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Ausgabe:

1922

Spalte:

280-281

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Manning, William T.

Titel/Untertitel:

The Call to Unity 1922

Rezensent:

Goetz, Hermann

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dens, plaftifche Phantafie und eine glückliche Kunft der
Formulierung. Nicht darum handelte es fich ja, das re-
ligiöfe Leben Englands darzuftellen an Einzelperfonen, die
geiftig gleichfam photographiert werden können, und bei
denen man über die Treue des Bildes, die Vollftändig- j
keit der verwendeten Hilsmittel und ihre methodifch richtige j
Benutzung zu verhandeln vermöchte. Auch nicht darum,
fo und fo viele Quellen nach den Gefetzen kritifcher Un-
terfuchung und unparteiifcher Verwertung zu einem
Bilde zufemmenfließen zu laffen, dem eine konkrete
Wirklichkeit, eine Summe fo und fo vieler wiffenfchaftlich
ficher faßbarer Einzelerfcheinungen, entfpricht. Wie ein
Künftler aus der Menge der finnenfälligen Perfonen und
Gegenftände Ideaitypen fchafft, fo hat B. die typifchen
Formen der Frömmigkeit in den verfchiedenen chriftli-
chen Kirchengemeinfchaften Englands darzuftellen, fich
als Ziel gefetzt. Und ganz mit Recht hat er fich gefagt,
daß diefe künftlerifche Aufgabe an den Schilderungen
der großen englifchen Erzähler, vor allen an Dickens und
George Elliot, nicht nur Vorbilder, fondern auch verwertbare
Unterlagen hat. Je fchwerer es ift, deffen, was
an verwertbaren typifchen Geftalten fich bei diefen
Schriftftellem findet, ftets zur rechten Zeit fich zu erinnern,
defto dankbarer wird man auch hier anerkennen, daß B.
befonders geeignet war, die Aufgabe in Angriff zu nehmen
, der fein Buch gewidmet ift.

An die prinzipielle Einleitung, welche die Aufgabe in dem im
Vorigem befprochcnen Sinne abgrenzt, Ichließt fich als Abfchnitt I
eine hiftorifche: ein ,kurzer Abriß der englifchen Kirchengefchichte'
(S, 7—21), der, wie B. felbft fagt, auf Arbeiten anderer ruht, aber
durch die fachgemäße Hervorhebung des Wichtigften als geiftiges Eigentum
B.'s fich darftcllt. — Danach wird zunächlt (II) die ,Durchlchnitts-
frömmigkeit' in der Staatskirche (21 — 28) und (III) im Diffent, ,der
kleinkirchliche Typus' (29—36), im allgemeinen dargeftellt, dann
(IV—VI) die Frömmigkeit der drei Gruppen in der Staatskirche: ,der
hochkirchliche Typus' (36—43), ,der evangelikale', d. h. der der low-
church-pahty (44—52), und ,der breitkirchliche', d. h. der derbroad-
church-p'arty (52—61). Dann folgen (VII u. VIII) ,der methodiflifche
Typus' (61—70) und ,der puritanifche' (70—78). Dem Abfchnitt (IX),
der Baptiften und Quäker behandelt (78—87), hat B., ohne fich felbft
die möglichen Bedenken zu verhehlen, die Überfchrift gegeben: ,der
Lebensreform-Typus'. Er denkt dabei daran, daß die Frömmigkeit
hier bewußter und wirkfamer, als in andern Gruppen, auf eine Umge-
ftaltung des täglichen Lebens dringt. Unangreifbarer ift (X) die Zu-
fammenfaffung der Adventiften, Irvingianer Und Darbiften unter dem
Titel: ,der chiliaftifche Typus' (88—95) "nd> trotz des .chriftlich-fozia-
len Einfchlags bei manchen Typen', die Ausfüllung des Abfchnitts XI:
,der chriftlich-foziale Typus' (95—104), durch die Befprechung der
Heilsarmee. Der letzte Typus, der (XII) behandelt wird (104—113), ift
der äfthetifch-religiöfe Ruskin's. Den Schluß bildet Abfchnitt XIII
(113—122): ,das gemeinfame Englifche an den verfchiedenen Frömmigkeitstypen
', die Gebunderheit an die Bibel, der Zug zum Moralifiercn,
der Utilitarismus und ,der ausgebildete Formenfinn' (der Sinn für Etikette
und feftgeprägte Formen, der Widerwille gegen Disziplinlofigk'-it
und dergl.).

Die Abfchnitte find begreiflicherweife von ungleichem
Wert. Seinem Typenideale bleibt B. am treueften bei
II—VII. In VIII—XII hebt er fich nicht in dem gleichen
Maße hinaus über die Charakteriftik von Einzelperfonen
(Cromwell, Fox, Irving, Booth, Ruskin). Die ,Durch-
fchnittsfrömmigkeit' der Quäker kommt m. E. nicht zu
ihrem Rechte; und je bekannter Booth und Kolde's
Buch über die Heilsarmee ift, defto lieber fähe man gerade
bei der Heilsarmee die Frömmigkeit der gewöhnlichen
.Soldaten' gekennzeichnet.

