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Ausgabe:

1924 Nr. 13

Spalte:

278-279

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kierkegaard, Sören

Titel/Untertitel:

Die Tagebücher. In zwei Bänden ausgew. u. übers. v. Theodor Haecker. II. Bd.: 1849 - 1855 1924

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 13.

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bei läuft wohl unwillkürlich etwas Heilmalerei unter; aber wer will
bei solchem Anlati darüber rechten? Ich wünschte, unseren evangelischen
gefallenen Theologen könnten ähnlich ausführliche Denkmäler
gesetzt werden.

Qießen. M. Schi an.

Watson, E. O., Year Book of the Churches. 1923 Published
for the Federal Council of the churches of Christ in America.
New York und Washington. (493 S.) Geb. $ 1.50.

Was A. Kellers Buch „Dynamis. Formen und
Kräfte des amerikanischen Protestantismus" (1922)
schildert, bietet oben bezeichnetes Werk in Form
einer kurzen, aber auf Vollständigkeit bedachten fast
möchte ich sagen: „Encyklopädie" des heutigen amerikanischen
Kirchenwesens als organisierten. Dieses „Year
Book" ist gedacht als Nachschlagebuch, aber im
weitesten Sinne, in Berücksichtigung mehr oder weniger
aller institutionellen Lebensgestaltungen bzw. Unternehmungen
der religious bodies des Riesenlandes. Es
wird zum dritten Male herausgegeben, zuerst für 1921,
dann für 1922, wie ich doch denken möchte, nur in „Ergänzung
" und „Verbesserung" des von vorneherein zu- j
sammengebrachten Stoffs. Natürlich war im ersten An- ;
lauf nicht „alles" herbeizuschaffen, worauf die Absicht !
ging. Und was immer in Namen oder Zahlen sich aus-
drückt, hat ja wechselnden Charakter, muß, wenn es j
aktuellen Wert haben soll, in möglichst kurzen Abständen
, also etwa jährlich umgestaltet, „erneuert" weiden
. Wenn man das Werk vergleicht mit unserem
„Kirchlichen Jahrbuch", das D. J. Schneider herausgibt
, empfindet man in erster Linie, wieviel einheitlicher
das evangelische Kirchentum bei uns ist, trotz aller
Schlagbäume, die ja auch in ihm errichtet waren und |
sind, dann aber, daß in Amerika doch offenbar ein |
großes Streben nach Zusammenschluß erwacht ist, das
vielleicht noch religiös bedeutsame Formen schaffen
wird: ich denke an das, was man drüben catholic unity
nennt und das deutlich das eigentliche Ideal darstellt,
dem das Federal Council, welches das Yearbook herausgibt
, nachtrachtet. Das Yearbook soll Propaganda
machen für die Bestrebungen bzw. die Zielbestimmung
des 1908 gegründeten „Bundes" möglichst aller amerikanischen
Protestanten, die er in „offiziellen", quasi gesetzhaften
Formen repräsentiert. Mir scheint, daß im Hintergrunde
mindestens eine Hoffnung bestehe oder daß eine
solche geweckt werden solle, auch darüber hinaus eine
catholic unity, soweit das gehe ohneVerleugnung
der eigenen protestantischen Ideen, zu erreichen
.

Das Yearbook ist sehr inhaltreich und zerfällt in
sechs „Sections":

I. S. 7—252 eine Zusammenstellung aller religiösen
Körperschaften, die in den Vereinigten Staaten bestehen
, in alphabetischer Reihenfolge, also beginnend
mit den Adventisten. Hier wird auch die römisch katholische
Kirche (unter R, S. 220 ff., dagegen unter A,
S. 12f: „American catholic church" die „altkatholische
K.") vorgeführt, nicht minder alle vertretenen
orientalischen Kirchen (je unter dem Hauptstichwort,
wonach auffallenderweise die Jacobiten unter A, S. 17:
„Assyrian Jacobite apostolic church" stehen), aber
auch die Juden, sowie alles, was selbst nach
(z. B. das „Bahai movement", S. 19 oder die „Commu-
nistic Societies. Amana Society", S. 71). Überall wird
zuerst eine Oeneralübersicht über den momentanen Bestand
an „Beamten, Vertretungen, Einrichtungen, Lehranstalten
, Zeitschriften etc." des Body gegeben, dann
eine „History", die vielfach recht eingehend und sehr bebelehrend
ist, zuletzt die „Polity", Verfassung (in Vermerk
ihres grundsätzlichen Charakters u. dergl.).

