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Ausgabe:

1922

Spalte:

117

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kerler, Dietrich Heinrich

Titel/Untertitel:

Der Denker. Eine Herausforderung 1922

Rezensent:

Piper, Otto A.

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117 Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 5. ng

gänglich, in der er allein über die Vermutung, bei der das Denken
liehen bleibt, hinausgehen könnte. Es bedarf keiner Worte, dali diefe
Deutung des Glaubens abfolut unzureichend ifl. Vor allem wird über-
fehen, daß die Einheit der hier gegeneinanderwirkenden Tendenzen nicht,
wie Mefler meint, in der fittlichen Haltung der Subjekte, londern nur
im Transcendenten oder beffer Transcendentalen erfallt werden kann.
Als Kern des Rcligiöfen muß gewiß das Sittliche, als dellen Gegenpole
das Geiftigc und das Natürliche begriffen werden. Aber diefer Gegenlatz
ifl kein realer, fondern nur einer (kantifch gefprochenj der ,Er-
fcheinungswelt'. Darum muß er begrifllich-theleologifch verftanden werden
und nicht anders. Wer es überdies unternimmt, das religiöfe Erlebnis
ins Begriffliche umzufetzen: follte fleh hüten, das .Irrationale'völlig ausmerzen
zu wollen.

Bremen. Bruno Jordan.

Kerler, Dr. phil. Dietrich Heinrich: Der Denker. Kine Herausforderung.
(31 S.) 8U. Ulm, H. Keiler 1920. M. 2.80

Die kleine Schrift, eine kurze Zufammenfaffung der K.fchen Gedankenwelt
, zeichnet in gedrängter Fülle das Bild des Denkers, den er

als Gegentypus des Intellektuellen fowohl wie auch des Reiigiöfen an- ! Kulturen," He beginnt mit dem antiken Orient und den

der Araber, Erfindungen und Entdeckungen (Pulver, Alkohol
, Zuckerl), technische Probleme, berühmte Gelehrte
(Theophraft von Hohenheim, Leonardo da Vinci, Roger
Baco, Vitello u. a.) — welche Fülle von blickbefchrän-
kendem Falfchem lebt auf diefem Gebiete immer noch
in manchem unferer bekannteften Lehrbücherl Danne-
manns Buch kann da der verläßlichfle Führer lein: ihm
eignet genaue Kenntnis der beften Quellen bezw. Texte,
umfallende Beherrfchung der neueften Fachliteratur,
gründliches naturwiffenfehaftliches Denken, das fich mit
hiftorifcher Schulung verbindet und, was befondere Hervorhebung
verdient, alles ift aus vermehrter innerer Erfahrung
gefagt, denn des Verf. eigenftes, perfönliches
Leben und Meinen hat teil am Gefamt-Zufammenhang
diefes gefchichtlichen Gefchehens. Die Anordnung des
Stoffes gliedert fich nach dem Werden der verfchiedenen

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fleht. Der Intellektuelle fder Geiflreiche, der Gebildete, der Gelehrte) j ~Ä~r-----' "T ~Z*>~■ v—■ «««j«.

bedient fleh zwar auch des Denkens. Aber es ifl ihm nur Mittel; er Al"angen der frühefjen Wifienfchafteil dann fnlo-f-n rL

will Willen und Weltanfchauung, und dazu foll ihm das Denken helfen. Griechen bis Ariftoteles das arifi-nDdi'IV-h» k„j , B ? ■

Für den wahrhaft Reiigiöfen hat das Denken keinen wefentlichen Wert. | nifche Zeitalter die Röiiier Sn ntl a c flexandn-

Die Wirklichkeit Gottes, auf die es ihm ankommt, ifl ihm auf außer- i TlVfM^^ait^ K°m.er- »Patantlke und Synkretismus,

logifchem, erlebnismäßigem Wege gegeben. Der Denker ift ein dämoni- ! ' rrunmitteJalter mit dem Verfall der antiken Kentnifie

fcher Menfch Ein unwiderftehlicher Drang (Eros) treibt ihn zum Er- U. Erfahrungen, die Araber, die Naturforfchune und

kennen rein um des Erkennens willen. Seine Erkcnntnifle find ihm : d'e chriftlich-germanifche Kultur die erwarhen.l» M z

bedeutfam lediglich folern fie Wahrheit find, d. h. logifche Korrelate ' freude und das neue Naturwfi.hl R^Ztff f J'

der Welttatbeftände, nicht aber um ihrer Inhalte willen. Einzig das [ p-riinrl,,no-Xc btli z tc gu,,) Kenaifiance, die Be-

Auffuchen der Wahrheit hat für ihn Wert. Die Welt der Mannig! ! S™ndül°ß des hellOZentnfchen Weltfyftems durch Kopper-

faltigkeit durchforfcht er nur um ihrer fieundlichen oder feindlichen 1 ru xL* erlten Anfange der anorganifchen und orp-ani

Beziehung zum Erkennen. Darin befteht für ihn, d- b. abfolut, ihr ,cnen Naturwiffenfchaften Immer und üherall C A

gentliches Ziel fein eigenes Erkennen, d. h. feinen | die Gefamtdarftellung knappe Lebensbilder eingemgt

Geift als Wertfchaffer und Sinngeber zu erkennen. Diefer Augenblick | die uns geftatten auch Menfchen ins Innere ZU fehen
der Erkenntniserlülltheit ift Ziel und Ende (eines Lebens. K. nennt
feinen Standpunkt ethifchen Individualismus; allein auf dem von
ihm gewiefenen Wege werde der Werl des Individuums dem All Leben
gegenüber gewahrt, da (nach ihm) alles auf das Verhältnis des Subjekts
zu dem von ihm gefetzten Werte ankomme. Aber K. felbft befchreibt
mehr den denkerifchen Eros, als daß er ihn befäße. Nur fo erklärt es

freilich vielen, von denen weiteren Kreifen niemals Kunde
ward.

