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Ausgabe:

1922 Nr. 14

Spalte:

320

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weinel, Heinrich

Titel/Untertitel:

Die Hauptrichtungen der Frömmigkeit des Abendlandes und das Neue Testament. Rede 1922

Rezensent:

Windisch, Hans

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319

Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 14.

320

Schaeder, Prof. D. Erich: Die Sündlofigkeit Jehl und ihre
Bedeutung für unfere Heiligung. Zwei Vorlefungen.
(40 S.) 8°. Leipzig, A. Deichert 1921. M. 6 —

Verf. fetzt damit ein, daß Jefus als perfönlicher Träger
der Gnade Sündenvergebung felbfttätig übe, nicht nur
verkünde. Er überfchätzt wieder Mk. 2,1 ff., wogegen
vgl. z. B. Zahns Auslegung von Matth. 9. Selbfttätig,
aber nicht felbftherrlichl Das Vergeben ,letzt in Gott
ein und fetzt fich durch Jefus fort'. ,Der Gnadenwille,
der in Gott lebt, wird immer auch in Jelus Wille'. Denn
Gott gebe ihm Teil an aller feiner Macht. Bei diefer
Subordination fteht Jefus dem Abfoluten als folchem
gegenüber auf unferer Seite, weshalb Verf. S. 8 f. vor-
fichtiger umgehen follte mit ,abfolut'. Wer bei Jefus das
Teilbekommen, Empfangen, Nehmen, Glauben fo ftark
betont, wie mit Recht Verf. tut, fteuert unaufhaltfam
weg von der Homoufie, auch von der ethifchen. Denn
das Geben Jefu ift nicht mit dem Geben Gottes wefens-
eins, weil es Empfangenes — empfängt auch der Ab-
folute? — weitergibt. Aber die Sündlofigkeit Jefu ift
allerdings ein Fundamentalartikel des chriftlichen Glaubens.
Die exegetifch-hiftorifche Begründung fcheint mir jedoch
zu verfagen, wenn S. 11 f. 19 bei der Deutung von
Mk. 10,18 ,Niemand ift gut' das unechte reXeiog
Matth. 19,21 beiträgt, die Tragweite des Rufes in die
Nachfolge zu übertreiben, und es S. 16 vom Verfuchungs-
vorgang (Matth. 4) heißt, feine .Zeugen (fo 1) .... laffen
die Gott widerftrebende Macht der Gefchichte perfönlich
von außen her auf Jefus einwirken und Gedanken in feine
Seele werfen, deren er felbft nicht fähig war'I

In feinen Ausführungen über unfere Heiligung vertritt
Verf. vortrefflich Grunderkenntniffe der Reformation.
Unfere Heiligkeit fei unfer gottgewirkter Glaube. Man
müffe ihn nur in feiner lebendigen Fülle nehmen. In feiner
Bewahrung beftehe unfere Selbftheiligung. Was aber
Verf. S. 32/3 fagt, um die anthropofophifche Lehre von
der Wiederverkörperung als Mittel, die Vollendungsfehn-
fucht zu ftillen, zu überbieten, ift nicht ganz deutlich.
Gewiß, der Chrift hofft auf feine Vollendung in der
Himmelswelt ftatt in der Körperwelt. Aber gefchieht
fie, wenn ,der Tod kommt', mit einem Schlage? Und es
wäre nicht unlutherifch gewefen, deutlich von Vollendung
in der Liebe zu reden. — Man muß den beiden felbft-
verftändlich wertvollen Vorlefungen viele Lefer wünfchen.
Leipzig. K. Thieme.

Hoff mann, Prof. D. Richard Adolf: Das Geheimnis der
Auferftehung Jefu. (167 S.) 8°. Leipzig, O. Mutze
1921. M. 12 —

Für die Evangelien ift die Auferftehung Jefu ein Allmachtswunder
Gottes an dem Gekreuzigten; und darin
beftand dies Gotteswunder, daß eben der Leib, welcher nach
wirklichem Sterben am Kreuz ins Grab gelegt ward, zu
einem neuartigen Leben aus dem Grabe wieder hervorging
. Zu der großen Schar derer, welche diefen Glauben
an das Auferftehungswunder rational zu deuten verfuchen,
und damit das fpezififche Gotteswunder grade wegdeuten,
gehört auch unfer Verfaffer. Andern folgend, vollzieht
er die Rationalifierung der Erfcheinungen Jefu nach
feinem Tode durch Einordnung derfelben in den größeren
Zufammenhang der feines Erachtens genügend geficherten
Manifeftationen Verftorbener durch mediumiftifche Mate-
rialifationen. Dazu muß er dann freilich den Nachweis
mediumiftifcher Eigenfchaften bei den Jüngern erbringen,
deren auch diefer Verftorbene zu feinen Kundgebungen
bedurfte. Es gelingt dem Verf. natürlich, folche, namentlich
bei Petrus, nachzuweifen, von dem wir zugleich erfahren
, daß er der zweite der Emmausjünger gewefen
fei. Der Schauplatz diefer Manifeftationen ift Galiläa.
Der Jüngerglaube an ein Hervorgehen des Verftorbenen
aus dem Grabe in verklärter Leiblichkeit beruht auf einer
bei der Greifbarkeit und Sprachfähigkeit des Phänomens,
wofür Verf. aus der okkultiftifchen Literatur eine ganze

