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Ausgabe:

1921 Nr. 2

Spalte:

304-305

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Graue, Georg D.

Titel/Untertitel:

Der Glaube an gottgewollte Gesetzmäßigkeit im Weltall und der vernunftgemäße Wunderglaube 1921

Rezensent:

Wendland, Johannes

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303 Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 23/24. 304

Brunn, Priv.-Dozent Lic. Wilhelm: Der Vernunftcharakter

der Religion. (283 S.) 8°. Leipzig F. Meiner 1921.

M. 30—; geb. M. 40—
Bruhns Buch gehört zu den erfreulichften Erfchei-
nungen der neueren Theologie. Es verdiente eine eingehendere
Würdigung, als fie hier auf kurzem Raum gegeben
werden kann. Es zeichnet sich aus durch feinen umfaffen-
den Überblick über alle erkenntnistheoretifchen Beftre-
bungen in Philofophie und Theologie der Gegenwart wie
durch den energifchenVerfuch einer religionsphilofophifchen
Grundlegung der Theologie, der der Religion die rechte
Stellung im Geiftesleben anweifen und damit den alten
Streit zwifchen Glauben und Wiffen löfen will. Schon
die Doppel-Widmung des Buches an Lüdemann und an
Otto zeigt die Grundtendenz B.s, dem von keinen Begriffen
zu erschöpfenden irrationalen Gehalt der Religion gerecht
zu werden und doch diefem Gebiet irrationalen Erlebens
feine Stellung innerhalb des vernünftigen Gefamtlebens
zuzuweifen. B. geht nicht den älteren Weg metaphy-
fifcher Spekulation, fondern er fchlägt den Weg erkenntnis-
theoretifcher Erörterung ein. Er weift die Wege des
Pfychologismus, Pragmatismus, der Philofophie des Als-
ob, vor allem auch der Marburger und der Badifchen
Schule ab, die fämtlich im Subjektivismus ftecken bleiben.
Auch das kantifche Apriori bleibt trotz feiner Prätenfion,
ein Objektiv-Allgemeingiltiges zu fein, im Subjektiven
ftecken, und die Wertphilofophie trennt die Wirklichkeit
in eine Welt gedachter und bewerteter Realität, ohne die
Einheit zu finden. Auf die Auseinanderfetzung mit Ritsehl,
Heim, Eucken, Rehmke, Bergson u. a. fei nur kurz hin-
gewiefen. Das Problem der Realität, und zwar einer
letzten unfer geiftiges Wefen wie die Welt unferer Erfahrung
tragenden Wirklichkeit ift ihm die erkenntnis-
theoretifche Grundfrage, mit deren Löfung zugleich die
Wirklichkeit der Religion vor der Vernunft gerechtfertigt
fein foll. Obwohl B. die Bedeutung feiner Erkenntnistheorie
überfchätzt, kann ich ihm auf den erften Schritten feiner
Bahn folgen, wenn auch nicht bis ganz zum Schluß, Im
Anfchluß an Külpe, Hufferl, Dilthey, Frischeifen-Köhler
beftimmt er das letzte Wirkliche als etwas nicht von
unferem Denken Gefchaffenes, fondern als etwas von uns
in irrationaler Erfahrung Aufgenommenes. Das Wirkliche
ift einerfeits unfer konftantes Ich, andrerfeits die räumlichzeitliche
Welt, die Welt anderer geiftiger Wefen und
fchließlich die in äfthetifcher, ethifcher und zuhöchft in
religiöfer Erfahrung aufgenommene Welt. Mit Recht
fucht Br. gegenüber dem Empirismus und Kritizismus
den Realismus als die Erkenntnistheorie zu erweifen, die
dem Gott-Piaben des religiöfen Glaubens am meiften
gerecht wird. Aber B. übertreibt die Bedeutung feiner
Erkenntnistheorie, wenn er meint, die Religion auf diefe
Weife als vernunftnotwendig erwiefen zu haben. Er hat
durch den Begriff religiöfer Erfahrung die Religion in
das Gefamtgebiet der Erfahrung eingeordnet und gezeigt,
daß fie in Analogie zu aller geiftigen Erfahrung fteht.
Aber die vorgenommene Differenzierung der Erfahrung
wird wieder aufgehoben, wenn es immer das eine, gleiche
Streben fein foll, durch das der Menfch auf fünf verfchie-
denen Wegen der Wirklichkeit habhaft werden foll, und
immer diefelbe Wirklichkeit, deren fich der Menfch bald
in vollkommener, bald in weniger vollkommener Weife
bemächtigen foll. Im Intereffe der Einheit des Geiftes-
lebens werden finnliche, allgemeingeiftige, äfthetifche,
fittliche, religiöfe Erfahrung nur als verfchiedene Strahlenbrechungen
der einen Wirklichkeit betrachtet und doch
wird hinterher zu zeigen gefucht, daß nur in der Religion
der Menfch die tieffte Wirklichkeit und zugleich die wahre
Heimat feines Lebens findet.'

Bafel. J. Wendland.

