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Ausgabe:

1922 Nr. 2

Spalte:

34-35

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bruyne, Donatien de

Titel/Untertitel:

Les Fragments de Freising 1922

Rezensent:

Pott, August

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 2.

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Exegefe S. 30 zufammen. Was gibt ihm feiner ein Recht dazu, den
falfchen Propheten I, 14 ohne weiteres für identifch zu halten mit dem
viös nagavüßoq (richtiger: vlol Tiagarä/wi) von 1. Makk. 1, 11? Die
Ausfage V, 12 geht garnicht auf den .Spötter' I, 14, fondern auf die
.Erbauer der Wand und Übertüncher' IV, 19. Und deren Identität mit
dem .Spötter' muß erft erwiefen werden. Die S. 5 aufgeftcllte (und von
Bertholet wiederholte) Behauptung, der zweimal vorkommende Name
Sadoq könne niemand anders bezeichnen als den bekannten Ahnherrn
des höheren Klerus im Sinne Ezechiels und der Chronik, geht kritiklos an
der harten Tatfache vorbei, daß IV, I ff. die bene Sadoq eine befondere
Gruppe der in der Endzeit bewahrten Auserwählten find, alfo überhaupt
keine Pricfter, und daß fich der Name Sadoq V, 5 unmöglich
auf jenen Anfänger des legitimen l'rieftertums unter David und Salomo
beziehen kann, wie Bacher a. a. O. S. 23 richtig gefehen hat. Damit
wird aber die gefchichtliche Erklärung diefer beiden Stellen, und im
engften Zusammenhange damit die der ganzen Fragmente, in eine ganz
andere Bahn gewiefen als fie M. betreten hat. Ob die Beftimmung
XI, 18 ff. ohne weiteres im Sinne dauernder kultifcher Beziehung der
Damaskus-Gemeinde zum Jerufalemer Tempel verftanden werden darf
(M. S. 55), ift doch fehr fraglich. Wenigftens Chajes, Poznanski und
Bacher haben das Gegenteil daraus gefolgert.

Bei Fragmenten der paraenetifch - elchatologifchen
Literatur des Judentums, deren ftiliftifche und fprachliche
Eigenart ja den Exegeten fchon foviel zu fchaffen gemacht
hat, ift, wie M.'s Arbeit wieder zeigt, größte Vorficht am
Platz. Zumal wenn fie, wie die Damaskus-Texte, die offenbar
fehr flüchtig und ohne Verftändnis kopiert find, voll find
von Fehlern. Aber fchon allein ihr fragmentarifcher
Charakter follte doch bedenklich machen. Auch darüber
geht M. (vgl. S. 6) zu leicht hinweg. Wir haben doch
nichts als ein paar abgeriffene Fetzen aus einem größeren
Werk in der Hand, zum Glück z. T. in doppelter Überlieferung
. Wenn darin nun von innerjüdifchen Verhält-
niffen gefprochen wird, die fleh nicht ohne weiteres aus
dem ganz Wenigen, was uns über das ältere Spätjudentum
überliefert ift, erklären laffen, fo ift es m. E. methodifch
geboten, zunächft einmal fleh größte Zurückhaltung aufzuerlegen
und die Texte felbft fprechen zu laflen, indem
man fleh in ftrenger philologifcher Exegefe um ihren
Wortfinn bemüht. Es muß für jetzt genügen zu wiffen,
daß fie gattungs- und ftilgefchichtlich in die Gruppe
der jüdifchen Apokalyptik nach Art von Jub. und
Test. d. XII Patr. gehören und daß Ideenverwandtfchaft
mit diefen Werken vorliegt. Im Umkreis diefer Literatur,
d. h. rund ca. 200 v. Ch. bis 100 n. Ch., haben wir die
ftreng gefetzliche fchismatifche Bewegung anzufetzen, von
der uns die Texte in einer prophetilchen Mahnrede und
Stücken des Gefetzbuches der ,Gemeinde des neuen
Bundes' erzählen. Zu ihrem tieferen Verftändnis wird man
dann aber auf die Gefchichte der Halacha und auf folche
Erfcheinungen zurückgehen müffen wie Effener, Therapeuten
, Sadoqiten u. a., d. h. auf die Sekten, in denen
fleh das ftreng gefetzliche, der jüdifchen Großkirche feindliche
Gemeinfchaftsjudentum zufammengefchloffen hatte
als das wahre Israel, aber nicht auf die laxen klerikalen
Helleniften der vormakkabäifchen Zeit. Es ift bedauerlich,
daß die wiffenfehaftliche Arbeit an den ungemein wichtigen
Schechter'fchen Texten von der grundsätzlich richtigen
Spur, die uns ihr nun fchon heimgegangener Entdecker
gewiefen hatte, fobald und fo gründlich abgewichen ift.
Auf das Ganze gefehen kann ich aus diefer am Studium
der Texte gewonnenen Überzeugung heraus in M.'s Auffatz,
bei aller dankbaren Anerkennung manches richtigen
Winkes zum Verftändnis, keine wirkliche Förderung des
Problems fehen. Im Übrigen: dies diem docet.
Jena. W. Staerk.

