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Ausgabe:

1922 Nr. 15

Spalte:

351-352

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rickert, Heinrich

Titel/Untertitel:

Allgemeine Grundlegung der Philosophie 1922

Rezensent:

Goedeckemeyer, Albert

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35i

Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 15.

352

Güttier, Prof. Dr. C: Einführung in die Gefchiehte der neueren
Philofophie des Auslandes. (221 S.) 8°. München, E. Reinhardt
1922. M. 20 —
Das Buch enthält auf 200 Seiten etwas über 1000 Namen, mit
beigefügten Notizen und charakterifierenden Stichworten, auch (leider
nicht umfallend und vor allem nicht bibliographifch genau genug) mit
Angabe der Hauptwerke. Angeordnet ill es nach Ländern, den einzelnen
Ländern find Tabellen vorangeftellt. Anfpruch auf Originalität erhebt
es nicht, die Anlehnung an Überweg-Öfterreich und Eisler (Philo-
fophenlexikon) wird felbft Imrvorgehoben. Als brauchbarer Behelf für
die, die jene Werke nicht täglich zur Hand haben, ift es gedacht und
als folcher auch zu empfehlen.
Göttingen. E. Hirfch.

Rickert, Heinrich: Allgemeine Grundlegung der Philolophie.

(Syftem der Philofophie, I. Teil). (XVI, 419 S.) Lex.

8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1921. M. 72 —

Diefe allgemeine Grundlegung der Philofophie kommt
in der Hauptfache auf eine Beftimmung des Begriffs der
Philofophie nach Form und Inhalt hinaus. Im Gegenfatz zu
allen antifyftematifchen Strömungen unferer Zeit beftimmt
fie die Philofophie als Syftem vom Weltall und charakterisiert
fie damit im Gegenfatz zu allen atheoretifchen
Weltanfchauungen als eine theoretifche Betrachtung der
Welt oder eine theoretifche Ordnung und Auffaffung des
Weltganzen. Eben darum befchränkt fie fie auch nicht
auf Seinsfragen. Zum Weltall gehört außer dem wirklich
Seienden auch die irreale Welt der Wertgebilde. Sie
ebenfalls zu behandeln kann der Philofoph um fo weniger
vermeiden, als er fich als theoretifcher Menfch in den
Dienft der Wahrheit oder des theoretifchen Wertes ftellt.
Damit aber erweitert fich die Philofophie zur Welt-
anfchauungslehre. Von den ihr als folcher zufallenden
Problemen fleht aber das Wertproblem fogar in erfter
Linie, weil auch das philofophifche Wirklichkeitsproblem,
das in der Auffaffung des Wirklichkeitsganzen als Aufgabe
oder Idee fteckt, einen Wert bildet. Und diefes
Totalitätsftreben, das in jeder univerfalen Betrachtung
fteckt, führt nun zu der Einficht, daß es die Philofophie
überall mit Wertproblemen zu tun hat. Der Verfuch
einer Verbindung der beiden Reiche der Wirklichkeit
und der Werte hat weiterhin die Aufftellung eines dritten
Reiches zur Folge, das Rickert als das Zwilchenreich des
immanenten Sinnes oder als Einheit von Wert und Wirklichkeit
im Akterlebnis bezeichnet, das näher als das freie,
urfachlofe und autonome Subjekt beftimmt wird. So
kommt das Subjekt zugleich als lebendiges in feiner Unmittelbarkeit
für die Philofophie in Betracht, die dadurch
auch zur Lebensphilofophie wird. In den durch diefe Entwicklung
des univerfalen Weltbegriffs feftgelegten Rahmen
wird dann durch ein in feinem Material aus der Kultur
entnommenes, durch die fchon für die Entwicklung des
allgemeinen Weltbegriffs benutzten Formen von Subjekt
und Objekt, reales Sein und irreales Gelten, Form und
Inhalt eingeteiltes und aus dem Prinzip der Vollendung in
eine Rangordnung gebrachtes Wertfyftem die Gliederung
der Philofophie eingefügt und damit zugleich ein feiner
Form nach gefchloffenes, feinem Inhalte nach aber offenes
Syftem gewonnen in dem Sinne, daß der Philofoph .nur
von feinem formalen Begriffsapparat hoffen darf, daß
er dauernd ins Zeitlofe hineinragt'.

