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Ausgabe:

1922 Nr. 8

Spalte:

170

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Shears, Hubert

Titel/Untertitel:

The Gospel According to St. Paul 1922

Rezensent:

Bauer, Walter

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Seite 1

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16g Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 8. iy0

Kenntnis des Lebens Jefu nutzbar zu machen vermag.
Es ift klar, daß jeder Schritt von dem feften Grunde aus,
den das Mc.-Evangelium und die Redenquelle, foweit fie
in dem Zufammentrefifen der beiden anderen Synoptiker
über den Mc.-Stoff hinaus noch faßbar ift, auf unficheren
Boden führen muß. Hier wird jeder wagemutige Entdecker
mit einer weitgehenden Zweifelfucht feiner Mit-
forfcher und Beurteiler rechnen müffen. Nur durch Anwendung
exakter Methoden und die Durchfchlagskraft
der Ergebniffe wird er fich einigermaßen decken können.
Doch habe ich bei Pr. nirgends den Eindruck gewonnen,
daß die Dinge mit zwingender Notwendigkeit fo liegen
müßten, wie er will. Manchmal kann man zuftimmen,
daß es vielleicht fo gewefen ift. Im Großen und Ganzen
wird man auch dazu fchwerlich geneigt fein.

Schon daß Mc. wie Mt. und Joh. je zweimal in der Entftehungs-
gefchichte der Evangelien auftreten, ift wenig glaubhaft. Papias ift weder
ein Zeuge für eine fchriftliche Zufammenftellung von Petruserinncrungen
durch Mc, die vom 2. Evangelium zu unterfcheiden wäre, noch weiß
er etwas von Matth, als Sammler von Jefuslogien. Für Pr.s Konftruk-
tion läßt fich überhaupt kein äußeres Zeugnis erbringen. Sic könnte
trotzdem richtig fein. In Wirklichkeit ift fie es kaum. Daß Verf.
ganz abfieht von dem, was neuerdings formgefchichtliche Forfchung
und Stilkritik zutage gefördert haben, ift nach meinem Dafürhalten
nicht das, was vielen die Zuftimmung zu feinen Refultaten fchwer machen
wird. Schlimmer ift, daß er durch energifche Anwendung von Literar-
kritik und Quellenfcheidung einer Sachkritik entgehen zu können meint.
Solche findet fich in feinem Buche überhaupt fo gut wie nicht. Daß
der in unferen Evangelien fich findende Stoff durchaus die Zurück-
führung auf apoftolifche Gewährsmänner verträgt, erfcheint als felbft-
verftändlich.

Ich dagegen muß geftehen, daß ich mich einer Führung,
die mit der Echtheit des 2ten Petrusbriefes als ficher
rechnet, nur ungern anvertraue. Wenn fodann eine Erzählung
, wie die Taufgeschichte des Matth., bei der ich die
widerhiftorifche Tendenz mit Händen glaube greifen zu
können, als Beftandteil der Sonderquelle des Lieblingsjüngers
erfcheint, fteigert fich mein Mißtrauen. Und im
Verlauf der Lektüre wächft der innere Widerfpruch.
Mich hat das Buch, das von gründlichem Fleiß, eindringendem
Scharffinn und Hingabe an den Gegenftand zeugt,
in meinem Verftändnis der Evangelien nicht gefördert.
Göttingen. Walter Bauer.

Bezzel, Hermann von: Die Offenbarung Johannis. Kurzer
Unterricht. (128 S.) kl. 8°. Nürnberg, Zeitbücherverl
. J. Koezle (1920). M. 4—-
Der aus dem Nachlaß des verftorbenen Präfidenten
v. B. herausgegebene ,kurze Unterricht' über die Offenbarung
leiftet für ein wirkliches Verftändnis der Apoka-
lypfe nichts. Denn die hier empfohlene Verbindung von
reichs- und endgefchichtlicher Deutung ift völlig ungeeignet
, den Rätfein des Buches beizukommen. Doch
mag, wer fich an dem warmen Ton lebendiger Frömmigkeit
erbauen will oder praktifch brauchbare Gedanken
und Stoffe fucht, einiges in dem Büchlein finden.
Göttingen. Walter Bauer.

Bacon, B.W.: Is Mark a Roman Gofpel? Harvard Theo-
logical Studies VII. Cambridge. Harvard University
Press. 1919. (107 S.) 8°. $ 1.25

