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Ausgabe:

1923 Nr. 2

Spalte:

33-34

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haas, Hans

Titel/Untertitel:

„Das Scherflein der Witwe“ u. s. Entsprechung im Tripitaka 1923

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1923 Nr. 2.

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Pas Problem der Sprache Jefu 1917), mit dem er fich
fchon darüber nicht zu verftändigen vermag, welche
Sprachdenkmäler uns am nächften an die Mundart Jefu
heranführen.

Im zweiten und dritten Teil begleiten wir jefus in
die Synagoge und hören auf dem Berge den Prediger
der befferen Gerechtigkeit. Es folgt dann der am wei-
teften ausgreifende vierte Teil ,Beim Paffahmahl'. Als ein
folches nämlich wird das letzte Mahl Jefu mit den Synoptikern
und gegen Johannes betrachtet. Die Gründe,
welche gegen diefe Auffaffung von den verfchiedenften
Seiten aus geltend gemacht zu werden pflegen, halten
einer tiefblickenden Prüfung nicht Stand. Der fünfte Ab-
fchnitt trägt die Überfchrift ,Am Kreuz'. Den Abfchluß
bildet ein Anhang Jüdifche Sprichwörter und Sentenzen',
die unter dem Gefichtspunkt zufammengeftellt find, inwieweit
Jefus und das jüdifche Schrifttum übereinftim-
men oder auseinandergehen.

Am dankenswerteften find die Milieufchilderungen,
etwa ,in der Synagoge' oder ,beim Paffahmahl', wobei
fich das Studium der alten Zeit und die Kenntnis moderner
Verhältniffe glücklich ergänzen. Daneben fteht
ih gleicher Höhe die fprachliche Belehrung. Eine erhebliche
Anzahl von Jefusworten wird ins Aramäifche überfetzt
, oft mit eingehender Begründung der Wahl des
Ausdrucks. Doch bleibt hier für mich eine gewiffe Un-
ficherheit zurück, wenn ich fie auch einem Fachmann
wie D. gegenüber nicht allzu ftark betonen möchte. Wenn
die Gründe Ds. nicht alle von gleichem Gewicht find, fo
ift das ein Mangel, der in der Sache liegt und an dem wir
fämtlich kranken. Schlimmer- ift für mein Empfinden
die große Kritiklofigkeit, mit der D. der Überlieferung
gegenüberfteht. Was als Jefuslogion in unferen Evangelien
fteht, wird auch als folches anerkannt. Selblt an
der Erzählung von der Finfternis beim Tode Jefu nimmt
D. keinen Anftoß, trotzdem er entfprechende Gefchichten
kennt, die den Tod hervorragender Rabbinen von großartigen
Zeichen begleitet fein laffen. Alle fieben Kreuzworte
werden ins Semitifche zurücküberfetzt, ohne daß
die Frage aufgeworfen ift, ob wir es nicht mit fpäterem
Zuwachs zu tun haben. Überhaupt wird zu wenig deutlich
, daß ein — auch gelungener — Verfuch der Übertragung
ins Aramäifche noch keineswegs die Gewißheit
in fich fchließt, daß wir es mit einer Rücküberfetzung
und deshalb mit einem vermutlich echten Logion zu tun
haben. So darf das Buch D.s nicht ohne Kritik gebraucht
werden. Das hindert nicht, daß wir es als eine fehr
wertvolle Bereicherung der Jefus-Literatur begrüßen.

Göttingen. W. Bauer.

Haas, Prof. Dr. Hans: „Das Scherflein der Witwe" u. t. Entrprechung

Im Trlpitaka. (Veröff. d. Forfchgnsinft. f. vergl. Religionsgefchichte
a. d. Univ. Leipzig, hrsg. v. H. Haas, Nr. 5) (175 u. 47 S. u. 8 Taf.,
23 Abb. im Text n, i Karte) gr. 8". Leipzig, J. C. Hinrichs 1922.

Gz. 4,2.

