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Ausgabe:

1923 Nr. 21

Spalte:

437-438

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Klameth, Gustav

Titel/Untertitel:

Die neutestamentlichen Lokaltraditionen Palästinas in der Zeit vor den Kreuzzügen. II. Die Ölbergüberlieferungen 1923

Rezensent:

Dalman, Gustaf

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Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 21.

438

Klameth, Prof. Dr. Gustav: Die neutestamentlichen Lokaltraditionen
Palästinas in der Zeit vor den Kreuzzügen.

II. Die ölbergüberlieferungen I. Teil. Eine religionsgeschichtliche
Untersuchung. Mit 6 Abbildgn. u. 2 Planskizzen. Münster: Aschendorff
1923. (XI, 140 S.) gr. 8° = Neutest. Abhandlungen. Hrsg.
v. M. Meinerta X, 2. Oz. 4.4.

Nachdem Kl. 1914 in einem ersten Bande die Traditionen
von Nazareth, Bethlehem und Golgatha behandelt
hatte, wendet er sich jetzt den Ölbergtraditionen zu,
mit Befolgung des schon früher angewandten Prinzips,
die Tradition der Kreuzfahrerzeit nur dann heranzuziehen
, wenn sie ältere Tradition erläutert und bestätigt,
somit die Tradition der orientalischen Kirche zum eigentlichen
Gegenstande der Untersuchung zu machen. Nur
so ließ sich ein einigermaßen einheitliches Resultat ge

die ich 1921 sah. Seine Photographie Abb. 4 von 1912
zeigt darum nicht die „frühbyzantinische Agoniestätte",
sondern nur den viel höher liegenden Boden der Kreuzfahrerkirche
. Die Unterschrift irrt auch darin, daß sie
das Franziskaner-Gethsemane als den Hintergrund des
Bildes betrachtet, während dies links liegen würde und
nur der Garten der russischen Magdalenakirche sichtbar
ist. Die Fußspuren im Sande (besser: Kalkboden)
des Himmelfahrtsheiligtums geben Kl. Anlaß zu einer
besonderen Erörterung solcher Körpereindrücke heiliger
Männer und der Fußbilder von Pilgern, für die auch
Petra zu erwähnen war. Kl. zweifelt nicht daran, daß
die Fußspuren der Himmelfahrtskirche nur als Veranschaulichung
des Stehens Jesu an dieser Stätte ange-

ältesten palästinischen Kirche um die Orte der evange- VX rf ^ s&Uto™S£7™ "ft de"

lischen Geschichte anzunehmen war. Der Einheitlichkeit VgSgerO^£: ÄA&sKSfÄ Ä"

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des Resultates diente es auch, daß der Verf. volkstüm
liehe Phantasien und Willkürlichkeiten der Pilgerführer

habe Vorschub leisten wollen. Hier wie bei den Fels-

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den „heiligen Orten" in den Grundzügen zur evange
lischen Geschichte stimme, verzichtet aber auf eine
eigentliche Untersuchung dieses Verhältnisses, bleibt also
im Rahmen der Tradition. Die einschlägige Literatur
wird sorgsam herangezogen, ich vermisse die Berücksichtigung
von Reymann's Aufsatz über Gethsemane,
PJB. 1909, 87 ff., meiner „Orte und Wege Jesu", 1. Aufl.
1919, 2. Aufl. 1921, und vor allem der Bemerkungen von
Hesychius Hier, und der Vita Euthymü über einen von
der offiziellen Stätte abweichenden Himmelfahrtsberg.
Meistermann's Gethsemani (1920) wird nur in einer
Anmerkung erwähnt. Die beigefügte vernichtende Kritik
der Revue Biblique, die ohne den Gegensatz der Nation
und des Ordens wohl anders ausgefallen wäre, sollte
lieber durch das eigene Urteil Klameths ersetzt sein.
Die 1910 wiederaufgedeckte Grotte auf der südlichen
Achsel der Himmelfahrtskuppe des Ölbergs (nicht am
Westabhange, so Kl. S. 3) galt am Anfang des 4. Jahrh's
als Lehrort Jesu vor allem inbezug auf seine Belehrung
über das Ende, an den man auch den Ort der Himmelfahrt
anknüpfte, bis noch im gleichen Jahrhundert die
Spitze der Kuppe für sie festgelegt wurde. Das Vaterunser
wurde erst bedeutend später an diese Stätte gesetzt
. Daß im 4. Jahrh. am Gründonnerstag Joh. 13 bis
17 in der über jener Grotte gebauten Kirche verlesen
wurde, habe zu einer volkstümlichen Anschauung der
Grotte als der Stätte des letzten Mahles Jesu Anlaß gegeben
, hänge aber eigentlich damit zusammen, daß die
Apostelbelehrungen Jesu auf diesen Punkt konzentriert
werden sollten. Daß die Kirche der Grotte später Johanneskirche
hieß, worüber Kl. sich wundert, wird mit
diesen Lektionen, bei denen der Evangelist am Busen
Jesu lag (Joh. 13,23), zusammenhängen. Die zweite
neilige Stätte des Ölbergs war am Anfang des 3. Jahrh.
die Höhle am Fuße des Berges, welche spätere Tradition
als den Ort des Gethsemanegebetes Jesu betrachtete,
während damals nur der Verrat mit ihr verknüpft wurde.
Schon im 5. Jahrh. hat die Volksvorstellung das letzte
Mahl Jesu hierher verlegt, nach KL, weil die Felsbänke
und Tische der Grotte die Phantasie anregten, aber wohl
eher, weil für die alte Tradition der Verrat doch nur bei
der Grotte geschah, während sie selbst als der Schlafplatz
der Jünger (Mt. 26, 36) und der dem Verräter wohlbekannte
gewöhnliche Sammelort Jesu und der Jünger
(Joh. 18,2) gegolten haben wird. Eine besondere Stätte
der Agonie Jesu wurde erst später, aber auch noch im
4. Jahrhundert, durch Erbauung einer besonderen Kirche
des Gebetes Jesu südlich von der Grotte des Verrats festgelegt
. Kl. verfolgt ihre wechselnden Schicksale, kennt
aber noch nicht die im Herbst 1920 verfolgte Entdeckung
der Fundamente ihrer ältesten Gestalt, über
welche La Terre Sainte 1921, S. 8 ff., 15 f. berichtet und

