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Ausgabe:

1924 Nr. 13

Spalte:

276-277

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krieg, Julius

Titel/Untertitel:

Die Theologiekandidaten der Diözese Regensburg im Weltkriege 1914 - 1918 1924

Rezensent:

Schian, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 13.

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ziliarismus, der einem aus gewählten Abgeordneten (darunter
auch Laien) zusammengesetzten Konzil die
oberste Kirchengewalt zuspricht, den episkopalistischen
Gedanken, wonach die höchste Gewalt dem zum Konzil
versammelten Episkopat zukommt, und die episcopalen
Bestrebungen, die den Bischöfen ihre alten, durch die
Zusammenfassung aller kirchlichen Verwaltung an der
Kurie mehr und mehr verloren gegangenen Diözesanrechte
zurückerobern wollten. Jener erste grundstürzende
Konziliarismus spielte zu Trient keine Rolle mehr. Dagegen
haben die beiden andern Strömungen deutlich
nachgewirkt. Das zeigt Sch. in seiner, von Mirbt angeregten
, Untersuchung an den Verhandlungen der
ersten Konzilsperiode, für die der Quellenstoff nunmehr
in den Veröffentlichungen der Görresgesellschaft vorliegt
. Die Nachwirkung zeigt sich nicht bloß darin, daß
die Kurie es von allem Anfang an darauf anlegte, jede
grundsätzliche Erörterung oder gar dogmatische Festsetzung
des Verhältnisses von Papst und Konzil, Primat
und Episkopat zu verhindern, sondern auch in bestimmten
Äußerungen und Bestrebungen von Konzilsteilnehmern
. So wurde namentlich über den Titel des
Konzils immer wieder lebhaft gestritten, da Bischof
Martelli von Fiesole dem von den päpstlichen Legaten
vorgelegten Titel ,sacrosancta Tridentina synodus in
Spiritu Sancto legitime congregata praesidentibus in ea
Apostolicae Sedis legatis' nach dem Vorgang von Konstanz
und Basel ,universalem ecclesiam repraesentans'
zugefügt, später sogar das ,praesidentibus etc.' gestrichen
sehen wollte und dafür mehr oder weniger Anhang
fand. Es gelang aber den päpstlichen Legaten,
hier und in andern Fällen, durch Einwirkung von Person
zu Person, Ermahnungen und selbst Drohungen,
durch Hinhalten und Vertrösten und ähnliche Mittel,
ihren und der Kurie Willen durchzusetzen. Nur in zwei
Punkten mußten sie nachgeben: darin, daß die Synode
die Mitglieder der einzelnen Kommissionen selbst ernannte
und so an der Ausarbeitung der Dekrete mitwirkte
, und in der gleichzeitigen Behandlung von Dogma
und Reform. Aber wie weit der erste Punkt den
Konzilsverlauf beeinflußt hat, ist nicht festzüstellen. Und
der zweite brachte später gerade der Kurie Vorteil, da
sie sich dem Kaiser gegenüber, der immer wieder auf
Ausschaltung dogmatischer Beratungen drang, auf den
Konzilsbeschluß berufen konnte. Größere Schwierigkeiten
bereiteten der Konzilsleitung die auf Befreiung
der Bischöfe von kurialistischer Bevormundung gerichteten
episkopalen Bestrebungen, deren Wortführer ebenfalls
Martelli von Fiesole war, und die auch bei andern
Bischöfen Verständnis und Unterstützung fanden, was
namentlich bei der Aufrollung der Residenzfrage zum
Ausdruck kam. Trotzdem verstanden es die Legaten,
auch bei dem so einschneidenden Reformdekret der
VII. Session durch allerlei eingestreute Klauseln und
vollends durch die in der Vorrede des Dekrets gebrauchte
Klausel ,salva semper in omnibus Apostolicae
Sedis autoritate' doch alles wieder von dem Willen der
Kurie abhängig zu machen und bei allem Entgegenkommen
dem Episkopat gegenüber den Kurialismus
grundsätzlich festzuhalten. Der, nachher mit der Verlegung
des Konzils nach Bologna gekrönte, Sieg des
Papsttums war eigentlich mit der III. Sessio, als das
Konzil seine sachliche Arbeit begann, schon entschieden
, und er ist in erster Linie durch die gewandte, ja
gerissene Politik der Legaten errungen worden. Nicht
um eine wirkliche Reform der Kirche war es Rom zu
tun, sondern vor allem darum, eine Schmälerung der
päpstlichen Rechte hintanzuhalten. Erhielten doch einmal
die Legaten drei, je nach Bedarf zu gebrauchende
Bullen zugleich! Und einmal wurde ihnen von Rom
geschrieben, sie müßten selbst am besten wissen, wieviel
Zugeständnisse nötig seien, um das Konzil zu beschwichtigen
! Bezeichnend ist auch, wie die Legaten
immer wieder Nachschübe kurialistisch gesinnter Prälaten
anregten. Wohl kämpften auch die Bischöfe um

