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Ausgabe:

1922

Spalte:

415-416

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Naumann, Gottfried

Titel/Untertitel:

Sozialismus und Religion in Deutschland 1922

Rezensent:

Rolffs, Ernst

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Seite 1

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415

Theologifche Litcraturzeitung 1922 Nr. 18/19.

416

gebniffe der Intelligenzprüfungen einzugehen. Die Pathologie
der Intelligenz bildet den Abschluß diefes Kapitels
. Schöpferifche Phantasie und Sprache fchließen
fich an. Es ift entfchieden zu begrüßen, daß F. mit der
letzteren auch die völkerpsychologifchen Fragen hineinzieht
in das Gebiet der allgemeinen Psychologie.

Mit dem achten Abfchnitt kommen wir zu den Gemütsbewegungen
. Die Organempfindungen werden als
ein wesentliches Glied des Affektes angefehen, aber die
James-Langesche Theorie als zuweitgehend abgelehnt.
Von den zahlreichen Versuchen einer Einteilung der
Gefühle hält F. keinen für voll befriedigend und behandelt
daher die höheren Gefühle in folgender Reihenfolge:
Freude, Kummer, Furcht, Zorn, Liebe, Sympathie, Selbft-
gefühle, formelle und intellektuelle Gefühle, ethifche und
religiöfe Gefühle, die äfthetifehen einem befondeten Kapitel
überlaffend. F. bleibt nicht bei einer Charakteristik
und Diskuffion der höheren Gefühle ftehen, fondern fügt
noch ein Kapitel über die Ausdrucksbewegungen (Mimik
und Phyfiognomie) hinzu, wobei auch Gebärdenfprache
und Graphologie kurz berückfichtigt werden. Die Lehre
von den Ausdrucksbewegungen, wenn auch von F. noch
zu den Gefühlen gerechnet, bildet doch einen natürlichen
Übergang zum Willensleben, worüber F. felbft folgende
Überficht gibt: das erfte Kapitel betrachtet die materielle
Handlung, das zweite die Eigenart des Willensvorganges,
feine Bedingungen und Wirkungen. Das folgende Kapitel
führt die individuellen Lebensziele vor, befonders
auf dem Gebiet der Sittlichkeit und Religion, wobei die
Grundfragen der Religionspfychologie zur Darfteilung
kommen. Das Schlußkapitel endlich führt die Entwick-
lungsgefetze des pfychifchen Lebens, des individuellen
wie fozialen, in einem Überblick durch, dabei wird auch
der Methoden der Pfychographie und der Vererbungs-
forfchung gedacht. Der zehnte Abfchnitt befchäftigt
fich mit Anomalien des Bewußtfeins: Schlaf und Traum,
Hypnotismus und Suggeftion, fchließlich die Geiftes-
krankheiten. Der zur Verfügung geftellte Raum geftattet
leider nicht, auf einzelne Probleme kritisch einzugehen,
Referent mußte vielmehr bemüht sein, mehr aufzählend
zu zeigen, welche Fülle von Problemen in dem Werke
berückfichtigt werden. Es fcheint mir gerade ein be-
fonderer Vorzug diefes Werkes, daß es auch über Fragen
orientiert, die man fonft nicht in einem Lehrbuch
der allgemeinen Pfychologie findet. Wer den ersten
Band kennt, wird gern zu dem zweiten greifen und begibt
fich damit, da Literatur reichlich berückfichtigt und
bis an die Gegenwart herangeführt ift, in die Hand eines
ficheren Führers.

Bonn. Kutzner.

Naumann, D. Gottfried: Sozialismus und Religion in Deutichland
. Bericht u. Kritik (108 S.) kl. 8°. Leipzig, J.
C. Hinrichs 1921. M. 40 —; geb. M. 80 —

Der allzufrüh verftorbene Profeffor der praktifchen
Theologie in Straßburg u. Leipzig, der es als ein Stück
feiner Lebensaufgabe anfah, fozialiftifche Arbeiter in per-
fönlicher Ausfprache von der Wahrheit der chriftlichen
Weltanfchauung zu überzeugen, bietet den Inhalt von
6 Volkshochfchulvorlefungen aus Oktober u. November
1920 einem weiteren Kreife dar. An den Vätern der
Sozialdemokratie Weitling, Laffalle, Engels, Marx weift
er nach, daß der Sozialismus fchon feit feinem Urfprung
in einem Gegenfatz zur chriftlichen Religion geftanden
hat und daher alle Verfuche, ihn mit ihr zu verföhnen,
vergeblich find. Möglich ift indes eine Verbindung von
Chriftentum und Sozialiften, von Sozialismus und Chriften
und von Chriften u. Sozialiften. Insbefondere die letzte

muß noch in ganz anderer Weife als bisher zuftande
kommen. „Was jetzt nottut, find Chriften, die Mittelpunkte
fozialiftifch-proletarifcher Gemeinfchaften werden"
(S. 102). Das können allerdings nach Lage der Verhält-
niffe gegenwärtig am wenigften Paftoren fein. Noch kein
deutfcher fozialiftifcher Paftor hat in befonderem Maße
Sozialiften fürs Chriftentum gewonnen. Diefe Feftftellung
von feiten eines fo fozial gefinnten Theologen, wie es
G. Naumann war, verdient allerernftefte Beachtung.
Osnabrück. Rolffs.

Mitteilung.

Wie Hr. Kirfopp Lake (Cambridge Mass.) mir mitteilt
, hat F. Conybeare im dem Catalog des armenifchen
Mechitariftenklofters zu Wien den bisher verloren geglaubten
Kommentar des Efräm zur Apoftelg. ausfindig
gemacht. Eine Ablchrift des Codex wurde ihm
von Pater Akinian zur Verfügung geftellt, die feine Vermutung
vollauf beftätigte: der Kommentar liegt faft voll-
ftändig vor. Die Mechitariften planen die Publikation
des armenifchen Textes. F. Conybeare wird in The Be-
ginnings of Chriftianity (ed. F.Jackson and K. Lake) vol.
III eine lateinifche Überfetzung mit Einleitung herausgeben
. Der befondere Wert des Kommentars liegt in der
Textform, die er vorausfetzt: es ift eine Überfetzung,
die älter ift als Pefchitha, und die Einfluß des D-textes
aufweift. Die Anzahl der Zitate ift leider gering.
Leiden. H. Windifch.

Mitteilung.

Die Schriftleitung bittet, die Veränderung in der Anfchrift des
Herausgebers zu beachten.

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Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig.
Soeben erschien:

Die Religion
im Weltanschauungskampfe
der Gegenwart

Zwei Vortrage, gehalten auf dem Kongreß für zeitgem,
evangel. Religionsunterricht zu Leipzig im April 1922

von

Dr. Hans Leisegang

Privatdozent der Philosophie a. d. Univ. Leipzig
48 Seiten. 8°. M. 18 —
Kein Teuerungszuschlag des Verlages

Der erste dieser beiden Vorträge behandelt das
Wesen evangelischer Religiosität, der zweite
den Weltanschauungskampf der Gegenwart. Die
klaren, die Problematik der Gegenwartskultur an ihrer
Wurzel anpackenden und von einem lebensvollen Idealismus
getragenen Ausführungen werden nicht nur von den
Hörern der Vorträge, sondern von jedem mit Freuden aufgenommen
werden, dem an einer umfassenden Einführung
in das Geistesleben der Gegenwart und seine neuen Zielsetzungen
auf allen Gebieten gelegen ist.

Nach dem Ausland in der Währung des Bestimmungslandes auf
der Grundlage des Umrechnungskurses der AuBenhandclsstelle.

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Der Ferien wegen wird auch diesmal eine Doppel-Nummer gebracht; mit der nächsten Nummer, die am 7. Oktober zur
Ausgabe kommt, wird die ThLZ dann wieder vierzehntäglich erscheinen. — Beiliegend Nr. 7 des Bibliographischen Beiblattes.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Nikolausberger Weg 31.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig, Bhimengafie 2, — Druck »on Auguft Pries in Leipzig.