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Ausgabe:

1922 Nr. 24

Spalte:

524

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bernhart, Josef

Titel/Untertitel:

Meister Eckhart, Reden und Unterweisung 1922

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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523

Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 24.

524

Übel in der Welt nach der Lehre des Arnobius (Diss.
Jena 1896) und Windifch, Theod. d. Apolog. Juftin 1906)

Gr. gibt nun keine Gefchichte der chriftlichen Theod.;
vielmehr erörtert er die Probleme fyftematifch. Dadurch
erfpart er fich die fonft unvermeidlichen Wiederholungen
(in ihrer Theod. find die altcbriftlichen Schriftfteller im
allgemeinen noch vielmehr Traditionaliften als in anderen
Teilen ihrer Dogmatik); auch wird fo die Gefamtleiftung
der altchriftlichen Theologie deutlicher. Die Durchführung
diefer Dispofition hat er fich und dem Lefer dadurch
erleichtert, daß er vor allen die fpäteren Schriftfteller
heranzieht, die auf Grund ihrer tieferen griechifchen
Bildung eine breit ausgearbeitete Theod. entwickelt haben,
in der die wichtigften Motive der platonifchen und
ftoifchen Theod. wiederzufinden find; und zwar find in
erfter Linie die zwei Kappadozier Bafilius und Gregor
von Nyffa verwertet; daneben find aber auch Auguftin,
weiter Origenes, Gregor von Nazianz, Diodor, und von
Schriften zweiten Ranges, die für die Theod. befonders
ergiebigen Ps.-Clement. Recognitionen ftark berückfichtigt,
und werden gelegentlich natürlich auch Theologen wie
Irenaeus, Tertullian, Clemens Alex. u. a. herangezogen
oder wenigftens zitiert. Die Darfteilung der chriftl. Theod.
ift aufs engfte verbunden mit ausführlichen Entwicklungen
der fie befruchtenden griechifchen Theod.-gedanken, fo
daß das Buch auch ein Kompendium der philofophifchen
Theod. in ihren wichtigften Syftemen und Rechtfertigungs-
verfuchen enthält. Verfchiedentlich kann die Abhängigkeit
der chriftlichen Denker durch Paralleldruck von
Original und Nachahmung fchlagend dargetan werden.

Wie die griechifche Theod. nur eine Rechtfertigung
des phyfifchen und des moralifchen Übels kennt, fo be-
fchränkt fich auch Gr. auf diefe zwei Hauptthemata. Die
meiften (ftoifchen) Argumente zum Ausgleich der trüben
Lebenserfahrungen mit dem Vorfehungsglauben kehren, wie
Gr. zeigt, auch bei den chriftl. Theologen wieder; doch
find gewiffe Nuancen nicht zu verkennen. Der Satz der
rigoriftifchen ftoifchen Ethik, daß nur das moralifch Böfe
ein Übel fei, findet fich bei den Chriften feiten. Umgekehrt
hat die Überzeugung, daß das Mißverhältnis von
Schuld und Schickfal im Jenfeits feinen Ausgleich finden
werde, im Chriftentum eine viel größere Sicherheit und
Bedeutung gewonnen. Hierauf hätte noch mehr Nachdruck
gelegt werden müffen. Richtig weift der Vf. indes
darauf hin, daß das von den Stoikern angeführte
Motiv der unbeabfichtigten, aber unvermeidlichen Eolge
des Naturmechanismus von der chriftlichen Theologie nicht
übernommen ift, da es nur zu deutliche Beeinträchtigung
der göttlichen Allmacht darftellt. Andererfeits ift die
Zurückführung vieler Übel auf den Teufel und die Dämonen
in der populären chriftlichen Theod. ein dualiftifcher
Einfchlag, der in der griechifchen Theod. nur ganz feiten
einmal anklingt (Plutarch).1

Das Problem des moralifchen Übels behandelt Gr.
unter den Gefichtspunkten der Möglichkeit und der
Wirklichkeit des Übels. Hier dreht fich alles um das Gut
der Willensfreiheit und die weiteren Probleme, die aus ihm
fließen. Die Idee, daß die Willensfreiheit und die eigene
Schuld des Menfchen die Gottheit entlafte, ift ein Grundelement
der populären griechifchen, der philofophifchen, aber
auch — hierauf wird vom Vf. zu wenig eingegangen —
der jüdifchen Theodizee. Dagegen hatte allein diePhilofo-
phie erkannt, daß gerade die Lehre von der Willensfreiheit
neue Schwierigkeiten fchaffe, die gelöft werden mußten.
Hier zeigt fich die Abhängigkeit der chriftlichen Theologen
von der Philofophie befonders deutlich. Ich hebe
aus den mannigfaltigen Argumenten befonders die
ariftotelilch-ftoifche Syndesmoslehre hervor, d. i. die
Lehre, daß der Menfch das Bindeglied zwifchen den
beiden Reichen des Vernünftigen und des Vernunftlofen

•) E. Kloftermarm, Späte Vergeltung (Schriften d. wiff. Gef. i.
Straßburg 1916) in dem Verf. wohl entgangen.

ift, und darum nicht die Vollkommenheit befitzt.
Auch die Argumentation, daß der freie Wille eine notwendige
Folge der Vernunftbegabung ift, ift griechifches
Lehngut (diesmal aus dem antiftoifchen Lager, da fie
zur Beftreitung des ftoifchen Fatalismus diente); doch
will mir fcheinen, daß erft die chriftlichen Theologen
diefe Idee in ihrer Bedeutung für die Theod. richtig
erfaßt und verwertet haben.

