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Ausgabe:

1924 Nr. 10

Spalte:

212-214

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bohlin, Torsten

Titel/Untertitel:

Das Grundproblem der Ethik 1924

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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211

Theologische Literaturzeitung 1924 Nr. 10.

212

Haymann, Prof. Dr. Franz: Weltbürgertum und Vaterlandsliebe
In der Staatslehre Rousseaus und Fichtes. Berlin:
Pan Verlag 1924. (110 S.) gr. 8°. Gm. 2—; geb. 3—.

Ihr ethisches Pathos entnimmt diese Schrift der neukantischen
Philosophie. Kant's Auffassung des Sittlichen in ihrem Gegensatz
zum Eudämonismus und seine Bejahung des Rechtsgedankens geben
dem Denken des Verf.s das Rückgrat; Stammler wird mehrfach mit
besonderer Achtung erwähnt. Der Patriotismus, den der Verf. allein
gelten läßt, ist bewußt von der Idee der Heimat und der Blutsgemeinsamkeit
gelöst; er wurzelt in der Bejahung des deutschen Geistes und
seiner allgemeinen Bedeutung für die Menschheit, ist also dem Kosmopolitismus
in letzter Hinsicht eingeordnet. Von diesen Voraussetzungen
aus werden nun Rousseau und Fichte dargestellt und beurteilt. Es ergibt
sich dem Verf., daß Rousseau letztlich das Menschliche dem
Nationalen geopfert habe, Fichte umgekehrt immer in vorbildlicher
Weise das Nationale dem Menschlichen untergeordnet habe. Diese These
wird dann je ausführlich an den Einzelheiten von beider Sozialphilosophie
durchgeführt.

Ganz zutreffend sind die geschichtlichen Akzente wohl in keinem
der beiden Fälle gelegt. Bei R. und F. gleichmäßig ist verkannt die
tiefe Leidenschaft, die sie in die Idee der Freiheit legen. Bei R. hat
der Verf. (außer der Mißdeutung seiner Lehre vom Gewissen) keinen
Blick dafür, daß in der Bejahung der Gemeinschaft weit mehr als
bloßer Eudämonismus steckt. Bei F. ist der Herzpunkt seines ausgereiften
Nationalbewußtseins, die Idee, daß jede Nation ein eigentümliches
Gesetz des Lebens besitze, nur eben gestreift. Diese Schranken
der Beobachtung ergeben sich aus dem, was an Tendenz hinter der
Schrift steht. Gleichwohl ist nicht zu verkennen, daß die particula veri
in den Thesen des Verf.s nicht unerheblich ist. Vor allem, was das
Bild von Rousseau betrifft, kann seine unbarmherzige Zeichnung
dennoch dazu dienen, bestimmte in unsrer Forschung und noch mehr in
unsrer Bildung vorhandenen Fehlurteile zu korrigieren. Auch die Stoffbeherrschung
ist bei Rousseau besser gelungen als bei Fichte, der
dem Verf. nicht in seiner ganzen Breite bekannt zu sein scheint.
Göttingen. E. Hirsch.

Sawicki, Dr. Franz: Lebensanschauungen alter und neuer

Denker. 1 .Band: Das heidnische Altertum. 2.Band: Die christliche Antike
und das Mittelalter. Paderborn: F. Schöningh 1923. (VIII, 175
u. VI, 175 S.) 8°. je Gm. 3 .

Ein katholisches Seitenstück zu dem bekannten und
weitverbreiteten Buche Euckens. Es teilt mit ihm die
idealistische Einstellung, nur daß diese für S. ganz mit
der katholischen Lehre zusammenfällt. An ihr werden
darum alle Denkgebäude gemessen und gewertet. Das
geschieht aber weder in aufdringlicher Apologetik noch
in der überlegen absprechenden Art eines absoluten
Wahrheitsprotzen, vielmehr im weitherzigen Geiste eines
Clemens Alexandrinus, der auch aus fremden Anschauungen
Goldkörner der Wahrheit zu sammeln versteht.
,Es wäre ja auch unbegreiflich, wenn die glänzende, von
den genialsten Köpfen getragene Bewegung der neueren
Philosophie nichts anderes sein sollte als eine einzige
gewaltige Verirrung oder, um mit Augustinus zu sprechen,
große Schritte, aber alle außerhalb des rechten Weges'
(I, S. 2). Auch Thomas von Aquin ist ihm trotz der
einzigartigen Anerkennung, die er gefunden hat, ,nicht
der allein maßgebende Lehrer in der katholischen Theologie
und Philosophie'. ,Ebenso wenig soll geleugnet
werden, daß die folgenden Jahrhunderte einen philosophisch
bedeutsamen Fortschritt der Erkenntnis gebracht
haben, und daß von hier aus eine Vertiefung und
Fortbildung der Philosophie über Thomas hinaus möglich
ist.... Thomas hätte heute, wie man treffend gesagt
hat, seine Summa gewiß nicht in unveränderter
Gestalt herausgegeben' (II, S. 138 f.). Die Sprache ist
wohltuend klar und verständlich, und man durchwandert
an der Hand eines solchen Führers gerne wieder einmal
in großen Schritten die Denkarbeit von Jahrhunderten
und Jahrtausenden. Das erste Bändchen behandelt die
Philosophie des heidnischen Altertums und zwar Buddha:
die Philosophie des Nirwana; Sokrates: die Neubegründung
der griechischen Philosophie; Piaton: der griechische
Idealismus; Aristoteles: der griechische Realismus;
die Stoiker: die Lehre von dem Alleinwert der Tugend;
Epikur: die Philosophie des verfeinerten Lebensgenusses
; Plotin: die neuplatonische Mystik als Ausklang
der antiken Philosophie. Das zweite Bändchen behandelt

