois (Schüler).
Deila Vi da, Storia e Religione nell' Oriente
semitico (Grellmann).

Nilsson, Primitive Time-Rcckoning (Ders.).
Mötefindt, Zur Geschichte der Barttracht
im alten Orient (Ders.).

Vassel et Icard, Les inscriptions votives du
temple de Tanit ä Carthage (Lidzbarski).

Sulzberger, The Status of labor in Ancient
Israel (Baumgartner).

Eber harter, Die soziale und politische Wirksamkeit
des alttestamentlichen Prophctentums
(Baumgartner).

Tischleder, Wesen und Stellung der Frau
nach der Lehre des hl. Paulus (v. d. Goltz).

Sommerlath, Der Ursprung des neuen
Lebens nach Paulus (Jülicher).

v. Harnack, Der apokryphe Brief des Apostels
Paulus an die Laodicener, eine Marcionitische
Fälschung aus der 2. Hälfte d. 2. Jahrh. (Rehm).

Stähl in, Die altchristliche griechische Literatur
(Jülicher).
Das Handbüchlein des hl. Augustinus (Ders.).
Lutherana (Kattenbusch).

Aus der neueren Literatur der griechisch-orthodoxen
Kirche (v. d. Goltz).

Guardini, Vom Sinn der Kirche (Schian).

Mai, Der Kindergottesdienst auf dem Lande
(v. d. Goltz).

Gran et, Marcel: La Religion des Chinois. (Science et civili-
sation. Collection d'Exposes synthethjucs du savoir humain.) (XIII,

einer Einheit verbindende oberste Oesetz darstellt, näher sich entfaltend
im Rhythmus der Urkräfte des Yin und des V'ung. des weib-

202 S.) Paris: üauthier-Villars et Cie. 1022. 8 fr. lichen und des männlichen Teils der Wirklichkeit. Aus der Kraft der

Das Anziehende dieses Werkes besteht darin, daß J Erde stammt die junge Saat und stammt das Kind. Alle Geburt ist

mit ihm zum ersten Mal der Versuch einer Gesamtdar- ] nur ein Wiedererscheinen der Toten; daher die Familiensubstanz wie

Stellung der Religion der Chinesen in genetischer Ent- die der Erde ewig.

Wicklung Von der Urzeit bis zur modernsten Gegenwart Eine völlige Veränderung des Lebens tritt damit ein, daß sich

gewagt ist. Alle bisherigen diesen Gegenstand anfassen- ' uber der biWUcben Grundlage ein Herrenstand erhebt, feudales und

.!„_ A ..k„;*„„ r,Q-.;„i,„.. „:„u „.._ „..t „:_- i_„ v .„ höfisches Leben in fest umwallten Städten, eine neue Struktur der

den Arbeiten beziehen s cn nur aut einzelne Zeiten — . ,, ., . .. ... ,. .. ,. ,. . , , .. .„, .„

.. r, .. • , ,, , . Gesellschaft, für die die hierarchische Gliederung, die stufenweise

etwa die Religion der alten Chinesen — oder sie ver- : Abnän(,iKkeit charakteristisch ist. in dieser so veränderten Sphäre

folgen mir einzelne Strömungen wie KonfuzianismUS, I erfährt audh das religiöse Leben eine tiefgehende Wandlung (cp. 2,

Buddhismus lind behandeln diese auch in Üesamtwerken j „die feudale Religion"). Die kultischen Handlungen sind nicht

nebeneinander, oder sie sind Inventaraufnahmen des j mehr Äußerungen in sich ganz gleichmäßiger Gruppen, sondern wie
gegenwärtigen religiösen Bestandes mit dem Versuch, «Ue Kraft der Fürsten alles durchdringt, so sind sie es nun auch, die
jede einzelne Erscheinung — etwa den Dämonen- dic religiösen Krafte in entsprechenden nunmehr auf die Dauer des

glauben, den Totenkult - literarisch möglichst weit in j Jth™ vtr,,c,lte" DRiteiJ bandhaben Jet'* au<* erst erscheint

■ Ii .•• „ .. ,,„_r„i„ r-v n ü »li der Himmel, der oberste Regulator der Naturordnuug as der Souverän,

seine Ursprünge zu verfolgen. De Groot's Ableitung j dcr wiederum nur durch S() den H>imelsSülln Ztthtt

der verschiedenartigen Stamme der chinesischen Re- | werden kann. Mit Unrecht aber redet man hier von urchinesischem

llgion aus der einen Wurzel des „Universismus" setzt • Monotheismus. Denn die Vorstellungen der obersten Macht blieben

eine der wichtigsten Seiten chinesischer Weltanschauung j unbestimmt; sie war nicht ein Prinzip des religiösen Lebens und
in helles Licht, aber es ist im Grunde eine systematische Denkens, sondern der höchsten Ordnung, die sich in der hierarchi-
nicht historische Betrachtung, wie auch in seinem groß- schen Abstufung der Gewalten darstellte; der Kult des Himmels war
angelegten unvollendet geblichenen Religious System of dahcIvaucl,1.ci.n. iwJht^ dynastischer.

