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Ausgabe:

1920

Spalte:

19-20

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Troeltsch, Ernst

Titel/Untertitel:

Die Dynamik der Geschichte nach der Geschichtsphilosophie des Postivismus 1920

Rezensent:

Mehlis, Georg

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1920 Nr. 1/2.

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begann feine wiffenfchaftliche Laufbahn durch die Habilitation
als Privatdozent in Bonn. Charakteriftifch ift für
ihn, daß er fich neben der gelehrten Tätigkeit fehr bald
auch der Mitarbeit am kirchlichen Leben zuwandte und
daß fein ftark hervortretendes politifches Intereffe ihn
zugleich auf Betätigung in der politifchen Arena hindrängte
. Die Schilderung feiner parlamentarifchen Wirk-
famkeit, die ihm in kurzer Zeit in feiner Partei eine anerkannte
Stellung verfchafft hat, ift zugleich ein Beitrag
zur Gefchichte des Zentrums, der für manche einzelne
Punkte Anfpruch auf Beachtung hat. Von Wert find
z. B. auch feine Mitteilungen über die Stellung der katho-
lifch-theologifchen Fakultät in Bonn zu der durch die
Infallibilitätsfrage angeregten Bewegung und über die
Begründung der Görresgefellfchaft.

Heffen unterfucht die Auguftin gewidmeten Arbeiten
Hertlings — ,Auguftin' in der ,Weltgefchichte in
Karakterbildern', Überfetzung der Konfeffionen, Augufti-
nus-Zitate bei Thomas von Aquin und die Rede: Wiffenfchaftliche
Richtungen und philofophifche Probleme
im 13. Jahrhundert — und rühmt die in ihnen betätigte
Verbindung von fyftematifcher Kraft und hiftorifcher
Unbefangenheit.

Göttingen. Carl Mirbt.

Troeltfch, Ernft: Die Dynamik der Gefchichte nach der Ge-
fchichtsphilofophie des PoNtivismus. (Philofoph. Vorträge
, Nr. 23.) (100 S.) 8°. Berlin, Reuther & Reichard
1919. M. 3.60
Religionsphilofophie und Ethik find immer wieder
dem Problem der Univerfalgefchichte zugewendet, um
einen Wertmaßftab zur Beurteilung der Gegenwartskultur
zu finden. Es gibt aber nach Troeltfch im gründe
nur zwei Methoden univerfalhiftorifcher Begriffsbildung,
die beide in dem Begriff der Entwicklung als der Idee
einer hiftorifchen Dynamik wurzeln, nämlich die Dynamik
als Dialektik, wie fie durch Hegel vollendet ift, und
die pofitiviftifche Dynamik, welche die naturwiffenfchaft-
liche Methode begründet hat. An der dialektifchen
Dynamik beftimmt die Idee des Ganzen die Teile, in
dem fie die Gegenfätze aus fich hervortreibt und wieder
miteinander verbindet. In der pofitiviftifchen Dynamik
wird der Gegenftand als Anlämmlung von Einzelelementen
und gefetzlich darfteilbaren Veränderungsreihen
betrachtet.

Die pofitiviftifche Dynamik, die ihre Methode gern
als ,foziologifche' bezeichnet, hat ihren enthufiaftifchen
Propheten in der Utopie des Grafen St. Simon gefunden.
Ihre Begründung hat fie erft in der Gefchichtstheorie
Augufte Comtes erfahren, von deren Bedeutung und lo-
gilcher Struktur Ernft Troeltfch eine forgfältig abgewogene
Darftellung gibt. Der rationaliftifche Charakter
diefes Pofitivismus wird fehr glücklich gekennzeichnet,
wenn die Intelligenz und die Kompliziertheit der fozio-
logifchen Phänomene als das einzige, nicht ganz aufgelohte
Geheimnis der Lehre Comtes bezeichnet werden.

Doch gibt die Soziologie Comtes nicht nur einen
Abhub des hiftorifchen Gefchehens, fondern hat die
Hiftorie tatfächlich bereichert, was teilweife damit zu-
fammenhängt, daß feine Auffaffung nicht im konfequenten
Naturalismus verharrt, fondern ähnlich wie die Gefchichtstheorie
von Herbert Spencer, bei dem fich die Natura-
lifierung der Hiftorie vollendet, zwifchen der äußerften
Annäherung an die dialektifche Dynamik und der Hinwendung
zu bloß empirifchen Verallgemeinerungen hin
und her pendelt.

Auch Wilhelm Wundt ift von dem Gefetzescharak-
ter der Gefchichte überzeugt, vermochte aber durch
feine forgfältige Scheidung von pfychifcher und phyfifcher
Kaufalität dem Problem der hiftorifchen Wirklichkeit
beffer zu genügen. Der allgemeine Kaufalitätsbegriff er-
fcheint auf pfychifchem Gebiet als das Gefetz der Re-
fultantenbildung, der fchöpferifchen Synthefe und der

Morphologie, von dem aus das Neue und Schöpferifche,
das in der Hiftorie feine Heimat hat, beffer verftändlich
wird. Seine Gefchichtstheorie baut fich auf der Völker-
pfychologie auf, und die Konftruktion des univerfal-
hiftorifchen Prozeffes, wie fie von ihm verfucht wird,
bildet eine intereffante Parallele zu Comtes Dynamik der
Gefellfchaft.

