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Ausgabe:

1922 Nr. 10

Spalte:

213-214

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Feine, Paul

Titel/Untertitel:

Die Religion des Neuen Testaments 1922

Rezensent:

Dibelius, Martin

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213

Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 10.

214

Feine, Prof. D. Paul: Die Religion des Neuen Teftaments.

(Evangel.-Theol. Bibliothek, hrsgeg. v. Prof. Lic. B.
Beß.) (XII, 287 S.) 8°. Leipzig, Quelle & Meyer
1921. M. 26 —

Nicht nur der Vorfchlag des Verlegers, fondern auch
die Neigung des Verf.'s, feine Theologie des N. T. durch
eine zufammenfaffende Darftellung zu erganzen, haben
diefes inhaltreiche Buch entftehen laffen. Reiz und Problematik
leiner Aufgabe liegen in dem Verhältnis von
Gefchichtlichem zu Religiöfem, in dem Nebeneinander
der Darfteilung von Untermchungsergebniffen und ihrer
Erhebung zur Synthefe. Ich würde mir ein folches
Buch, bei dem auch nach des Verf.'s Meinung die wiffenfchaft-
liche Unterfuchung vorausgefetzt wird, noch wefentlich
weniger mit Erörterungen der wiffenfchaftlichen Lage bela-
ftet, noch eigenwüchfiger und unbeirrbarer denken, muß
aber anerkennen, daß F.'s Art zweifellos ihren pädago-
gifchen Nutzen hat; die Lefer werden in die wiffen-
fchaftliche Problemftellung eingeführt, einmal fogar, beim
Problem Jefus und Paulus, in die Gefchichte des Problems
, und überall wird der Beftand der Jberlieferung
ausführlich dargelegt. Die wiffenfchaftliche Behandlung
ift nach des Verf.'s Angabe im Vorwort durch feine
.bibliziftifche' Stellung bedingt. Praktifch geftaltet fie
Geh fo, daß zwar in 4? 1 von .kritifcher Beurteilung' des
Überlieferungsftoffes die Rede ift, man aber — abgefehen
von den Berichten über kritifche Bemühungen anderer —
nicht viel von diefer Kritik merkt. Denn dem Verf. ift
fchließlich alles zuverläffig, Mt 3,14 b wie 11,25 ff. wie
'6,18, die Leidensweisfagungen wie das Joh. Ev.; die
Paulusreden Apg. 22 und 26 flammen aus dem Tagebuch
des Lukas wie I Tim. 2,5 von Paulus felbft. Zur
Bekräftigung werden auch einige bedenkliche Kategorien
verwendet.

Das gilt von dem nicht recht greifbaren Ausdruck ,im Licht der
Oefchichtc flehen' (von Mk 14,62) und dem in folchen Zulammenhän-
gen doch eigentlich nun endlich zu vermeidenden Prädikat .unerfindlich
' (von Joh. 8,58); die mindeftens lehr mißverfländliche Wendung
,als chriftliche Theologen haben wir zu behaupten' (S. 32) ift ja wohl
in jedem Fall eine Entglcifung — hoffentlich'nur der Feder, bedenklich
erfcheinen mir die Kategorien auch an den zwei Stellen, wo in
weiterem Umfange Kritik an Vorftellungen des N. T geübt wird.
Denn wenn in den fchr vorfichtigen Ausführungen über die Jungfrauen-
geburt (mit der Mahnung an .unfere kirchlich-chriftlichen' Kreife, diefe
Lehre nicht in den Mittelpunkt der Chriftologie zu rücken) die Annahme
einer .mythifchen Erzählung' doch auf S. 146 fozufagen in wohlwollende
Erwägung gezogen wird, obgleich der Verf. felbft fich an-
feheinend die Möglichkeit eines Jüllorifchen Kerns' offen halten möchte,
fo wirkt dies Entgegenkommen gegenüber der religionsgefchichtlichen
■Anfchauung, die lonft in dem Buch fo oft abgelehnt wird, etwas
unvermittelt. Und noch unverftändlicher ift mir bei Feines fonftiger
Stellung der Maßftab, den er an die Erwartung der Apokalypfe anlegt:
,Kein Einfichtiger wird fich der Meinung hingeben, dall fich die End-
«eigniffe äußerlich fo abfpielen werden wie fie Apk. 19ff. gefchildert
find' (S. 273). Der Verf. der Apk. würde fich aber doch nicht mit
F-'s .fymbolifcher'AufTaffung zufrieden geben; wollte F. ihn kritifieren,
fo konnte er es mit litcrarifchen oder weltanfchaulichen Erwägungen
tun (und ich wäre der letzte, der ihm das verdächte); aber die jour-
n;dirtifchc Wendung ,kein Einfichtiger wird . . . .' ift als wiffenfchaftli-
chcs Beweismittel völlig unbrauchbar.