In diefen, nur in der Hauptlinie fkizzierten Zufammen-
hang hat R. an den gehörigen Stellen die Behandlung
wohl aller Probleme eingefügt, die für den philofophifcben
MenfchenIntereffe haben: Intellektualismus und Intuitionismus
, Metaphyfik und .Prophyfik', Materialismus und
Spiritualismns, Theismus und Pantheismus, Soziologie
und Gefchichtsphilofophie, Willensfreiheit, Liebe zwifchen
Mann und Frau ufw., immer beftrebt, den hohen Begriff
der Philofophie als einer theoretifchen Betrachtung des
Weltganzen feftzuhalten. Und dafür wird ihm jeder dankbar
fein, der gegenüber dem oft recht feltfamen Gebah-
ren moderner .Fhilofophen' der Philofophie den Charakter
einer Wiffenfchaft bewahren möchte. Wer mit folchem
Wollen Rickerts Buch in die Hand nimmt, wird reichen

Gewinn davontragen, ganz einerlei ob er in Einzelheiten
oder auch in grundlegenden Anflehten von ihm abweicht.
Königsberg i. Pr. Goedeckemeyer.

Wundt, Wilhelm: Kleine Schriften. III. Bd. (vi, 549 S. m. 22 Ab-
bildg.) 8°. Stuttgart, Alfred Kröner 1921. M. 54 —

Derfelbe: VÖlkerpfychologie. Eine Unterfuchg. der Entwicklungsge-
fetze v. Sprache, Mythus u. Sitte. 9. u. 10. Bd. gr. 8°. Stuttgart,
A. Kröner. M. 35—; geb. 43—-

9. Bd. Das Recht. (XVIII, 484 S.) 1918. M. 15 — ; geb. M. 19—.

10. Bd. Kultur u. Gefchiehte. (IX, 478S.) 1920. M. 20—; geb. M. 24—.
Wie Max Wundt mitteilt, hat noch fein Vater felbft die Sammlung
zufammengeftellt und in fie folche Abhandlungen aufgenommen,
„die in irgend einem Sinne für die Entwicklung feiner Anfchauungen
kennzeichnend find". Die meiden entdammen den Jahren 1881—98
(nebd einem Anhang von 1867); fie find fämtlich den „philofophifchen
Studien" entnommen; der Wiffenfchaftslehre und Logik gehören an die
Auffätze über die Einteilung der Wiffenfchaften, über die mathematifche
Induktion und über die Logik der Chemie; in diefer haben nach W.
die Methoden der naturwiffenfehaftlichen Induktion ihre fchärfde Ausbildung
gefunden, aber auch in der Mathematik fpiele die Induktion
eine weit bedeutfamere Rolle als gemeinhin angenommen wird. Die
erde Abhandlung id lehrreich durch die Überficht der bisherigen
Klaffifikationsverfuche der Wiffenfchaft und bedeutfam namentlich durch
die an Comte geübte Kritik fowie durch Wundts eigene Aufdellung.
Er unterfcheidet vorab das Sydem der Einzelwiffenfchaften und das der
Philofophie, in dem erden die formalen Wiffenfchaften (mathematifche
Disziplinen) und reale oder Erfahrungswiffenfchaften, die weiter in Natur-
und Geifteswiffenfchaften zerlegt werden. Letztere werden in Wiffenfchaften
von den geidigen Vorgängen (Pfychologie), von den Geidescr-
zeugniffen (Philologie als Grundwiffenfchaft; Nationalökonomie, Politik,
Sydematifche Rechtslehre, Sydematifche Theologie ufw.) und von der
Entwicklung der Geideserzeugniffe (Hidorifche Wiffenfchaften) unter-
fchieden. Ein anderer Gefichtspunkt id, daß nicht nach den Gegen-
dänden unmittelbar, fondern nach den Begriffsbildungen, welche durch
die Gegendände angeregt werden, fich die Trennung der Wiffenfchaften
richtet (28). Von diefem Gefichtspunkt aus hat man bekanntlich neuerdings
auch die Einteilung in Natur- und Kulturwiffcnlchaften abzuleiten
verfucht, die W. noch auf die Unterfcheidung von Subjekt und
Objekt der Erkenntnis zurückführt. Die Abhandlung über „biologifchc
Probleme" verlangt eine dreifache „Interpretation" der Lebensvorgänge,
die chemifche, phyfiologifche und pfychologifche; man lied noch heute
die allerdings ftark fehematiiehe, aber kühn kondruierende Darlegung
mit Intereffe; von den Defideraten der heute modernen chemifchen Auffaffung
des Lebens wird man wefentliches kaum vermiffen. Dazu tritt
dann freilich die heute nicht überall vorhandene Einficht, daß das pfy-
chifche Gefchehen nicht eine bloße Eigenfchaft materieller Subdanzele-
mente, fondern „felbd das urfprüngliche Reale (200)" id. Der Methode
der Pfychologie find gewidmet die Auffäfze „über die Methode der Minimaländerungen
", die an der Unterfuchung des Zeitsinncs fowie der
Unterfchiedsempiindlichkeit für Schalldärken verdeutlicht wird, über
„Selbdbeobachtung und innere Wahrnehmung", wo das Experiment als
„eine durch objektive Hilfsmittel verfchärfte und dreng genommen fogar
erd ermöglichte Methode der Selbdbeobachtung" erwiefen wird, über
„Logik und Pfychologie" (1911), wo die Gefchiehte der Vergewaltigung
pfychologifcher Erkenntnis durch die Logik und Reflexion in Ws. bekannter
Art erzählt id, über „Die Pfychologie im Kampf ums Dafein"

