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Ausgabe:

1921 Nr. 1

Spalte:

236

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mulert, Hermann

Titel/Untertitel:

Gebetserhörung, Freiheitsglaube, Gottesglaube 1921

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 19/20.

236

gelefen. Die Verfuche, feine ganze Gedankenwelt, befon-
ders auch die Glaubenslehre, von der Dialektik her zu
verftehen, waren überdies z. T. irreführend. Denn diefe
feine prote philofophia ift in anderer Hinficht vielmehr
die letzte, nämlich der Zeit nach. Während feine ethi-
fchen Hauptgedanken fchon früh feft ftanden und fein
theologifches Syftem von feiner Hallifchen Zeit an fich
genauer ausbildete, hat er die fruchtbaren Einzelgedanken,
die er zur theoretifch-philofophifchen Prinzipien- und Methodenlehre
hatte, erft in feiner zweiten Berliner Zeit allmählich
mehr und mehr verknüpft. So hätte ihr Syftem
ein Werk reichfter wiffenfchaftlicher Arbeit werden können.
Wenn dennoch die Dialektik wenig ftudiert wird, fo liegt
das zum guten Teil an ihrer Form, ihrer Unfertigkeit.
Die Grundlinien der Kritik der Sittenlehre find für den,
der die Gefchichte der Ethik einigermaßen kennt, fchließ-
lich nicht fchwer zu verftehen, weil fie ein Werk aus einem
Guffe find, die Dialektik ift in der Ausgabe von Jonas
ein Bau, an dem zu verfchiedenen Zeiten in verfchiede-
nen Stilarten gearbeitet worden ift. Halpern hat in feiner
Ausgabe 1903 verfucht, eine gefchloffene Geftalt der Dialektik
in ihrer reifften Ausbildung zu bieten. Wehrung
gibt fowohl Entftehungsgefchichte wie inhaltliche Würdigung
; dabei hat er, um den Umfang einzufchränken, auf
Auseinanderfetzung mit anderen Forfchern verzichtet.
Alle übrigen Urkunden des Schl.'fchen Denkens find gründlich
herangezogen, und die Vergleichung der einzelnen
Stücke der Dialektik mit ihnen und untereinander ift mit
dem Scharffinn vorgenommen, den W. bereits in feiner
Schrift über die philofophifch-theologifche Methode Sch.'s
gezeigt hatte. Die Ergebniffe, zu denen er im Einzelnen
kommt, laffen fich nur dann verftändlich machen, wenn
die Probleme ausfuhrlich dargeftellt werden; fo z. B. fchätzt
er den Entwurf von 1814 erheblich höher ein, als Halpern.
Der Stoff der Dialektik wurde mit den Jahren reicher.
War fie urfprünglich eine Verbindung von Logik, Erkenntnistheorie
und oberften fpekulativen Sätzen, aus denen
die einzelnen Wiffenfchaften hervorgehen follten, fo kamen
Unterfuchungen über den Willen und das (religiöfe) Gefühl
hinzu. Es bleiben Anregungen entgegengefetzter
Art wirkfam, von Kant wie von (Fichte und) Schelling
her, daneben von Piaton und Spinoza. Wenn W. neben
einigen beharrlichen Grundzügen des Schl.'fchen Denkens
immer wieder Spannungen zeigt, in denen Schl.'s Gedanken
zu einander flehen, fo liegt es nahe, zu fagen: wie
es eine Pfychologie der dogmatischen Ausfagen
gibt, d. h. wie manche fcharfe, vielleicht abfolute dogma-
tifche Urteile entgegen gefetzten Inhalts wefentlich zu erklären
find von Starken religiofen Erlebniffen entgegengefetzter
Art her, fo ift es lohnend, der Frage, in wie
weit Schi, die Widerfprüche in feinen dialektifchen Entwürfen
als folche empfinden mußte, von einigen innerften
Motiven feines Denkens und Empfindens her nachzugehen.
Gute Hinweife in diefer Richtung gibt W. bereits; überhaupt
bietet lein verdienftliches Buch mehr als der Titel
fagt; wir haben hier das Wefentliche einer Entwicklungs-
gefchichte von Schl.'s theoretifcher Philofophie. Auf dem-
felben Gebiet arbeitete Süskind, wenn auch teilweife in
anderer Richtung als W.; um fo fympatifcher ift es, daß
diefer fein Buch dem Andenken jenes früh gefallenen
Forfchers gewidmet hat. Von dem, was Dilthey in der
noch ungedruckten Fortfetzung feines Schleiermacher-
Werks über die Dialektik geboten hat, ift W.'s Buch fehr
verfchieden; D. hat die Dialektik fehr viel mehr als Einheit
gefaßt, und er wollte Schl.'s Verfuch, aus der Ana-
lyfe des Selbfl nach feinen verfchiedenen Seiten als Wiffen,
Wollen und Fühlen auf das Verhältnis von Gott und Welt
zurückzugehen, gefchichtlich beleuchten. So follte fich
eine Phänomenologie der deutfchen Metaphyfik des 19.
Jahrhunderts ergeben. Aber gerade diefer Plan ift nicht
ausgeführt, und wenn W. fich wefentlich an Schi, felbft
hält, ftatt ihn ganz in die Zeitgefchichte hineinzuftellen,
fo ift dafür feine Würdigung der Dialektik viel ausführlicher
, als die D.'fche. Alle weitere Arbeit über Schl.'s
theoretifche Philofophie wird von diefem Buche zu lernen
haben.

