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Ausgabe:

1922

Spalte:

218-219

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wahrmund, Ludwig

Titel/Untertitel:

Bilder aus dem Leben der christlichen Kirche des Abendlandes 1922

Rezensent:

Koch, Hugo

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augefichts der hervorragenden Wichtigkeit diefer Schrift
reichlich kurz gehalten. Eine genaue Auseinanderfetzung
über das Problem der Grundfchrift (Zweiwegelehre) c.
i—6 (außer lg—2i) fehlt; daß es fich um einen jüdifchen
Proselyten-Katechismus handelt (S. 4,2), ift m. E. in diefer
Kürze der Formulierung unrichtig, fo weitgehend fich auch
die Ausführungen mit jüdifchem Gedankenmaterial berühren
.

Um diefer Verwandtfchaft willen wird der Verfaffer vor c. 63
fchwerlich Gefchlechtsaskefe neben der Nahrungsaskefe (S. 21) im Auge
gehabt haben (anders vgl. A. Seeberg, Der Katechismus der Urchriftenheit,
S. 2). Bei der Annahme, daß das apokalyptifche Schlußgemälde in
c. 16 auch mit zur Grundfchrift gehörte (S. 2), wird rein jiidifcher Charakter
derfelben vollends unwahrfcheinlich. Mit Recht wird S. 39 vermutet
, daß bei dem erften Zeichen c. i60 auch daran gedacht fein
könne, ,daß der Menfchenfohn bei der Wiederkehr am Kreuz mit aus-
geftreckten Händen erfcheinen wird' (vgl. dazu Ausbreitung der Hände
im euchariftifchen Opfergebet der römifchen Kirchenordnung Hippolyts ;
Kyrill v. Jeruf. cat. XIII 28, auch XV 22 u. a.). Die Überfetzung in
c. 16- wird im Hinblick auf Offb. Joh. 223 (Sach. I4n) zu ändern fein.
Was die Vollfchrift der Didache angeht, die fchon zu Beginn des 2. Jhs.
entftanden fein kann (S. 3), fo wäre immerhin zu erwägen gewefen, ob
nicht auch das in diefem Zufammenhange durch Conft. apoft. VII 27
bezeugte Gebet über dem Salböl, das in der Hf. am Schluß von c. 10
fehlt, ihr fchon angehört habe.

Die Überfetzung als folche fällt in den Briefen des
Ignatius im allgemeinen fchwerer, da diefer ,fich einer
Flut von Worten und Wendungen überlaffen kann, deren
fichere grammatifche Zufammenordnung auf Schwierigkeiten
ftößt'(S. 191). Wie W.Bauer fie liefert, erfcheint
fie mir durchweg ausgezeichnet gelungen mit dem Beßreben
, bei aller Wörtlichkeit den inneren Hochfchwung
der Redeweife diefes Enthufiaften für das eigene Martyrium
und fchriftftellernden Nachahmers des Paulus ohne
Schraubung des Überfetzungsftiles wiederzugeben. Wenn
Ignatius feinen Ausführungen Paulus- und Evangelienworte
, feltener auch altteftamentliche, einflicht, ohne fie
namhaft zu machen, anderfeits aber vereinzelte altteftamentliche
als Schriftwort anführt, fo ergibt fich auch von
diefer Seite, daß an der vielumftrittenen Stelle Philad. 82
unter den .Urkunden' im Sinne der Gegner nicht appo-
fitiv das Evangelium gemeint fein kann, wie Zahn annahm,
fondern das A.T. (gute Begründung S. 261; vgl. Lietzmann,
Wie wurden die Bücher des N.T. hl. Schrift? S. 31 f. Anm.),
wogegen Ignatius fich nicht einfach auf das Evangelium
beruft, das ft feinem ganzen Umfange nach kennt (Philad.
9a, vgl. Smyrn. 72; und zwar mindeftens das Nazaräer-
evangelium! Smyrn. 32), und auch nicht bloß auf das
•AT., fondern nach Weife des Paulus auf die großen
Tatfachen am Schluffe des Lebens Jefu Chrifti. Ihm ift
das Evangelium als ganzes lebendige Größe, noch kein
Schriftwort im Grade des altteftamentlichen, wenn auch
.Fleifch Jefu' (Philad. 5, vgl. S. 258). Ks läßt fich nicht
leugnen, daß aus diefen und anderen Gründen eine genaue
Datierung feines Martyriums und fomit feiner Briefe von
Belang wäre; dem genaueren Datum der eufebianifchen
Chronik (107 n. Chr.) fcheint Bauer nach Ilarnacks Vorgange
(und anderer) kein befonderes Vertrauen entgegenzubringen
(vgl. S. 188).