(1913), die bekannte Strcitfchrift gegen die Loslöfung der Pfychologie
von der Philofophie. Schwierige pfychologifche Einzelfragen erörtern die
umlaffenden Abhandlungen über ,die Empfindung des Lichts und der
Farben' und ,Zur Theorie der raumlichen Gefichtswahrnehmungeu'; natürlich
geben fie, wie alle anderen, nicht den gegenwärtigen Stand der
Diskuffion wieder, wer aber in die Problemdellung fich einarbeiten will,
wird aus Ws. hidorifchen und kritifchen Darlegungen reiche Förderung
gewinnen können. Von prinzipieller Bedeutung id die Abhandlung
zur Frage der Lokalifation der Großhirnfunktionen, in der Münks Lo-
kalifationslehre und ihre Verbindung mit der nach W. ebenfalls unhaltbaren
Theorie der fpezififchen Sinnesenergien fcharf bekämpft wird.
Der Auffatz über den Begriff des Gefetzes, mit Rückficht auf die Frage
der, Ausnahmslofigkeit der Lautgefetze', aus einer fpeziellen linguidifchen
Diskuffion herausgewachfen, behandelt den Gefetzesbegriff in feiner
Übertragung aus der Naturwiffenfchaft auf das pfychologifche Gebiet.
Die Frage ,Wer id der Gefetzgeber der Naturgcfctze?' wird dahin beantwortet
, daß bei Descartes, Leibnitz, Newton Gott als Urheber gedacht
wird, im i8ten Jahrhundert die Natur felbd, im igten die einzelnen
Naturforfcher.

Den Abfchluß der großangelegten VÖlkerpfychologie (vgl, Jahrg.
1917, Sp. 329 fr.) hat noch der Autor felbd veröffentlichen können,
Hatte Bd. 8 die Entwicklung zum modernen Rechts- und Kulturdaat
betrachtet, fo behandeln die Schlußbände, wobei zahlreiche Berührungen
unausbleiblich find, Recht, Kultur und Gefchiehte. Am bedeutfamden
id im 9ten Bande „die Entwicklung des Willens" (219—376). Nach
einer Kritik der bisherigen Willenstheorien, insbefondere der logifchen,
worin er nur eine fyllogidifche Umdeutung der Erfcheinungen andatt
ihrer tatfächlichen Befchreibung erblickt, bietet Wundt feine eigene
Analyfe, die natürlich mit dem aus den Grundzügen der phyfiologifcben
Pfychologie (Kap. 17) bereits Bekannten wefentlich übereinkommt, aber
als Ergänzung, z. T. auch Klärung derfelben volle Aufmerkfamkeit be-