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Ausgabe:

1922

Spalte:

474

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oeschey, Rudolf (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Verfassung der evang.-luth. Kirche in Bayern rechts des Rheins vom 16. Sept. 1920 1922

Rezensent:

Sehling, Emil

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474

ZU den Reformierten und ZU den Schwärmern und die mit bezeichnet, um derentwillen fein Buch Eefchrieben fei 7 • h h

innerlutheriichen Lehrabweichungen und Streitigkeiten. | dabei aufs deutlichere fich heraus: die Erkenntnis des Problemr'derC
Das 3. und 4. Kapitel greifen über diefe Schlußjahre zu- JeS*. als ,der*echten Perfönljchkelt in der Füllie der Zeit und das"
rück, indem he Luthers amtliches Wirken und häusliches | l wen' diefe Ii Z'"rS £ ^ B«w?Kune des d™t<"chen Geiftes.
Leben uns fchildern und feinen Lebensausgang durch | mx^^J^Sfllta tach tn ff??' f*
einen Rückblick auf die Krankheiten vorbereiten, die ; faffenden Studien ift es nun abgefchloffen. Memcuenaiter um-

fchon von langher fein Leben getrübt hatten. Weite ; Unferen Ausftellungen und Wünfchen haben wir hei
kulturgefchichtliche Ausblicke fchließen das Buch ab: ^ler Befprechung der 2. Hälfte des 2. Bandes Ausdruck
daß bei der immer ftärker werdenden Mifchung der Kon- j gegeben; heute mögen nur Anerkennunp- und J)anl- < ■

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feffioneri der katholifche und proteftantifche Volksteil fich
willig gemeinfamer Leitung unterftellt haben und zu einer
auch den innerenlvlenfchen gleichartig erfaffendenBildungs-
gemeinfehaft zufammengewachfen find, in der die reli-

diefes einzigartige Buch den Schluß inachen.

Ilfeld a/IIarz. Ferdinand Cohrs.

Verfassung der evang.- luth. Kirche in Bayern r. d. Rhs. vom 16.
Sept. 1920. Textausgabe mit ausführl. Einleitg. u. Sachverzeich-
giöfen Gegenfatze ihre Scharte mehr und mehr einge- nis hrsg. v. Prof. Dr. jur. Rud. Oefchey. (Lvi, 25 s) 8". München
büßt haben, das fieht B. durch die Reformation fchon | C H. Beck 1921.

angebahnt, fo daß diefe, die den konfeffionellen Riß ver- j . Eine Textausgabe der neuen Verfaffung der ev. luther. Kirche

urfacht, auch zugleich die Kraft in fich getragen hat, ihn
zu heilen; Luthers größtes Vermächtnis aber fieht das
Buch fich bewähren in unferen Tagen, in feiner Bedeutung
für den Wiederaufbau Deutfchlands und den Weltberuf
des deutfehen Geiftes. Kulturgefchichtliche Betrachtungen
fchließen auch einzelne Abfchnitte der Darfteilung
. So gliedert B. den antinomiftifchen Streit in
feine religionsgefchichtlichen Zufammenhänge ein und
fieht in ihm einen grundfälzlichen Gegenfatz in der Deutung
chriftlichen Lebensgefühls ausgefprochen; Luthers
Gedanken, die, aus dem Zufammenhang geriffen, wohl
den Antinomern einen Schein des Rechts geben konnten,
fiteilt B. in den großen Vorfehungszufammenhang hinein, ,in
den fie hineingefchaut waren', und fo urteilt er, daß gerade
die eigenartige Verbindung von Gefetzes- und Gnadenpredigt
nicht nur der menfehlichen Natur entfpricht und
an dem der Vernunft eingeborenen Naturrecht eine ftarke
Stütze befitzt, fondern daß eine völlige Verabfchiedung
des Gefetzes auch die Predigt des Evangeliums eines
wefentlichen Teils ihrer charakterbildenden und reforma-
torifchen Kräfte beraubt hätte.