Freiburg i. B. Georg Mehlis.

Property, its Duties and Rights historically, philosophi-
cally and religiously regarded. Essays by various
writers. With an Introduction by the Bishop of
Oxford. (XX, 198 S.) 8°. London, Macmillan & Co.

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Eine im Sinne des chriftlichen Sozialismus verfaßte
Reihe von Abhandlungen, deren erfte, von dem auch
als Politiker hervorragenden Profeffor Hobhoufe herrührend
, die Entwicklung des Eigentumbegriffes fkizziert,
zwei folgende die Theorie rechtsphilofophifch behandeln,
dann fchließen drei theologifch-kirchengefchichtliche fich
an: IV. über die biblifche und urchriftliche Idee des Eigentums
, V. (von A. J. Carlyle, dem Verfaffer der auch
von Troeltlch oft angeführten History ol Medieval Poli-
tical Theory in the West) die Theorie des Eigentums in
der mittelalterlichen Theologie, VI. der Einfluß der Reformation
auf die Anfchauungen über Reichtum und
Eigentum. Den Schluß bildet eine zufammenfaffende
Erörterung über Eigentum und Perfönlichkeit. — So weit
ich zu urteilen vermag, find es lauter gute Arbeiten. Sie
werden dem in der Sache Bewanderten kaum viel Neues
bringen und geben in Einzelheiten zu Ausftellungen Anlaß
(fo find die Erwähnungen von Hobbes dreimal: S. 42,
S. 80, S. 146 irrtümlich), aber im ganzen zeugen fie ins-
gefammt von gediegener Kenntnis des Gegenftandes. In
der Einleitung lefen wir ,Wir können das Gefühl nicht
los werden, daß der Eigentums-Individualismus fich überlebt
hat: daß er verhängnisvolle Wüftenei bewirkt; daß
der Ruf nach Gerechtigkeit von Maffen der Männer und
Frauen ein gerechtfertigter Ruf ift; und wenn es ein gerechtfertigter
Ruf ift, dann geziemt es fich ohne Zweifel
nicht für uns, zu warten, bis fein Anfpruch erzwungen
werden kann, mit Schelten über jeden Fußbreit, der unwillig
unter dem Druck der Nötigung an die Arbeit abgetreten
wird, fondern lieber als freie Menfchen den Tatfachen
ins Antlitz zu fehen und uns willig zu gürten für
die Reform, felbft wenn fie uns perfönliche Opfer auferlegt
'. So fchrieb im J. 1913 ein Bifchof der Kirche von
England. Wäre diefe Erkenntnis und Opferwilligkeit in
den drei Hauptreichen Europas weit verbreitet und tief
verwurzelt gewefen, fo hätte fich vielleicht dem Weltkrieg
, diefer ungeheueren Nemefis, vorbeugen laffen; denn
fie hätte verbindend und verföhnend gewirkt.

Eutin. Ferdinand Tönnies.

Bibliographie

von Oberbibliothekar Kippenberg in Leipzig,
Univerfitätsbibliothek.

Bezügl. Hinweije und Sendungen find Jederzeit erwünjcht.

1. Jüngtt erlchienene Befprechungen.

Adam: Kirchl. Sündcnvergebg. nach d. hl. Auguftin (KWaldmann.

DtLtztg 1919, 18; BiblZ 15, 2, '19; Zänker: ThLtber 'ig, 6; EH:

IntKiZ '19, 3; ABigelmair: ThRev '19, 15/16; GKr: LtZtbl '19, 50).
Adam v. Bremen: Hamburg. Kirchengetch. 3. A. h. v. BSchmcidlcr

(CWcyman: WsKlauPhil 1918, 41/2; FCohrs: ZGNdrfächlKg '18;

HGerdes: ZHiVNdrfachfen 83, ,18, 3T.
Albani: Du bift Petrus (Klfhs: RetKZtg '19 LtBeil 3; Neuberg:

Pstrlbli 61, 11, '19; Gehring: ThLtber '19, 10; EH: IntKiZ '10, 4).
Andachtsbuch im Auftrage d. ,Dorfkirche' (Sludft 1918, 3; Rofen-

thal: ThLtber '19, 1/2; WTrcblin: EvFrht '19, 1; AUckelcy: ThGgtv

'19, 2; Schufter: ZEvRlgunterr 31, 1/2, '19).
Anrieh: Hagios Nikolaos 2 (OrLtztg 1918, 9/10; GKrüger: DtLtztg

'19 6; HGünter: ArchRlgw IQ, 2/3, '19; EGerland: LtZtbl Tg, 30 u. 31).
Appel: Der Hebräerbrief (KDeissner: ThGgw 1918, 6; JH: RetKZtg

T8 LtBeil 2; Z: NThStud T9, 7).
Auguftini tractatus sive sermones inediti ed. GMorin (CWeyman:

Hijb 39, T9, 1/2; Leipoldt: LtZtbl '19. 51/52).