Der babylonilche Talmud. Überfetzt und kurz erläutert v.

Prof. Dr. Nivard Schlögl, O. Cift. I. Lieferung.

(96 S.) gr. 8° Wien, Burgverlag 1921. M. 10 —
Man zitiert bekanntlich den bab. Talmud, indem man
die Nr. des einzelnen Blattes und deffen Vorder- oder
Rückfeite (a, b) angibt , worin alle gangbaren Ausgaben
übereinftimmen. Eine Überf., die ftatt deffen eine felbft-
gemachte Einteilung nach Paragraphen und deren Sätzen
bietet, ift für den praktifchen Gebrauch entwertet. —
Da das in diefer erften Lieferung gebotene Stück des

Traktates Berachoth, des 1. im Talmud, mindeftens fchon
zehnmal übertragen ift, zeigt fleh Sch.'s Überfetzung von
groben Fehlern frei, nicht von einzelnen Mängeln. Stellenweife
ift Sch. feinem Vorgänger Goldfchmidt zu treu
gefolgt, wovor ihn Beachtung der Kritiken D. Hoffmanns,
Kahans und Dalmans über G.'s Leiftung (ZfHBibl. I 1896;
Th LZ 1898, Nr. 18 und 24; LCbl. 1896, Nr. 26, 30; 1897,
Nr. Ii) oft bewahrt haben würde.

Lies z. B. S. Ii, Z. 17: ,Was ift der Schriftvers hierfür?' ■— S. 14,
Z. 8: ,Brot' (ft. .Nahrung'). — S. 22, Z. 19 v. u.: ,erft, wenn fie fitzen'.

— S. 24, Z. 10: ,wehe um- (ft. ,wo'). — S. 42, Z. 12 und S. 44. Z. 9:
,So ift auch die Tradition'. — S. 42, Z. 12 ift ferner mit G. vergeffen:
,Ich bitte euch (: befreit)'. — S. 43, Z. 11: ,Es genügt, daß die Not zu
ihrer Zeit da ift'. — S. 53: Z. 12: .über (ft. mit G.: ,famt') dem Blute'.

— S. 59, Z. 2 v. u,: ,Nötig ift nur'. — S. 60, Z. 9 v. u.: ,Eleafar' (vgl.
Druckt.-Vcrz. bei G.). — S. 67, Z. 15 v. u.: ,in ihr ftudieren' (ft. ,von
ihr reden'). Daf. Z. ti v. u.: .lange verweilt bei' (ft. .gedehnt ausfpricht');
dgl. S. 68. Z. 1: ,eincn Abfatz machen bei' (ft. ,zu rafch ausfprechen').