ihre Belange, aber diese fielen großenteils mit allgemein
kirchlichen und religiösen Belangen zusammen,
da die ärgsten Mißstände gerade von den Auswüchsen
des Kurialismus und seiner unerträglichen Privilegienwirtschaft
(namentlich bei den Orden) herrührten und
man den Bischöfen nicht ihre Pflichten einschärfen
konnte, wenn ihnen wichtige Rechte vorenthalten blieben
. Immerhin offenbaren auch diese Kämpfe die
völlige Verstrickung ins Juristische und Verwaltungsmäßige
. Wie verschüttet das kirchliche Altertum war,
ist aus dem Unwillen zu ersehen, den Martelli erregte,
als er die Bischöfe Stellvertreter Christi nannte (S. 86),
und als er bedauerte, daß sie in ihrer eigenen Diözese
nur auf fremde Autorität hin, als Delegierte des Papstes
, sollten wirken dürfen (S. 110). Was die Freiheit
des Konzils betrifft, so urteilt Sch. mit Recht, daß sie
äußerlich allerdings vorhanden war, sofern die Teilnehmer
bei der Abstimmung durch keinerlei Gewaltanwendung
beeinflußt wurden, daß aber das Ergebnis
des Konzils in kirchen- und verfassungsrechtlicher Hinsicht
nicht sein eigenes Werk, sondern das der Kurie
war und somit von einer wahren inneren Freiheit keine
Rede sein kann. Es bewährte sich eben bei den römischen
Legaten die Überlegenheit dessen, der weiß, was
er will, über Gegner, die in ihren Zielen und Gedanken
sich uneins oder unklar sind, und bei den Bischöfen
die alte Wahrheit, daß wer A sagt, auch B sagen muß.
Zielbewußt und unbeugsam war nur der wiederholt genannte
Bischof Martelli von Fiesole, den darum später
Julius III. (nicht Julius II, S. 43), der ehemalige Konzilspräsident
del Monte, nach Lecce in Unteritalien versetzte
, um ihm die Teilnahme an der Fortsetzung des
Konzils zu erschweren. Ihm nahe kamen Nacchiante
von Chioggia — bekannt durch seine scharfe Gegnerschaft
gegen die Gleichstellung der Überlieferung mit
der Hl. Schrift als Quelle der Kirchenlehre, die er als
impium bezeichnete (S. 40) — und de Nobili von
Accia. Schwankende, aus unklarer Stimmung oder aus
politischen Beweggründen handelnde Gestalten bildeten
für die Kurie keine ernste Gefahr. Was sich so auf
dem Konzil von Trient abgespielt hatte, wiederholte
sich dann beim letzten Entscheidungskampf auf dem
Vatikanum. Unbedingt frei waren eigentlich nur die
Konzilien von Konstanz und Basel, und da kam der
,hl. Geist' auf einmal zu ganz anderen Ergebnissen, und
es begreift sich, daß die Kurie ihn von da an nicht
mehr über die Alpen ziehen lassen wollte. — Daß die
gediegene, die Quellen sorgfältig ausschöpfende, ihre
Urteile behutsam abwägende Untersuchung nicht gedruckt
werden konnte, ist bedauerlich.

Es wäre vielleicht gut gewesen, wenn Sch. seinen Erörterungen
einige Bemerkungen über den Arbeitsgang des Konzils (Kongregationen
, Generalkongregationen, Sessionen, Klassen, Deputationen)
sowie über die wechselnde Zahl der Teilnehmer (eine Angabe
hierüber S. 48) vorausgeschickt hätte. Auch wäre in der Einleitung
S. 7f ein Hinweis darauf am Platze gewesen, daß die Päpste in ihrem
Kampfe gegen den konziliaren Gedanken eine Politik einschlugen, die
das Kirchenweseii der Länder den Fürsten in die Hände spielte und so
das „Territorialkirchentum" begründete. Ein Beispiel, wie man ohne
ausgesprochene Lüge die Wahrheit umgehen kann, liefern die Legaten
S. 58f. A. 9, und wie in Akten ein Bericht „frisiert" werden kann,
wird S. 43 A. 1 namhaft gemacht.

München. Hugo Koch.

Krieg, Prof. Dr. Julius: Die Theologiekandidaten der Diözese
Regensburg im Weltkriege 1914—1918. Regensburg: Josef
Habbel 1923. (172 S.) 8". Om. 2—; geb. 4—.

Das Buch will den gefallenen Theologen der Diözese Regensburg
ein Denkmal setzen, „wie es so edlen Menschen gebührt". Eine
Einleitung bringt Allgemeines (auch Statistisches) über das Regent-
[ burger Priesterseminar und Lyzeum im Weltkrieg und Nachrichten
über die Entstehung der Schrift. Der Hauptteil gibt die wichtigsten
Daten und nicht ganz knappe Charakteristiken der 81
gefallenen Priesteramtskandidaten der Diözese. Dann folgen viel
kürzere Angaben über die aus dem Weltkrieg wieder zurückgekehrten
Kandidaten, endlich ein allgemein gehaltener Schluß und
ein Register. „Die Lebensläufe spiegeln Adel des Oeistes und
sittlicher Reinheit, Heldenmut und Seelengröße wieder" (S. 25). Da-

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