Piper, Lic. Otto: Das religiöfe Erlebnis. Eine kritifche
Analyfe der Schleiermacherfchen Reden über die Religion
. (IV, 146 S.) gr. 8n. Göttingen, Vandenhoeck &
Ruprecht 1920. M. 9 —

Daß auf einem fo fleißig bearbeiteten Boden wie dem
der Reden über die Religion noch neue Ergebniffe zu
erzielen feien, wird vielen unwahrfcheinlich fein. Dennoch
hat P. es vermocht, diefe Schrift in neue Beleuchtung zu
rücken. Sein Hauptgedanke ift, daß die Reden nicht
Unterfuchungen der Religion feien, deren Wefen feftge-
ftellt oder deren Wahrheit und Recht verteidigt werden
follten. Sondern fie ,haben überhaupt keinen außer ihnen
liegenden Zweck'; fie find nach P. religiöfe Reden, tragen
Bekenntnischarakter. Schi, wolle — wenigftens in der
1. Autlage — nicht die Religion als notwendig im Wefen
desMenfchen gegründet dartun, fondern zeigen, aus welchen
Anlagen fie hervorwachfe und welchen Wert fie habe.
Daß P. dies betont hat, ift verdienftlich; nur hat er die
Wahrheit, die er fand, anderen Auffaffungen zu fchroff entgegengefetzt
. Das zeigt fich z. B. S. 5, wo er fagt: .nicht
was fie (die Religion) ift, fragt Schi.' und fechs Zeilen
weiter: ,ihm (Schi.) kommt es darauf an, zu zeigen, was
Religion fei'. P. meint: ,Für die Reden handelt es fich
nicht darum, auf Grund welcher apriorifchen Tatfachen
und Fähigkeiten unferes Geifteslebens es zur Religion
überhaupt komme, fondern was für empirifche pfycholo-
gifche Vorgänge auftreten müffen, damit eine konkrete
Erfcheinung Religion genannt werden könne, und was für
empirifche Vorbedingungen erfüllt fein müffen, damit religiöfe
Vorgänge überhaupt auftreten können'. Aber Schi,
hat fchon in der 1. Auflage der Reden beides nicht völlig
gefchieden, gar nicht völlig fcheiden wollen; der Romantiker
war hier bei ihm ftärker als der Dialektiker, der Gelehrte
. Soweit er aber rein religiös von der Religion hat
reden wollen, kann man das? Kann man rein künftle-
rifch von der Kunft reden? Probleme find als folche eo
ipso Erkenntnisaufgaben; rein religiöfe Probleme (in
Schi.'s Sinne) gibt es nicht. Über diefes Bedenken hinweg
behält aber feinen Wert, was P. weiterhin in ftändi-
ger Auseinanderfetzung mit anderen, namentlich Otto,
über Schl.'s Beftimmung des Wefens der Religion und
ihre einzelnen Momente darlegt, Anfchauung, Gefühl, innere
Kraft, über Unmittelbarkeit und Wirkungen des religiöfen
Erlebniffes, über die von Schi, behauptete völlige
Verfchiedenheit diefes Erlebniffes von allem Erkennen,
über die Vorausfetzungen des religiöfen Erlebniffes (Gemüt
, Sinn), über den Gegenftand der Religion, das wirkende
Univerfum, über die Ichbeziehung diefes Erlebniffes
und fein Verhältnis zu (dauerndem) religiöfem Leben. Sowohl
in weiterer Schl.-Forfchung als auch in der Arbeit
an den grundfätzlichen Fragen, denen die Reden über
die Religion gelten, wird man der gründlichen und feinfinnigen
Art P.'s gern wieder begegnen.
Kiel. H. Mulert.

Graue, Georg D.: Der Glaube an gottgewollte Gesetzmäßigkeit
im Weltall und der vernunftgemäße Wunderglaube.
(119 S.) kl. 8°. Leipzig, M. Heinums Nfl. 1920. M. 2.50
Die hinterlaffene Schrift des 82 jährig verftorbenen
Theologen zeigt, ebenfo wie feine früheren Schriften, in
welchem Maße es Graue bis zuletzt Lebensbedürfnis war,
die letzten Fragen einer philofophifch zu rechtfertigenden
religiöfen Weltanfchauung wiffenfehaftlich zu durchdenken
. — G. fucht den Wunderglauben durch folgende Betrachtung
als vernunftgemäß zu erweifen. Gott habe
„die Welt aus feiner unmittelbaren Leitung gewiffermaßen
entlaffen und teilweife fich felbft überlaffen." Es gebe
daher außer dem Planmäßigen, Gefetzlichen auch vieles
Gefetzlofe, Zufällige, blindes Ungefähr und menfehliche
Willkür. Daher fei es vernünftig anzunehmen, daß Gott,
um fein Ziel durchzuführen, in persönlicher Fürforge für den
Einzelnen Geiftes- und Naturwunder wirke, obwohl wir
im einzelnen Falle nicht wiffen, ob und inwieweit Gott
fein Ziel durch ein Wunder erreicht. — G.s Buch tritt
für das Geheimnisvolle, Irrationale ein und erkennt mit