Mit dem Standpunkt Peines, den er im Vorwort
reichlich felbftbewußt gegen die hiftorifch-kritifche und
d>e religionsgefchtliche Betrachtung abgrenzt, möchte
•eh mich hier nicht auseinanderfetzen. Wichtiger ift es
zu fragen, wie F. die Darftellung der religiöfen Lebenswelt
des N. T. gelungen ift. Vor allem wird man dem
Buche nachrühmen müffen, daß es fich ernftlich müht,
"le Einheit diefer Lebenswelt aufzuzeigen. Diefe Einheit
wird immer deutlicher, je mehr man von den Formen
*u den Dingen, von den Vorftellungen zu ihren letzten
mtuitionen dringt.

In richtiger Erkenntnis lehnt es F. darum ab, die Einheit Jefus—
* aulus von vornherein auf den Nachweis ihrer perfönlichen Berührung
zu gründen. Dazu ift diefer Nachweis viel zu hypothetifeh, wie man
6crade aus F.'s fpäter vernichten Behauptungen fieht, Paulus hätte Jefus
Wohl gekannt und hätte fogar unter den läfternden Juden am Kreuz
ßyftanden. Aber dann hätte F. das Problem Jefus—Paulus überhaupt
nicht bei der Frage der gefchichtlichen Vermittlung anfallen follen.
Denn was er dazu fagt, überzeugt nur halb oder gar nicht und klingt 1

teilweife recht abenteuerlich (Verwendung von johanneifchen Jefuswor-
ten in diefem Zufammenhang, verfuchte Zurückführung der urchriftli-
chen Trias auf Jefus, vermutete Abhängigkeit der Ausführungen Rom.
9—11 von Mt 23,37 fr.). Weit einleuchtender würde doch das, was F.
zeigen will, hervortreten, wenn er die Übereinftimmung der Intuition
voranftellte: die Rettung des verfchuldeten und verfklavten Menfchcn
durch Gott in der Sendung des Chriftus, die Neufchöpfung des Men-
fchenwefens durch Jefus oder durch den ,Gcift', die Ausftrahlung diefes
neuen Seins in der Liebe auf alle Brüder. Hier ift die Einheit zu
greifen (gleichgiltig, welche Formulierungen man wählt), dort ift fie
nur zu errechnen oder zu konftruieren. Erft als fekundäres Problem
dürfte in einem folchen Buch die Frage auftauchen, wie man fich
diefe Einheit gefchichtlich begründet denkt.

Nicht mit ähnlicher Stärke wie das Mühen um die
Einheit tritt dem Lefer des Buches das Streben entgegen
, die Tiefe und den letzten Ernft der urchriftlichen
Lebenswelt auszufchöpfen und überzeitlich wiederzugeben.
Zwar gelingen dem Vf. gelegentlich fchöne und wertvolle
Formulierungen, aber immer wieder tauchen Gedanken
auf, die lpürbar aus modernen, an den taufend
Dingen um uns her gebrochenen Erwägungen Hammen
und nicht aus der dem Abfoluten unmittelbar nahen
Welt des Evangeliums.

