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Ausgabe:

1924 Nr. 10

Spalte:

216

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Niebergall, Friedrich

Titel/Untertitel:

Das Alte Testament im Unterricht 1924

Rezensent:

Schian, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 10.

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die Zukunft des religiösen Schulunterrichts wie des Konfirmandenunterrichts
in Aufgaben und Anforderungen,
Stoff und Zeit unsicher und unberechenbar, sodaß jedes
Lehrbuch mehr oder minder ein Wurf auf gut Glück
ist. Eger tritt, wie mir scheint, mit Recht, auch heutzutage
für einen selbständigen Katechismusunterricht ein
und hat seine Bearbeitung des 1. und 2. Hauptstückes
etwa auf das 11.—13. Lebensjahr eingestellt. Er will
nicht sowohl eine Materialiensammlung geben als eine
religionspädagogische Beleuchtung und ein praktisches
Beispiel ,für den Ansatz und Verlauf der unterrichtlichen
Entwicklung'. Darum bietet er abwechselnd grundsätzliche
Reflexionen und praktische Ausführungen. Bei
beiden verfährt er fein, nüchtern, umsichtig, praktisch,
freilich meines Erachtens mehr breit als straff und mehr
reichhaltig als geschlossen. Das theologische Verständnis
und die pädagogische Methode sind gesund und tief,
das Ganze würde aber durch größere Knappheit, Unmittelbarkeit
, Phantasie und Mutterwitz noch gewinnen
. Zu einer gründlichen Auseinandersetzung mit
Eger mangelt hier der Raum. In weitem Umfang kann
ich ihm nur zustimmen. Kritisch erwähne ich folgende
Einzelheiten.

Der Begriffsbestimmung fehlt es zuweilen an Schärfe. Bösen Leumund
machen (131), afterreden (131), dienen (81) können genauer
oder richtiger bestimmt werden. Vergessen ist kein Verachten (77).
Danken und loben, ebenso erlösen, erwerben, gewinnen (20. 53, 61. II,
40) können begriffsmäßig und praktisch fruchtbar auseinandergehalten
werden. Gott ist heilig bedeutet doch mehr als: er tut nichts Böses (II,
71). Fluchen und zaubern bedürfen leider auch in der Gegenwart
deutlicher Behandlung (9 u. 56). Zucht und züchtig können mit ziehen,
erziehen in Verbindung gesetzt werden (60. 62). Die Erörterungen
über fürchten, lieben und vertrauen (37, 39 ff.) sind etwas künstlich.
Hölle und Qual sind Luk. 16, 23 keineswegs gleichbedeutend, auch
Lazarus und Abraham sind in der ,Hölle'. Weshalb wird beim „Verraten
" Judas nicht erwähnt (129)? Das 121 zitierte Wort stammt
meines Wissens von Bismarck, nicht von Moltke. Gar nicht befriedigt
hat mich die Behandlung des 3. Gebots, die Sabbath und Samstag
gleichsetzt (32 f. 62 ff.) und im Gegensatz zu Luther fast ganz auf die
Sonntagsfrage zugeschnitten ist. Luthers Erklärung zum 5. Gebot
halte ich nicht für die .meisterhafte' (10). Die Aufzählung der
Lebensgüter in der Erklärung des 1. Artikels ist durchaus nicht schwer
zu lernen (II, 26). Die Gaben des heiligen Geistes (II, 98. 112) sind
nach biblischem und katholischem Sprachgebrauch die Tugenden: wer
sich, vom Evangelium berufen, nach den Weisungen Jesu in ihnen übt,
wird innerlich froh und im Wandel sicher, wächst im Glauben an Gott
und fühlt sich ihm zugehörig. Das Wörtlein .erhalten' im 3. Artikel
(II, 98. 118) ist eines der wichtigsten; denn es bedeutet die Treue.
Das Wort ,ewig' (II, 84) bedarf einer ausgiebigeren Behandlung.
Die Umdeutung des Wortes Tod in .geistlichen' Tod bringt unnötiger
Weise einen Fremdkörper in Luthers Erklärung (II, 51. 64). Für
reichlich gekünstelt halte ich auch die Obersichten über die Erklärungen
der 3 Artikel (II, 19. 48. 1969f.), ferner die Unterscheidung von
,mit aller Nahrung und Notdurft' usw. von den vorhergehenden
Lebensgütern (II, 14. 29), die doppelte Behandlung der Worte .beruft,
erleuchtet' usw. (II, 98f. lllff. 119ff.). Und bedarf nicht das Wort
.Geist' doch irgendwelche einfache Behandlung? — Gewundert hat
mich, daß die Erklärung der 3 Artikel mehrfach (II, 8. 44. 49)
als .Kinderpredigt' hingestellt wird, wo sie doch ganz auf den bäuerlichen
Familienvater berechnet ist. Einschöbe in den Rahmen des
Lutherschen Katechismus bilden die Ausführungen über das Eigentum
(113ff.), die Arbeit (1 IQ ff.), die Lüge (134 ff.), das Begehren
(136ff.), mit allen Kreaturen (II, 12f. 55f.), das Erdenwirken Jesu
(II, 45. 101. 127) und anderes.