In diefer Studie trägt B. alles zufammen, was zugunften
der alten Auffaffung, daß unfer zweites Evangelium in
Rom entftanden fei, geltend gemacht werden kann, und
breitet es in wirkungsvoller Weife vor dem Lefer aus.
Was die Überlieferung fagt, was fich aus der Tatfache
der weiten und frühen Verbreitung des Mkevangeliums
fchließen läßt und was eine Prüfung der .inneren' Merkmale
ergibt, wird forgfältig erwogen. Wenn auch einzelne
Stücke des Mkevangeliums letzten Endes auf Petrus
zurückgehen (S. 75 f.), fo ift doch das Evangelium als
ganzes kein ,Petrus'evangelium, gar die Meinung, daß es
unter beftimmendem Einfluß des Petrus in Rom entftanden
fei, fchon deshalb abzulehnen, weil der Aufenthalt des
Apoftels in Rom mehr als zweifelhaft ift. Von Petrus

i wird diefes Evangelium abgerückt auch durch die Tatfache
, daß er in der Geographie Paläftinas fchlechter
unterrichtet ift, als Mt. und Luk., ebenfo mit der Lokal-
gefchichte des hl. Landes und den örtlichen Zuftänden
dort fich wenig vertraut zeigt. Dazu kommt die beinahe
verächtliche Behandlung, die fich im Mkevangelium die
Größen von Jerufalem gefallen laffen müffen. Das fpricht
nicht für ,öftlicbe' Herkunft — Alexandria, Antiochien,
Ephefus, die übrigen chriftlichen Mittelpunkte des Orients
vermögen den vergeblichen Anfpruch Jerufalems ihrerfeits
nicht aufzunehmen. Die Beobachtung aramäifcher Sprachfärbung
im zweiten Evangelium kann diefes Urteil nicht
umftoßen. Denn ,aramäifcnes' Material war einem Chriften
der nachapoftolifchen Zeit in den Archiven der römifchen
Kirche durchaus erreichbar (S. 53). Ein römifcher Paulinift,
der freilich nicht mehr den echten Paulinismus vertrat,'
ift wohl der Verfaffer des nach Markus genannten Evangeliums
.

Über manche Einzelheiten läßt fich ftreiten. Daß
der Verf. aber im Lefer die Neigung geweckt hat, die
von ihm geftellte Frage in feinem Sinne bejahend zu
beantworten, ift gleichfalls gewiß.

Göttingen. Walter Bauer.

Shears, Rev. Hubert, M. A.: The Gospel According to

St. Paul. An attempt to elucidate St. Pauls doctrine
of sin and justification. (IV, 231 S.) 8°. Oxford,
Parker & Co. 1920. 7 sh. 6 d.

Sh. fand die bisherigen Verfuche, die Anfchauung
des Apoftels Paulus von Sünde und Rechtfertigung zu
beftimmen, unbefriedigend. Deshalb legte er die Gedanken
über den Gegenftand, die ihm felber allmählich gekommen
find, dem Lefer vor. Er wollte kein gelehrtes
Werk fchreiben, fondern nur mitteilen, was fich ihm bei
eingehender Befchäftigung mit d. N. T. ergeben hatte.
Die Mitforfcher ließ er bewußt bei Seite. Neuere
Werke als die von Ellicott und Lightfoot zog er nicht zu
Rate. Leider hat er fich auch um die Erweiterung
unferer Kenntnis der nt. Sprache, die wir den letzten
Jahrzehnten verdanken, nicht gekümmert. Und fo ift
feine philologifche Begründung, die vor allem präposi-
tionale Ausdrücke unzuläffig auspreßt, nicht immer befriedigend
. Dagegen hat er in dem, ihm fehr am Herzen
liegenden Widerfpruch gegen die revised Version
häufig recht. Überhaupt muten feine Darlegungen oft
genug überrafchend modern an. Verf. geht davon aus,
den Sündenbegriff des Apoftels zu beftimmen. Sünde —
etwas anderes als Übertretung — regiert im Fleifche des
Menfchen und führt feinen Tod herbei. Deshalb hat er
weit weniger Vergebung als Aufnahme in eine neue
Lebensfphäre, die dem Bereiche des Fleifches entzogen
ift, nötig. Sie ift ihm mit Chriftus gegeben, und es

j kommt für ihn alles darauf an, mit Chriftus eins, oder,
was das gleiche bedeutet, in den Geift Gottes eingetaucht
zu werden. Das ift die Hauptfache an der pau-
linifchen Lehre von Sünde und Rechtfertigung. Der
Begriff des Glaubens tritt nur gleichfam als eine Ergänzung
hinzu, herbeigezwungen durch den Druck der Nötigung
, fich mit einer verkehrten Auffaffung von der
Rechtfertigung polemifch auseinander zu fetzen: Sh.

I unterfcheidet demgemäß eine frühere und eine fpätere
Lehre von der Rechtfertigung bei Paulus, jene wefentlich
1 Cor. vorliegende diefe Gal. u. Rom. Eine grundlegende
Differenz befteht zwifchen beiden nicht. Wir treten
mit unferem Glauben in die Gemeinfchaft mit Chri-

j ftus ein und werden der jtiaric, Xqiötov — als gen.

j fubj. gefaßt — unfererfeits teilhaftig, diefes Glaubens des
Chriftus, der feinen Gegenftand an Gott hat und deshalb
— da geübt, wo ihn Fleifch und Sünde nicht
mehr um feine Vollendung bringen können — Rechtfertigung
bedeutet.
Göttingen. Walter Bauer.