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Ausgabe:

1922 Nr. 12

Spalte:

284

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Alvermann, Karl

Titel/Untertitel:

Lebensziele 1922

Rezensent:

Lüttge, Willy

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Seite 1

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283 Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 12. 284

Paulus und Johannes zu erfaffen. Die religionsgefchicht-
liche Betrachtung hat überall auf die Umwelt der bibli-
fchen Religion und des kirchlichen Chriftentums zu achten
: vom Anfang an bis zur Gegenwart follten Vorlefun-
gen diefer Art die alten Kollegs begleiten. Natürlich
foll die Dogmatik bleiben, was fie ift: Wiffenfchaft vom
Chriftentum, wie die andern Fächer beftimmt, die Selbft-
erkenntnis des Chriftentums zu fördern; weniger hiftorifch
als gegenwärtig gerichtet, foll fie den Wahrheitsgehalt
des Chriftentums für heute herausftellen (Kunze); und
zwar unterftützt von einer Religionsphilofophie, die mehr
induktiv-empirifch als deduktiv-dialektifch, alfo religions-
pfychologifch arbeitet. Die Apologetik durchdringe ihre
ganze Breite, indem fie die einzigartige Stellung des
Chriftentums als Religion und den andern Erkenntnisgebieten
gegenüber als Wahrheit beweift (Girgenfohn).

Die pädagogifchen Anweifungen zeugen von reicher
Erfahrung und großer Befonnenheit. Um Platz für die
neuen Fächer zu fchaffen, muß man die Exegefe auf die
Behandlung weniger Stücke einfchränken, an denen kri-
tifches und exegetifches Verftändnis gelernt werden foll.
Die Behandlung in Zeitkreifen wird empfohlen, die z. B.
die Genefis mit 1 Sam. 9 ff. zufammenftellt. Der überwuchernden
Philologie wird mit Recht die Forderung
einer pneumatifchen Exegefe entgegengeftellt, die diefel-
ben Schriften auf ihren religiöfen Gehalt hin unterfucht.
Befonnen wird die Arbeit im Seminar und die Vorlefung
gegeneinander abgegrenzt: wo nur felbfttätiges Arbeiten
möglich ift, trete es ein; aber z. B. in der Dogmatik behält
die Vorlefung ihr Vorrecht; dafür aber werde fie
wie auch die ahnlichem Gefetz unterliegende Kirchenge-
fchichte von Übungen und Konverfatorien umgeben. In
der letztgenannten Disziplin kommt es weniger auf Einzelheiten
und Liebhabereien des Dozenten als auf fein
perfönliches Urteil an (Wiegand). — Sehr gut ift, was v.
d. Goltz über die Praktifche Theologie zu fagen hat. Sie

in der Welt feine Befriedigung: das, was die Wiffenfchaft ,Anpaffung'
und der Glaube ,Beftimmung' nenne. Da man nun von dem Dafein
der vollkommenen Welt auf Gott als ihren Schöpfer und Lenker fchließen
muffe, fo fei es nicht wider die Vernunft, auch an eine Abhülfe für
das Böfe zu glauben. Die fei gekommen in Jefus Chriftus. Er habe
gezeigt, daß dienende Liebe die Welt erlöfe. Indem der Mentch
das Wagnis die'es Glaubens auf fich Dehme, führe er die unterbrochene
Entwicklung zu ihrem wahren Ziele. So fei alfo gezeigt, daß Glaube
nichts Unerlaubtes fei in einer wiffenfchaftlich eingeftellten Welt, vielmehr
ein von ihr felbfl dringend benötigtes Element der Welterfahrung,
und zugleich fei damit ein Weg aufgewiesen, wie die in der Natur angedeutete
moralifche Tendenz bei uns durch die Vorbildlichkeit Jefu
geftärkt und weitergeführt werden könne.

