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Ausgabe:

1922 Nr. 13

Spalte:

294

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Teologisk Tidsskrift. 4. Reihe, Bd. II

Titel/Untertitel:

2 - 4 1922

Rezensent:

Scheel, Otto

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293

Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 13.

294

ich hier anzeige, verfährt Nötzel mehr konftruktiv, indem
er deutfche und ruffifche Art vergleicht und aus
dem Lichte, das fie fich in ihrem Kontrafte gegenfeitig
gewähren, die letzten Formeln gewinnt. Es ift das Hauptmerkmal
der Befinnung, die Nötzel übt, daß fie Formeln
fucht. Er will recht eigentlich das ruffifche
Wefen aus feinen Urelementen, die doch natürlich ihr
konkretes Gepräge in der Entwicklung der Gefchichte
des Volks gefunden haben, verftändlich machen, nicht fo
fehr ,fchildern' wie als Refultat eines Prozeffes von Gegebenheiten
und Erlebniffen kennzeichnen. Der Theolog
wird manches erheblich anders beurteilen, als er, und
fich ihm zuletzt doch zu Dank verbunden wiffen, fofern
er durch ihn vielerlei Anregung gewinnt und zum Teil
fich auch mahnen laffen muß, nicht voreilig über die
ruffifche Frömigkeit, z. B. ihre Gebundenheit in den
kirchlichen (foll heißen: liturgifchen, fymbolifchen)
Formen abzuurteilen. Nötzel idealifiert die ruffifche
Frömmigkeit. Er fieht nicht, oder bringt nicht in An-
fchlag, wievieles darin bis zur .Intelligenz' hinauf Aberglauben
ift und bleibt. Bei den ruffifchen Atheiften
fieht man ja auf Schritt und Tritt, daß nicht alle frei find,
die ihrer Ketten fpotten. Ganz überrafchend ift, daß
Nötzel dem Ruffen überwiegend .fittliches Intereffe' zu-
fchreibt. Der Gegenfatz ift das Denkintereffe des .Deutfchen'.
Gemeint ift die Herdenhaftigkeit ruffifchen Gemeingefühls
gerade auch in der Not — und ,Not', Leid, un-
fäglicher Druck ift feit der Tatarenzeit die Signatur des
ruffifchen Volks gewefen, in allen Schichten, außer etwa
dem Adel —; das .Mitleid' ift ficher eine ftarke Note im
ruffifchen Volksgeifte. Aber nur in erlefenen Geiftern
fteigert es fich zu eigentlicher fittlicher Tatkraft. Im
Grunde doch auch bei Tolftoi nicht I (Darüber wird
Nötzel bei Holl Bemerkenswertes lefen können). Stark
hebt Nötzel hervor und mit vollem Rechte, daß ,der
Ruffe' höchft unausgeglichen, jäh umlchlagend in feinen
Empfindungen, Strebungen, Gedanken fei. Ihm fehle
— im Unterfchiede von ,dem Deutfchen' — die .Kritik'
des eigenen Wefens, am meiften feiner felbft als Einzel-
perfon. Der Deutfche .refpektiere' aus innerem Bedürfnis
jeden andern in feiner .Freiheit', der Ruffe niemanden.
Auch als Helfer fei er gewalttätig, im Grunde jeder ein
Despot. Er wiffe fich letztlich immer zu .rechtfertigen',
am ficherften vor fich felbft, was dem Deutfchen am
fchwerften falle. Auch mir ift es längft bemerklich gewefen
, daß der Ruffe als .Weltverbefferer' fo voll unbedingter
Zerftörungsluft ift, wie kein Abendländer es
wagt. Von Pietät gegen das Beftehende gar nicht zu
reden (fie war den Zuftänden gegenüber, die fich unter
tatarifcher und zarifcher .Autokratie' entwickelt hatten,
eine feelifche Unmöglichkeit), fo handelt es fich vielmehr
um eine Brutalität des Reformwillens, die doch noch etwas
anderes ift, als was wir bei uns als .Theoriereiterei'
kennen. Als Theolog bringe ich das damit in Verbindung,
daß die orthodoxe Kirche keine fittliche Erzieherin ift.
Vielleicht darf man ihr latente Kräfte, eine folche einmal
zu werden, zufchreiben. Die Befchäftigung mit So-
lowjew kann einen auf folche Gedanken bringen. Gerade
ihn berückfichtigt Nötzel kaum. Den Unterfchied deutfchen
und ruffifchen Wefens fieht letzterer im praktifchen
Schaffen darin, daß wir als .Geiftesmenfchen' Idealiften,
die Ruffen Äftheten feien. Ich glaube, daß das keine
üble Formel ift und mit dem Unterfchiede des Kirchen-
wefens bei uns und den Ruffen zufammenhängt. Doch
faffe ich da das abendländifche Chriften- und Kirchentum
als eine Einheit, während es doch den Gegenfatz von
Katholizismus und Proteftantismus in fich birgt. Wie
fern ,das Deutfchtum' dadurch in unterfchiedliche Typen
auseinandergetreten, wäre heranzuziehen, wenn ich mir
erlauben dürfte, mit Nötzel hier zu diskutieren. Nötzel
kennt die .deutfche' Frömmigkeit eigentlich nur als folche
von der Art Meifter Eckarts, aber es hat auch einen
Luther unter uns gegeben. So außergewöhnlich viel