Reihe von Parallelen anführt, durchaus verftändlichen
unzutreffenden Apperzeption der Erfcheinung. Die Erzählungen
vom leeren Grab erklärt Verf. für aus diefem
Glauben fpäter entftandene Legenden; dagegen erfcheinen
ihm die realiftifchen Züge der Auferftehungsgefchichten
durch Berichte von mediumiftifchen Phänomenen, die fich
betaften ließen, fprachen und Speifen zu fich nahmen,
durchaus beglaubigt. Wer all jene Berichte für zuver-
läffig hält bis hin zu den phantaftifchen Sitzungen der
Frau Lacombe in Liffabon, für den mögen die Deduktionen
des Verfaffers etwas ungemein Überzeugendes
haben, und er ftutzt wohl auch nicht bei der Parallel-
fetzung des Zerreißens des Vorhangs im Tempel mit der
Lampenzertrümmerungsmanifeftation feines verftorbenen
Patienten an den Arzt Caltagirone in Palermo. Anders
, wer zu dem Meiften von jenen Erzählungen
meint ein Fragezeichen fetzen zu müffen. Er wird Behauptungen
wie die folgende (S. 169): „Er (der geftorbene
Jefus) befaß einen Fluidalleib, der durch Ausftrömungen
aus den Körpern der Jünger verftärkt wurde und fo nicht
bloß fichtbar werden konnte, fondern durchaus den Eindruck
eines diefer Erdenwelt angehörigen, lebendigen
Leibes hervorrief", wenn er milde urteilen will, zum minderten
als eine ftarke wiffenfchaftliche Voreiligkeit an-
fehen. Die fchlichten neuteftl. Erzählungen in diefer Ge-
fellfchaft zu finden, hat jedenfalls etwas Befremdliches.

Die praktifche Bedeutung der Phänomene nach dem
Hinfeheiden Jefu tritt dem Verf. ganz unter den hier
auch fonft üblichen Gefichtspunkt: fie bedeuten eine
Sicherftellung unferer Fortexiftenz nach dem Tode im
Sinne des fpiritiftifchen Glaubens.

Herrnhut. Th. Steinman n.

Weinel, Prof. D. Dr. H.: Die Hauptrichtungen der Frömmigkeit
des Abendlands und das Neue Teftament. Rede, gehalten
zur Feier der akademifchen Preisverteilung.
(27 S.) gr. 8°. Jena, G. Fifcher 1921. M. 5 —

Als die wertvollften religiöfen Strömungen der Gegenwart
empfindet Weinel die Ehrfurchtsreligion (d. i. den
prophetifchen Religionstypus nach der Einteilung von
Söderblom, Heiler u. a.) und die Myftik. Nachdem er kurz
gezeigt, daß die erftere im Volk Iffael ihre klaffifche Entfaltung
erlangt und daß die letztere, aus den Myfterien-
religionen entfprungen, beiPlato zu höchfter Vergeiftigung
gelangt und bei Philo zum erftenmal mit biblifch-prophe-
tifcher Frömmigkeit fich verbindet, verfolgt er das Auftreten
und die Verfchmelzung beider Richtungen in den
neuteft. Dokumenten. Jefus ift reiner Zeuge der Ehrfurchtsreligion
, erft bei Paulus tritt die Myftik hervor,
aber angegliedert an die Religion der Gnade und der
Ehrfurcht, die durchaus dominiert; ihren Höhepunkt an
Lebendigkeit, Kraft, Innigkeit und Bewegung erreicht die
Myftik bei Johannes, der auch die Gottesmyftik (PI. nur
die Chriftusmyftik) kennt, aber gleichfalls die Myftik der
Religion des Glaubens und der Liebe unterordnet.

Auch wer die neuteft. Theologie Vf.'s kennt, wird diefe Studie
mit ihrer klaren Linienführung mit Gewinn lefen. Sie zieht die Hauptlinien
ganz ähnlich wie Bultmann in feinem Eifenacher Vortrag über
.Ethifche und myftifche Religion im Urchriftentum' (Chriftl. Welt 1920),
aber fie verzichtet auf kritifche Auseinanderfetzung und gibt nur pofi-
tive Würdigung, Gliederung der religiöfen Erfcheinung und Vermutungen
über die Herkunft der myftifchen Züge. Mit W. glaube auch ich, daß
die Myftik bei PI. zwar helleniftifch angeregt, aber der Ehrfurchtsrcligion
organifch angegliedert ift. Ich würde indes das Myftifche in der
Chriftusreligion des PI. ftärker betonen als W. es tut; auch läßt fich
das Zufammenfchmelzen von .prophetifcher' und myftifcher Frömmigkeit
noch anfchaulicher machen, wenn man aufzeigt, wie die Ehrfurchtsreligion
bei PI. vornehmlich in der Form eines meffianifchen Enthu-
fiasmus auftritt; die Chriftusmyftik bildet dann ein eigenartiges Mittel-
ftück zwifchen dem Glauben an den Chriftus, der gekommen ift, und
dem hoffenden Verlangen nach dem Chriftus, der kommen foll.

Eine Kleinigkeit (S. 23); Iflam und Judentum find kaum von den
großen Kirchenlehrern aus von der Myftik ergriffen worden, fondern
von Neuplatonismus und vielleicht auch von Indien her. — Anregend
ift der Exkurs am Schluß über ftoifchc und apokalyptifche Einflüffc im
N. T. Hier wäre natürlich noch fehr viel mehr zu lagen.

Leiden. II. Windifch.