Auf das oben berührte Problem der Grundfchrift
der Didache, für das der Barnabasbrief ernftlich mit in
Betracht kommt, geht H. Windilch S. 404—406 ein und
entdeckt Spuren der Zweiwegelehre im Briefe auch über

Lateiner (Did.) u. a. Nebenzeugeu, gelegentlich auch die von W. nicht
erwähnte Parallelrezenfion zur Did. Conft. apoft. VII, mit den Canones
gegen Did. (griech.) gehen. Zur Herbeiführung einer endgiltigen
Entfcheidung find nach Scherinanns, freilich verfehltem, Vorgange
(1903) fämtliche Parallelzeugen heranzuziehen, und felbft dann bleibt
es fraglich, ob überhaupt auf literarkritifchem Wege ein befriedigendes
Ergebnis erreicht werden wird. Denn man hat bei der
Befchaffenheit der Grundfchrift von vornherein mit immer wiederkehrenden
Änderungen durch mündliche Weitergabe zu rechnen (wohin
auch die verfchiedene Faffung der negativen goldenen Regel Did. is,
vgl. Apg. 1520, gehört); es ftellen fich alfo ähnliche Schwierigkeiten
heraus wie bei der Frage nach der urfprünglichen Geftaltung des vor
unfern Evangelien liegenden älteften Evangelienftoffes. Das auffallende
Fehlen der Zweiwegelehre in der lat. Verfion von Barn. (18 ff.) möchte
W. in die von ihm gebildete Theorie von zwei Vorlagen des Bam.-Briefes
(eine mit Teftimonien-, eine mit Didacheftoff) und zwei Bearbeitungen
einftellen (S. 410 f.). Letztere können nach ihm verfchiedenen Ver-
faffern entflammen oder auf eine Hand zurückgehen; in jenem Falle
fchrieb der erfte Verfaffer möglicherweife erheblich früher, der zweite
(oder auch Verfaffer des Ganzen) innerhalb der Jahre unter Trajan bis
um 130/135 (S. 412). Die genauere Datierung Veils im Hinblick auf
c. 4 und 16 (Tempelneubau), wird beflritten, da kein aktuelles Ereignis
in Frage ftehe (S. 323.388 f.); auch die radikale antijüdifche Polemik
im Briefe foll mehr akademifcher Art fein (S. 395). Der pfeudonyme
Titel geht wahrfcheinlich nicht auf den Verfaffer, fondern auf einen
Redaktor oder Sammler zurück (S. 413). Über den Bibelgebrauch bei
Barn. vgl. befonders S. 313—316. Den Belegen zu c. 56 f. S. 328 laffen
fich noch Ignat. Eph. 193, Iren. adv. haer. II 3O3 und vor allem das
euchariftifche Opfergebet bei Hippolyt (f. o.) anreihen, zum Beweife,
daß hier liturgifche Formeln zugrunde liegen; den Belegen zu 67b noch
Martyr. Apollon. 39; zu ,Gebote der Lehre' 169 vgl. die (umgekehrte)
Bezeichnung in der Synagogeninfchrift Ztfchr. f. ntl. Wiff. 1921 S. 171.