Sehr richtig ist der Gedanke, daß für uns nicht der Text der
jüdischen Gebote und des katholischen Glaubensbekenntnisses, sondern
Luthers Auslegung maßgebend ist. Aber deshalb ist doch gerade eine
kurze Worterklärung jenes Textes notwendig, zumal das seit Luthers
Zeit veränderte Weltbild ganz neue Probleme gezeitigt hat. Eger
erklärt wohl, niedergefahren zur Hölle' und ,von dannen er kommen
wird' usw., aber nicht die andern schwierigen Ausdrücke der 3 Artikel
. Überhaupt hat er das Verhältnis von Luthers .Erklärung', die
gar keine .Erklärung' im eigentlichen Sinne, sondern eine praktische
Anwendung des Gesamtinhaltes jedes Artikels ist, zum Text der
Artikel nicht untersucht. Beim 1. Artikel empfindet er Luthers .Einstellung
auf die agrarische Kultur', aber ohne daraus die Folgerung

zu ziehn, daß in Luthers Sinn eben ein jeder Einzelne aus der Wirklichkeit
seines eignen Lebens Gottes Güte und Barmherzigkeit verstehen
und so zum Glauben kommen soll. Beim 2. Artikel bringt er
nicht hinreichend zur Geltung, daß nach Luther Jesus uns erlöst hat
(II, 45. 58). Der 2. wie der 3. Artikel setzt nach Luther freilich
geschichtlichen Stoff voraus, aber ohne daß dieser erst wieder eingeschoben
werden muß. Auffallend ist, daß Eger den einfachen,
sachlichen und praktischen Gedanken nicht verwertet, daß der heilige
Geist eben die Kraft oder die Form ist, in der der erhöhte Heiland
in der Christenheit fortwirkt (II, 11. 53f.).

Eger hat den Katechismusunterricht wertvoll befruchtet
und vertieft und ein großes Stück vorwärts geführt, aber
nicht alle wesentlichen Probleme gelöst und ihn zum
Teil noch mit neuen Problemen belastet. Eine gründliche
Beschäftigung mit seinem gediegenen Werke ist lohnend
und sehr empfehlenswert.

Frankfurt a. M. W. Bornemann.

Nie bergall, Prof. D. Friedrich: Das Alte Testament im

Unterricht. Ein Beitrag zu einer religiös-nationalen Volkserziehung.
Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1923. (IV, 120 S.) 8° =
Praktisch-theologische Handbibliothek. 25. Bd. Gz. 1.60.

Eine kurze (10 S.) Einführung behandelt den Wert
des AT. für die heutige Bildung. Dabei wird stark auf
das ganz und gar national religiöse Leben des Volks
im A. T. hingewiesen; von daher biete es Hilfen zu
einer „religiösen Staatsbürgerkunde". Der Hauptteil besteht
aus einer Durchmusterung der für den Unterricht
wichtigsten Partien, wobei die Urgeschichten, die Patriarchen
, die Eroberung Palästinas, die Richter, die
Königszeit, die Propheten in je einem Abschnitt besprochen
, die Lehrschriften in einen Anhang verwiesen
werden. Die Psalmen erhalten keine zusammenhängende,
ja fast gar keine Besprechung; nur zuweilen wird ein
Psalm erwähnt. Gründe für diese auffallende Tatsache
sind nicht angegeben und nicht zu erkennen. Das Hauptgewicht
fällt auf die geschichtlichen Bücher; hier gibt
N. für alle wichtigeren Einzelgeschichten wenigstens
kurze Winke. Er legt es überall auf Herausstellung und
Fruchtbarmachung des Gedankengehalts für den R. U.
ab; dabei richtet er Warnungstafeln und Wegweiser auf.
Das entschlossen geschichtliche Verständnis des A. T.
kommt rückhaltlos zur Durchführung; aber das Interesse
ist nirgends „kritisch", vielmehr liegt es ganz in der
Richtung eingehender Ausschöpfung und Fruchtbarmachung
. Auf die staatsbürgerlichen Gedanken fällt auch
in der Einzelausführung viel Ton; vgl. S. 63 (zu Moses
Geburt): „Pazifismus hin, Pazifismus her, wir wollen
wieder ein freies Volk werden". Viel Leben erhält die
Behandlung der unterrichtlichen Seite dadurch, daß N.
vielfach auf die gedruckt vorliegenden Arbeiten von
Agnes Petersen, Susanne Tank, G. Bauer, A. E. Krohn,
G. Gille, Thrändorf-Meltzer, F. Lehmensick zu sprechen
kommt, übrigens ohne sich irgendwie auf Einzelheiten
der Methode oder der unterrichtlichen Praxis einzulassen.
Jeder selbständige Leser wird hier und da zu widersprechen
haben; bei mir geht die Zustimmung sehr weit.
Ich freue mich, daß die scharfe Bekämpfung des A. T.s
als religiösen Bildungsmittels nicht bloß theoretisch abgewehrt
, sondern praktisch widerlegt ist; und ich bin
überzeugt, daß der Benutzer für den Unterricht viel sehr
heilsame Anregung haben wird. Freilich wird für viele
Benutzer das Gebotene recht knapp sein; der Theologe
wird mehr Gewinn daraus ziehen als der doch wohl nach
einläßlicherer Anleitung verlangende Volksschullehrer.
Eine Kleinigkeit: N. meint, man könne dem Abraham
beim Auszug aus seiner Heimat sogar etwa „In allen
meinen Taten" in den Mund legen. Davor warne ich, es
sei denn, daß man es mit sehr vorsichtiger Wahrung
der geschichtlichen Situation tue.

Gießen. M. Sc Iii an.

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 31. Mai 1924.
Beiliegend ein Prospekt des Verlags W. Kohlhammer in Stuttgart und Nr. 10 des Bibliographischen Beiblattes.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Nikolausberger Weg 31.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig, Blumengasse 2. — Druckerei Bauer in Marburg.