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Ausgabe:

1923 Nr. 6

Spalte:

144

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dörries, Bernhard

Titel/Untertitel:

Die Welt Gottes. 3., unveränd. Aufl 1923

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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143 Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 6. 144

Wirkung verbunden, verhalten (ich aber wie Blüte und
Frucht desfelben Gewächfes (200). Auch der Staat kann
mindestens der Grundlagen der Sittlichkeit und Religion
nicht entbehren (408).

Die christliche Religion wird trotzdem Scharf kritisiert
, nicht nur die Dogmen, auch die Anfchauung Jefu
werden trotz Anerkennung feiner Grölte fcharf kritifiert
und abgelehnt, felbft der Gottvaterglaube, ferner feine
Forderung der Selbstverleugnung und Entfagung; nur an
die Nächstenliebe fei .anzuknüpfen, diefe aber von allem
Unmännlichen frei zu halten (45, 473). Das Gebet verliert
ohne fachliche Wirkung, die es nicht gibt, jeden
Sinn; persönliche Unsterblichkeit und Freiheit des Willens
find Chimären; Bestrafung der Verbrecher ift fomit Unrecht
und felbft Sittliche Entrüstung ift nicht angebracht.
Ebenfo vernichtend wie für die bisherige Rechtsübung
erweift Sich Ss. Standpunkt für die geltende fexuelle Sittlichkeit
. Gewiß stellt er hohe Ideale auch in diefer Beziehung
auf, aber eine Eindämmung des Trieblebens,
wie es Sich im einzelnen nach feiner Natur gestaltet, er-
fcheint ihm unmöglich, ja unerwünfcht. Er kennt echt
Sittliche Hingabe auch außer der Ehe und wünfcht Ama-
torien als ,Börfen für die außereheliche Liebe beider
Gefchlechter' eingerichtet (295 ff.), ja er möchte die Für-
forgepflicht des ehelichen Vaters erleichtert wiffen (365,
397). Blutfchande und widernatürliche Unzucht möchte
er von Strafe frei Sehen (371, 377). Die Einbürgerung
willkürlicher Regelung der Kindererziehung hält er für
unvermeidlich. Aus der Kirche, deren Arbeit S. manches
freundliche Wort widmet, ift er ausgefchieden und erwartet
Gleiches von allen Anhängern des .Lebensglaubens
'. Die Stelle der Seelforger werden vielleicht die
Arzte übernehmen und Sie werden ,das Salz der Erde'
fein (322f.).

Das Werk behandelt zunächst die grundlegenden
.Tatfachen des Lebensglaubens' (Allbefeelung bezw.
.Allbewillung'; Gefetzmäßigkeit, Entwicklung; Organisation
oder Zweckgeftaltung, denen recht fchwach die
,Tatfachen des christlichen Glaubens' gegenübergestellt
werden. Dann wird der Lebensglaube felbft nach feinem
Vorftellungsgehalt (Gott und des Menfchen Verhältnis zu
ihm) und feinem Gefühls- und Willensleben als Ziel dargestellt
. Letzteres, d. i. die Hauptmaffe des Werkes (von
S. 66 an) bietet in nuce eine ganze Ethik, indem als
Sittlichkeitsziel das perfönliche Glück des Einzelnen (Erringung
des Glücks und Überwindung des Leidens), als
Mittel zum Tätigkeitsglück des Volkes bezw. der Völker
Staat und Menfchheit behandelt werden. Die Darfteilung
ift gewandt, vielfach reizvoll und nicht nur durch eine
reiche Belefenheit, fondern auch durch Starke Phantafie
(vielfach bewußt utopifch) und durch eigene Gedanken,
auch durch energifches Anpacken der Probleme anziehend
und nötigt gleich oft zur Zustimmung wie zu energifcher
Abwehr.