Das Buch als Ganzes genommen ift ein Beitrag zur
Gefchichte der Wiffenfchaften. Auch er lehrt uns, an
die Wechfelfeitigkeit der Wiffenfchaften, die alle zufam-
n Wefen des Denkers liegende Tragik nicht fleht: 1 men eine Totalität, ein Organifches vorftellen, glauben,
muß doch das Denken auch noch feine eigene Wertfetzung, feinen ; denn eg ;bt docb nur ejne wiffenfchaftliche Methode,
Glauben an Sinn und Wahrheit als YVillkurakte erkennen die mit den ^ unrf diefelbe Logik VOrausfefzt. Diefes logifche

Tatfachen felbft noch nicht gegeben find; und muß ihm fo - wie der

Fall Nietzfche das am deutlichften zeigt — auch noch jeder Sinn als
Un-Sinn erfcheinen. So ift die Spannung im Leben des Denkers nicht,
wie K. es befchreibt, ein Zufallsprodukt, fondern wefenhaft begründet: jedes
Denken ift zugleich Glauben, hebt fich felbft alfo auf, indem es fich
fetzt. Nur Wahnfinn ift als Ausweg aus diefem Zauberkreis möglich.
Göttingen. Piper.

Dannemann, Friedr.: Die Naturwilfenfchaften in ihrer Entwicklung
und in ihrem Zutammenhange. 2. Aufl. I. Bd.:
Von den Anfängen bis zum Wiederaufbau d. Wiffenfchaften
. (XII, 486 S. 64 Abb. und 1 Bildnis.) Gr. 8°.
Leipzig, W. Engelmann 1920.

M. 20—; geb. M. 24--b 50 V.-T.-Z.

Der Verfaffer, der zu den gründlichften Kennern der
Gefchichte der Naturwiffenfchaften gehört und fchon
wiederholt durch größere Arbeilen — in ganz jüngfter
Zeit über Plinius Secundus major und feine Naturge-
fchichte in den „Klaffikern der Naturwiffenfchaften und
Technik" (Jena 1921 Diederichs) — diefes Forfchungsge-
biet bereichert hat, bietet hier eine Gefamtdarftellung, die
die Naturforfchung teils als ein Ergebnis der ganzen
Kultur, teils in ihren Beziehungen zu den übrigen Wiffenfchaften
, insbefondere zur Philofophie, Mathematik, Medizin
, Theologie, Technik u. a. behandelt. Das große
Problem Naturwiffenfchaft und Kulturgefchichte ift hier
mit anerkennenswertem Mute und vielfältiger Intelligenz
in Angriff genommen.

Die Gefchichte der Naturwiffenfchaften ift für Viele
noch ein dunkles Gebiet und auch in guten wiffenfehaft-
lichen Büchern berichtet man von diefem Zweige der
Hiftorie recht laienhaft und oberflächlich. Gewiffe Fabeln
und Fehler fchleppen fich mit zäher Lebensdauer
immer wieder durch neue Auflagen hindurch und harren
einer energifchen Korrektur. Ich erinnere nur z. B. an
populäre Anfchauungen über Wefen und Gefchichte der
Alchemie und Aftrologie, über die Lehre von den fogen.
4 Elementen, das „dunkle Mittelalter", die Naturforfchung

— o"---

Ganze oder diefe ordnende Idee aller Wiffenfchaften
arbeitet der Verf. aus feinem reichen und fchwierigen
Material gefchickt heraus und vergißt nicht, ohne in übereilte
Verallgemeinerungen zu fallen, auch die gegenfeitigen
Verhältniffe und die logifche Ordnung des Studiums anzudeuten
und auf gefchichtliche Grundlage zu ftellen.
Nur fo verfpreche ich mir eine fruchtbringende Arbeit
auf dem Gebiete diefer jungen Wiffenfchaft. Bloße Mate-
rialienfammlungen und Jahreszahlen befagen nicht viel.
Dannemann klärt mit vorfichtiger Hand manches an dem
Problem, wie eine Wiffenfchaft die andere hiftorifch
zur Vorausfetzung hat, er unterfucht von feinem Standort
den Stufenbau der Wiffenfchaften oder die Rangordnung
, über die fchon Arnos Comenius im Zufammenhang
mit feiner Lehre von der Abftufung der Erkenntniffe und
der Panfophie nachgedacht und feine Begriffe gradatio,
scala intellectus, cohaerentia, uniformftas u. a. aus diefen
Gedankengängen abgeleitet hat. An anderer Stelle habe
ich wiederholt auf die hohe Bedeutung der comeniani-
fchen Panfophie, Naturlehre und Metaphyfik in der Gefchichte
der Naturwiffenfchaft der beginnenden Neuzeit
hingewiefen.

Wien. Franz Strunz.

Kefller, L.: Evangelifche GlaubensgewiBheit auf Grund von
Lutherworten, im Lichte der vergleichenden Religions-
willenichaft. (VIII, 112 S.) 8«. Tübingen, J. C. B.
Mohr 1920. M. 9—

Der Titel und ebenfo Heim's Geleitwort (das diefes
aus wohlmeinendem Frauenherzen gefchriebene Buch
erftaunlicherweife in einem Atem mit Otto's Heiligem
nennt) machen die Feftftellung unvermeidlich, daß
die Arbeit weder von dem Geift hiftorifcher noch von
dem fyftematifcher Wiffenfchaft berührt ift.

Ich greife Belege: S. 51 (aus I Joh. 3, 18 wird herausgeholt ein
Argument gegen — den animiftifchen Urfprung der Jahwegeftalt) und