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Ausgabe:

1922 Nr. 15

Spalte:

357-359

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lemme, Ludwig

Titel/Untertitel:

Christliche Glaubenslehre 1922

Rezensent:

Wendland, Johannes

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357

Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 15.

358

(Paracellus) Schriften Theophrafts v. Hohenheim, gen.

Paracelfus. Ausgew. u. hrsg. v. H. Kayfer. (559 S.)

gr. 8°. Leipzig, Infel-Verlag 1921. M. 56 —

Seeberg's letzte Abficht ift eine fyftematifche: die
Herausarbeitung des Wefens der Myftik. Aber der Weg
zum Ziele führt ihn über die Gefchichte: feine Studie
unterwirft die irgendwie der Myftik zugehörigen Erfchei-
nungen des 17. Jhdts einer kritifchen Analyfe.

Ich tkizziere zunächft den Inhalt. In J. Böhme (S. 1—8) ift der
,myftifche Urtrieb nach dem Einen' fo ftark durch den Dualismus Luther's
gebrochen, daß feine Zugehörigkeit zur Myftik fraglich wird. Die beiden
breiten Strömungen der Myftik jener Zeit — die .emblematifche Myftik'
(S. 8— u), die in Anlehnung an die gleichzeitige Kunft Wirklichkeit
und Gedanke im Sinnbild zufammenfchließt, und die .myftifche Theologie'
(S. 12—17), die (ich in der gelehrten Reftauration alter Myftiker und
künftlicher Herausarbeitung eines Durchfchnittstypus von Myftik gefällt
— haben keine Wurzel, wenigftens keine ftarke Wurzel, im echten eignen
Erlebnis; fie können zur kritifchen Scheidung von Myftik und religiöfem
Erlebnis helfen. Die quietiftifche Myftik der Spanier (S. 17—27) zielt
auf das reine unintereffierte Erleben des Einen; aber der Weg dahin ift
ihr die Vergewaltigung der eignen Seele, die Auflöfung aller feelifchen
Unmittelbarkeit und Gewißheit durch eine virtuofe Pfychologie, und
auf diefem Grunde die Hingabc an gar nicht erlebnismäßige Größen,
an den Befehl des Beichtvaters und die dienende Arbeit. Soweit der
erfte Teil. Der zweite Teil charakterifiert typifche Gemeinfamkeiten der
Gedankenwelt aller diefer Strömungen: den neuplatonifchen Begriff der
imitatio Chrifti (S. 27—30), die Eintragung des Voluntarismus in die
neuplatonifche Grundlage (S. 30—36), die aus dem Monismus zu erklärende
radikale Beurteilung von ftaatlicher und fozialer Ordnung an der
Bergpredigt (S. 36—39). Dann wird das fyftematifche Endergebnis
errechnet (S. 39—46).

Dies Endergebnis ift folgendes: Myftik ift an fich
nicht religiös, fondern ein religiös indifferenter Urtrieb
der Seele nach Einheit, der nur das religiöfe Gebiet
ebenfo gut ergreifen kann wie jedes andre. Sie ift niemals
reines Erlebnis (wo gebe es das?), fondern immer
durch Form und Gefchichte gebrochenes Erlebnis, oft
fogar bewußtes Kunftprodukt. Von dem Gefchlechtstrieb
ift der myftifche Urtrieb trotz gewiffer Verwandtfchaft
unterfchieden. Die gefchlechtlichen Bilder (in deren Aufhellung
die Pfychoanalyfe zum guten Teile recht hat)
find Ausdruck und nicht die Sache felbft, fo oft der
Myftiker auch Ausdruck und Sache nicht wird fcheiden
können. —

Es liegt ja gewiß der Methode ein Zirkel zugrunde,
fofern die Auswahl der besprochenen Erfcheinungen
weitgehend durch den fyftematifchen Endbegriff beftimmt
war. Aber diefer Zirkel ift wohl überhaupt unvermeidbar
; Gefchichtserkenntnis und Wefenserkenntnis bedingen
immer wechfelfeitig einander. Eine Auseinanderfetzung
mit Seeberg wird alfo in die Sache felbft fteigen müffen.
Möge man nur nicht über der fyftematifchen Zufpitzung
überfehen, daß aus der Studie rein gefchichtlich, für die
Kenntnis und das Verftändnis des Geifteslebens im
17. Jahrhdt, fehr viel zu lernen ift. Seeberg fchreibt aus
vollendeter Herrfchaft über feinen Stoff heraus.

Nur auf eins möchte ich hinweifen. Seeberg's Endergebnis berührt
ftch nahe mit der Thefe, die Hans Kayfer feiner oben an zweiter
Stelle genannten Paracclfus-Auswahl vorangeftellt hat. Für Kayfer ift
Myftik ein intuitives Erläffen der letzten Einheit, in der alle Gegenfätze
aufgehoben find, und als folches urfprünglich Naturphilosophie, erft abgeleitet
Religionsphilofophie. Diefes Zufammentreffen ift nicht zufällig
(denn auch Seeberg hat feine Begriffe an Paracellus mit ftch gebildet)
und bezeugt, daß der Thefe vom nicht-religiöfen Charakter der Myftik,
wenigftens foweit das 16. und 17. Jahrhdt in Frage kommt, eine
richtige Beobachtung zugrunde liegt.

Für das, was über die Paracelfus-Auswahl Kayfer's im einzelnen
zu fagen wäre, fiehe die Bcfprechung von R. Petfch (Nr. 14 Sp. 324C).
Göttingen. E. Hirfch.