Zu jenen wertvollen Formulierungen zähle ich: Jefus war über
perfönlichc Gegenliebe erhaben', .Chriftus ift (für Paulus) die Perfon,
die uns zeigt, wie wir werden tollen', ,dcr Glaube, wie Paulus ihn
verftand, hat und hat noch nicht', ,es ift alfo fo, daß PI. fich . . ganz
von Chriftus abhängig weiß, daß er andrerfeits aber doch auch in königlicher
Freiheit und mit (ouveränem Bewußtfein, das Richtige zu
treffen, in feiner Wirkfamkeit vor uns fleht' — eine Verbindung die
dann als Aufgabe jedes Chriften bezeichnet wird. Aber warum bringt
F. es fertig, S. 83—85 bei der Frage, .Bergpredigt und Welt' erft die
bürgerlichen Notwendigkeiten diefer Welt zu fchildern und dann die
andere Seite der Sache in die Kompromißformel zu zwängen: ,dic
Welt, in der wir flehen, ift Gottes, und Jefus hat uns gezeigt, daß
man in ihr leben kann, ohne am inneren Menfchcn verfehrt zu werden
'? Das ift doch zum minderten eine ungeheure Akzentverlegung,
die unfern Notwendigkeiten gerechter wird als dem Evangelium Jefu,
Aber freilich, F. hat auch für die abfertige Stellung Jefu zu den Dingen
diefer Welt nur den Satz ,fie haben für ihn keinen Wert. Er kann
auch ohne fic fein'.

Die Religion des N. T. fynthetifch darzuftellen, gehört
zu den größten, aber auch ernfteften Aufgaben
unferer Forfchung. Wenn fie hier nicht völlig gelölt
erfcheint, fo hängt das zweifellos auch mit dem Übergewicht
des Stofflichen zufammen — und daß diefer Mangel
auch feine pädagogifchen Vorzüge hat, habe ich
fchon betont.

Heidelberg. Martin Dibelius.

Meffert, Dr. Franz: Das Urchriltentum. Apologetifche
Abhandlungen. Teil II—IV. (S. 185—781.) 8°.
M.-Gladbach, Volksvereinsverlag. je M. 5 —

Die Hefte, deren erftes mir nicht zugegangen ift,
enthalten eine Reihe von Abhandlungen zur älteften
Kirchengefchichte. Sie find für einen weiteren Kreis be-
ftimmt und tragen natürlich katholifch-apologetifches Gepräge
. Aber diefes tritt nur in einzelnen Abhandlungen
hervor; fo, wenn die caritativen Leiftungen desUrchriften-
tums in Schutz genommen werden follen gegenüber der
proteftantifchen Theologie, die ,dem Opfergedanken ganz
verftändnislos gegenüber fteht', oder wenn der Märtyrerkult
vor dem Verdacht gefchützt werden foll, mit dem
antiken Toten- und Heroenkult zufammenzuhängen und
Selbftändigkeit fogar für den chriftlichen Reliquienkult
behauptet wird, oder endlich, wenn in dem religionsgefchichtlichen
IV. Teil (der Sieg des Chriftentums über
die heidnifchen Religionen; Urchriftentum und Myfterien-
religionen) nicht nur gegen die Parallelenjägerei, fondern
auch gegen religionsgefchichtliche Herleitungen überhaupt
Front gemacht wird. Aber fall nirgends wirkt die Apologetik
aufdringlich; immer zeigt fich der Verf. als kenntnisreicher
und befonnener Mann, der bemüht ift, von
den Ergebniffen der neueften Forfchung, und gerade
der nichtkatholifchen, zu lernen. Daß er mit Freuden
Argumente undRefultate von Lietzmanns Petrus-Paulus-
Buch aufnimmt, brauche ich kaum zu erwähnen; eher
ift bemerkenswert, daß er mit Corßen die Juden bei der