Auf prinzipielle Auseinanderfetzung muß hier verzichtet werden.
Nur foviel fei gefagt, daß das Verfländnis Jefu im Sinne der buddhi-
ftifchen Willensleugnung ficher falfch ist, wie auch die Kritik der Liebespredigt
des Urchristentums als unmännlich höchstens gewiffe Formen
der Lebensgestaltung, aber ficher nicht den (Seist der alten Christen oder
gar Jefu trifft. Sehr befremdlich wirkt die Ablehnung der Idee der Gottes-
kindfchaft bei eiuerfo Stark immanenten Auffaffung des Göttlichen wie Sie J.
vorträgt. Die Idee der Gefetzmäßigkeit der Natur Steht ficher nicht im Widerspruch
mit ihr, (ebenfo wenig mit dem Verkehr mit Gott im Gebete), fonft
müßte fie auch mit der Idee der .Gottnatur', die S. vertritt, unvereinbar
fein. Unklarheit des Denkens zeigt auch die Behauptung, ,ein einziger
bewiefener Fall von Durchbrechung der Naturgefetzmäßigkeit würde
unfre ganze Wettanfchauung erfchüttern'; man würde vielmehr, wie man
Stets tut, den abnormen Fall der Gefetzmäßigkeit einordnen, indem man

die Gefetze entfprechend formuliert. Denn die Idee der Gefetzmäßigkeit
cntfpringt aus dem Wefen methodifchen Denkens überhaupt. Eine
ganz andre Frage ift es, ob der Bereich des Gefchehens durch phyfi-
kalifch-chemifche Gefetzmäßigkeiten völlig umgrenzt ift. Diefe Annahme
gehört aber ebenfo wie die der Allbefeelung oder wie die Ablehnung
von ewigem Leben der Seele und von Willensfreiheit nicht zu den .Tatfachen
' (wohin fie S. (teilt), fondern zu den Gedanken des neuen
Glaubens. Ob diefer lebensfähiger ift als der christliche (von dem S.
leider nur eine Karikatur zeichnet) wird fich erft erweifen muffen.
Jedenfalls ift nicht abzufeilen, warum der Gott des Christentums, der
doch Schöpfer und Herr der Welt ift, feine Gläubigen verhindern füllte,
neue Erkenntnis und Wahrheit fich in Wahrhaftigkeit anzueignen.
Berlin. Titius.

DÖrries, Paltor Bernhard: Die Welt Gotte8. Ein neuer Jahrgang Pre-
digten. 3. unv. Aufl. (551 S.) e", Göttingen, Vandenhoeck u. Ruprecht
1922. geb. Gz. 6.
Es ift erfreulich, daß D. diefen Band hat neu ausgehen laffen können.
Der Urheber des Wortes .Habt lieb die Welt', mag man über diefes
fagen, was man will, hat die Gabe und die Aufgabe, die Verkündigung
des Wortes Gottes vom Himmel auf die Erde herabzuholen. Er predigt
mitten ins Leben hinein, natürlich in das Vorkriegsleben. Aber was ei
behandelt, z. B. Sich ausleben, der Kampf zwifchen Ich und Du,
Schaffensfreude, Freundfchaft, die Fabrik ■— das find Dinge, die immer
eine christliche Beleuchtung verlangen. Für viele musterhaft ift auch der
fachlich nüchterne Stil mit dem Merkmal der knappen Sätze.

Marburg. F. Nieberg all.

Verzeichnis neueiter Beiprechungen.

Von Vikar Kurt Dietrich Schmidt, Göttingen.

Reinhardt, Karl: I'ofeidonius (RHGrützmacher: ThdGgw 16, 1922, 1;

HansLeifegang: OLZ 25, 1922, 8/9; MPohlenz: GöttGelAnz 184,'22,7/9).
Salonius, AH: Vitae Patrum (GKrüger: ThLZ 46, 1921, 21/22; Lt

Ztbl 73, 1922, 30; PaulLehmann: DtLZ 43, 1922, 42).
Schäfer, T: Eherecht nach d. cod. jur. can. (NHilling: ArchKathKr

1918, 2 u. 99, '19; Derf.: LtHdw '18, n/12; AUckeley: ThGgw '19, 2;

JBSägmüller; ThQs '19,4; Derf.: ThRev '20, 14/16; ESehling: ThLZ

47, '22, 25).