Lemme, Ludwig: Chriftliche Glaubenslehre. 2 Bände.
(VIII, 375 u. IV, 343 S.) gr. 8°. Berlin-Lichterfelde,
E. Runge 1918/19. I: M. 15 — ; geb. M. 18—. II:
M. 22—; geb. M. 25—.
Lemme geht infofern auf der von Schleiermacher der
neueren Theologie gewiefenen Bahn, als er der Dogma-
tik die Aufgabe zuweift, die chriftliche Glaubenserfahrung
darzulegen. Aber die bloße Darfteilung frommer
Gemütszuftände, auf dieSchl.dieGlaubenslehreeinfchränken

wollte (ohne diefe Einfchränkung konfequent fefthalten
zu können), gibt nach L. nur einen Teil der Dogmatik,
die pfychifche Empirie. Auf diefe foll fich eine Meta-
phyfik des Glaubens aufbauen, die ein theoretifch ficherer
Ausdruck der praktifchen Glaubenswahrheit fein foll.
An die Dogmatik foll fich dann, wie L. bereits in dem
Artikel „Apologetik" in der 3. Aufl. der Realenzyklopädie
ausgeführt hatte, eine Apologetik anfchließen, die die
Dogmatik in dem Strom der Geifteskultur der Zeit als
die allein befriedigende Weltanfchauung mit den Mitteln
des objektiven Denkens (aber doch eines in der Glaubenserfahrung
wurzelnden Denkens) vertreten foll. Diele
Apologetik ift als abfchließender Teil des Syftems L.s
inzwifchen gleichfalls erfchienen.

Das Programm Ls. klingt anfprechend und ließe
fich teils mit Wobbermins, teils mit Stephans Beftrebungen
vergleichen. Aber die Ausführung wirkt nicht in gleicher
Weife erfreuend. Die objektive Metaphyfik, die nach L.
der korrekte Ausdruck der Glaubenserfahrung fein foll,
ift an entfeheidenden Punkten nicht reiner Ausdruck des
Glaubens, fondern traditionaliftifch gefärbt, am ftärkften
in der metaphyfifchen Chriftologie. L. geht in den von
J. A. Dorner und Martenfen gebahnten Wegen; er ift fo
Vertreter einer milden Orthodoxie; von der Kirchenlehre
wird manches verworfen oder umgebildet, fo die Ver-
balinfpiration; die Ewigkeit der Höllenftrafen. „Unver-
gänglichkeit in pofitivem Sinne kann nur das Leben aus
Gott und in Gott haben". Pintfchieden abgelehnt wird
jede juriftifche Verföhnungstheorie, ebenfo beim Abendmahl
die lutherifche Ubiquitäts- und Impanationslehre.
Die Geburt Jefu von der Jungfrau wird hiftorifch nicht
bezweifelt, aber es wird kein entfeheidendes Gewicht auf
diefen Punkt gelegt, und denen, die aus Gründen hiftorifcher
Kritik die Erzählung für mythifch halten, wird die kirchliche
Gemeinfchaft nicht verweigert. Im Ganzen ift L.s
Chriftologie ein Hinüberfchweifen von einer rein religi-
giöfen Grundlegung in Schleiermachers Bahnen in den
theologifchen Traditionalismus der Zwei-Naturenlehre. Das
Problem, wie fich der Chriftus des Glaubens und der
Jefus der Gefchichte zu einander verhalten, wird auf
weniger als zwei Seiten zu kurz abgetan, wie man überhaupt
trotz des großen Umfangs der Dogmatik L.s bei
entfeheidenden Punkten kurz abgefpeift wird, während
vieles breit, aber nicht präzife abgehandelt wird. Der
religiöfe Ausgangspunkt, daß Jefus „Träger göttlichen
Lebens" ift, wird fofort zu dem metaphyfilchen Satz geformt
, daß Gott in Jefu Chrifto Menfch geworden ift, als
ob die Inkarnation der richtige Ausdruck für die reli-
giöfen Wirkungen Jefu fei. Die Zwei-Naturenlehre wird
zunächft abgelehnt, da der Ausdruck Natur ungeeignet
ift, die Eigentümlichkeit des Göttlichen auszudrücken,
trotzdem wird fie „zur Wahrung der hiftorifchen Continui-
tät" herübergenommen. Anftatt einer hier befonders
nötigen Neubildung wird der breite Weg der Überliefer-
rung vorgezogen. Mit Recht wird hervorgehoben, daß
Jefus den Ausdruck Sohn Gottes in dem „realpfycholo-
gifchen Sinn der engften Wefensgemeinfchaft" von fich
gebraucht hat. Aber aus der religiöfen Gottinnigkeit
wird fofort die metaphyfifche Gottesfohnfchaft gefolgert.
Unzureichend ift auch die Berichterftattung über die
Chriftologie des Prinzips. Mit Recht wird abgelehnt, daß
die Chriftusidee an die Stelle der hiftorifchen Perfon
trete. Aber wie fo oft bei L. wird der eigentlich fprin-
gende Punkt gar nicht berührt, die Frage, ob eine von
Gott ausgehende Geifteswirkung, die in der Perfon Jefu
ihre höchfte hiftorifche Verwirklichung gefunden hat,
auch vor der Perfon Jefu und über ihre unmittelbare
Wirkung hinaus Leben erzeugt hat. — Die alte
Gegnerfchaft L's gegen Ritfehl und feine Schule hat
an über 40 Stellen zu Verdikten über diefe Theologie
geführt. Ein Verfuch, diefer Theologie eine pofitive Bedeutung
abzugewinnen, wird nicht gemacht. Von dem
Gefichtspunkt aus, daß diefe Schule „das Angeborenfein