Über die Richtigkeit der Zeichnungen ift fchwer
zu debattieren. Mir will es fcheinen, als ob die Frömmigkeit
der low-church zu fehr unter dem Eindruck der
Kämpfe F. W. Robertfon's und zu ungünftig, die der
broad-church zu fehr nach den liebenswürdigen Geftalten
von Maurice, F. W. Robertfon und Kingsley
beurteilt wäre. Ja, in wie weit find low-church und
broad-church noch heute fo in dem Ganzen abgrenz-
bar, wie vor 40—80 Jahren? Die broad-church fchien
Ende des 19. Jahrb.'s ganz verfchwunden zu fein, hat dann
aber fich wieder bemerkbar gemacht (Anglican Libera-
lism, London 1908, S. 165). Wie weit beeinflußt diefe
Unterfcheidung die Laienwelt? und ift der, freilich wohl

ziemlich einflußlofe, Angelican Liberalism (vgl. auch
R. J. Campbell, Die neue Theologie, deutfehe Überfetz-
ung, Jena 1910) in diefer Unterfcheidung unterzubringen?
Und gar nichts hört man über die Verbreitung des Unglaubens
, felbft des aggreffiven. Ein ,Saladin' (W. St.
Ross, f 1906), J. M. Robertfon und neuerdings G. T.
Sadler haben zwar gewiß in England weniger gewirkt,
als ähnliche Literaten in Deutfchland; aber folche Er-
fcheinungen fehlen doch nicht und haben z. T. (fo Sadler
) eigentümlich englifche Färbung. Beim Methodismus
wäre mir etwas weniger James und etwas mehr
über die tatfächliche Erfcheinung lieb gewefen. Die
Stellung der Wesleyaner zur Wiffenfchaft ift m. E. zu
ungünftig beurteilt: berechtigte hiftorifche Bibelkritik findet
da, weil man an der reformatorifchen Heilsgewißheit
einen ficheren Standpunkt hat, willigere Aufnahme, als in
vielen andern Denominationen. Den ,Lebensreform-Typus'
auf Baptiften und Quäker einzufchränken, ift bedenklich.
Auch in manchen Kreifen fchottifch-presbyterianifcher
Frömmigkeit gilt die Abftinenz-Forderung wie ein elftes
Gebot. Bei der Heilsarmee habe ich nicht nur einen
Einfluß der Railton'fchen Biographie von Booth (London
1912) und der vortrefflichen ,fozialwiffenfchaftlichen
Monographie' von P. A. Clafen (Der Salutismus, Jena
1913), fondern vornehmlich eine Erörterung darüber vermißt
, inwieweit die Heilsarmee-Frömmigkeit bei den
längft ,Bekehrten' fchon ein Ding eigener Art ift, bezw.
inwieweit die Heilsarmee in England noch interdenomina-
tionell wirkt. Die Schlußausführungen find erfreulicherweife
frei von allem Chauvinismus. Ob fie vollftändig
find, wage ich nicht zu entfeheiden. Doch glaube ich,
daß die nationale Färbung der meiften englifchen
Frömmigkeitstypen hätte betont werden müffen.
S. 18, Z. 21, ift ,geiftreichem' ein Hörender Druckfehler für
,geiftlichem'. Das Deutfch ift gelegentlich undurchfichtiger,
als fonft bei B.

Die Engländer werden dies Buch hoffentlich nicht
fchlecht machen, londern dazu helfen, daß es in weiteren
Auflagen, die ich ihm von Herzen wünfehe, noch beffer
wird. Kritik, die dazu hilft, wird, dem Verf. gewiß nur
eine Freude fein. Als erften Wurf der Art müffen wir
fchon die jetzige erfte Geftalt des Buches mit lehhaftem
Dank begrüßen.

Halle a. S. Loofs.

Manning, William T., S. T. D., D. C. L., Bishop ofNew
York: The Call tu Unity. The Bedell lectures for 1919.
üelivered at Kenyon College May 24 th and 25 th,
1920. (XI, 162 S.) kl. 8". London, Society for Pro-
moting Chriftian Knowledge 1921. 7 sh 6 d

Aus vier Vorlefungen, die der Bifchof von New York
im Mai 1920 im Kenyon College gehalten hat, ift das
vorliegende Buch entftanden, das fich mit dem Problem
der Vereinigung der chriftlichen Kirchen befchäftigt.

Ausgehend von der Trwägung, daß eine folche Einigung heute
nicht mehr nur ein frommer Wunfeh fei, fondern bereits eine über
die Welt hin verbreitete Bewegung, wird ausgeführt, daß die Stoßkraft
der Kirche eine bedeutend größere fein könnte, als fie das heute
auf allen Gebieten daheim und in der Miffion ift, wenn fie nicht fo
mannigfach gefpalten, fondern einig wäre (I). Gegenüber den Zweifeln
an der Erfüllbarkeit diefes Wunfehes wird hingewiefen auf hoffnungsvolle
Anfänge in den lutherifchen Kirchen Nordamerikas, in Schottland,
China, Indien, fowie in den verfchiedenen Freikirchen Englands. Die
Hauptfchwierigkeit befteht gegenüber der katholifchen Kirche (II). Das
nächfte, was zu gefchehen hat, um der Vereinigung der .ganzen Kirche
Chrifti' über die Welt hin näher zu kommen, ift die viel ausgedehntere
Weckung des Wunfehes danach in der ganzen Chriftenheit. Im
Zufammenhang damit muß das Verlangen nach einer größeren Vereinfachung
des Glaubens gehen. Als ficherftes Gegengift gegen
religiöfe Vorurteile wird die perfönliche Fühlungnahme gepriefen (III).
Da die anglikanifche Kirche fowohl proteftantifch wie katholifch fei
und die Mitte halte, auf der die Extreme fich vereinigen könnten, habe
fie eine ganz befondre Miffion bei diefen Einigungsbellrebungen. Nach
Erörterung der Hauptdifferenzpunkte, welche katholifche und proteftan-
tifche Kirche fcheiden, wird behauptet, daß es fich bei der Trennung
beider Kirchen gar nicht um fundamentale Prinzipien handle (IV).