E. Hennecke.

Wahrmund, Prof. Dr. Ludwig: Bilder aus dem Leben der
chriftlichen Kirche des Abendlandes. Gefammelte Reden
und Vorträge. Heft 1: Der Urfprung des Chriften-
tums. (36 S.) gr. 8°. Leipzig, A. Strauch 1921.

M. 3.20

Der bekannte Kirchenrechtslehrer in der juriftifchen
Fakultät der deutfehen Univerfität zu Prag beabfichtigt,
Reden und Vorträge, die er vor feiner akademifchen
Hörerfchaft, wie auch in verfchiedenen Städten Deutfch-
lands gehalten hat, als einzelne felbftändige Hefte in
zwanglofer Folge herauszugeben, um fo weiteren Kreifen
Anregung und Belehrung zu bieten. Er beginnt mit
einer Frage von grundlegender Bedeutung, um die viele
in vorfichtigem Bogen herumgehen, der Frage nach dem
Urfprung des Chriftentums. Natürlich kann er fich hierbei
nicht auf eigene Quellenforfchungen ftützen, fondern
ift, wie er im Vorwort felber bemerkt, auf die Arbeits-
ergebniffe angefehener Forfcher angewiefen. Aber als
(xlptuxog im alten, von der kirchlichen Dogmatik noch
nicht verdorbenen, Sinne des Wortes wählt er jeweils
die Anfchauung, die fich ihm bei möglichft unbefangener
Betrachtung der Dinge aufdrängt.

Bei aller Anerkennung der ganz außerordentlichen
Verdienfte, welche fich insbefondere die liberale prote-
ftantifche Theologie hier erworben hat, glaubt er doch,
daß man zu einer völligen wiffenfehaftlichen Klärung
des vorliegenden Gebiets, foweit eine folche nach dem
Quellenftande überhaupt möglich fei, um fo eher gelangen
werde, je mehr fich die Theologie daraus zurückziehe
, da diefe über gewiffe überlieferungsmäßige Grenz-
. linien der Erkenntnis einfach nicht hinauskomme oder
ft'e fonft nachgewiefenen Berührungen hinaus. Was das nicht hinauskommen wolle. Die Frage nach der ge-

Verhältnis von Barn, und Didache betrifft (S. 4°4Ü. '0 fchichtlichen Wirklichkeit eines Jefus von Nazareth hält

'ft für Did. 31—« doch wahrfcheinlicher, daß erfterer bei
'einen polemifchen Abfichten diefen ftark an jüdifche
Vorbilder (Weisheitsliteratur) fich anlehnenden Abfchnitt
abfichtlich übergangen hat, als daß derfelbe innerhalb der
Grundfchrift als fekundär zu gelten hätte (wie 13—2i; mit-
01n, wie diefer, vom Verfaffer der Didache erft hätte hinzugefügt
fein müffen).

, Von den S. 405 f. aufgeführten Möglichkeiten über das Zuftande-
«ommen des Vcrhältnifies zwifchen Barn, und apoft. Kirchenordnung
anones) ift die zweite zu bevorzugen; denn ,daß die den Canones
vorliegende Barn.-rezenfion mit Barn, felbft identifch war,' beftätigt
nicht, da entfprechend auch in Fällen, wo Barn, ausläßt, der

er beim heutigen Stande der Quellen nicht für ficher
lösbar, weder im bejahenden noch im verneinenden
Sinne, wenn auch eine gewiffe Wahrfcheinlichkeit für die
Bejahung fpreche. Übrigens war bei der Bildung des
Chriftentums nicht das gefchichtliche Leben Jefu, wie
immer es verlaufen fein möge, die entfeheidende Triebkraft
, fondern das Chriftusbild des Glaubens, und hiefür
find die Evangelien, neben den Paulusbriefen, Gefchichts-
quellen. Der Reichsgottesgedanke war, feiner urfprünglichen
priefterlich-ariftokratifchen Faffung entkleidet, aus
Babylon an die Ufer des Jordans gekommen, wurde aber