Kiel. H. Mulert.

Mulert, Prof. Hermann: Gebetserhörung, Freiheitsglaube,
Gottesglaube. (162 S.) gr. 8ft. Leipzig, J. C. Hinrichs
1921. M. 8,50

Unter Gebetserhörung verfteht M. die Erfüllung eines
menfchlichen Wunfehes durch Gott, fofern Gott zu ihr
eigens durch ein Bittgebet veranlaßt worden ift. Die
,realiftifche'Anficht, die eine folche Gebetserhörung bejaht,
und die ,refignierte' Anficht, die fie verneint, werden beide
mit ihren Gründen dem Lefer vorgeführt und die ganze
Frage nach ihrem Für und Wider eingehend erwogen.
Dabei werden als Vorausfetzungen der realiftifchen Anficht
der Glaube an die menfehliche Freiheit und der Gedanke
einer der ftrenggefaßten Unveränderlichkeit wider-
fprechenden Lebendigkeit Gottes herausgearbeitet. Diefe
Vorausfetzungen find nach M. ebenfo unaufgeblich wahr
als die gegenteiligen der refignierten (Kaufalzufammen-
hang und göttliche Unveränderlichkeit). Es befteht ein
für uns nicht zu löfender Widerfpruch, den wir zu tragen
haben. Von hier aus folgerichtig lehnt M. es ab, die
Frage der Gebetserhörung zu entscheiden, es fehlen die
Mittel dazu. Eben diefe Urteilsenthaltung aber hat ein
wichtiges pofitives Ergebnis: die Möglichkeit der Gebetserhörung
läßt fich nicht ficher verneinen. Und mehr als
deffen bedarf das Gemüt nicht, um in feinem Willen
zum Gebet und feinem Zutrauen zu Gott ungelähmt zu
bleiben durch kosmologifchen oder religiöfen Determinismus
. Die mit ernfter perfönlicher Anteilnahme ge-
fchriebene Studie zeigt auf jeder Seite den in der theo-
logifchen Literatur des 19. Jahrhunderts reich belefenen
Mann.

Vielleicht darf ich meine Kritik andeuten, indem ich verfuche,
M.'s Schrift geiftesgefchichtlich zu werten. Es ift klar, daß die hier
verruchte Rechtfertigung des Rechts der Frömmigkeit aus der Schule
Ritfchl's mit ihrer Theologie der Werturteile herausgewachfen ift. Gewiß
— aber herausgewachfen in jedem Sinne. M. kann in mehr als einem
Sinne als typifcher Vertreter von Zeitftimmungen gelten. Zunächft
in der Methode der — daß ich ein Schlagwort bilde — .Apologetik
auf dem fkeptifchen Umweg'. Es ift im Anfatz die gleiche Methode,
die Heim anwendet. Nur daß Heim die Skepfis zum Fundament eines
abfoluten Ja zur Autorität der Bibel macht, M. fie dagegen als die religiöfen
Bedürfniffe nicht ftörende Urteilsenthaltung verfteht. Ich perfön-
lich bin froh, zwifchen diefen beiden Wegen nicht wählen zu muffen.
Sodann in der erftaunlich großen Bereitwilligkeit, im religiöfen Denken
Widerfprüche zu ertragen, wenn nur den Bedürfniffen des Gemüts ent-
fprochen wird, wenn nur ,das Leben reicher wird'. Aber ift es nicht
richtiger, lieber arm fein zu wollen, als der Wahrheit und Gefchloffen-
heit des Denkens etwas abzubrechen? Endlich in der ziemlich weitgehenden
Gleichgültigkeit gegen naturwiffenfehaftliche Erkenntniffc. Die
Zeit der naturwiffenfebaftlichen Weltaufchauung liegt hinter uns. Sicherlich
ift das ein Fortfehritt. Aber wir Theologen follten diefe goldene
Freiheit zu umfo größerer freiwilliger Achtung vor dem bedingten Recht
der Naturwifienfchaft nutzen, follten fie durch ein Durchdenken ihrer
Probleme zum Bundesgenoffen einer höheren Weltanficht machen (wie
Leibniz das verftand). Es könnte uns fonft bei dem Rückfchlag, der
ein Menfchenalter fpäter kommen wird, bös ergehn.

Darin aber ftimme ichM. unbedingt zu, daß eine Dog-
matik, die an den großen Fragen der wirklich lebendigen
Frömmigkeit kühl vorübergeht, ihre eigentliche Aufgabe
nicht erfüllt.

Göttingen. E. Hirfch.

Barth, Karl und Eduard Thurneysen: Zur inneren
Lage des Chriftentums. Eine Buchanzeige u. eine Predigt
(36 S.) gr. 8°. München, Chr. Kaifer 1920. M. 3 —
Das Heft bringt zwei äußerlich fehr verfchiedene Gaben.
K. Barths Auffatz .Unerledigte Anfragen an die heutige
Theologie' befpricht auf 22 S. die Zufammenftellung aus
Franz Overbecks Nachlaß, die Bemoulli unter dem Titel
.Chriftentum und Kultur' 1919 herausgegeben hat. E.
Thurneyfen aber gibt einePredigt über ,die enge Pforte',
die die Lage des Chriftentums zum Gegenftand hat. In
der Abficht find beide einig: fie wollen deutlich machen, daß