die christliche Antike und das Mittelalter. Nach einer
Einleitung über die christliche Welt- und Lebensanschau-
ung und das Verhältnis des Christentums zur Philosophie
wird die Gedankenwelt Augustins als Verkörperung der
christlichen Philosophie des Altertums und Übergang
zum Mittelalter geschildert, hierauf werden Thomas von
Aquin und die scholastische Philosophie des Mittelalters,
endlich Meister Eckhart und die deutsche Mystik des
Mittelalters in ihren Grundzügen gezeichnet. Ein in
Aussicht genommener dritter Band soll die Zeit von der
Renaissance bis zur Aufklärung vorführen. Ein vierter
Band über die Lebensanschauungen moderner Denker
(Kant, Schopenhauer, Nietzsche, Haeckel, Eucken) ist
schon seit Jahren im Umlauf.

Wenn Buddha um 580 v. Chr. gehören und wahrscheinlich 477
v. Chr. gestorben ist, so ergibt sich ein höheres Lebensalter als ,etva
SO Jahre' (I, S. 9f.). Mir scheint, daß der Unterschied der buddhisti-

! sehen Lehre von der vorbuddbistischen Philosophie Indiens schärfer
herausgearbeitet sein sollte. Zu S. 58: Der Tyrann von Syrakus heißt
Dionysios, nicht Dionysos. S. 134 steht Timokratie st. Demokratie.
Bei der Stoa vermisse ich einen Hinweis darauf, wie ihre Ethik sowohl

* sachlich wie im wissenschaftlichen Aufhau auf die christliche Sittenlehre
eingewirkt hat (Cicero u. Ambrosius de offieiis). S. 148 ist mit
Recht im Sinne der Stoiker vom freiwilligen Tod', nicht vom .Selbstmord
' die Rede. Daß Epikurs Lehre von Haus aus besser ist als
ihr Ruf, wird S. 156 richtig bemerkt. Ob das Leben des Apollonius
von Tvana mit Bewußtsein als Gegenstück zum Lebensbild Jesu geschrieben
sei (S. 164), ist doch sehr fraglich. S. 172 sind durch einen
lapsus die 15 Bücher ,Gegen die Christen' dem Jamblichus zugeschrieben
st. Porphyrius. S. 23 muß es heißen ,des Westens', nicht
,des Westen'. S. 56 treten die Cyniker mit ,unverschnittenem' Haar
auf. Daß das Christentum von allem Anfang an einen dogmatischen
und einen philosophischen Gehalt in sich geschlossen habe, steht dem
Verf. fest (II, S. 2 u. 13). Bei der Darstellung Augustins ist von
seiner so einschneidenden Prädestinationslehre mit keiner Silbe die
Rede. Auch wäre ein Hinweis auf einen so bezeichnenden Satz wie
.da Domine quod iubes et iube quod vis' wohl am Platz. Daß in
Thomas die augustinische Theologie fortlebe (S. 81), ist doch nur in
sehr beschränktem Maße richtig. Viel richtiger ist, daß neben dem
thomistischen Aristotelismus eine aügustinische Richtung durch das
Mittelalter hindurchging (S. 97). S. 83 f. vermisse ich das bekannte
Verbot Gregors IX. an die Doktoren von Paris. Vielleicht darf ich bei
dieser Gelegenheit bemerken, daß es für einen katholischen Theologen
eine reizvolle Aufgabe wäre, einmal die Anführungen des hl. Thomas
aus Ps.-Dionysius zu untersuchen, wie es Hertling mit dessen Augustin-
zltaten getan hat. S. 136 heißt es, daß nach Thomas weder der
Tyrannenmord von Seiten einzelner Bürger noch eine Revolution von
Seiten der Masse statthaft sei, der Tyrann vielmehr nur ,durch eine

I öffentliche Autorität' beseitigt werden dürfe. Hier möchte man gerne

| erfahren, an wen Thomas dabei etwa denkt.

München. Hugo Koch.

Bohl in, Torsten: Das Grundproblem der Ethik. Über Ethik
und Glauben. (Die Kapitel 1—2 sind von Fritz Herrnann u. d. Kapitel
3—8 sind von Ilse Meyer-Lüne übers, worden.) Uppsala:
Almquist 8i Wiksell; Leipzig: Otto Harrassowitz in Komm. (1923).
(504 S.) 4°. = Arbeten, utg. med understöd af Vilh. Ekmans
Universitetsfond, Uppsala. 30. Schwed. Kr. 15—.

Das umfangreiche, aber interessante Werk geht davon
aus, daß die moderne Philosophie eine volle Unabhängigkeit
der Ethik von der Religion fordere und jeden
Versuch, die genannte Disziplin in irgend ein prinzipielles
Abhängigkeitsverhältnis zur Religion zu bringen, grundsätzlich
ablehne. Demgegenüber will der Verfasser nachstehende
These beweisen: „Wenn überhaupt ein allgemeingültiges
Sollen aufzustellen ist, kann das nur unter
der Voraussetzung geschehen, daß ein innerer Wesenszusammenhang
zwischen Ethik und Religion zur Geltung
gebracht wird; das will heißen: der Glaube an die
Offenbarung bildet die Grundvoraussetzung, ohne welche
die Ethik ebensowenig wie die Religion bestehen oder
begründet werden kann. Die Religion wird demnach als
die unerläßliche Vorbedingung für die Verwirklichung
einer sittlichen Menschheit hingestellt."

Die Ausführung des Themas findet in acht Abschnitten
statt, und zwar in der Weise, daß zunächst verschiedene
Typen ethischer Systeme, die ohne religiöse
Fundamentierung meinen auskommen zu können, einer
scharfsinnigen Kritik unterzogen werden.