Feines und Beachtliches Nötzel bietet, hat er neben allzuviel
Konftruktivem auch des Schablonenhaften zu viel.
,üer ruffifche Geift' und ,der deutfche Geift', das find
letztlich doch bloß Generalnenner, unter denen in der
Gefchichte gar viele konkrete Typen geftanden haben
und flehen. Nötzel hat doch noch nicht das nächfte
Buch gebracht, auf deffen Aufgabe ich vorhin nach der
Befprechung des Haafefchen hinwies.

Halle. F. Kattenbufch.

Teologisk Tidskrift redigeret af J. 0. Anderfen og F. E.

Torrn. (4. Raekke, II. Bind 2., 3., 4. Haefte.) (S.

67—176, 177—272, 273—348.) 8°. Kopenhagen, G.

E. C. Gads Forlag 1921.
Neben einer ausführlichen dogmatifchen Unterfu-
chung von Paul Broderfen über den Offenbarungsbegriff
in Wilhelm Hermanns Theologie — Hermann hat keinen
rechten Blick für den Entwicklungsgedanken, für die
vorbereitende Offenbarung: man muß zu dem großen
Offenbarungszufammenhang zurückkehren, der durch den
Logos begriffen wird, der immer in der Welt gewirkt
und die Menfchheit vorwärts und aufwärts geleitet
hat —, einer neuteftamentlichen Skizze von FCKrarup
über ein Stück aus der paulinifchen Theologie — Paulus
fieht Jefu Werk vor allem unter dem Gefichtspunkt einer
intenfiven Aktivität, eines Kampfes im eigentlichen Sinn,
und zwar eines Kampfes mit den unfichtbaren dämoni-
fchen Gewalten und dem Tode, deren Überwindung die
Hauptfache feiner Erlöfungstat ift, nicht alfo die Paffion
und Verföhnung — und einer kirchenhiftorifchen Darfteilung
von WNorvin über den Piatonismus im 12.
Jhd. — die befondere Stellung der Schule zu Chartres,
ihre humaniftifchen und platonifchen Studien — fei vornehmlich
auf die kirchengefchichtlichen Berichte aus der
Gegenwart hingewiefen, auf Marcus Gjeffings Bericht
über das kirchliche Leben in Norwegen 1920, Edv.
Rodhes Bericht über die fchwedifche Kirche 1920,
RThomfens Bericht über das englifche Kirchenleben
1920, Lindegaard Peterfens Bericht über die proteftan-
tifche Kirche in Frankreich 1920 und auf J Oscar An-
derfens Nekrolog auf Emil Flöyftrup, den früheren Herausgeber
der Teologisk Tidsskrift, vor allem aber den
gründlichen Kenner des englilchen und fchottifchen
Kirchentums in Vergangenheit und Gegenwart und den
klugen Beobachter der internationalen kirchlichen Ein-
heitsbeftrebungen.

Tübingen. O. Scheel.

Mowinckel, Sigmund: Pfalmenltudien. I. Awän und die
individuellen Klagepialmen. (VI, 181 S.) Lex. 8°. Kri-
ftiania, Jacob Dybwad 1921.
Wer find die TlX ibyn, wer die O^ttT), die ür?Tg, wer
überhaupt die böfen Feinde in den Pfalmen? Falich ift
die übliche Anficht von den erbitterten Streitigkeiten in
der nachexil. Judenfchaft. Parteiunterfchiede zwifchen
den Frommen und den Weltmenfchen fpielten keine
Rolle, man ftand allgemein auf dem Boden des Gefetzes,
nur mit größerem oder geringerem Eifer. Die Pff. find
überhaupt in der großen Mehrzahl nicht nachexilifch,
makkabäifche Pff. gibt es nicht. .Ihre Religion ift im großen
und ganzen alles andere als Nomismus. Wir finden
in ihnen in Wirklichkeit recht wenig von dem fpätjüdi-
fchen Gefetzeseifer. Die Menfchen der Pff. find durchaus
.Primitive', ihre Vorftellungen, ihre Furcht und ihr Haß
nur von hier aus zu verliehen.

Wer find alfo die feinde? ,Die größte Furcht des
alten Israeliten ift der^ aun'. Aun — ältere Form von
TJ» — aber ift Zauber, die Auntäter Zauberer. ,In der
Furcht vor dem aun verbrachte der alte Israelit einen
größeren Teil feines Lebens'. Alle Krankheit flammt
von den Auntätern. Sie wirken im Verborgenen durch
Fluchworte, durch Hexenwerk. "iWi, !TT53"}, nana, 3J3
ufw. find Zauberworte. Jef. 10,1 redet von Zauberrunen,