stärkte den Aberglauben der Pilger durch die Schutzvorrichtungen
, mit denen sie die gefälschten Fußeindrucke
versah. Die immer noch nicht geschriebene Geschichte
der Kirche Palästinas wird aber in jedem Fall
auf die verdienstvollen Untersuchungen Klameths Rücksicht
nehmen müssen.

Greifswald- G. Dalman.

B ü c h s e 1, Prof. D. Friedrich : Die Christologie des Hebräerbriefs.
Gütersloh: C. Bertelsmann 1922. (76 S.) 8° = Beiträge z. Förderung
christl. Theologie 27,2. Oz. 1,80.
Der Verf. stellt die Christologie des Hebr. in drei
Abschnitten dar: der Sohn Gottes — der geschichtliche
Jesus — der Hohepriester. Er betont im ersten Teil, daß
geschichtlicher Jesus und Schöpfungsmittler ineinander
zu schauen seien, und daß sich in der Vorstellung vom
Gottessohn die Art spiegele, wie Jesus zu seinem Vater
stand, daß also von einem mit dem Synkretismus der
Zeit irgendwie zusammenhängenden Christusmythus
keine Rede sein könne. Besonderen Wert legt B. in
diesem Zusammenhang auf die Erkenntnis, daß der
Hebr. immer die Unterordnung des Sohnes wahre: „der
Sohn Gottes hat im Hebr. keine göttliche Natur, Gott
ist sein Gott, er betet ihn an, und das tut nicht nur der
Mensch Jesus, sondern der erhöhte Gottessohn genau
so (9,24; 7,25). Für den neutestamentlichen Geistgedanken
ist es gar keine Schwierigkeit, sondern das Gegebene
, daß der, in dem Gott gegenwärtig ist, Gott anbetet
" (S. 26). Eine verwandte Anschauung wird im
zweiten Teil herausgearbeitet. Was der Hebr. vom Leben
Jesu Besonderes zu sagen weiß — daß er versucht ist
wie wir, Gehorsam durch Leiden gelernt hat und mitleidig
und barmherzig geworden ist —, das ist bedingt
durch den Gedanken, daß Gott seinen Sohn erzieht. Von
der Regel, die für alle Söhne gilt (12,8), macht „der"
Sohn Gottes keine Ausnahme. So stehen sich also in
diesen Gedanken und den angeblich „spekulativen" Aussagen
wie 1,3a nicht Historie und Metaphysik, sondern
einfach zwei verschiedene Formen von Theologie gegenüber
, „eine Theologie, die sich mit Mittelwesengedanken
beschäftigt, und eine Theologie, die sich um den Gedanken
einer göttlichen Erziehung bewegt" (S. 35).
Immer wieder zieht B. diese Verbindungslinie; auch die
Kraft unzerstörbaren Lebens, wie sie sich in der Auferstehung
zeigt, ist nicht eine Art „Naturausstattung"
Jesu, sondern sie ist ihm von Gott im Verlauf einer Geschichte
dargereicht. Auch in dem kürzeren dritten Teil
wird die persönlich-sittliche Leistung des Hohenpriesters
hervorgehoben.

Das, was B. an der Christologie des Hebr. besonders
betont, ist in der Tat etwas Eigenartiges und noch