Schleich, CL: Bewußtfein und Unsterblichkeit (WBergmann: LtHdw

1921, 1; Sehr: LtZtbl '21, 46; Titius: ThLZ 47, '22, 23).
Schmidt, PW: Der ftrophifche Aufbau des Gefamttextcs der vier

Evangelien (Leipoldt: ThLBl 43, 1922, S. 38; Rohr: ThQs 103,

1922, 1,2; JofephSickenherger: ThRev 21, 1922, 1/2).

Schmidt, R: Alte u. mod. Indien (GstkltVlksbldg 1920, 6/7 u. 8/9;

HHaas: OrLtztg '21, 7/8; O.Strauß: DtLZ 43, '22, 47).
Schmitt, Jof: Ablöfgn. d. Staatslei Sign, an d. Religionsgefellfchaften

(ROcfchey: ThLtbl 1921, 17; LtZtbl '21, 41; KAGeiger: ThRev 21,

1922, 7/8).

Schubert, Hans von: Gefell, der chriftl. Kirche im Frühmittelalter (Seebaß:
ZfKg 40, 1922; KBihlmcyer: ThQs 103, 1922, 1/2; GKrüger: ThLZ
47. '22, 25).

Schütz, R: Apoftel u. Jünger (RevBibl 31, 1922, 2; MartinDibelius:

DtLZ 43, 1922, 32; ThaddaeusSoiron: ThRev 21, 1922, 16/18).
Thurneysen, Eduard: Doftojewski (EHirsch: ThLZ 47, 1922, 4;

Leipoldt: ThLBl 43, 1922, 12; ABrückner: LtZtbl 73, 1922, 42).
Umberg, JB: Schriftlehre vom Sakrament d. Firmg. (Adam: ThQs

IOI, 4, '20; WCaspari: ThLtbl '21, 9; WilhelmKoch: ThLZ 47, '22, 25).
Weber, Max: Gefammelte Auffätze zur Religionsfoziologie I—III

(Koebner: LtZtbl 73, 1922, 8; Zfcharnack: ZIKG 40, 1922, S. 226;

HHaas: OLZ 25, 1922, ilj.
Wernle, Paul: Einführg in das theol. Studium 3. A. (LtZtbl '21, 30;

Ihniels: ThLBl 43, 1922, 9; Schufter: ThLZ 47, 1922, 18/19).
Witte, J: Graf Keyferlings Reifetagebuch eines Philofophen u. .las

Chriftentum (HeinrichFrick: ThBlätter 32, 1922, 3; AllgMiil/ 49,

1922, 7; HWSchomerus: ThLZ 47, '22, 23).
Würz, Fr: Miffion der erften Christen (W: MsPaftTh 18, 1922,6; Allg

MiffZ 49, 1922, 6; Weishaupt: ThLBl 44, '23, 2).

An die Leier!

Die .Schriftleitung trägt fich mit dem Plane, das „Verzeichnis
neuefter Besprechungen" ab 1. VII. im Hauptblatt fallen zu laßen,
um Raum für die eigentliche Aufgabe der ThLtz. zu gewinnen. Ich
bitte diejenigen Lefer, die Wert auf die Beibehaltung diefes Verzeichnisses
legen — vor allem auch die ausländischen —, mir freundlich
Mitteilung zu machen.

Gleichzeitig erinnere ich noch einmal daran, daß ich Wünfche
für die weitere Ausgestaltung der Bibliographie jederzeit mit aufrichtigem
Danke entgegennehme. Hirfch.

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 7. April 1923.
Beiliegend Nr. 6 des Bibliographischen Beiblattes.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Nikolausberger Weg 31.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig, Blumengasse 2. — Druck von Auguft Pries in Leipzig.