— Auch war S. 34, Z. 12 v. u. nicht mit G. ,Rab', fondern ,Rabbi' zu
fchreiben, wie die Veneta richtig hat, da R. Raak Paläftiner warl Ebenfo
S. 9, Z. 16 v. u. ,Raba' ft. ,Rabba'. — Ferner (andere Verfehen Sch.'s):
S. 3: .Gelage' (ft. .Wirtshaus', die es nicht gab). — S. 18, Z. 16 und
paflim: .Tradent' (ft. .Lehrer'), .Tradition' (ft. .Lehre') ufw. — S. 21.
Z. 11 v. u. ,fich aufhält' (ft. .fchaltef). — S. 26, Z. 5: .deffen, fo da
fagt' (nicht mit G. Plural, da die Veneta Singular hat). — S. 67, Z. 13
v. u. fehlt: ,fagt Rabbi Mei'r'. — S. 68, Z. 16 v. u.: ,des Auszugs'. —
S. 71, Z. 7 v. u.; ,braucht man nicht zu rezitieren' (ft. ,lieft [!]
man nicht'). — S. 74, Z. 10: ,aus Versehen etwas ausläßt' (ft. des finn-
lofen .fühlt ). — S. 77, Z. 8: ,habe fonft gar keine Geltung' (ft. .keine
Vcrbefferung'J. — S. 86. Z. 4 ift nicht wörtliches Zitat aus Prov. 15, I;
daher auch: ,und er mehre'. — S. 15, Z. 7 fehlt ,Selah'.

Die Transkription der Eigennamen ift fchwankend:
neben (richtig:) Chullin, Challa ufw. (falfch:) Hija, Hanina,
Johanan, Hiskiahu ufw.! Dgl. neben Malaki (Maleachi),
Gidon (Gideon), Elafar ufw.: R. Saphera (ft. Saphra).
Naffarener ft. Nazarener und Jishaq (!) ft. Jizchak fehen
eigenartig aus. Ganz falfch ift .andere Gelehrte' ft. ,die
Gelehrten* (die Majorität der G.), vgl. Bacher, Tradition
und Tradenten, Lpz. 1914, S. 145. — Am fonderbarften
macht fleh die (an ,bei Schulzen' erinnernde) Deklination
.bei Jahwen' (ft. Jahweh). — S. 65, Z. 9 v. u. lies ,10'.
Leipzig. Erich Bifchoff.

De Bruyne: Les Fragments de Freising. Epitres de S.
Paul et epitres catholiques (Collectanea Biblica Latina,
Vol. V) (XLVIII, 68 S. avec trois Planches phototy-
piques). gr. 8°. Rom, Bibliotheque Vaticane.
Seit Harnack eine Revifion der Prinzipien der neu-
teftamentlichen Textkritik gefordert hat (feine Forderung,
die alten Verfionen viel höher zu werten, war übrigens
gerade von den Freunden des vorkanonifchen Textes
zuvor fchon vertreten und befolgt, woran zu erinnern
notwendig bleibt), erfreut fleh die Vulgata, die er einen
befonders guten Zeugen des vorhieronymianifchen Textes
genannt hat, befonderen Intereffes. So haben jetzt der
Verfaffer der vorliegenden Schrift und Diehl in der Ztfchr.
f. nt. W. Studien zur Vorgefchichte der Vulgata gemacht; infofern
leider gleichzeitig, als fie nicht aufeinander eingehen
konnten. Während Diehl die Textgefchichte des lat. Paulus
überhaupt unterfucht, gibt Bruyne eine Spezialftudie über
die Fragmente von Preising (r). Im erften Kapitel handelt
Verf. vom Mf. felbft, nach Alter und Ort; ihm ift
der erfte Teil des Fragments im 6., der zweite und dritte
Teil im 7. Jahrh. in Spanien nach einer afrikanifchen
Vorlage gefchrieben, Das zweite Kapitel befchäftigt fleh
mit dem Text. Hatte man bisher auch angeflehts des
Textcharakters meift unterfchieden zwifchen r,r2r3 fo
meint Verfaffer, r • wefentlich = r1 (kurz = r) fetzen zu können.
Die kleineren Stücke, welche den zweiten Teil umfaffen
(ra) und Rom. 5,16 — 6,19 -f- Phil. 4,11—1. Theff. 1,10
bringen, vertreten wohl einen d-Typ. Welchen Charakter
hat nun rf. WieBr. zitiert, beurteilt Soden den Text
der katholifchen Briefe auf Seite 1883 als afrikanifch (h,
m, q = r:i); aber Br. vergißt, auf Soden Seite 2013 f. zu
verweifen, wo der Text des Paulus als europäifcher an-
gefprochen wird, und fo hatte auch Ziegler hier fpeziell
auf italienifchen Einfchlag erkannt. Br. löft das Problem