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Ausgabe:

1922

Spalte:

167-168

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hetzenauer, Michael

Titel/Untertitel:

De Recognitione principiorum criticae textus Novi Testamenti 1922

Rezensent:

Koch, Hugo

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Seite 1

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167 Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 8, 168

der hermetilchen Literatur durch das Frühchriftentum
wirklich überzeugend zu machen, und Windifch, der an
H.'s Schrift und ihrer Drucklegung ftarken Anteil genommen
hat, ihr alfo mit größtem Wohlwollen gegenüber
fteht, denkt nicht anders (Theol. Tijdfchrift 1918,
200 f.). Was aber die Auffaffung anbetrifft, das Urchri-
ftentum habe die übernommenen Vorftellungen und Bilder
mit feinem eigenen Inhalt verfehen und, ftatt
fich an die Myfterien zu verlieren, das, was es
von ihnen brauchen konnte, vielmehr zu fich emporgezogen
, fo kann fie, wie auch R. feftftellt, gar nicht
die Grundlage für eine ernftliche Auseinanderfetzung
bilden, da fie weithin bei den Vertretern der fog. reli-
gionsgefchichtlichen Richtung geteilt wird. Nur um
den Umfang des Übernommenen und den Grad, fowie
die Art und Weife der Umgeftaltung kann die Befpre-
chung fich dann noch drehen. Soviel verftehen auch
die Religionsgefchichtler von Religion, daß fie fich nicht
einbilden, volles Leben käme von leeren Begriffen und
toten Formeln und Bildern her. Aber die Gefchichte
lehrt fie freilich auch, daß auf dem Gebiete des Geiftes
und der Religion neue Einsichten und Erlebniffe immer
wieder auf den vorhandenen Schatz von Begriffen,
Vorftellungen und Bildern zurückgreifen müffen, um eine
Ausdrucksform zu finden und um von den Zeitgenoffen
verftanden zu werden. Und daß eine folche Notwendigkeit
das Neue auch inhaltlich bis zu einem gewiffen
Grade dem Einfluß des Alten unterftellt, befremdet fie
nicht. Deshalb können fie aber auch die oft gehörte
und von H. wieder aufgenommene Frageftellung: ,Ift das
Urchriftentum eine fynkretiftifche oder eine originale
Religion ?' nicht für glücklich halten. Denn hier ift
ein Gegenfatz konftruiert, den in diefer Reinheit die
Gefchichte überhaupt nicht kennt. Sie weiß nichts von
völlig originalen Religionen und ebenfowenig etwas von
fynkretiftifchen Kulten, die aller Originalität bar wären.
Die Feftftellung des mehr oder weniger, das ift der
wirkliche Gegenftand wiffenfchaftlicher Erörterung. Dafür
jedoch ift die Mitarbeit der Religionsgefchichtler gar
nicht zu entbehren.

Man follte denen, die fich der wahrhaft mühfeligen
Arbeit unterziehen, das weite Gebiet der helleniftifchen
und orientalifchen Religionsgefchichte in felbftändiger
Forfchung zu durchftreifen, um Material zu gewinnen
für die Löfung der zahlreichen Rätfei, die uns das NT.
aufzieht, doch einen befferen Dank zu zollen wiffen, als
den der argwöhnifchen Beforgnis, fie wollten der Eigenart
des Urchriftentums zu nahe treten. Und man könnte
ihnen auch wohl etwas zu Gute halten, wenn fie in
begreiflicher Entdeckerfreude das eine oder andere Mal
zu weit gehen. Aus jenem Geift der Ablehnung, des
Mißtrauens und des Gefühls, fich fchützend vor das Urchriftentum
ftellen zu müffen, um es gegen feindliche
Gefchoffe zu decken, ift leider auch H.'s Schrift geboren.
Aber fie hat der Wiffenfchaft nicht jene Förderung gebracht
, die aus Zweifel und Widerfpruch entftehen kann.
Ich würde gewünfcht haben, daß der fcheidende For-
fcher, dem wir fo viel verdanken und den ich perfön-
lich hoch verehre, ein anderes Abfchiedswort gefpro-
chen hätte.

Göttingen. Walter Bauer.

Hetzenauer, Prof. P. Michael, O. M. Cap.: De Recogni-
tione principiorum criticae textus Novi Teftamenti.