Befonders bedeutfam find die Schlußbetracbtungen des 2. Kapitels.
Hier berührt B. die Frage, ob die kirchlichen und fitüichen Zuflände
um 1500 in Wirklichkeit fo heillos verderbt gewefen find, wie fie
dem empörten Gefühl Luthers und feiner Anhänger fich dargeftellt haben,
und entfeheidet, daß diefe Frage im Grunde ganz belanglos fei, weil fie
den Kernpunkt des kulturgcfchichtlichen Problems, um das es fich handele,
überhaupt nicht treffe. Die eigentliche, fruchtbare Frageftellung habe
vielmehr zu lauten: ,Wie ift es zu erklären, daß das deutfehe Gewiffen,
wie es in Luther und den Seinigen wirkfam wurde, diefe kirchlichen
und fittlichen Zuflände im ganzen als fchlechthin unerträglich empfand
und fo fchwer von ihnen verletzt werden konnte, um ihre Umgeftaltung
nicht nur zu fordern, fondern unter dem Beifall und der tätigen Mithilfe
von ungezählten Taufenden durchzufetzeni" Die Antwort liege
kurz darin, daß das Chriftentum im 15. und 16. Jahrhundert in Deutschland
die Zeit feiner tiefften und umfäffendften Volkstümlichkeit erlebt
habe, wie fie ihm weder vorher noch fpäter wieder befchieden gewefen
fei, und daß das deutfehe Innenleben durch alle Stände hindurch damals
in der Tat keine anderen, zum minderten keine irgendwie vergleichbaren
Werte gekannt habe, als die der chriftlichen Charakterbildung, die es
nun mit dem ganzen Ernft und der ganzen Ehrlichkeit eines noch jungen,
an fein feelifches Wachstum und feine Zukunft leidenfehaltlich glaubenden
Volkes ergriffen habe. In diefer Zeit fei Luther erfchienen
als ,der flei fchgewordene Genius der Deutfehen.' So erfchöpfc man
das Wefen der Reformation weder, wenn man fie als eine Erneuerung
urchriftlicher Lehren, noch wenn man fie als eine Umformung mittelalterlicher
Ideen zu begreifen fuche; denn ihre geniale Urfprünglichkeit
habe gelegen in dem Hervorbrechen eines neuen, die ganze Perfönlichkeit
erfüllenden Lcbcnsgefühls, das die katholifche Verdienftlehrc, die Sakramentsmagie
, die verwirrende Vielfältigkeit der Kulte und Riten ebenfo
als fremdartig von fich geftoßen habe, wie die hierarchifche Seelen-
fuhrung oder die weltflüchtige Gelaffenheitsflimmung einer an das Unendliche
fich verlierenden Myftik. So fei erreicht worden eine großartige
Vereinfachung der vielftimmigen Motive der mittelalterlichen Religion,
indem das Erlebnis der Wiedergeburt durch die göttliche Gnade, alfo
ein Neuwerden der inneren Perfon, als die Grundtatfache der Frömmigkeit
vcrflanden worden fei. Das eigentümlich Deutfehe daran fei ein ungeheures
Ernftnehmcn des Lebens und aller feiner Aufgaben, ferner die
tieffinnige Deutung von Natur und Gefchichte als der Offenbarer von
Gottes Wefen und Willen, wie er in Chriftus am vollkommenflen fich
enthüllt habe, und endlich die ebenfo fchlichte wie für die fittliche
Lebensgcftaltung unendlich folgenreiche Überzeugung, daß der echte
Gottcsdicnft nicht in befonderen Frömmigkeitsleiftungen zu fuchen fei,
fondern in der unfeheinbaren Erfüllung der täglichen Berufspfiichten.
In diefen Ausführungen, fagt B., feien die wichtigften Erkenntnisziele

Bayern rechts des Rheines mit einer ausführlichen Einleitung, (56
Seiten), die vortrefflich in die Entflehugsgefchichte einführt.

Erlangen. Schling.

Paira, Prof. Lic. Carl: Staat u. Kirche bei Alexander Vinet.
(„Brücken" VI) (99 S.) 8«. Gotha, F. A. Perthes
1922.

Vinet gehört zu den Elften, die das Problem Staat
und Kirche grundfätzlich durchdacht und das Ergebnis
auf kirchliche Verhältniffe, die den deutfehen ähnelten,
angewandt haben. Daher ift es (zumal jetzt!) dankenswert
, daß feine Stellung zu diefer Frage monographifch
behandelt wird. P. hat viel Mühe auf die Arbeit verwandt
; wenn trotzdem einige Schwierigkeiten in der Lite-
raturbefchaffung unüberwindbar waren (Beziehungen nach
Schottland; Auseinanderfetzung der Zeitgenoffen mit ihm),
fo ift das den gegenwärtigen Verhältniffen zur Laft zu
legen. Die benutzten Schriften find verzeichnet; doch
könnte die bibliographifche Sorgfalt noch größer fein
(Vornamen! Jahreszahlen!); auch vermißt man eine chro-
nologifch genaue Zufammenftellung von Vinets einfchlä-
gigen Veröffentlichungen. Teil 1 führt in die gefchicht-
liche Lage im Waadtland ein und fkizziert die Entwicklung
Vinets bis zu feinen programmatifchen Schriften; über
feinen Lebensgang hätten dabei einige Daten mehr mitgeteilt
werden können. Teil II behandelt dabei die prinzipielle
Stellung, Teil III V.s Anfchauungen über den
Aufbau der ftaatsfreien Kirche. Die Darlegung der prinzipiellen
Stellung ift breit unterbaut; auf die. Herausar-
beitung der Gedankenbeziehungen zu Kant und Fichte
weift P. befonders hin. Vinets Gedanken find noch heut
erwägenswert, ja heut vielleicht mehr denn je. Nicht
bloß vom Trennungsproblem her, fondern für die ge-
famte Kirchen- und Gemeindefrage verdienen fie Beachtung
. Wer der Entwicklung des Begriffs „Volkskirche"
nachgeht, findet in Vinets „eglise de multitude" inter-
effante Parallelen; P. überfetzt diefes Wort einfach mit
„Volkskirche" (S. 81). Der Aufbau der Schrift ift klar,
die Gedankengliederung überfichtlich. Daß eine Hinein-
ftellung von V.s Anflehten in den großen Zufammenhang
der Problemerörterung nicht möglich war, verlieht fich.
Kritik ift nicht gegeben. Druckfehler find nicht feiten;
recht fatal: Marktftein ftatt Markftein S. 58. Die ganze
Arbeit ift durchaus verdienftlich.
Gießen. M. Schi an.

Greiling, P. Dr. Raymund, O. F. M.: Das religiöle u. litt-
liche Leben der Armee unter dem Einfluß des Weltkrieges.

Eine plychologifche Unterfuchung. (159 S.) 8°. Paderborn
, Schöningh 1922. Grundzahl 3.
Ein 1916 im Kreife katholifcher Feldgeiltlicher gehaltener
Vortrag ift ergänzt und erweitert zu diefem Buch
geftaltet worden. Verf. will mit der Veröffentlichung den
Anklagen der feindlichen Völker, die unferen Soldaten
Mißachtung aller Moral vorwerfen, ebenfo begegnen wie
der allgemeinen Rede vom Verfagen der Religion im
Kriege. Darüber hinaus wird man fie auch aus wif-
fenfcbaftlichen Gründen zu begrüßen haben. D. unter-

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