Chim« in ... jftU_z r t -.,.,„ r „..___i„ • , Die religiöse Kraft der a teil hei igen Statten setzt sich fort in

S„ Demge-genuber fuhrt üranet gerade in das dcn Bergen, Wildern und Flüssen, die jetzt mehr als individuelle
iHh, h Und Werden der chinesischen Religion hinein, religWie Kräftc, , T. als dic Ahnen der Fürsten, vorgestellt und

Il-R engen Zusammenhang der Sich wandelnden I verehrt werden. Zugleich aber wandern die „Erdgötter" nun auch in

religiösen Haltung mit der allgemei neu politisch I die Städte, wo der Fürst ihnen Tempel errichtet, um ihre Kraft ganz
sozialen geistigen Entwicklung stark betonend. nahe zu haben; ja sie begleiten die kämpfenden Heere in "die

Dic Quellstube der chinesischen Religion ist danach die uralte
bäuerliche Religion (cp. 1). Sie wurde hervorragend erlebt
in den Frühlings- und Herbstfesten an den heiligen Stätten. Da vereinigten
sich die sonst streng abgeschlossen lebenden Dorfgemein-
schaften und Geschlechter (Sommerarbeit der Männer, Winterarbeit
der Frauen) in einem enthusiastischen Gefühl der Einheit untereinander
und der Einheit mit der fruchtbringenden Natur, des beide
Seiten des Lebens — besonders auch als Initiations-, als Hochzeitsand
Fruchtbarkeitsfeste — gleichmäßig verbindenden Rhythmus. „Die
Gebräuche und Glaubensvorstellungen, welche aus dieser ungewöhnlichen
, bei den Festen erlebten Aktivität entstanden, haben die Ent

Schlacht. — Die Ahnen sind nun nicht mehr die Kollektivgemeinschaft
der in die Erde Zurückgekehrten, sondern individuell persönlich
bestimmt mit streng geregelter Stufenfolge der ihnen zukommenden
und das Fortbestehen ihrer Substanz länger oder kürzer gewährleistenden
Opfer.

Die feudale Ordnung des Lebens endet in den Kämpfen der
Großen um die Alleinherrschaft, in der Zertrümmerung des Lehnsstaates
, an dessen Stelle das einheitliche Imperium tritt. Die volle
Umwandlung hat Jahrhunderte gedauert und gehört zu den wichtigsten
Kapiteln der chinesischen Geschichte. Die Fürsten und Ritter
verschwinden, und an ihre Stelle treten die Beamten. Diese Beamten

Wicklung der chinesischen Religion bestimmt; öffentliche und Fa- | aber sind seit der Hanzeit die konfuzianischen Literaten. Oegen-

milien-Kulte, Ahnen- und Feldkulte, selbst der des Himmels sind aus ! über den auch geistig und sittlich auflösenden und zersplitternden

diesen Feiern entstanden." Daher das Grundelement der gesamten | Tendenzen der ausgehenden Lehnszeit (die „Sophisten", die poli-

chinesischen Religion, das Oberzeugtsein, daß das Leben der Natur l tischen Wanderphilosophen) bildet die Lehre der konfuzianischen

und das der menschlichen Gesellschaft eine strenge Einheit bilden, I Schule einen festen Damm, gebaut aus Elementen der alten Tradi-

daß es eine große harmonische Ordnung und Kraft ist, die auf den ; tion, ein geschlossenes Gefüge religiös-moralisch-politisch-sozialer

Menschen wirkt durch die Natur und auf die Natur durch den Men- j Grundsätze. Sie werden fortan die Orundlage der „amtlichen

> .. '„ sehen. Die erste intellektuelle Formung dieser starken Empfindungen > Religion" (cp. 3); dieser monarchischen Organisation auch des

. , 4st der Kalender, in dem sich eben das Natur und Menschenleben in 1 gesamten religiösen Lebens, bei der der Kaiser der oberste Priester

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