II. „The Federal Council of the churches of Christ
in America", S. 253—297. Daß ihm selbst ein solcher
eingehender Sonderabschnitt gewidmet ist, kann natürlich
nicht Wunder nehmen. Der „Bund" ist eine feste, große,
durch Repräsentanten aller in ihm zusammengeschlossenen
Denominationen gebildete, beamtenhaft-parlamenta-
rische Körperschaft, die teils betraut, teils willig ist,
alle Art von gemeinsamen Interessen der churches zu
vertreten. In fünf Sätzen sind die Aufgaben offiziell
formuliert: man denkt sehr stark auch an praktisch religiöse
und sittliche gegenseitige Anregung und Unterstützung
. Das Council befaßt zur Zeit volle 30 bodies,
die zusammen 20 727 319 „members" haben, mit
149 436 Kirchengebäuden, 118 913 „ministers", 134 321
Sonntagschulen (hierin 16 295 023 members — daß
diese schools in der Hauptübersicht allein von den „Institutionen
" einen Platz bekommen haben, noch dazu in
doppelter Berechnung ihres Bestands, zeigt, welches
Gewicht ihnen in Amerika beigelegt wird: ich meine,
das sei symptomatisch für das „missionarische" Stimmungsmoment
im dortigen Kirchentum). Permanente
Kommissionen sind vorhanden u. a. für „Evangelisierung
", besonders in „größeren Städten" (man glaubt,
daß man schon gelernt habe, bessere Methoden dabei anzuwenden
), für social Service (in den Industriebezirken
etc. etc.), für Temperenz, für die Beziehungen zwischen
den Rassen. Eine Spezialkommission besteht für Wiederherstellung
im Kriege zerstörter Kirchen (bloß evangelischer
?) in Frankreich und Belgien, eine andere für
„Beihilfe" in Fragen des „Unterhalts" der Kirchen
überhaupt in Europa (auch zur Pflege persönlichen
Verkehrs), diese letztere soll baldigst die „ganze
Welt" umspannen (Kongresse organisieren etc.: der
erste solche fand 1922 in Kopenhagen statt, die
„Bethesda Conference", für 1925 ist eine „Universal
Conference" geplant).

III. „Service Organizations (S. 298—374: Inter-
church National and International) betrifft alle Art von
kirchlichen „Stiftungen", dann das Unterrichts- und Erziehungswesen
(Seminarien, Universitäten etc.), großenteils
was wir „innere Mission" nennen, natürlich auch
die äußere (man gewinnt einen Eindruck der Vielfältigkeit
solcher „Gesellschaften" in Amerika; in I. bei den
einzelnen „bodies" trifft man die konkreten Details
in Bezug auf schon bestehende Einrichtungen).

IV. „Chaplains in the Army and Navy", Militärseelsorge
, S. 375—390; V. „Religious Statistics and
Information" S. 391—438 (Fluktuation der Mitglieder
der bodies, Übersicht über die religiösen „clubs", etc.),
VI. Bibliography of the Federal Council, S. 439—446.

Halle a. S. F. Kattenbusch.

K ü g e 1 g e n, Wilhelm v.: Lebenserinnerungen des alten Mannes
in Briefen an seinen Bruder Gerhard 1840—1867. Bearb.
u. hrsg. v. Paul Siegwart v. Kü gel gen u. Johannes We r n e r.
Leipzig: K. F. Koehler 1923. (XXXII, 399 S. u. zahlr. Taf.) 8°.
1820 brechen die bekannten Jugenderinncrungen ab. 1840 setzen
die Briefe ein, aus denen hier eine Auswahl gegeben wird. Sie
fallen sämtlich in K.'s Ballenstedter Zeit. Die Auswahl ist mit großer
Freiheit geschehen. Die Bearbeiter haben mehrfach sogar Äußerungen
über theologische und politische Gegenstände um Jahre in andre
Briefe versetzt und nehmen für diese Barbarei (die K.'s innere Geschichte
undeutlich macht) stolz das gesetzliche Urheberrecht in
Anspruch.

Der kirchenhistorische Ertrag ist weit geringer als in den Jugenderinnerungen
. Über den Bremer Kirchenstreit von 1840, über Pietisten-
verfolgungcn im 1840 noch ganz rationalistischen Anhalt-Bernburg-
Ballcnstedt, über den Einzug des Konfessionalismus in das gleiche
Ländchen lassen sich aber immerhin ein paar Nachrichten entnehmen.

Der theologische Hauptwert des Buchs würde, wenn die Herausgeber
die zeitliche Treue gewahrt hätten, in dem an sich wunderschönen
Material zur religiösen Psychologie der älteren Lebensjahre bestehen.

Für das, was über das Buch menschlich und literarisch Gutes zu
sagen ist, darf ich in dieser Zeitschrift keinen Raum in Anspruch
nehmen.

Göttingen. E. Hirsch.

Kierkegaard, Sören: Die Tagebücher. In zwei Bänden, ausgewählt
und übersetzt v. Theodor Haecker. II. Bd. 1849—1855.
Innsbruck: Brenner-Verlag 1923. (VI, 426 S.) kl. 8°.
Den ersten Band dieser Auswahl und Übersetzung habe ich ThLZ.

Sp. 351 ff. ausführlich angezeigt. Es ist darum wohl hinreichend.