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Ausgabe:

1922 Nr. 1

Spalte:

20

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Knevels, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Simmels Religionstheorie 1922

Rezensent:

Wendland, Johannes

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 1.

20

Rohrbach fchildert, klar und kräftig, wie man es !
bei ihm gewohnt ift, wie der Zentralgedanke wahrer
Religion, die Gottesherrfchaft auf Erden, allmählich aufdämmert
in der Völkerwelt, zum erften Male durchbricht
in dem Propheten Arnos, um dann im Evangelium Jefu
feine vollendete Ausprägung zu finden. Jefu Perfon und
Wort ift Gipfel der religiöfen Entwicklung, Paulus und
Johannes ftehen fchon auf fchiefer Ebene, und die Kirche
in all ihren gefchichtlichen Erfcheinungsformen, die oc-
cidentalifche nicht minder wie die orientalifche, die evan-
gelifche fo gut wie die katholifche, hat trotz ehrlicher
Bemühung, ihm zu dienen und zu folgen, ihren Meifter
verleugnet. Statt im Gotteserleben wurzelnden fittlichen
Wollens bot fie Theologumena, ftatt Sozialismus und
Univerfalismus Individualismus und enge Horizonte, ftatt
tatkräftiger Umgeftaltung der Welt zum Gottesreiche
müdes Gewährenlaffen neben fehnfüchtigem Verlangen
nach dem befferen Jenfeits. Gegen folch marklofes
Chriftentum lehnt die moderne Welt fich auf. In dem
zornigen Proteft des Proletariats und in feinen glühenden,
wenn auch finnlich gefärbten Zukunftshoffnungen ift
Jefu Geift lebendig. Eine große Hoffnung bedeutet die
religiös-foziale Bewegung der Gegenwart. Daß die be-
ftehenden Kirchen zu Trägern diefes Geiftes werden, ift
kaum anzunehmen; der Lebensftrom, deffen Quellen wir
raufchen hören, wird fich ein neues Bett graben müfien.

Dies in freier Wiedergabe die Hauptgedanken Rohrbachs
. Die Kritik, die folchem Buche gegenüber, das
in feinen programmatischen Schlußabfchnitten zufehends
matter und fchwächer wird, fich nicht mit Einzelaus-
ftellungen aufhalten follte, wird fich mit dem Verhältnis
des religiöfen und fittlichen und fodann des fittlichen
und Sozialen Faktors befchäftigen und m. E. feftftellen
müffen, daß Rohrbach in vorfchneller Vereinfachung verwickelter
Tatbestände und diktatorischer Erledigung
Schwerer Probleme die Höhen und Tiefen weder der
Religion noch der Sittlichkeit ausgemeffen hat. Es ift
Geheimnis des Christentums, daß es Friede und Kampf,
Weltüberlegenheit und Weltumgeftaltungswillen, Trachten
nach individuellem Seelenheil und Sozialismus umfchließt.
Die Überfpanntheiten der religiöfen Bewegung der Gegenwart
mögen als Korrektiv der Einfeitigkeit vergangener
Entwicklungsperioden verständlich und notwendig fein,
doch ziemt dem Theologen und Historiker ÜberSchau
von höherer Warte.

Iburg. W. Thimme.

Bremer Beiträge zur deutschen Erneuerung. Bremen, Friedrich & Co.
1920.

1. Bändchen: Julius Bode: Vom Geifteserbe deutfcher Heldenväter
. Ein Mahnruf an uns Enkel. (58 S.) gr. 8°. M. 3.90

2. Bändchen: Georg Kauk: Die deutfche Seele u. die geiftigen
Strömungen der Gegenwart. (70 S.) 8". M. 4.20

3. Bändchen: Reinhard Eck: Deutfcher Seele Sturm und Stille.
Lieder eines Grüblers. (62 S.) 8". M. 4.20

Drei Verfuche aus der Not der Zeit wieder herauszuhelfen.
Bode verfenkt fich in die deutfche Vergangenheit, zeigt an gut ausgewählten
Beifpielen aus dem germanifchen Altertum und Mittelalter
,wie reich das Geiftesleben unferer Vorfahren an Willenskraft und Gemütstiefe
war, wie rein in feiner Empfindung, fein in feiner Empfind-
famkeit und reif in feiner männlich-wuchtigen Lebenserfahrung'. In
einem zweiten Auffatz: ,Vom deutfchen Heldenglauben' zeigt er das !
heroifche Moment im deutfchen Glauben: an fich felber glauben. '
Aber Tapferkeit ift noch kein Chriftentum, fo wenig wie Idealismus,
auch dann noch nicht, wenn fie ,Gott' fagen. Ahnliches wird man über
Hauks Schriftchen urleilen, das von dem deutfchen Geiftesleben der
Gegenwart ausgeht. Die deutfche Seele fei erkrankt am Materialismus
befonders in feinen Ausprägungen als Sozialismus und Kommunismus.
Zwar fieht man fchon mannigfache Symptome der Genefung vor allein
in der Jugendbewegung, aber eines nur kann helfen: ,ein neuer Seelen-
Inhalt, ftarke und höchfte Ideale. Wert und Unwert der geiftigen !
Strömungen der Gegenwart werde gemelfen daran, wo die Seele auf ihre
höchfte Höhe gehoben wird, wo die Perfönlichkeit ihre reichfte und
harmonifchfte Entfaltung findet'. Die Verfe von Eck im dritten Hefte
wollen aus der Zeit herausgehen, die Selbftverfenkung der Myftik
künden. Aber es bleibt beim guten Willen, und der kann und darf
nun einmal nicht als Erfatz für dichterifche Begabung und Originalität
der Gedanken hingenommen werden. Um des großen Emdes willen,

den die Erneuerung deutfchen Wefens erfordert, muß hier getagt werden,
daß diefe Bremer Beiträge doch auch noch nur von der Not, nicht von
der Erneuerung künden.

