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Ausgabe:

1919

Spalte:

135-137

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dunkmann, Karl

Titel/Untertitel:

Religionsphilosophie. Grundriß 1919

Rezensent:

Wobbermin, Georg

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Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. u/12.

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fchönen gefchichtlichen Teil über den magifchen Idealismus
fei befonders hingewiefen.

Für eine Neuauflage möchte ich einige Ergänzungen anregen.
Wichtig- dünken mich der hiflorifche Paracellüs (nicht der unechte auf
S. 216 genannte), Johann Baptista van Helmonts Traumliteratur und
Myftik, die Physica der Seherin und Ärztin Hildegard von Bingen, die
lateinifchen und tfchechifchen Panfophica des Joh. Arnos Comenius,
deffen Physica, dann Prognoftikationen und Kalender, Vifionenliteratur
aus katholifcher Feder, Ärzte und Naturforfcher im Zeitalter der Romantik
. Von Publikationen neuerer Zeit könnten noch herangezogen werden:
A. von Harnack's Studie über Medizinifches ans der älteften Kirchen-
gefebichte (1892), deffen Buch über die Miffion und Ausbreitung des
Chriftentums (der Kampf gegen die Dämonen!), K. Holl, ,Entbu(iasmus
nnd Bußgewnlt (1898), H. Gunkel, Die Wirkungen des heiligen Geiftes
(1888), Hans Duhm, Die böfen Geifter im A.T. (1904), aus katholifcher
Feder Pohle, Natur und t'bernatur (1913) und Hermann Schells Apologie
des Chriftentums (1902). Für den Hiftoriker der Naturwiffenfchaften
find wichtig: alle Arbeiten von M. Berthelot, Ernft Mach und Hermann
Kopp, Ernft von Meyer's grundlegende Gefchichte der Chemie und Al-
chemie, S. Seligmann's umfaffendes Werk über den böfen Blick, Edmund
O. von Lippmanns Abhandlungen und Verträge zur Gefchichte der
Naturwiffenfchaften. Ich habe an anderem Orte ausführlich diefe
Literatur nach kritifchen GefichtspuDkten zufammengeftellt.

Wien. Franz Strunz.

Dunkmann, Prof. D. Karl: Religionsphilofophie. Kritik der
religiöfen Erfahrg. als Grundlegg. chriftl. Theologie.
(XXI, 496 S.) 8°. Gütersloh, C. Bertelsmann 1917.

M. 13—; geb. M. 15 —

— Dasselbe im Grundriß. (X, 63 S.) 8°. Ebd. 1917.

M. 1.50

— Die Nachwirkungen der theologifchen Prinzipienlehre Schleiermachers
. (Beiträge zur Förderg. chriftl. Theol. XIX,
H. 2) (200 S.) Gütersloh, C. Bertelsmann 1915. M. 4 —

— Die theologifche Prinzipienlehre Schleiermachers nach der
kurzen Darftellung u. ihre Begründg. durch die Ethik. (Beiträge
z. Förderg. chriftl. Theol. XX, H. 2) (1,54 S.)
Gütersloh, C. Bertelsmann 1916. M. 3.60

Das Programm der umfangreichen und tiefgründigen
Religionsphilofophie D.'s faßt fich anfehaulich in dem am
Schluß des Vorworts ausgefprochenen Wunfeh zufammen,
es möchten gerade diejenigen Kreife deutfeher Religions-
vviffenfehaft, die bis vor dem Ausbruch des Weltkrieges
ihre Stärke in der Anknüpfung an den englifch-amerika-
nifchen Empirismus fuchten, fich fortan enger mit denjenigen
vereinen, die ihre Aufgabe in der Verfolgung und
Weiterentwicklung deutfeher Religionsphilofophie auf dem
Boden der Reformation — wenn fchon in kirchlicher Ab-
zweckung — erblickten. Wie immer diefe Charakteriftik der
hier genannten beiden Gruppen theologifch-religionsphilo-
fophifcher Forfcher zu beurteilen fein mag, dem Programm
felbft ftimme ich freudig zu. Und zwar um fo freudiger,
als D. auch feinerfeits hinzufügt, jene kirchliche Abzweckung
müffe unabtrennbar fein von der rein wiffenfehaftlichen
Aufgabe, wie das fchon Schleiermacher erkannt habe.

In den Bahnen Schleiermachers nämlich will D.
Weitergehen, die Anfätze feiner Problemftellungen will er
weiterführen. Gerade diefe Abficht erfcheint mir als eine
höchft erfreuliche und fachlich förderliche, wie fie fich
denn auch tatfächlich in dem vorliegenden Werk fehr
vielfach als fruchtbar und förderlich erweift. Wie freilich
die religionsphilofophifchen und theologifchen Grundtendenzen
Schleiermachers felbft aufzufaffen und zu beurteilen
find, das muß dabei bereits vorbehalten bleiben. D. hat
feine Stellungnahme zu Schleiermacher im Voraus
in zwei in den ,Beiträgen zur Förderung chriftl. Theologie'
(1915 und 1916) erfchienenen Abhandlungen über die
Prinzipienlehre Schleiermachers zu begründen verfucht.
Auch diefe Abhandlungen find beachtenswert und vielfach
lehrreich. Aber an den beiden für D.'s Stellungnahme
entfeheidenden Punkten ift feine Auffaffung mein. Eracht.
irrig. Schleiermachers Grundfatz, die Darftellung einer
Erfahrungsgröße habe zugleich als wiffenfehaftlicher Erweis
derfelben zu gelten, wird von D. einfeitig gepreßt

und überfpannt, dadurch verengt und wirkt fchließlich in
diefer Form für das Gefamtverftändnis Schleiermachers
irreführend. — Der andere Punkt betrifft das Verhältnis
der Frage nach dem Wefen des Chriftentums zu der
Aufgabe der Wefensbeftimmung der Religion überhaupt.
Für die letztere fei, lo entfeheidet D., die Gefchichte
grundfätzlich nicht heranzuziehen. Hier wird ein im
Widerfpruch zu den eigenen Prinzipien Schleiermachers
(vgl. z. B. Kurze Darfteilung, 2. Aufl. § 35, und befonders
die Reden über die Religion) flehender Mangel
feiner Behandlungsweife zum Prinzip erhoben und führt
dann gleichfalls in die vorher genannte Richtung.

