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Ausgabe:

1919 Nr. 1

Spalte:

151-152

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Ulrich Zwingli. Zum Gedächtnis der Zürcher Reformation 1519-1919 1919

Rezensent:

Ficker, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 13/14.

152

fprüngliche Bild feiner äußern Erfcheinung, auf das alle 1
anderen zurückgehen und das eine Aufnahme nach dem
Leben ift, wird jetzt das Winterthurer Bild Aspers in
einem Aufsatze der Feftnummer der Zwingliana feftge-
ftellt1. Aus deren mannigfachem Inhalte fei noch erwähnt
der Hinweis auf eine Notiz der Simlerfchen Sammlung
, erläutert von Walter Köhler: Zw. Student in Paris?,
der Fund von vierftimmigen Sätzen des Kappeler Liedes,
von Ed. Bernoulli mitgeteilt, und der Auffatz über Zw.
in Holland von A. Eekhof. ,Armenpflege und Wohltätigkeit
in Zürich zur Zeit Ulrich Zw.' ftellt W. Köhler be-
fonders2 dar: Zürich ift auch Wittenberg mit dem Ver-
fuche, eine befondere Armenkaffe zu fchaffen, vorangegangen
, und die reformatorifche Forderung, den Bettel
zu befeitigen, von Luther fchon 1519 beftimmt ausge-
fprochen, hat fich unter Zw.s Einwirkung in der Ordnung
von 1525 ihr großes Sozialprogramm in Zürich gefchaffen.
Einen wahrhaft großartigen Ausdruck hat die fäkulare
Erinnerung der Reformation in dem großen Gedächtniswerke
gefunden, das von Zw.-Verein, Staatsarchiv, Zentral- .
bibliothek und der Stiftung für wiffenfchaftliche Forfchung
an der Univerfität Zürich unter der Leitung von Hermann
Efcher herausgegeben und von der Buchdruckerei Berichthaus
, der auch die Anregung gebührt, gedruckt worden
ift3. Meyer von Knonau befchreibt hier Zürich im
Jahre 1519; man möchte gern aus feiner Feder noch mehr
darüber haben. W. Köhler ftellt Zw. als Theologen dar
in einer ausgezeichneten, aus innerm Verftändniffe heraus-
gewachfenen, lebendig anregenden Schilderung, in der
klar und fchön die Entwicklungsmomente, wie die Züge
feiner Eigenart feftgehalten find, Chriftentum und Antike
mit Schweizerart in perfönlicher Einheit verbunden. Die
nachdrückliche Forderung, dem mittelalterlichen Beftande
(der via antiqua) in feinen Anfängen mehr Beachtung zu
geben, ift fehr berechtigt. Den Theologen und den
Staatsmann Zw. zu trennen, wie es die Verteilung der
Arbeit fordert, ift mißlich: Zw.s einzige Stellung als Prophet
, als ,Hirte' ift dabei nicht in der ganzen Größe zum
Ausdruck gekommen. W. Oechsli behandelt den Staatsmann
in fehr forgfamer Zeichnung, das Grundfätzliche
über Zw.s Anfchauung von Kirche und Staat, Staat und
Gefellfchaft, wie die Tatfachen der reformatorifchen Ge-
fchichte; er gibt auch die Hinweife auf des Reformators
Wirken für die geiftige Blüte feiner Stadt. Dem gewöhnlich
angeführten, auch hier wiederholten Urteile Luthers
über Zw.s Ausgang möchte ich ein anderes gegenüber-
ftellen (Tifchreden W. A. 1, 128): ,Die fchlacht mit den
Schweizern hat mir vil jamers gemacht. Ift mir leid für
den Zinglium; denn ich hab kleine hoffnung von ihm.'
Das Charakterbild Zw.s wird ergänzt durch Farners Dar-
ftellung feines häuslichen Lebens, das des geiftigen Wirkens
durch den reichhaltigen Auffatz von Lehmann: Zw.
und die zürcherifche Kunft im Zeitalter der Reformation.
Neben diefen Auffätzen fteht das reichfte Anfchauungs-
material: eine große Sammlung von Bildniffen Zw.s und
der nahe zu ihm gehörenden Zeitgenoffen, über 60 Tafeln
Handfchriftenproben aus dem gleichen Kreife mit angefügten
Übertragungen, beide Teile mit biographifchen
Einleitungen von Köhler. Faft 80 Tafeln Dokumente
laffen in fchriftlichen, druckerifchen und bildlichen Proben
Zw.s Werk vorüberziehen, von Efcher und Nabholz ausgewählt
und mit vortrefflichen Erläuterungen verfehen.
Druck und Tafeln, von diefen eine größere Zahl farbig,
find technifch und künftlerifch vollendet ausgeführt, das

*) Zwingliana. 1918, Nr. 2 u. 1919, Nr. 3. (104 S.) gr. 8°.
Zürich, Buchdruckerei Berichthaus. M. 1.50

2) 119. Neujahrsblatt, herausgeg. von der Hülfsgefellfchaft in Zürich.
56 S. 4°. Zürich 1919, Komm.-Verlag von Beer & Co.

