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Ausgabe:

1924

Spalte:

241-244

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brunner, Emil

Titel/Untertitel:

Die Mystik und das Wort 1924

Rezensent:

Wobbermin, Georg

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Seite 1, Seite 2

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Postalischer Erscheinungsort Marburg

Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf von Harnack

Herausgegeben von Professor D. Emanuel HirSCh unter Mitwirkung von

Prof. D. Willi. Heitmüller, Prof. D. Dr. Q. Hölscher, Prof. D. Arthur Titius, Prof. D. Dr. Q. Wobbermin

Mit Bibliographischem Beiblatt, bearbeitet von Lic. theol. Kurt Dietrich Schmidt, Göttingen
Jährlich 26 Nrn. — Verlag: J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung, Leipzig.

Bezugspreise vierteljährlich 12.50 s. Fr.; 10 sh.; 2.25$; 6— Fl.; 12.50 d. Kr.; 15— n. Kr.; 8.20 s. Kr.;

50— Lire; 75— tsch. Kr.; 85— finn. Mark.

iO lohrir Nr 1? Manuskripte und gelehrte Mittellungen sind ausschließlich an Professor D. Hirsch in Güttingen, Ii Inn! 1074

1y. JUlirg. I1H Nikolausberger Weg 31, zu senden, Rezensionsexemplare ausschließlich an den Verlag. »aill IZH.

B r u n n c r, Die Mystik u. das Wort (Wobbermin).

Güntert, Der arische Weltkönig und Heiland
(Gemen).

Revue de l'histoire des Religions (Oreümann).

Recherches de Science Religicuse (Ders.).

Mingana, 'Ali Tabari. The Book of Religion
and Empire (Horst).

Ders., The Book ot Rel. and Empire usw. (Ders.).

Vogels, Handbuch der neutestamentlichen
Textkritik (Dibelius).

Harnack, Das „Wir" in den Johanneischen

Schriften (Behm).
Haase, Apostel und Evangelisten in den

orientalischen Oberlieferungen (Kattenbnsch).
Silberschmidt, Das orientalische Problem

zur Zeit der Entstehung des türkischen Reiches

nach venezianischen Quellen (Wenck).
Albert von Aachen: Geschichte des ersten

Kretizzugs (Ficker).
Volkonsky et d'Herbigny, Dossier ameri-

cain de „TOrthodoxie Panukrainienne" (Loofs).

Oehler, Die Taiping-Bewegung (Richter).

Hartmann, Kategorienlehre (Hirsch).

Messer, Immanuel Kants Leben und Philosophie
(Jordan).

E u c k e n , Erkennen und Leben (Ders.).

Heim, Leitfaden der Dogmatik (Schmidt).

Zwischen den Zeiten (Schian).

Die neunte fragmentare Jesaiahotnilie des Ori-
genes eine Fälschung (Baehrens).

Brutiner, Priv.-Doz. Lic. Emil: Die Mystik und das Wort. Der

Gegensatz zwischen moderner Religionsauffassung und christlichem
Glauben dargestellt an der Theologie Schleiermachers. Tübingen-
J. C. B. Mohr 1924. (IV, 396 S.) gr. 8». Gm. 10,-; geb. 12,40

Diesem Buch Brunners gegenüber befinde ich mich
in der eigenartigen Lage, gleichzeitig lebhafte Zustimmung
und schärfsten Widerspruch zum Ausdruck
bringen zu müssen.

Ich stelle die wichtigsten Punkte, an denen meine
eigene Position mit derjenigen Brunners zusammentrifft,
in weiiigen Sätzen voran: 1. Schleiermacher ist der weitaus
bedeutendste evangelische Theologe der nachkan-
tischen Zeit — und also, füge ich gleich hinzu, seit der
Reformation überhaupt. 2. Geordnete Besinnung über
den Ursprung, die Bedeutung und den Zusammenhang
der Glaubensüberzeugungen ist gerade heute dringendstes
Erfordernis. 3. Historismus und Psychologismus
jeder Art sind abzulehnen und nachdrücklichst zu bekämpfen
. 4. Überhaupt muß jede Rationalisierung der
Religion grundsätzlich und ängstlich vermieden werden;
denn die Religion rationalisieren heißt letzten Endes, die
Religion als Religion aufheben. 5. Das Glaubensverständnis
der Reformation in Sonderheit dasjenige
Luthers, ist — ich füge hinzu: im Anschluß an die neuere
historische Forschung — ohne Abzug zur Geltung zu
bringen. 6. Die Einzclurteile, welche die letztgenannte
These einschließt, kann ich hier wegen Raummangels
nicht gesondert aufzählen; ich bemerke nur, daß ich
auch in ihnen B. weithin zustimme.

