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Ausgabe:

1919 Nr. 1

Spalte:

161-163

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heisler, Hermann

Titel/Untertitel:

Lebensfragen. Siebzehn Predigten 1919

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 13/14.

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der Herausgeber dahingeftellt, ob die von dem Verf. für
unanfechtbar gehaltene ,rein empirifche Grundlegung
einer normativen Ethik den Anfprüchen einer konfequent
pofitiviftifchen Weltanfchauung gewachfen ift' (VI). Wie
viel mehr werden dies alle bezweifeln, die nicht ,pofiti-
viftifch' denken 1 Es fei nur an die oben erwähnten Sätze
über ,Erklärung und Begründung' erinnert. Sie zeugen
doch von einer ganz befonders ftarken Verwechslung der
genetifchen und kritifchen Frage. Und begründet wird
diefe unbefriedigende Antwort auf die letztere darin fein,
daß die in jenem erften Teil gegebene pfychologifche
Analyle des Sittlichen nicht in die ganze Tiefe der zu
erlebenden fittlichen Wirklichkeit eindringt. Von den
Glücksintereffen des.. Individuums wird auch in diefer
Wohlfahrtsethik der Übergang in die nicht .befchränkten',
nicht ,zufälligen' ,allgemeingiltigen, fozialen und humanen'
Intereffen mit gefällig überredenden Worten vollzogen.
Vor allem aber findet fich nirgends eine eindringende
Unterfuchung des ,du follft'. So ausführlich über den |
,ethifchen Wert' gehandelt wird, fo kurz über die ,ethifche [
Norm'; fie ergibt fich aus jenem wie von felbft, eben weil
das ,du follft' nicht genau erörtert wird. Immer wieder
Polemik gegen die imperative Ethik zu Gunften der teleo-
logifchen, als ob nicht das eigentliche Problem eben da
anfinge, wo diefe im Grund von niemand mehr bean-
ftandete Polemik gegen Kants Einfeitigkeit aufhört. Es
kann hier nur noch darauf hingewiefen werden, wie in
den Abfchnitten über Freiheit, Gewiffen, Phänomologie
des Böfen diefes grundfätzliche Bedenken befonders
deutlich zum Bewußtfein kommt. Gewiß, auch hier findet
fich viel Schönes im Einzelnen. Z. B. die Erträgniffe der
neuen Pfychologie find im Vergleich zu Schopenhauer
eine Bereicherung; aber wie gewaltig bleibt Schopenhauers
Gefühl für den Ernft der Verantwortlichkeit. Und
in der geiftreichen Erörterung über das Böfe erfreut die
realiftifche Anerkennung, daß des Böfen unendlich weit
mehr fei, als zur Hervortreibung des Guten nötig wäre,
und daß es ein furchtbares Eigenleben mit furchtbarer
Eigengefetzlichkeit lebe; aber das Schlußergebnis empfindet
man nur um fo mehr als ein unbefriedigendes.
Der Herausgeber fpricht (VII) die Überzeugung aus, auch
in der jetzigen .entfetzlichen Kulturkataftrophe' fühle fich
,der kulturhiftorifch und pfychologifch orientierte evolutio-
niftifche Ethiker' nicht gedrängt .umzulernen'. Andere
werden für ihren Glauben an den Sieg des Guten ftärkere
Gründe fuchen und fich durch das wegwerfende Urteil
über ,metaphyfifche' oder gar .theologifche' Begründung
der Ethik nicht fchrecken laden.

Tübingen. Th. Haering.

Heim, Prof. D. Dr. Karl: Der Krieg und das Ringen des Studenten
um eine Weltanlchauung. Vortrag am Semefter-Eröffnungsabend

k deä D. C S. V., Kreis Berlin. (16 S.) 8". Berlin, Furche-
Verlag 1917. M. — 40

Heinzelmann-Bafel, Prof. Liz- Gerhard: Ewiges Leben. (26 S.)
kl. 8". Berlin, Furche-Verlag 1917.

Auf 16 oder 26 Seiten will man keine Probleme löfen; da
will man Anregungen geben, fei es zu tieferem Nachdenken über i
die betreffende Frage, fei es mehr in der Richtung praktifcher
Anregung und Aufmunterung in einer problemhaltigen Sache.
Die vorliegenden beiden Schriften dienen beiden Zwecken in all
ihrer Kürze vortrefflich, zumal wir hier nicht abgetretene Wege
geführt werden, wie das ja befonders bei Heim von vorne herein
nicht anders zu erwarten ift. _ .

Gnadenfeld. Th. Steinmann.