3) Ulrich Zwingli. Zum Gedächtnis der Zürcher Reformation
1519—1919. (450 S. m. 184 Tafeln.) gr. 4». Geb. 50 fr. (70 fr.) (Vorzugsausgabe
120 fr. (150 fr.).

Ganze von der Type bis zu den Einbanddecken mit
Schwert und Buch und eiferner Zwinge ein Kunftwerk
von einheitlicher Gefchloffenheit K Eine Freude, wie hier
den Denkmälern die dem Texte ebenbürtige Stelle gegeben
und wie durch gleichmäßige Verwertung des ge-
famten Quellenftoffes ein gefchichtliches Gefamtbild geboten
wird. Das monumentale Werk mag damit zugleich
zeigen, wieviel bisher durch eine einfeitige Benutzung und
Darbietung des Textlichen verfäumt und wie die Wirkung
der gefchichtlichen Arbeit für weite Kreife, für die fo-
genannten Gebildeten, für Kirche und Volk damit beeinträchtigt
worden ift.

Halle a. S. Johannes Ficker.

•) Da an diefer Stelle der Raum fehlt, habe ich das Werk nach
Seite der Denkmäler und der Ausftattung eingehender in der Zeitfchrift
für Buchwefen und Schrifttum befprochen, 1919 Nr. I.

Dee, Simon Peter: Het Geloofsbegrip van Calvijn. Aca-
demifch proeffchrift (Amfterdam). (V, 215 S.) gr. 8°.
Kampen, J. H. Kok (1918). ff. 2.90

Diefe Amfterdamer Differtation darf um ihrer Sorgfalt
und Umfichtigkeit willen als eine bedeutfameFörderung
der Calvinforfchung bezeichnet werden. Vf. hat fein
Thema foweit wie möglich gezogen, Luther und Melanch-
thon beftändig zum Vergleich herangezogen, beherrfcht
die Literatur, fodaß feine Schrift einen wertvollen Beitrag
zur Dogmengefchichte des Proteftantismus darfteilt, aus
dem man lernt, felbft wo man nicht zuftimmt. Zu feinem
Thema angeregt wurde D. durch Bavinck, den bekannten,
reformierten Dogmatiker. — Nach einer kurzen Einleitung
letzt Vf. ein mit der Frage nach dem Wefen des Glaubens
bei Calvin. Sehr richtig wird hier herausgehoben, daß
in der reformatorifchen fiducia, fofern fie Überzeugung,
persuasio ift, ein ftarkes intellektuelles Moment liegt;
Calvin gebraucht daher auch gerne den fynonymen Begriff
cognitio, der gewiß feine Spitze einerfeits gegen die
fides implicita richtet, andererfeits aber als firma
certitudo eine scientia umfchließt und den assensus verlangt
. Das entfcheidende Moment ift freilich eine Willenstat
. (Vgl. S. 41 ff. die Ausführungen gegen Ritfchl.)
Dabei fteht die fiducia zu fides im Verhältnis eines fyn-
thetifchen und analytifchen Urteils zugleich: fidem qui
a fiducia separant, perinde faciunt ac si quis conetur
suum a sole calorem vel lumen auferre (analytifch), aber
die Vollreife der fiducia ift nicht Selbftverftändlichkeit
der fides (fynthetifch). Die Einzelausführungen über
Calvins Pfychologie find hier fehr intereffant und lehrreich
; gerne hätte man nur einen Hinweis auf ihren Ur-
fprung gefehen. Sehe ich recht, fo ift Zwingiis Pfychologie
, in deren Zentrum der wichtige Begriff der ,Con-
fcienz' fteht, diefelbe wie die Calvins; woher fchöpfen fie
beide? Vermutlich fpielt Erasmus hier eine Mittlerrolle;
für den wichtigen Begriff der persuasio (den Zwingli m.
W. nicht hat, wohl aber Bucer) habe ich im Theol. Jahres-
ber. 1911 S. 707 auf den Humanismus verwiefen. — Kp. 2
handelt vom Glaubensobjekt, lehnt die Auffaffung von
M. Schulze (Meditatio futurae vitae) als einfeitig ab, beftimmt
den Begriff" der Hoffnung als perseverantia oder
constantia fidei, fidei alimentum et robur, um andererfeits
die Sündenvergebung als Glaubensobjekt ,zu eng'
zu bezeichnen (gegen Lüttge). Die divina benevolentia
als Objekt fchließt beides in fich; fie wurzelt in der
Prädeftination und ift geoffenbart in der heiigen Schrift
= A. und N. T. Damit wird der Glaube Schriftglaube im
Sinne einer ,Zufammenkoppelung von zwei heterogenen
Elementen, Für-wahr-Halten und Vertrauen'. Sofern nun
unfer Verftand fich gegen die Offenbarung Hemmt, damit
alfo der Glaube unvollkommen bleibt, liegt fides implicita
j vor. (Hier bietet D. S. 90 ff. wertvolle Auseinander-
fetzungen mit G. Hoffmann.) Auch die zum Grabe Chrifti