In der Erörterung der Realität gewordenen Sünde
fpielt in der chriftlichen Theod. natürlich wieder die nicht-
griechifche Figur des Teufels eine große Rolle, mit
deren Einführung freilich bis zu einem gewiffen Grade
das Problem nur in die himmlifchen Regionen hinauf-
gefchoben wird. Da, wo fich die Gedanken auf die
Anthropologie befchränken, ift wieder meift philofophifch.es
Traditionsgut ülftrnommen, vor allem bei den Kappadoziern
, die Gr. hier befonders berückfichtigt. Ich nenne
die Berufung auf die Schwäche des Verftandes, der fich
durch den Schein der Dinge zum Irrtum verleiten läßt,
auf die fchlimmen Einflüffe der Erzieher, auf ungünftige
Mifchung der Elemente in unferm Körper. Dagegen ift
die Lehre, daß Gott auch das Schlechte zum Heil der
Menfchen ausfchlagen laffe, zwar im Prinzip etwa von
Plotin ausgefprochen, aber doch erft in der chriftlichen
Theologie, die eben eine wirkliche konkrete Heilsökonomie
hat, zur Geltung und zur Ausführung gelangt. Schließlich
ift wichtig feftzuftellen, daß das logifche Argument (feit
Heraklit), wonach das Böfe zur Erkenntnis des Guten
notwendig fei, gelegentlich auch von chriftlichen Dogmatikern
verwertet wird.

Das Buch fchließt mit einem längeren Hinweis auf
die Vollendung der chriftlichen Theod. in der Soteriologie
und Apokataftafis. Hier find noch reiche Ergänzungen
möglich. Gr. hat fich mit den fpezififch chriftlichen
Theod.-problemen wenig oder gar nicht abgegeben, da
in diefem Teil der chriftl. Theod. naturgemäß der philo-
fophifche Einfluß zurücktritt. Da fpielt auch der Streit
mit der Gnofis, der weithin ein Kampf um die Theodizee
ift (auch die Gnoftiker erftreben eine Theodizee, genau
fo wie — Epicur), eine große Rolle, und auch darauf
hat Gr. nur ganz gelegentlich hingewiefen. Weiter hat
erauchderneuteft. Theod.wenig Aufmerkfamkeit gefchenkt;
fein Satz, daßjefus bewußt mit dem jüdifchen Vergeltungsdogma
gebrochen S. 5, ift in diefer Allgemeinheit nicht
richtig. Endlich ift auch die altteft.-jüdifche Theod. und
ihr Einfluß auf die chriftliche nicht genügend berückfichtigt
. Gr. hat in vortrefflicher Weile die griechifche
Theod. und ihren Einfluß auf die chriftliche,
namentlich feit dem 3. Jhrdt. behandelt. Die nötigen
Ergänzungen, die eben angedeutet wurden, hoffe ich
noch einmal vorlegen zu können (vgl. über die fpät-
jüdifche Theod. einiges in meiner Leidener Antrittsrede
,Der Untergang Jerufalems anno 70 im Urteil der Chriften
und Juden' Theol. Tijdfchr. 1914).
Leiden. Hans Windifch.

Bern hart, Jofef: Meiner Eckhart, Reden der Unterweifung. Übertragen
und eingeleitet. (93 S.) kl. 8". München, C. H. Beck
1922.

Es ift zu begrüßen, daß diefer überaus anziehende Eckhart'fche
Traktat, einer der wenigen wohl unzweifelhaft echten, der fchlicht, mo-
faikartig, praktifch, dem Laicnverftand angepaßt und doch in alle Tiefen
myftifcher Spekulation einführend eine Art Eckhartbrevicr darftcllen
kann, in einer trefflichen und gefchmackvollen Sonderausgabc erfchienen
ift. Anzuerkennen ift, daß ein inzwifchen feit der Büttner'fchen Übertragung
neu ans Licht gezogener und von E. Diederichs in den kleinen
Texten, herausg. v. Hans Lietzmann, Bonn 1913 veröffentlichter Text,
ohne Frage der nunmehr hefte, zu Grunde gelegt wurde. Hie Über-
fetzung ift fließend und durchaus anfprechend, doch wurde mir von fach-
männifcher Seite mitgeteilt, daß fie, um den genauen Sinn des Originals
wiederzugeben, wegen des eingetretenen Bedeutungswandels mancher
Worte noch freier hätte gehalten fein muffen. Uneingefchränktes Lob
verdient die in Geift und Gedanken Eckharts gut einführende Einleitung
.

lburK' W. Thimme.