Secundum Adolfum de Harnack. (48 S.) 8°. Regensburg
, J. Köfel & F. Puftet 1921. M. 3 —
Wie feinerzeit mit dem Wort von der rückläufigen
Bewegung in der Beurteilung der altchriftlichen Literatur
und mit feiner Bewertung der Apoftelgefchichte, fo hat
v. Harnack auch mit der Schrift ,Zur Revifion der
Prinzipien der neuteftamentlichen Textkritik' 1916, worin
er der Bedeutung der Vulgata für die neuteftl. Textkritik
zu ihrem Rechte verhilft, in der katholifchen Kirche

die Freude geweckt, die im Himmelreich über einen bekehrten
Sünder einzutreten pflegt. Pater H. ftellt in
vorliegender Schrift mit Genugtuung feft, daß Harnacks
Grundfätze mit denen übereinftimmen, die er felber in
feiner Ausgabe des griechifchen NT's befolgt und in
feinem Buche ,Wefen und Prinzipien der Bibelkritik auf
katholifcher Grundlage' (Innsbruck 1900) entwickelt habe.
Er zeigt das namentlich im zweiten Teil, nachdem er
im erften fich nochmals ,de natura criticae biblicae' aus-
gefprochen hat. Ungemifcht ift freilich die Freude auch
diesmal nicht, da Harnack ,in merkwürdiger Inkon-
fequenz' die Echtheit des Markusfchluffes und des Ab-
fchnitts von der Ehebrecherin bei Johannes leugne,
weil er fich hier vom proteftantifchen Vorurteil nicht
habe frei machen können. (Dabei überfieht H. aber,
daß beifpielsweife Tertullian und feine Gegner, wie aus
de pud. c. 11 mit großer Sicherheit hervorgeht, den Ab-
fchnitt von der Ehebrecherin nicht kannten). Wenn ich
mir als einer, der auf diefem Gebiete nicht felber gearbeitet
hat, ein Urteil erlauben darf, fo muß ich geliehen,
daß mir v. Harnacks und H.'s wirklich gemeinfame
Grundfätze durchaus einleuchten. Zumal der Grundfatz,
daß wir dann auf ficherftem Boden find, wenn Vulgata
und eine orientalifche Überfetzung mit irgend einem
Zweige der griechifchen Überlieferung zufammengehen,
dürfte unantaftbar fein.

An der neuen griech. Ausgabe von Vogels (Düffeldorf 1920) tadelt
H., daß er, obwohl er im allgemeinen den .gefunden Grundfätzen'
folge, doch an vielen nicht unbedeutenden Stellen diefe verlaffe und
einfach den Text der proteft. Ausgaben herübernehme. In ähnlichem
Mangel an Folgerichtigkeit bewege fich auch die deutfche Überfetzung
von Schlögl (Wien 1920), die katholifchen Jünglinge kaum empfohlen
werden könne. Daß H. damit auf der richtigen Spur war, zeigt das
Verbot, das die Indexkongregation kürzlich über diefe überfetzung verhängt
hat.

München. Hugo Koch.

Prock Ich, Prof. D. Otto: Petrus und Johannes bei Marcus
und Matthäus. (VIII, 315 S.) gr. 8°. Gütersloh, C.
Bertelsmann 1920. M. 40 —

P. kommt in feinem den Evangelien gewidmeten
Werke zu folgendem Ergebnis. Die ältefte Schicht evan-
gelifcher Überlieferung, zu der wir nur auf dem Wege
der Quellenkritik an den Evangelien vorzudringen vermögen
, enthält als Hauptbeftandteile eine fynoptifche
Grundfchrift, eine Redenquelle und eine Sonderquelle.
Die fynoptifche Schrift, das Synoptikon, ift zum guten
Teil in das Marcusevangelium übergegangen, beffer aber
noch bei Lukas erhalten. Außer des Synoptikons hat
fich Mc. der Sonderquelle bedient. Matth, verdankt dem
Mc.-Evangelium, was er an fynoptifchem Stoffe befitzt.
Daneben haben ihm die Sonderquelle und die Redenquelle
zu Gebote geftanden. Luk. ift mit der Sonderquelle
nur durch Mc. verbunden. Dafür hat er das Synoptikon
und die Redenquelle direkt benutzt. Für das Synoptikon
wird in Petrus ein geiftiger Vater gewonnen,
infofern alsMc.deffenLehrvorträgeinjenerSchriftzufammen-
gefaßt hat. Später hat er fie dann mit der Sonderquelle,
die — gleichfalls apoftolifcher Herkunft— auf Johannes zurückgeht
, ineinander gearbeitet und fo unfer zweites Evangelium
entftehen laffen. Die Abfaffung der Sonderquelle
durch Johannes fchließt nun aber nicht aus, daß diefer auch
Autor des 4. Evangeliums ift. Vielmehr leiten gerade die
Beziehungen diefes Evangeliums zur Sonderquelle dazu an,
auch letztere dem Lieblingsjünger zuzuweifen. Dem Matth,
endlich verdanken wir wie die Redenquelle, fo das erfte
Evangelium.

In der von der herrfchenden Auffaffung abweichenden
Bewertung des Luk. als Garanten einer fynoptifchen Ur-
überlieferung fchließt fich Pr. an Spitta an. Was er an
Eigenem zu bieten hat, ift die fchon im Titel des Buches
ausgefprochene Überzeugung, daß im 1. u. 2. Evangelium
verfteckt zwei apoftolilche Quellen vorliegen, deren
Schätze man noch faft unbefchädigt zu heben und der