H. will mit feinem Buche der wiffenfchaftlichen Publikation der
Gegenwart neue Wege weifen. Er hält es für ein Unding, daß die
Kritiker erft nach der Veröffentlichung eines Werkes zu Worte kommen.
Heute, wo kaum noch ein Verfaffer auf eine neue Auflage, die ihm
die Verwertung der Fingerzeige und Ausflellungen der Rezenfenten ge-
ftattet, rechnen kann, erfcheint ihm das bisher beliebte Verfahren doppelt
zweckwidrig. Er hat deshalb in einem erden Teil feine Auffaffung dargelegt
und diefen dann einer Reihe von Fachmännern zugänglich gemacht.
Deren Gutachten erfcheinen nun in 19 Beilagen zur eigenen Abhandlung
teils im Wortlaut, teils geben fie die Grundlage für weitere Ausführungen
des Verfaffers ab, der die Ausfprache mit einem Schlußwort beendet.
Ein, auch feparat erfcheinender, höchd dankenswerter Anhang bringt
eine Bibliographie zur Frage nach den Wechselbeziehungen zwifchen
Buddhismus und Chridentum, die fich als eine ,tentative' Zufammen-
dellung gibt.

Ob H's Vorfchlag Schule machen wird, fcheint mir einigermaßen
zweifelhaft. Bei ganz eng begrenzten Forfchungsobjekten mag fich der
5J?. fmpfehlen. Aber haben fich fchon in feinem, zu diefer Kategorie
gehörigen, Fall einzelne der um ihr Urteil Angegangenen eine Äußerung
oder die Vorlegung ihres Materials zur Sache für eine eigene Veröffentlichung
vorbehalten, fo wird man bei großen Gegendänden überhaupt
kaum in diefer Art die Mitarbeit der Fachgenoffen in Anfpruch

lichung des Planes entgegendellen, ganz zu fchweigen. H. unterfchätzt
fie, da er offenbar in der Lage war, fein Buch als Veröffentlichung des
.Forfchungsinditutes für vergleichende Religionsgefchichte an der Uni-
verfität Leipzig' unter ganz befonders gündigen Umdänden ausgehen zu
laffen. Dem Zwang räumlicher Befchränkung fah er fich kaum ausgefetzt
. Er durfte fich geflatten, Münzen auf beigegebenen Tafeln zu
reproduzieren und diefelben Bilder im Texte zu wiederholen. Von dem
der Beurteilung unterliegenden chinefifchen Tripitaka-Text gibt er eine
mangelhafte englifchc und eine als kaum übertrefflich beurteilte ffanzö-
fifche Oberfetzung in extenso und fügt ihnen noch eine neue, von
Fr. Weller gefertigte deutfehe Überfetzung bei. Auch id feine eigene
Sprache von eigentümlicher Umdändlichkeit und Gefpreiztheit. Er erlaubt
fich Wiederholungen und rechnet offenbar mit Lefern, denen man
die Nafe fehr dark auf die Dinge doßen muß, an deren Fähigkeit zu
geidiger Nachfolge man gut tut möglichd geringe Aniprüche zu dellen.
Das foll kein Tadel fein; H. wird auf feinem Forfchungsgebiet die
nötigen Erfahrungen gemacht haben. Er weiß, warum er nichts als
felbdverdändlich vorausfetzt. Da er ,methodologifch ein Müder' geben
will (173), war fein Vorgehen gewiß zwekmäßig. Wer bei ihm in die
Schule geht, kann lernen, unbeeinflußt durch die Literatur, die oft nur
Fehler von Feder zu Feder weitergibt, an die Quellen felbft zu gehen,
und doch auch wiederum, die Arbeiten anderer in zweckmäßiger Weife
zu gebrauchen. Er wird ein Auge bekommen füi das Sichere und das
minder Gewifle, und wird dann befonnene Urteile fällen, die ihm gegebenen
Falls dazu verhelfen, entfchloffen an dem hilflofen ignoramus
vorbeizufchreiten. Er wird alle Möglichkeiten im Auge behalten, fich
vor einfeitiger Verranntheit hüten und den auf dem Gebiet der Religionsvergleichung
fo oft das große Wort führenden feichten Dilettantismus
richtig einfehätzen.

