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Ausgabe:

1922

Spalte:

482-483

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fabricius, Cajus

Titel/Untertitel:

Der Atheismus der Gegenwart, seine Ursachen und seine Überwindung 1922

Rezensent:

Winkler, Robert

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481 Theologifche Lileraturzeitung 1922 Nr. 22. 482

hang für die Einordnung der Religion zu finden. Die
dritte Aufgabe befteht darin zu zeigen, wie diefe Einordnung
vorgenommen werden kann, ohne daß die Ab-
folutheitsforderung der Religion aufgegeben wird. Die
relativitätctheoretifche Wirklichkeitsauffaffung wird hier
nun von durchfchlagender Bedeutung. Denn fie bezeichnet
eine prinzipielle Überwindung fowonl der me-
chanifchen Naturauffaffung wie des pofitiviftifchen Relativismus
und Pfychologismus. Durch die Relativitätstheorie
wird alfo die erfte Hauptaufgabe der Religions-
philofophie gelöft: die wefentlichften Hinderniffe einer
Begründung der Religion aus dem Wege zu räumen.
Aber auch für die zweite Hauptaufgabe wird die Relativitätstheorie
von großer Bedeutung. Denn fie begründet
eine Wirklichkeitsauffaffung, die ganz natürlich der Religion
und ihrer Abfolutheitsforderung Platz macht. Der
rationale Zufammenhang, der hierdurch gefchaffen wird,
ermöglicht nun auch die dritte Hauptaufgabe der Reli-
gionsphilofophie zu löfen: den genaueren Nachweis, wie
die Religion und ihr eigenartiges Leben einen natürlichen
Platz innerhalb diefes Zufammenhanges findet. Nach
der Relativitätstheorie ift nicht die Welt der Sinne, fondern
des Denkens die objektive Wirklichkeit. In der
Relativitätstheorie lebt der alte Grundgedanke Piatos
wieder. auf, daß die Welt der Ideen die eigentliche
Wirklichkeit ift. Es gibt eine geiftige Welt, die objektive
Bedeutung hat. Das in Wahrheit Seiende find
nicht die veränderlichen Gegenftände der Sinnenwelt,
fondern die ewigen Ideen der geiftigen Welt. Die wif-
fenfchaftliche Aneignung der Welt der ewigen Ideen
bedeutet natürlich noch nicht Religion. Die logifche
und religiöfe Myftik fallen nicht züfammen. Aber mit
dem Nachweis der abfoluten Ideenwelt und ihrer logifch-
myftifchen Aneignung ift der rationale Zulammenhang
gegeben, in welchen die Religionsphilofophie den reli-

fich aufbauende religiöfe Gefinnung" verlangt. Er gibt
im erften darfteilenden Teil eine klare Wiedergabe (freilich
auch Umdeutung) der Gedanken Lasks, fchließt
daran einige wertvolle hiftorifche Bemerkungen (Kant,
Fries, der deutfche Idealismus), verfucht fbdann einige
(nach feiner Meinung im Gedankenfortfchritt Lasks felbft
liegende) Kritik auf dem Boden der tranfzendentalen
Wertphilofophie (Rickert) und fchließt mit einer religions-
philofophifchen Auswertung der umgedeuteten» Idee.
Lasks Logik fei von dem Ringen nach dem Abfoluten
beherrfcht; in der Sehnfucht nach einem abfoluten An-
fich, die das Subjekt vernichtet, fei die Triebkraft zu
erblicken, die den großartigen Bau feiner Logik emporgetrieben
habe. Aber diefe religiöfe Triebkraft habe
fich verheerend in die nur der Logik zuftehenden Bahnen
eingemifcht. Lasks Verfuch fei deshalb zum Scheitern
verurteilt, weil die Art von Myftik, zu der fein
übergegenfätzliches Erkennen gehöre, unmöglich fei.
Statt deffen fei die intellektuelle Anfchauung als ideale
Vernunft (im Sinne Kants, nicht Schöllings und Hegels)
wieder zu Ehren zu bringen, mit der auch die Übergegen-
fätzlichkeit des Erkennens gegeben fei. Die Unterfuchung
des theoretifchen Wertes führe nicht zur übergegenfätz-
lichen Einheit, die damit als Maßftab für die Gegenfätz-
lichkeit fällt. „Der Gegenfatz von Wert und Unwert
felbft, zur höchften Abfolutheit gefteigert, wird zur abfoluten
Über- bzw. Untergegenfätzlichkeit und faugt den
Pluralismus der Werte in fich auf." Die Gegenfätzlich-
keit wird aber nicht eliminiert, fondern grade auf ihre
böchfte Stufe erhoben. Um dielen erften Kreis der Religion
(Theorie und Religion, heterologifches Princip, unendliche
Totalität) legt fich der alles umfchließende Kreis
des Überfeienden, der nur durch das Symbol zu erfaffen
ift (Überwindung der letzten Heterologie). Die Verwandt-
fchaft mit bekannten neueren religionsphilofophifchen Er-

giöfen Glauben einordnen kann. Es ift wiffenfchaftlich | örterungen, aber auch der Gegenfatz zu ihnen ift deut

lieh. Die drei erften Teile find auffchlußreich, der letzte,
pofitive anregend, aber nicht durchweg überzeugend.
Bremen. Bruno Jordan.