Gleichwohl richtet sich mein Widerspruch gegen
den Leitgedanken des ganzen Buches d. h. gegen das

sei ausschließlich von seiner in seinem philosophischen
Nachlaß, zumal in seiner Dialektik, niedergelegten philosophischen
Spekulation aus zu verstehen. Diese Anna
hnie ist das 7cqwiov ipeCöog der gesamten Stellungnahme
Brunners ebenso wie derjenigen Benders. Die
Argumentationen, die diese Annahme als richtig erweisen
sollen, tun das nur scheinbar. Denn sie treffen immer
nur die eine Seite des Sachverbalts, der viel komplizierter
ist, als daß ihm eine so geradlinige Beurteilung
gerecht werden könnte. Gewiß hat die Dialektik auf die
Glaubenslehre eingewirkt; aber auch umgekehrt: die
Glaubenslehre auf die Dialektik.

Und welche Einwirkung die letztlich bedeutsamere
ist, kann nicht zweifelhaft sein, wenn man erwägt, daß
Schleiermacher selbst empfunden und eingestanden hat,
er sei als Philosoph nur Dilettant.

Schon die Art, wie B. das Zeugnis der Sendschreiben
an Dr. Lücke bei Seite schiebt, ist gewaltsam. Hier gibt
uns nun einmal Schleiermacher eine authentische Auskunft
über die GrundIntention seiner theologischen
Arbeit. Aber auch abgesehen hiervon
ist es gerade bei Schleiermacher seinen methodischen
Prinzipien zufolge wichtiger, die einzelnen — kritischen
und positiven — Aufstellungen nach ihren Motiven und
in ihrem vollen Sinngehalt zu erfassen, als lediglich nach
der Konsequenz des Systemzusammenhanges
zu fragen. Letzteres ist überall das ausschließliche
Verfahren B.'s. Zu welchen Gewaltsamkeiten es führt,
sei wenigstens an einzelnen Beispielen veranschaulicht.
B. urteilt, Sehl eiermachers „Gefühl" bezeuge als rein
naturhafte Gegebenheit eine naturalistische Denkweise

von B. vorgetragene Verständnis der Theologie Schleier- j im Sinne naturhaft orientierter Mystik. Und er schreibt
machers. Dies sog. Verständnis ist trotz vieler richtiger j S. 151 wörtlich: „Es nützt Schleiermacher gar nichts,
einzelner Beobachtungen und Darlegungen doch aufs j wenn er immer wieder betont, er meine natürlich ein
Ganze gesehen und alles in allem genommen ein totales geistiges Gefühl, ja das Geistigste vom Geistigen. Was
Mißverständnis. So urteile ich heute nach vieljähriger
immer erneuter Durcharbeitung Schleiermachers und
nachdem ich einst unter dem Eindruck der Auffassungen
von Dilthcv und Ritsehl sowie unter dem Einfluß des
Reuderschen Schlciermacher-Buches eine ganz ähnliche
Anschauung wie B. vertreten habe.

B. wiederholt in neuer und selbständiger Form die

unter diesen Kategorien (des Systems bezw. der Terminologie
Schleiermachers) bestimmt ist, ist nun einmal das
Gegenteil von Geist, das ist Ding." Also: es nützt
Schleiermacher gar nichts . . .! Bei solchen Grundsätzen
der Interpretation allerdings nicht. Und S. 179 f. führt
B. aus, wenn Schleiermacher nicht neben dem, daß er
mystischer Immanenzphilosoph oder immanenzphih

Theorie Benders, die ganze Theologie Schleiermachers sophischer Mystiker war, zugleich auch Christ gewesen
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