Ihm eis, Prof. D. Ludwig: Allein durch den Glauben. Sechs
Predigten, geh. in der Univ.-Kirche in Leipzig 1918.
(91 S.) 8°. Leipzig, A. Deichert 1918. M. 1.25 i kart. M. 2 —

Heisler, Pfr. Hermann: Lebensfragen. Siebzehn Predigten.
Gehalten in der Lutherkirche zu Konftanz im Jahre
der 400. Wiederkehr des Geburtstages der Reformation

u. um den Anfang des 4. Jahres des großen Krieges.

(XI, 220 S.) 8°. Konftanz, Wölfing-Verlag (1918).

M. 3.50; geb. M. 5 —
An diefen beiden Predigtfammlungen kann man fich
den Unterfchied von alter und neuer Predigtweife ausgezeichnet
klar machen. Er ift fehr groß und reicht bis
in die Ausdrucksweife hinein.

Ohne Zweifel haben an den Sonntagen vor dem
Reformationsfeft und an ihm felbft die Predigten von
Ihmels auf feine Hörer einen ftarken Eindruck gemacht
vermöge der Perfönlichkeit des Redners und der refor-
matoriichen Grundgedanken, die er darbot. Allein bei
der Analyfe der gedruckten Predigten kommen doch
mancherlei Bedenken. Immer wieder muß der Prediger
felbft darüber klagen, wie wenig Sinn gegenwärtig für
die Grundfragen der Reformation zu finden ift. Dazu
verfügt er nicht über die pfychologifchen und fprach-
lichen Mittel, um fie einem ernften Gemüt und Gewiffen,
das mit heutiger Bildung verbunden ift, wirklich klar zu
machen. Es ift doch gewiß keine Verfehlung am Geift
Luthers, wenn man die Gewißheit der Rechtfertigung mit
dem Bedürfnis nach innerlicher Selbftbehauptung der
Perfönlichkeit in Verbindung bringt. Ih. aber kommt kaum
über die Denkweife und auch feiten über die Ausdrücke
der alten Zeit hinaus. Nicht weniger empfindet er es
felbft, wie lehrhaft er predigt. Man muß fogar fagen, daß
überall der Profeffor der Dogmatik auch für den wirklich
unbefangenen Lefer herausfchaut, der mit Begriffen
und Einteilungen ufw. arbeitet, die ftark an das Katheder
erinnern und dadurch die Predigt trotz mancher gelungener
Verfuche, erbaulich zu werden, akademifcher färben, als
es richtig ift. Entwicklung von Gedanken ift die Regel,
Geftaltung von Anfchauungen die Ausnahme. Gar zu
oft wird auch noch in der Predigt von der Predigt, von
dem Prediger felbft gefprochen, während doch von der
Predigt dasfelbe gilt, was Leffing vom Theater fagt, daß
man auf ihm das Theater nicht nennen dürfe, um nicht
die Illufion zu ftören.

Ganz anders Heisler. Das ift eine hochmoderne
Predigtweife. Vor allem gilt das vom Inhalt. Er packt
alle heutigen Fragen mit feften Händen an und löft fie
ohne Ja und Nein, ohne Zwar und Aber mit aller wünfchens-
werten Klarheit. Er fpricht über Gott, über Gebet und
Wunder, über Glauben und Wiffen, über ewiges Leben,
über Himmel und Hölle, über Gedankenkräfte, über
Chriftus. Er fagt ohne Vorbehalt feine Überzeugung,
um den vielen fragenden Menfchen von heute zu helfen.
Und das ift ganz beftimmt gegenwärtig eine Weife zu
predigen, die fich immer mehr einbürgern wird, wo es
folche Leute gibt, die vor allem einmal Klarheit und
nicht verfchwommene Erbaulichkeit wollen. Die Nachfrage
nach beftimmten Antworten auf Fragen der Lebensund
Weltanfchauung ift groß und wird noch viel größer
werden. Davor darf man nicht mit alten homiletifchen
Theorien zurückweichen, hinter denen fleh oft Unfähigkeit
oder Mangel an Mut verbirgt. Wie H. von fich berichten
darf und wie man es auch fchon erraten konnte, zieht
eine folche Weife von Sonntag zu Sonntag mehr Leute
an. Und H. hat etwas zu fagen; er bietet eine ganz ge-
fchloffene ftarke Gefamtanfchauung an. Er verkündigt
die Herrfchaft des Geiftes; die geiftige Welt und die
Macht des Chriftus erfcheinen in jeder Predigt. Das ift
moderner Inhalt im Vergleich mit Ihmels. Eine folche
einheitliche Stellung gibt dem Redner einen ganz feften
Boden und wirkt langfam Überzeugung bei den Hörern.
So entwurzelt man den Materialismus, in dem H. mit
Recht den heimlichen Beherrfcher der Gedanken der
meiften fieht. Es fchadet auch nichts, wenn er dabei
ftark in Gedankengänge von R. Steiner fällt; der Chriftus
und das geiftige Reich, von dem unfere Sinnenwelt nur
ein Spiegel ift, vor allem aber die immer wieder vor-