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Ausgabe:

1922 Nr. 7

Spalte:

148-149

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Obermann, J.

Titel/Untertitel:

Der philosophische und religiöse Subjektivismus Ghazalis. (Siehe auch Rez. Sp. 446, Horten.) 1922

Rezensent:

Gressmann, Hugo

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 7.

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Schließlich fei mir noch eine periönliche Bemerkung
geftattet, die ich nur ungern mache: Weil ich mich aus
fachlichen Gründen feit Jahren genötigt fehe, gegen Übertreibungen
bei Heranziehung des antiken reltgionsge-
fchichtlichen Materials zur gefchichtlichen Erklärung des
Urchriftentums Einfpruch zu erheben, werde ich fort und
fort als ,Gegner' der religionsgefchichtlichen ,Methode'(i)
oder ,Schule' bezeichnet. Demgegenüber muß ich ein
Doppeltes bemerken: Erftlich, eben Bouffet (Vorrede z.
1. Aufl. S.Vf.) hat bezeugt: ,Für die fpätere Zeit hat Harnack
mit feiner Dogmengefchichte die Scheidewand zwifchen
der chriftlichen Religionsgefchichte und der umgebenden
Außenwelt endgültig niedergeriffen, wenn er auch zunächft
den Blick mehr auf die Berührungen der chriftlichen
Theologie mitdergriechifchenPhilofophielenkte'. Zweitens,
fchon in der erften Auflage meines Lehrbuchs der Dogmengefchichte
(1886) habe ich Abfchnitte über Dogma
und Kultus eingefügt, was bisher nicht gefchehen war,
und in meinem Seminar Anregungen zur Durchforfchung
des Kultus überhaupt und der Myfterien gegeben. Hierher
gehören die Arbeiten von Krüger (Überfetzung des
Werks von Reville, die Religion unter den Severern,
1888), Preufchen (Überfetzung des Werks von Hatch
über den Einfluß der griechifchen Ideen und Gebräuche
auf die chriftliche Kirche), Anrieh (Griechifches Myfterien-
wefen, 1894), Wobbermin (Religionsgefch. Studien 1896),
Anz(Urprung des Gnoftizismus, 1897). Eine ganze Anzahl
verwandter Arbeiten, wie überdenBegrifl ftf oeim 2.Jahrh. u. ä.
find nicht gedruckt worden, da fie noch nicht druckreif
waren. Das alles liegt vor d. J. 1904, in welchem Reitzen-
fteins ,Poimandres' erfchien. Ich bin alfo von diefer
Wendung der Forfchung nicht überrafcht worden und
habe auch niemals den Schatten eines prinzipiellen Bedenkens
dagegen gehegt, antik-religionsgefchichtliches
Material zur Erklärung der älteften Entwicklung heranzuziehen
—- nur davon konnte ich mich häufig "nicht überzeugen
, daß die Hinzuziehung gefchichtlich gerechtfertigt
fei, weil mir die Dinge teils überhaupt keiner ,Erklärung'
bedürftig fchienen, teils fich mir einfacher erklärten. Darin
habe ich mich bei einigen Fvinzelheiten geirrt und dankbar
die neuen Erklärungen aufgenommen; in den Hauptfragen
bin ich freilich noch immer der Meinung, daß fich
die Entwicklungserfcheinungen des älteften Chriftentums
zum allergrößten Teil aus der Hauptlinie, dem Spätjudentum
, ableiten laffen. Diefes hat es verurfacht, daß
die junge Religion in Phantafie und Gedanken eigentlich
keine Jugend gehabt hat.

Berlin. A. v. Harnack.

Lichnowsky, Mechtild: Götter, Könige und Tiere in Ägypten.

(212 S.) gr. 8°. München, Kurt Wolff. M. 40 —; geb. M. 70 —
Wer in diefem Buche religionsgefchichtliche oder fonft wiffen-
fchaftliche Erörterungen fuchen follte, wird es enttäufcht aus der Hand
legen. Nicht vielleicht, wer von den fehr perfönlichen Reifeeindrücken
und den fehr weiblichen Einfällen einer kapriziöfen Frau für ein paar
Stunden unterhalten fein möchte. Leider geben die eingeftreuten Zeichnungen
ein Mark verfälfehtes Abbild ihrer ägyptifchen Originale.
Heidelberg. Ranke.

Reim pell, Dr. Walter f: Gefchichte der babylonifchen und
affyrifchen Kleidung. Mit 45 Abbdgn auf 10 Tafeln.
Hrsgeg. v Prof. Dr. Eduard Meyer. (XII, 82 S.)
Lex. 8°. Berlin, W. Curtius 1921. M. 100—

Ed. Meyer hat fich ein Verdienft erworben, daß er
diefe Arbeit des den Heldentod geftorbenen Verfaffers
der Wiffenfchaft zugänglich machte. Der 1. Teil enthält
die Quellenkunde, der 2. die Befchreibung und der 3.
die Gefchichte der babylonifchen und affyrifchen Kleidung
. Die Ergebnifle find nicht nur für die Kultur-,
fondern auch für die Religionsgefchichte wertvoll (vgl.
S. 71). Literargefchichtlich anregend find die gut begründeten
Ausführungen über die Einheitlichkeit des
Gilgamefch-Epos (S. 17 ff). Die Darfteilung ift knapp,
überfichtheh und klar; die beigefügten Bilder genügen
zur Erläuterung. Die Gefchichte der Kleidung ift fo

lcharf herausgearbeitet, wie das beim heutigen Stande
unferer Forfchung möglich ift.