Nun tut es ficher unferer Zeit, die bereits wieder geneigt ift, das
fpekulative Element in de: Religion zu iiberfchätzen, fehr gut, wenn ihr
getagt wird, daß Religion neues Leben ift. Aber fo einfach wie vor
150 Jahren liegen die Dinge für uns nicht mehr, daß wir ohne Ein-
fchränkung zu fagen wagten: die Welt ift im Grunde gut und vernünftig
und der Menfch ift das Ziel ihrer Entwicklung (S. 205). T.s
Optimismus ift genau wie der des Darwinismus rein dogmatifch. Man
vermißt bei dem Verf. ebenfo fehr die auf wirklicher Verlenkung in den
Gegenftand beruhenden Einlichten des Naturforfchers, z. B. über das Wefen
des Lebens und über das Bewußtfein bei Tieren, wie auch die
tiefgründige Skepfis des Glaubens. Seine Annahme pfychologifcher
und naturgefchichtlicher Stufen wird auf Grund der neueren Forfchungen
ebenfo unhaltbar wie fein naiv anthropozentrifcher Entwicklungsglaube.
Und an die Stelle des unbefangenen Vertrauens in die Allmacht der
Vernunft tritt uns mehr und mehr die Einficht in die rationale Unbegreiflichkeit
von Welt, Menfch und Gefchichte. So fehr wir uns um
einen Sinn von Welt und Leben immer bemühen müffen, fo wenig
können wir doch folchen immanenten Sinn einfach mit dem göttlichen
Sinne gleich fetzen. Man ift da, um ein naheliegendes Beifpiel zu erwähnen
, erftaunt zu fehen, wie wenig der Krieg den Verf. im Grunde
erfchüttert hat, und wie fchnell er mit einer vorbereiteten Sinnkategorie
zur Hand ift. Er erklärt ihn durch eine Pervertierung der Deutfchen
und hat ihn damit als gefchichtliches und moralifches Ereignis rafch
abgetan (S. 178). Glaube ift ihm eben ganz pragmatiftifch das auf
allen Lebensgebieten ftch äußernde Fürwahrhalten von etwas Unbe-
wiefenem auf Grund feiner praktifchen Brauchbarkeit. Andrerfeits
freilich — darin hat T. völlig recht — ift die heutige fyftematifche
Theologie mit ihrer Methode nicht mehr in der Lage, den modernen
Menfchen zu feffeln. (Was fich darin zeigt, daß wir Theologen
nur noch von Theologen und deren Anhang gelefen werden). Ausgangspunkt
muß die Erfahrungswelt und der ganze konkrete empirifche

gehört als Ergänzung zur Übrigen Theologie notwendig j Menfch fein; das wird an den feffelnden Ausführungen des Buches ganz

auf die Univerfität. Ihr wiffenfchaftlicher Charakter be- deutlich

fteht darin, daß fie, anftatt gebrauchsfertige Kandidaten
abliefern zu wollen, ein gefchichthch gegründetes Verftändnis
des kirchlichen Lebens und die Grundbegriffe zur Anfaf-
fungfeinerProblemeund Aufgaben darzubieten hat. Sieleiftet
diele Arbeit, indem fie drei Gebiete behandelt: die kirchliche
Verfaffung, den chriftlichen Gottesdienft und die kirchlich-
chviftliche Erziehungs- und Liebesarbeit. Zu den herkömmlichen
Seminaren trete eine homiletifches Profeminar
für die praktifche Exegefe hinzu.

Marburg. F. Niebergall.

Tillyard, A. J.: The Manuscripts of God. A study in Religion

from the Standpoint of Evolution. (XIV, 220 S.) 8". Cambridge,

W. Hefter & Sons Ltd. 1919. 10 sh. 6 d.

Kein Theologenbuch. Ein Laie bemüht fich, die Ergebniffe der
modernen Naturwiffenfchaften in Einklang zu bringen mit feinem Chriftentum
. Als Grundfatz zur Wahrheitserkenntnis benutzt er die drei von
W. James aufgehellten Kriterien der klaren Selbftevidenz, der philo-
fophifchen Begründbarkeit und der moralLchen Wirkfamkeit, wobei aller
Nachdruck auf dem letzten liegt. Auf induktivem Wege fucht er zu
zeigen, wie der Menfch die drei Bücher Gottes mit Gewinn lefen
kann: menfehliches Seelenleben, Natur und Gefchichte. Die Tatfache
des Unbewußten deutet ihm auf eine beharrende Seele. In Selbftlofig-
keit und Edelmut, in Idealen und Unzufriedenheit mit fich felbfl
glaube der Menfch ahnend an eine höhere Welt. Aber auch der
Arbeit des Naturforfchers liege Glauben zugrunde, denn die Kontinuität
der Entwicklung und die Rationalität der Welt find keine empi-
rilchen Gegebenheiten. Auch pofitiv deute die Natur auf die Religion
hin. Die eigentlich fchöpferitchen Kräfte im Entwicklungsprozeß feien
nicht graulümer Kampf ums Dafein und Selbfterhaltungstrieb, fondern
Liebe und gegenfeitige Hülfe zur Erhaltung der Gattung. Ebenfo er-
weife fich die m ech an i fche Erklärung der Entwicklung in der Natur
als unzulänglich. Trotz der Kontinuität feien Stufen zu unterfcheiden
(tote Maffe — Leben — Be wuütfein), die nur verftanden werden
könnten als das Eindringen neuer fchöpferifcher Kräfte in die Welt.
Der dritte Teil geht nicht, wie man nun erwarten follte, von der Welt-
gelchichte aus, fondern behandelt die Heilsgefchichte. Die erftaun-
lichfte Tatfache in der Gefchichte fei das Böfe, das aufgefaßt werden