Göttingen. Piper.

Knevels, Lic. Wilhelm: Simmeis Religionstheorie. Ein

Beitr. zum religiöfen Problem d. Gegenwart. (IV,
107 S.) gr. 8°. Leipzig, J. C. Hinrichs 1920.

M. 12 —

K.s Schrift zeigt, daß die Religionstheorie Simmeis
trotz einzelner fein empfundener Bemerkungen über reli-
giöfes Leben einen falfchen Ausgangspunkt hat und daher
ihr Ziel verfehlen muß. Da diefer Fehler auch von andern
begangen wird, wird die Kritik an Simmel zu einer Kritik
aller verwandten Theorien, die unter Abfeben von
dem religiöfen Gegenftand die Religion nur als feelifche
Innerlichkeit, als Durchleuchtung des Univerfums mit
religiöfen Gefühlstönen betrachten wollen. K. verbindet
mit diefer Kritik einen fyftematifchen Neubau der Reli-
gionsphilofoptiie, den er im 1. Teil feiner Schrift fkizziert.
Er faßt ihn im Gegenfatz zu Simmel in den Satz zu-
fammen: ,Religion ift Beziehung zu einer transzendenten
Wertrealität'. Im 2. Teil ftellt er Simmeis Philofophie,
im 3. Simmeis Religionstheorie dar. S.s Philofophie ift
ein eigenartiger pfychologifcher Pragmatismus, erkennt-
nistheoretifcher Relativismus. Aus dem methodifchen
Abftrahieren von dem Objekt der Religion wird unter
der Hand die Behauptung der Nichtexiftenz des Tran-
fzendenten. Die Philofophie S.s läßt ein Transzendentes
nicht zu. S. bemüht fich zu zeigen, daß als Erfatz für
das von ihm geftrichene Abfolute die Religion fich mit
den Beziehungen des Menfchen zur Natur, zum Schickfal
und zur Gemeinfchaft begnügen könne, die fie ins Transzendente
hinaufgefteigert habe. Vielmehr befitze die
Seele in fich felbft eine metaphyfifche Tiefe, aus der der
transzendente Inhalt der Religion flamme.

Bafel. J. Wendland.

Die deutfche Philofophie der Gegenwart in Selbftdarftellungen.

Mit einer Einführg. Hrsg. von Dr. Raymund Schmidt.

I. Bd. (VIII, 228 S.) gr. 8°. Leipzig, F. Meiner 1921.

geb. M. 75—; II. Bd. (203 S.) geb. M. 75 —

Der erfte Band diefes neuen Sammelwerkes enthält
die Selbstcharakteriftiken von Paul Barth, Erich Becher,
Hans Driesch, Karl Joel, A. Meinong, Paul Natorp,
Johannes Rehnike, Johannes Volkelt. Der zweite liefert
die Selbstdarftellungen von Erich Adickes, Clemens
Baeumker, Jonas Cohn, Karl Groos, Alois Höfler, Ernft
Troeltfch, Hans Vaihingen Weitere Bände follen folgen.

Die Darftellungen fchwanken zwifchen einem Umfang
von 13 (Troeltsch) und 60 Seiten (Meinong). Sie betragen
im Durchfchnitt 20 Seiten. Jedem Beitrag ift ein Bild
feines Verfaffers mit Unterfchrift vorangeftellt. Im übrigen
find die Beiträge unter fich nicht weniger verfchieden als
ihre Verfaffer. Man könnte fie fogar in einer Reihe anordnen
, deren Gefetz durch das fucceffive Fortrücken vom
Subjektivismus zur objektiven Selbftdarftellung gegeben
fein würde. Im Anfangspunkt diefer Reihe würde dann
Höfler, im Endpunkt derfelben Meinong ftehen. Nach
meinem Urteil hat Meinong ein Paradigma gefchaffen,
das in fehr lehrreicher Weife zeigt, was eine gute Selbftdarftellung
zu leiften vermag.

Durchgängig wertvoll find die genetifchen Mitteilungen,
die die einzelnen Verfaffer in ihre Beiträge verwoben
haben. Auch auf das geiftige Leben der fiebziger und
achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts fällt dabei allerlei
neues Licht (vgl. Baeumker und Vaihinger). Den Theologen
wird vor allem die Charakteriftik intereffieren, die
Troeltfch in feinem temperamentvollen Beitrag von der
Conftellation der achtziger Jahre geliefert hat. Daß Lagarde,
wie der Leier bei diefer Gelegenheit erfährt, die Kühnheit
gehabt hat, einen Denker vom Range Lotzes den epi-
gonften der Epigonen zu nennen, ift ein neuer Beweis