Berlin-Schlachtenfee. Hugo Greßmann.

Obermann, Priv.-Doz. Dr. J.: Der philofophifche und reli-
giöfe Subjektivismus GhazaliS. Ein Beitrag zum Problem
der Religion. (XV, 345 S.) gr. 8°. Leipzig, W.
Braumüller 1921. M. 64—

In der orientalifchen ebenfo wie in der modern-
europäifchen Fachliteratur wird Ghazäli in der Regel als
Süfl oder Myftiker bezeichnet; er ftand in der Tat den
Süfis nahe und hat ihre Lebensweife als Vorbild hinge-
ftellt — aber ihre Lehre hat er ftets bekämpft. Denn
in ihrer Gefühlsdufelei, in der Phantaftik ihrer Gefichte,
in den Poffen ihres Zungenredens überheben fie fich
felbft, halten ihre Jnfpiration für allein maßgebend, glauben
die Wahrheit gepachtet zu haben und töten damit
nicht nur das intellektuelle, fondern auch das fittliche
Streben des Menfchen (S. 96 ff.). Ein Forfcher, der fo
klar das Wefen der Myftiker oder „Gemeinfchaftsleute"
mit ihrer Denkunfahigkeit und fittlichen Trägheit durch-
fchaute, kann nicht zu ihnen gehört haben, und fo wird
Obermann Recht behalten, wenn er die Einreihung Gha-
zälls unter die Süfis ablehnt. Er verfucht vielmehr, ihn
als konfequenten Subjektiviften in philofophifcher wie
religiöfer Hinficht zu erfaffen und von hier aus feine
Lehre innerlich verftändlich zu machen. Das Meer von
Widerfprüchen, in dem jede Einzelanalyfe feiner Schriften
ertrinken muß, wenn fie nicht von dem richtigen
Standpunkt ausgeht, erklärt fich und verfchwindet,
fobald man den Strom, aus dem es fich gebildet hat,
bis zur letzten Quelle zurückverfolgt.

So zeichnet der Verfaffer in der Einleitung mit kurzen Strichen
das Zeitalter als den hiftorilchen und den inneren Werdegang als den
pfychologifchen Hintergrund des Denkers (S. I—24). Dann prüft er
feine Thefe zunächft an der philofophifchen (S. 25—85) und darauf an
der religiüfen Lehre Ghazälis nach (S. 86— 294). Eine Schlußbetrachtung
faßt das Ergebnis zufammen (S. 295—329).

Das vorliegende Buch geht nicht nur die Arabiften, fondern auch
die Religionshiftoriker und Theologen an; es ift nicht nur gut, fondern
auch feffclnd gefchrieben. Die arabifchen Belege fehlen nicht, be-
fchränken fich aber auf die Anmerkungen und ftören daher den Nicht-
Orientalifiten nicht. Die proteflantifchen Dogmatiker können hier lernen
, wie oberflächlich das Schlagwort von den „zwei Religionen" (im
Proleftantismus) ift. Derfelbe Gegenfatz zwifchen objektiver und subjektiver
Frömmigkeit, zwifchen Religion und Religiofität, zwifchen
Kirche (oder Gemeinde) und Jndividuum zieht fich durch die Religionen
aller Völker, die fich über die Stufe der Volksreligion erhoben
haben; überall wo Propheten, Erlöler, Reformatoren auftauchen, handelt
es fich um denlelben Gegenfatz. In der objektivierten fozialen Religion
bleiben die Satzungen ausfchließlich Mittel zur Erreichung, Erhaltung
und Sicherung der dies- oder jenfeitigen Wohlfahrt; die lelbftbcwußte
Religiofität des Einzelnen dagegen will vom Imperativ der Religion
allen Eudaimonismus und Partikularismus fernhalten.

Diefer ewige und immer neue Gegenfatz ift es, der
auch Ghazäli zum Reformer machte (S. 87 ff.). Er ift
nicht Prophet, fondern Philofoph; er will keine Reform
der Religion, fondern der Religionswiffenfchaft und tritt
daher ebenfo fehr den Fuqahä', den Virtuofen, den
Pharifäern und Traditionsgläubigen, wie den Süfis, den
Effenern, Myftikern und Pathologen der islamifchen Religion
entgegen (S. 90 ff). Aufgabe der Religionswiffenfchaft
ift es, die ipezififchen Eigenfchaften und Funktionen
des Organs der Religiofität zu ergründen, um
fo für den Menfchen die Normen und Jmperative der
Religion zu finden und zu lehren (S. 110); das Problem
der Religion und das Problem des Menfchen, des wahren
, frommen Menfchen, find identifch, wie ja alle
Grundtatfachen und Beftrebungen der Religion, alle gefchichtlichen
„Offenbarungen" nichts anderes find als
eigenkräftige Erzeugniffe des Menfchen (S. 297). Den
Inhalt der Religionswiffenfchaft bilden nicht, wie bei der
Theologie, die Lehren der „heiligen Überlieferung", fondern
die Probleme der religiöfen Befchaffenheit des Menfchen
(S. 299).

So mutet Ghazäli ganz modern an, vor allem da er nicht nur
religiöfer, fondern auch philofophifcher Subjektivift ift. Dies Zugleich.