müde als eine willkürliche Unterbrechung der Weltentwicklung durch Das Verhältnis der Moral zur Kunft und Religion,
die Freiheit des Menfchen. Nun finde aber andrerfeits jedes Bedürfnis | Berlin. W. Lüttge

Das Ganze ift anfehaulich und gar nicht lehrhaft gefchrieben.
Erftaunlich und bewundernswert ift — auch da wo man felbfl; zu ganz
anderen Ergebniffen kommt — die Fähigkeit des Verf., auch die all-
täglichften Gefchehniffe um ihren Sinn zu fragen. Schade, daß das Buch
jetzt faft unbezahlbar ift; unfere Studenten könnten methodifch viel
daraus lernen.

Göttingen. Piper.

Alvermann, Karl: Lebensziele. Grundlinien einer philofophifchen
Ethik zum Unterricht in Oberklaffen höherer Schulen und zum
Sclbftftudium. Berlin, Karl Curtius 1922.
Alvermann, zuletzt Direktor am Lyzeum in Gütersloh, hat im
Weltkrieg die Echtheit und Kraft leiner Lebensziele bewährt in freiwilliger
Meldung zur Front und in der 'IVue bis zum Tode. So fpüren
wir: ,es ift ein ganzer Mann, der hinter dem Buche fteht*. Ihm drängte
in Ethos (und Religion) das Wahrha t-Menfchliche und Ticfft-Menfchliche
aus feinen verborgenen unerkann'en Hintergründen empor: und freie
und weite Innerlichkeit fuchte dieles Schöpferifch-Lebendige zu ergreifen.
Freie Erkenntnis des Geiftes gilt es ihm, die doch zugleich in der
Tiefe Bekenntnis des Lebens ift. Wir fpüren Ehrlichkeit und Tapferkeit
des Gedankens und zugleich Ehrfurcht vor Geheimnis und Wunder des
Lebens, Schärfe und Rundung der philofophifchen Erkenntnis und
frifche Unmittelbarkeit pädagogifcher Kunft, — es ift eine erfreulche
Gabe für die höheren Schulen und für das ftille Nachdenken daheim.
Im Anlchluß an Kant und an die Aufnahme und Weilerführung der
Kantifchen Gedanken durch Koppelmann und Wendt, in knappper
Form ift ein reicher Gehalt lebendig und anfehaulich geftaltet.

Ein freundliches Geleitwort von Eduard Spranger und eine bio-
graphifche Skizze von Freundeshand (Hermann Schüller) ift voran-
geftellt. Eine kurze Einleitung orientiert über den Standpunkt des
Buches. Der Stoff telbft ift in zwei Hauptteile gegliedert prinzipielle
und praktifche Ethik. Die grundlegenden Erwägungen erörtern knapp
die formale Beftimmung des Guten (Pflicht Gewiffen Achtung Charakter)
und ausfühilicher die inhaltliche Beftimmung des Guten (Theonomie
und Autonomie, Utilitarismus, Nietzlches Genealogie der Moral, Theorie
des Gewiffens, Individuum und Gemeinfchaft). Behutlüme und
forgliche Bcfprechung lücht hernach die Gewißheit des Gewiffcns in die
Problematik des Lebens hineinzuftellen, von den .Tugenden' aus, Wahrhaftigkeit
ufw., und in die Weite der großen Lebensgebiete Geld (Wirt-
fchaftsleben) und Krieg (Staatsleben) hinein. Zum Schluß eine Skizze: