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Ausgabe:

1923 Nr. 1

Spalte:

237-238

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schian, Martin

Titel/Untertitel:

Die Reform des Gottesdienstes und die hochkirchliche Bewegung 1923

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Seite 1

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237

Theologische Literaturzeitung 1923 Nr. 10/11.

238

schätzte Uebereinstimmung mit Rom verdienten, erhalten zu bleiben.
Den neuen Kollekten ist viel Hingabe geschenkt worden, das fühlt man;
sie sind zielstrebig und bemühen sich doch, nicht unangenehm modern
zu sein.

Verdienstlich ist nun ohne allen Zweifel die reiche
Ausschöpfung der Schrift. Der Entwurf hat noch Wahltexte
darüber hinaus enthalten, wie auch Morgen- und
Abendtexte für jeden Wochentag im Anschluß an den Gedankenkreis
des Sonntags, wäre also „ein für Geistliche
und Laien gemeinsames Brevier" geworden. Fruchtbar
ist auch der Versuch der Parallelisierung der Offenbarungsgeschichte
und des Kirchenjahres, der ja nur
dem Grade, nicht der Art nach etwas Neues ist. Frappant
endlich die Einschaltung der Pfingstzeit mit ihren 6 Sonntagen
: zweifellos wird ja der 3. Artikel zu wenig geehrt
und durchempfunden.

Bei uns in Deutschland würde die Arbeit sicher bei
Gleichgestimmten lebhaftem Anteile begegnen; unsre
neuen Agenden gehn indes weiter, indem sie zwar noch
einen festen Gang der Liturgie, aber keine ein für alle
mal festgelegten Gebete in Anfangs- und Schlußliturgie
mehr anerkennen, sondern die Forderung einheitlicher
Formulare über den ganzen Gottesdienst, auch über
seine „objektiven" Teile, erstrecken. Für unsre Verhältnisse
wäre also eine Hauptarbeit erst noch zu leisten, und
die Schwierigkeiten wären nicht gering, weil ja die
reiche Textfolge eines Sonntagsformulars mehrdeutig
ist für die Bestimmung des Predigt-Zielgedankens.

Grundsätzlich dürfte Verf. sich klar sein, daß eine
Arbeit wie die seine, trotz aller Folgerichtigkeit im Aufbau
, ja gerade durch sie, Freigabe der Text- und
Gebetsreihen bedeutet." Wer entscheidet, was, im
Namen der „Freiheit", s o sein muß, der entscheidet
doch wohl nur für sich und die Seinen. Einen
eignen Ton kräftig heraussingen kann doch guten Gewissens
nur, wer von den andern Stimmen weiß und
dem himmlischen Kapellmeister überläßt, die einzelnen
zu dämpfen und in wechselseitige Harmonie zu setzen.
Wird dies übersehen, — und das Bewußtsein der Neuheit
der eignen Position, die Einstellung des Neuerers,
läßt es je und dann gerne übersehen —, dann möchte
leicht die Auswahl ärmer als der Gesamtkomplex erscheinen
, und zuviel Klarheit als verstimmende Absicht.

. Neuprotestantismus und Streben nach liturgischer
Verlebendigung sind hier eine Personalunion eingegangen
; es wäre für die schwedische Kirche ein Aufgeben
schöner Möglichkeiten, wenn nicht der freie Wettbewerb
dies Band zu lösen verstände und man, vom jeweiligen
religiösen Standpunkte aus, in den Kampf um ein höchstes
Maß von biblischem Reichtum der Texte und bewegter
Lebendigkeit der Gebete eintreten wollte. Je
größer der Kreis ist, den der mit so großer Energie und
Hingabe gearbeitete Versuch erreicht, desto eher mag er
ein wechselseitiges Ringen um das hohe Ziel entfesseln.
Fahrenbach (Baden). Peter K a t z.

3) Mit dem beibehaltenen Rest von allgemeinverbindlicher Starre
wird sie dem Liturgen bestenfalls das Muster, das er hinsichtlich kasueller
Durehgcstaltung weit hinter sich lassen kann.

Sehl an, Prof. D. Dr. Maitin: Die Reform des Gottesdienstes
und die hochkirchliche Bewegung. Gießen : A. Töpelmann 1922.
(24 S.) 8° Gz. 0,35.

Aus den vielen Bestrebungen zur Reform des Gottesdienstes
, die gegenwärtig die Geister beschäftigen, greift
Sch. die radikalsten — man möchte sagen: die rechtsradikalsten
— heraus. Besonders eingehend schildert er
die Vorschläge der hochkirchlichen Bewegung in ihrer
Entstehung und Entwicklung; ihnen fügt er die Gedanken
von R. Otto und von Fr. Heiler an. Mit Recht erkennt
er das allen gemeinsame Stück in der Forderung nach
mehr Anbetung und damit verbunden die nach maßvollem
Zurücktreten der Predigt. Beiden steht Sch. nicht ablehnend
gegenüber. Mit Recht kehrt er sich aber gegen
jeden Punkt der Reformbewegung, dem eine andere Religiosität
zugrunde liegt, wie etwa der Forderung, dem

Abendmahl den Charakter eines Opfers zu geben oder
einen „schweigenden Dienst" einzuführen. Sinn für das
Schöne lasse sich auch in schlichterer Form betätigen, als
es die nach Stola und Weihrauch verlangende Reform
begehrte; ein stilles Gebet entspreche mehr evangelischen
Grundsätzen als jener aus dem Enthusiasmus stammende
schweigende Dienst. So regen bei allem Uebertriebenen
die Reformvorschläge dazu an, dem Wichtigsten im
Gottesdienst nachzudenken: der Gemeinschaft mit dem
gegenwärtigen, heiligen Gott. — Sch. beklagt sich mit
gutem Grund darüber, daß die theoretische Arbeit der
Praktischen Theologie bei all den neueren Bestrebungen
zu sehr ignoriert werde; er könnte noch weiter gehn
und fordern, daß der Begriff des ev. Gottesdienstes aus
dem evangelischen Verständnis des Christentums abgeleitet
werde, das mit seinem ethischen Personalismus und
seinem Ideal des Glaubens allem Sacramentalen und
Numinosen ein Ende macht.
Marburg a. L. F. Nieberga 11.

Beb in, Dr. D. Heinrich: Die Belebung der Kirchgemeinden.

Berlin-Lichterf.: Edw. Runge 1922. (24 S.) 8° — Zeit- u. Streitfragen
d. Glaubens, d. Weltanschauung u. Bibelforschung. XV, 5/6.

Aus Mecklenburg, das in Sachen Gemeindebewegung
bisher zurückhielt, kommt ein hoffnungsvolles
Zeichen einer Neueinstellung. „Die Belebung der Kirchgemeinden
für die Zukunft hängt davon ab, daß dieser
Gemeindegedanke und die Kirchgemeindeordnung sich
•mit einander verbinden." B. sieht dabei eine ganze Anzahl
Schwierigkeiten; vor allem den Individualismus der
modernen Religiosität und die „pastorale Individualitäts-
suveränität". Er will ihnen begegnen durch Gemeindebelebung
„auf dem Boden des Kirchenprinzips" und
durch klare Festlegung der Stellung des kirchlichen
; Amts. Nach ihm wird die Kirche „in bestimmter Weise
i Pastorenkirche sein und bleiben müssen". Während
diese grundsätzlichen Ausführungen neben Zustimmung
auch Widerspruch hervorrufen (zu wirklich einläßlicher
Beleuchtung der ernsten Probleme sind sie ja zu kurz
gehalten), können die folgenden praktischen Bemerkungen
, die eine ganze Anzahl von Einzelfragen (Kerngemeinde
, Gemeindeverein, Gemeindepflege) streifen, im
Wesentlichen nur als nützlich bezeichnet werden. Mir
scheint B. den Zweck zu verfolgen, im Anschluß an die
neue Kirchenordnung von Mecklenburg-Schwerin der
(icmeindearbeit den Weg zu bahnen. Diese Absicht ist
so erfreulich, daß ich unter Zurückstellung mancher
grundsätzlichen Meinungsverschiedenheit die kleine
Schrift herzlich begrüßen möchte. — Das Literaturverzeichnis
enthält mehrere Druckfehler.

I

Gießen. M. S ch ian.

Bousset, Wilhelm tu Wir heißen Euch hoffen! Betrachtungen
über den Sinn des Lebens. Hrsg. v. Marie Bousset Gießen-
A. Töpclmann 1923. (XII, 99 S.) gr. 8° Qz. geb 3'

Für die Herausgabe dieser 42 Betrachtungen (davon 20 „Jesusbetrachtungen
"), die 1902 u. 1909 in der „Kirchl. Gegenwart" erschienen
sind, in Buchform werden der Gattin B.'s nicht nur solche, die
dem zu früh Verstorbenen persönlich nahestanden, dankbar sein. Sie
führen in den Kern seiner tief frommen, charaktervollen, durch und
durch lauteren Persönlichkeit hinein, die das behandelte Bibelwort
jeweils unmittelbar in sich aus- und widerklingen läßt — sowie es sie
innerlich zwingt. (Vgl. besonders die Betrachtung zu Luk. 17, 1—2
über das „Aergernis"!) Liegt so der Wert der Schrift vor allem in
ihrem Charakter als persönliches Zeugnis ihres Vf. — so begegnet
der Leser auch abgesehen davon mancher sehr feinsinnigen Deutung
des Schriftworts. Wohl ist, worauf W. Heitmüller in seinem „Geleitwort
" hinweist, nicht nur unsere äußere Lage, sondern auch unsere
innere Einstellung in manchem anders geworden als zur Zeit der Abfassung
der Betrachtungen: aber gerade unter den gegenwärtigen Verhältnissen
wird es uns gut tun, diese schlichte, herbe, tatfrohe Frömmigkeit
, der die Gleichung Qott ist gut die Höhe der Gotteserkenntnis
durch Jesus ist, wieder auf uns wirken zu lassen.

Halle (Saale). Ege r.