erwiefen worden, wie der Menfch über feine Subjektivität
fich hinausheben und fich zu einer abfoluten Erkenntnis
erheben kann. Der Menfch kann darum nicht länger als
ein bloßes Naturwefen aufgefaßt werden. Er ift zugleich
ein geiftiges Wefen, das durch fein Denken an den ob- Fabricius, Lic. Cajus: Der Atheismus der Gegenwart, feine
jektiven geiftigen Zufammenhängen Anteil gewinnen ', Urrachen u. feine Überwindung. (76 S.) 8°. Göttingen,
kann. Damit ift eben der rationale Rahmen gegeben, j Vandenhoeck u. Ruprecht 1922.

in den die Irrationalität der Religion geftellt werden kann. ; Der offenbar aus apologetifchen Vorträgen erwach-
Auch als Religiöfe fachen wir in einen höheren geiftigen j fene Inhalt des Schriftchens wendet fich über die Fach-
Zufammenhang einzudringen, wenn auch auf anderem t theologie hinaus an einen weiteren Kreis von gebildeten
Wege als durch Denken. Im myftifchen Erlebnis erleben Laien. Die lichtvolle, auf alles gelehrte Beiwerk verzich-

wir unmittelbar unferen Zufammenhang mit einer höhe
ren, göttlichen Welt. Solange unfer wiffenfehaftliches
Denken im Menfchen nur ein Naturwefen fieht, fleht das
religiöfe Erlebnis ifoliert. Der Sieg des Piatonismus
(Relativitätstheorie) über den Pofitivismus beendigt diefen
Streit. Die Harmonie zwifchen Religion und Wiffenfchaft
ift hergeftellt.
Tübingen. O. Scheel.

Pick, Dr. Georg: Die Übergegenfätzlichkeit der Werte. Gedanken
über das religiöfe Moment in Emil Lasks lo-
gifchen Schriften vom Standpunkt des tranfzendentalen
"Idealismus. (XII, 130 S.) gr. 8". Tübingen, J. C. B.

Objekts) geftoßen: „Die Geltungsartigkeit der Gegenftände
ift als eine nicht pofitive, fondern gegenfatzjenfeitige, ihre
Gegenfatzlofigkeit als eine nicht wertneutrale, fondern
übergegenliitzlich-wertartige zu begreifen."

Der Verfaffer der vorliegenden Schrift fiueht diefen
Gedanken der Übergegenfätzlichkeit religiös auszumünzen,
da ihn nach einem „philofophifch einwandfreien Ausdruck
für eine auf einer pofitiven Wertung aller Kulturarbeit

tende Darftellung macht es dafür auch ganz befonders
geeignet.

Die anfängliche Unterfcheidung zwifchen einem abfoluten Atheismus
, der den Gottesglauben überhaupt und einem relativen, der ihn
nur in beftimmter Faltung ablehnt, wird fchon bei der Angabe der
Gründe des Atheismus bewußt wieder fallen gelaffen. Diele Gründe
find zunächft theoretifche. Von den philofophifchen Syftemen des Monismus
und Fluralismus aus argumentiert man gegen den Gottesglauben.
Der Monismus läßt bei feiner Überfchät/.ung des begrifflichen Denkens
nur das Allgemeine gelten. Gott wird daher für ihn pmblematifch;
denn Gott ift ein Einzelwefen. Der Pluralismus hält mit feinem Eintreten
für das finnliche Wahrnehmen das Einzelne für das allein Wirkliche
. Dann kann wieder Gott nicht fein, denn Gott ift ein allum-
fafiender Zufammenhang. Diefe theoretifchen Argumente gründen jedoch
in praktifchen Motiven. Ein kecker, verwegener Wille drängt zum
, Allgemeinen, ein fchneller, bequemer Wille zum Einzelnen. Und auch
Mohr 192t. 1 rr • 1 T V, diefer Wille wird erft aus einem beftimmten Ich-Erlebnis heraus ge-

Lask war im Verlauf feiner fcharlfinnigen logllcnen boren> Dgr tieffte Grund des Atheismus liegt danach in dem Übermaß
TTntprfiir-rinntrpn auf rlie Idee der Übergegenfätzlichkeit an Selbftgefühl, in der übertriebenen Wertfehätzung des eigenen kleinen
unterilicnun en .tut u c , j,chkejt des Urteils- ; Ichs. Aber gerade diefe Selbftüberfchätzung des profanen Ichs erweift

(gegenüber der OOOpM^iJtgm»^^" des primären fich als Selbfttäufchung. Drei Erlcbnifie, wie fie jeder Menfch machen
finnes und der einfachen (.jegenlatZllcnKCii »» l , | kanrii befreien von diefer Selbfttäufchung und führen geradewegs zum

Gottesglaubcn: I. das Freiheitserlebnis, das fich zum myftifchen flei-
gern kann, in dem fich der Menfch übcrmcnfchlicher Tiefen feines eigenen
Inneren bewußt wird; 2. das Schickfalserlebnis, das ihm an dem
oft unüberwindbaren Widerftand des äußeren Weltlaufes der eigenen,
kleinen Kraft inne werden läßt; 3. das Pcrfonlichkeitserlebnis, in dem
er mit den übermenfehlichen, aus feinem Inneren heraufquellendcn
Kräften die Welt draußen finnvoll geftaltet. So ftiitzt fich der Gottesglaube
auf das Erlebnis der Grenzen des kleinen menfehlichen Ichs
einerfeits (Schickfalserlebnis) und andererfeits der Grcnzenlofigkcit alles