H. beginnt feine Abhandlung mit einem Bericht über die wiffen-
fchaftliche Erforfchung der Beziehungen zwifchen Chriftentum und Buddhismus
befonders im Hinblick auf die Gefchichte vom Scherflein der
Witwe. Er ftellt fodann die Entfprechungen fett, welche die evange-
lifche Form der Erzählung mit der buddhiftifchen verbinden. Es find
ihrer fieben, zu denen aber das Witwentum der Frau nicht, wie man
meiftens meint, gehört, da nur die Evangelien von einem folchen fprechen,
der indifche Text jedoch von einem armen Mädchen redet. Überhaupt
befreit H. die Auseinanderfetzung über unferen Gegenftand von einer
ganzen Anzahl von falfchen Vorftellungen, Annahmen und Vorurteilen.
Sind wir ihm fchon hierfür zum Dank verpflichtet, fo noch mehr für
die verftändnisvolle, vielen Stoff darbietende, auch auf das Gebiet der
darftellenden Kunft hinüberführende Auseinanderfetzung über die Frage,
wann man die Entfprechungen als Beweis für ein Abhängigkeitsverhältnis
2U deuten habe und wann man fich 'zu ihrer Erklärung beffer auf die
Gleichheit der menfehlichen Seele beruft, die in entfprechenden Lagen
ähnliche Ideen und Darftellungsmittel für fie erzeugt. In unterem Fall
nimmt H. Abhängigkeit der einen Erzählung von der anderen an. Nur
fo fcheinen ihm die Entfprechungen wirklich erklärt werden 5U können.
Die Beantwortung der Frage, wo die Abhängigkeit zu fuchen fei, fchließt
chronologifche Erörterungen'über das Alter der beiderfeitigen Darftellungen
und den Nachweis ein, welche Wege den Verkehr zwifchen Indien und
dem Wetten vermittelt haben. Da die Vergleichung der Gefchichten
H. das Urteil nahe legt, daß die Abhängigkeit auf Seiten der Evangelien
ift, kommt es ihm befonders darauf an, zu zeigen, daß auch der
Buddhismus an das Abendland abgegeben hat. Mit Zurückhaltung
fpricht er fchließlich als feine Meinung aus, daß nicht Jefus felbft die
Einzelheiten der indifchen Gefchichte zur Beleuchtung und Einprägung
eines wichtigen religiös-fittlichen Gedankens verwertet und dann die Überlieferung
aus dem veranfehaulichenden Beifpiel ein Vorkommnis im
Leben Jefu gemacht hätte. Vielmehr entnimmt er dem Schweigen des
Matth., daß die Perikope dem urfprünglichen Mktext fremd war, alfo
nicht zur älteften und echten Schicht evangelifcher Tradition gehörte.
Erft Luk. nahm die Erzählung auf, und aus feinem Buche drang fie
dann nachträglich in das Mkevangelium ein. Diefe Annahme, die im
Grunde allein auf dem Gefchmacksurteil ruht, daß Matth, die ,Perle',
wenn er fie gekannt hätte, unbedingt aufgenommen haben würde, fcheint
mir entbehrlich und wenig glaubhaft. Über den Perlencharakter der
einzelnen Beftandteile der evangelifchen Gefchichte haben die alten
Chriflen erheblich anders geurteilt als moderner Gefchmack. Das Ver-
ftändnis für folche Differenzen und Abftände müßte dem Religionsvergleicher
in Fleifch und Blut übergegangen fein. Aber es will mir an
einigen wenigen Stellen feiner Schritt fo vorkommen, als ob an diefem
Punkt H. noch nicht ganz dem Ideal entfpräche. Das hindert nicht,
dankbar zu bekennen, daß feine methodifch ficheren und flofflich lehrreichen
Ausführungen ihr Hauptergebnis wenigftens für mich ganz
ficher geftellt haben.

Auf die Beilagen näher einzugehen verbietet fich leider. Auch in
ihnen fteckt ein reicher Inhalt, der nicht nur für die Klärung der nächft-
liegenden Fragen bedeutfam ift.

Göttingen. Walter Bauer.

Thomsen, Prof. Dr. Peter: Die lateinifchen und griechiTohen Jn-
fchriften der Stadt Jerufalem und ihrer nächften Umgebung. Ge-
fammelt und erläutert (IV, 159 S.) Lex. 8°. Leipzig, J. C. Hinrichs
1922. Gz. 1.
Da die Infchriften aus den römifchen Provinzen
Aflens in dem großen Corpus inscriptionum bisher

nehmen dürfen von"anderen Schwierigkeiten," die"fleh der Verwült" | fchlecht weggekommen find, fo wird jeder Hiftoriker,

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