Diefe einfeitige und fchiefe Stellungnahme D.'s zu
Schleiermacher wirkt fich nun in feiner Religionsphilofophie
aus. So nachdrücklich auch die religiöfe Erfahrung
als übergreifendes methodifches Prinzip
proklamiert wird, in Wirklichkeit wird nicht in
dem Maße mit ihm Ernft gemacht, wie es in der
Nachfolge Schleiermachers nötig wäre. Vielmehr
wird mit dem Grundfatz der religiöfen Erfahrung die
Forderung begrifflicher Deduktion in einer Weife verknüpft
, welche die letztere jenem erfteren durchaus überordnet
.

Das tritt denn auch fchon in der Einteilung und Gruppierung des
Stoffes deutlich zutage. Von den beiden Hauptteilen behandelt der
erde die .Theorie der Religion', der zweite die .Phänomenologie der
Religion'. Die Theorie der Religion — gerade auch der ihr zugrunde
liegende Religionsbegriff felbft — wird alfo vorweg d. h. ohne grundfätzliche
Berückfichtigung der gefchichtlichen Erfcheinungswelt der Religion
konftruiert. Ausdrücklich behauptet D., der von mir als letzte Inftanz
geltend gemachte und in methodifcher Beziehung näher beftimmte ,re-
ligionspsychologifche Zirkel' zwifchen dem Studium der Religionsgc-
fchichte und der Analyfe der religiöfen Erfahrung müffe überwunden
werden und fei zu überwinden — nämlich auf dem fchon genannten
Wege, der die Befchreibung der Religion als perfönlicher Erfahrungsgröße
und die wiffenfehaftliche Deduktion zufammenfallen laffen will.
In der Durchführung diefes Verfahrens verwickelt fich D. notwendig in
fchwere innere Widerfprüche. Auf der einen Seite kommt auch er in
der Aufftellung feiner Theorie der Religion nicht ohne alle Berückfichtigung
der Gefchichte aus (vgl. z. B. das fehr bezeichnende Zugcftänd-
nis S. 94). Auf der anderen Seite aber wird dann doch durch diefe
Religionsthcorie das Urteil über wichtigfte Einzelfragen der nachfolgenden
Phänomenologie der Religion vorweggenommen. Die Frage nach dem
Verhältnis des Gottesbegriffs zu dem Religionsbegriff' ift im Voraus
dahin entfehieden, daß beide in wechfelfeitiger Abhängigkeit von einander
ftänden. Damit ift aber wie jede abweichende Auffaffung fo z. B.
auch das übergreifende Ergebnis der religionswiffenfchaftlichenForfchungen
Söderbloms im Voraus ins Unrecht gefetzt. Gewiß bedeutet ein derartiges
Verfahren eine außerordentliche Vereinfachung und Erleichterung
der religionsphilofophifchen Aufgabe; aber diefe Aufgabe ift nun einmal
fo überaus kompliziert, daß eine folche Vereinfachung nur durch
Gewaltfamkeit möglich wird und daher die Gefahr konftruktiver Willkür
einfchließt.

Eine der eben befprochenen ähnliche Umkehrung des methodifch
geforderten Ganges der Unterfuchung kehrt dann auch im erften Hauptteil
felbft mehrfach wieder. Das Problem der Gottes er kenn tn i s wird
dem des Gottesbewußtfeins vorangeftellt, und erft nach diefen beiden
folgt fchließlich das Problem des Gottesglaubens. Nur fo wird es
D. möglich, durch .logifche Deduktion' des Gottesbegriffs das Dafein
Gottes als im ftrengen Sinn .wiffenfehaftlich gültiges Urteil' in Anfpruch
zu nehmen. Innerhalb des Problems des Gottesbewußtfeins ift die
Voranftellung der .Entftehung' des Gottesbewußtfeins vor die .inhaltlichen
Auslagen' desfelben zu beanftanden. Denn wieder ermöglicht
und begünftigt diefe Anordnung den konftruktiven Charakter der ganzen
Religionstheorie D.'s, die alle Religion aus der Zwiefpältigkeit des
Normbewußtfeins entfpringen läßt, zwar nicht derjenigen eines einzelnen
Faktors desfelben (des logifchen oder ethifchen oder äfthetifchen), auch
nicht derjenigen ihrer Gefamtheit, wohl aber aus dem Totaleindruck
ihrer Heterogenität. Diefe Religionstheorie — an die Auffaffung
Windelbands erinnernd, fie aber an religiüfer Einficht und Tiefe beträchtlich
überragend — vergewaltigt doch auch ihrerfeits die religiöfe
Erfahrung. Daß gleichwohl die Durchführung im einzelnen viele fehr
treffliche Erörterungen bietet, kann hier nur noch im allgemeinen
ausgel'prochen, aber nicht mehr näher belegt werden.

Die Auseinanderfetzung D.'s mit den in der Diskuf-
fion der Probleme fehr gefchickt herangezogenen anderweitigen
Pofitionen ift bei aller Schärfe faft durchweg
vornehm und auf Objektivität bedacht. Nur an einem
Punkt muß ich in eigener Sache Einfpruch erheben. Daß
die von mir vertretene methodifche Pofition die theolo-