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1919

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127

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein, insbesondere die alte Erzdiözese Köln. 100. Heft 1919

Rezensent:

Lerche, Otto

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127

Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. u/12.

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Gegenfatz zu dem ,ihre Erniedrigung und Selbftverleugnung fo grenzenlos
' geworden fei, hätte M., die doch wußte, daß Elifabeih fchon im
vierten Lebensjahre diefen Einflüflen entrückt war, vielmehr auf die Erfahrungen
ihrer Kindheits- und Ehezeit und auf die ihr durch Bruder
Rüdiger vermittelte Sinnesart des hlg. Franz eingehen müffen (vgl. über
die franziskanifche humilitas: Hnr. Tilemann, Studien zur Individualität
des Franziskus von Affifi 1914 S. 70L). Und dies um fo mehr, als auf
dem Umfchlag des Buchs ,die Erneuerung des franziskanifchen Geiftes'
als des zuverläffigften Trägers des Weltfriedens' befürwortet wird! —
Die acht Abbildungen, aus verfchiedenen Druckwerken entlehnt, ftehen
zumeift nicht in geiftigem Zufammenhang zu den benachbarten Seiten.

Marburg (Lahn). K. Wenck.

Annalen des Hiftorifchen Vereins für den Niederrhein, insbef.

die alte Erzdiözefe Köln. ioo.Heft. (III, 185 S.) gr.8».

Köln, J. & W. Boifferee 1917. M. 5 —

Bei Vollendung des erften Hunderts der Annalen des
hiftorifchen Vereins für den Niederrhein darf füglich auch
an diefer Stelle ein Wort des Dankes an den Verein gerichtet
werden. Im befonderen Maße hat der genannte
Verein die kirchengefchichtlichen Studien im Gebiete der
alten Erzdiözefe Köln gepflegt, und die kirchengefchicht-
liche Forfchung insgemein hat aus dem in jeder Hinficht
wertvollen und zumeift auch maßgeblichen rheinifchen
Material alle Zeit die lebhaftefte Anregung und nach-
haltigfte Förderung erfahren. Auch das vorliegende
ioo.Heft bietet Veranlaffung, dem Verein nur Lobendes,
nur anerkennende Worte zu fagen. Neben rein kirchlichen
und kirchengefchichtlichen Fragen werden auch Themata
aus der politifchen Gefchichte erörtert, die aber in ihrer
Gebundenheit an den geiftlichen Staat auch ihre kirchliche
Seite haben. Die Redaktion der Zeitfchrift weiß ftets
anerkannte Forfcher rheinifcher Gefchichte in ihren Spalten
zu vereinigen. Der erfte und insbefondere für die Kirchen-
gefchichte wichtige Auffatz ift von Heinrich Schrörs und
handelt über den berühmten Erzbifchof von Köln, Bruno,
den Bruder Kaifer Ottos I., der 953—965 den rheinifchen
Erzltuhl mit der lothringifchen Herzogswürde verband
und feinem kaiferlichen Bruder getreulich in den
fchwierigften Fragen der Reichsverwaltung zur Seite ftand.
Seit 1913 find wir durch L. Berg (vgl. Theol. Lit. Ztg. 1916
Sp. 477) über Brunos zweiten Nachfolger, Erzbifchof Gero,
eingehend unterrichtet. Aus der Arbeit Bergs geht einleuchtend
hervor, daß Gero die Arbeiten Brunos in vieler
Hinficht fortfetzte und fleh in faft allen Amtshandlungen
feinen großen Vorgänger zum Mufter nahm. Um fo er-
wünfchter ift nun diefe eingehende Schilderung Brunos
aus der Feder Schrörs. Wir verdanken dem Verfaffer
bereits eine eingehende Behandlung der vita Brunonis von
Ruotger in den Annalen (1910 Heft 88) und erhalten nun
eine auf Grund hervorragender Kenntnis der Quellen aufgebaute
, gehaltvolle und warmherzige Charakterifierung
nicht nur des Kirchenfürften und Staatsmannes, fondern vor
allem auch ein anfprechendes und freundlichesBilddes edlen
und reinen Menfchen. Nur in wenigen Fällen ift der mittelalterliche
Menfch in feiner Pfyche erkennbar: hier fcheint
es Schrörs gelungen zu fein, den Schleier zu lüften. Es
folgt ein Auffatz von K. Becker über Kurkölns Beziehungen
zu Frankreich und feiner wirtfchaftlichen Lage
im Siebenjährigen Kriege, eine Darftellung der Schulordnung
der Aachener Jefuiten vom Jahre 1720 durch
A. Fritz, und fchließlich eine aus den Quellen der Archive
gefchöpfte Biographie des Humaniften Arnold Heymerick
von F. Schröder, die nicht ohne Bedeutung für das
Studium der Vorreformationsgefchichte am Niederrhein ift.
Hannover. - Otto Lerche.

Hirfch, Priv.-Doz. Lic. Emanuel: Luthers Gottesanfchauung.

(36 S.) kl. 8°. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht
1918. M. 1.30

Hirfch teilt feine Darftellung in drei Abfchnitte: Gottes
Wefen, Gottes Rechtfertigungstat, Gottes Wahl. Daß
die letzte an den Schluß tritt, wird man nur billigen;

auch daß das ,Wefen' an erfter Stelle erfcheint? H. geht
von der Herrlichkeit Gottes aus, von dem allmächtigen
Schöpfer und Wirker der Welt. Zwei ,Fortbeftimmungen*
erfährt diefe Allmacht: zur Allgegenwart und zur Un-
begrenztheit des göttlichen Willens. Unbegreiflich freilich
bleibt uns das alles, aber überaus wichtig ift diefer verborgene
Gott. Seine Allmacht ift fo eine Vorausfetzung
alles Gottvertrauens. Die andere ift ,die unausfprechlich
vollkommene göttliche Notwendigkeit', die fleh als Gerechtigkeit
und Wahrheit einerfeits, als Güte und Liebe
anderfeits äußert. Diefe Darlegungen der erften Abfchnitte
erfahren nun eine merkwürdige Ergänzung. Was
wir gehört haben, follen ,Rückfchlüffe aus Gottes rechtfertigendem
Tun' fein. Hier erft gelangen wir zum
Höhepunkt von Luthers Gottesanfchauung. Und hier
erft ,fchlägt perfönliche Erfahrung am ftärkften durch' in
dem Doppelerlebnis von Zorn und Liebe. — Ich weiß
mich dem Eindruck nicht zu entziehen, daß durch diefe
letzten Ausführungen die Anlage des Vorausgehenden
als verfehlt erwiefen wird. Ich beftreite keine einzige
von H.'s Auslagen. Aber der Ausgangspunkt muß anders
gefaßt werden. Die unbedingte Perfonalität in Luthers
Gottesanfchauung ist in ihrer entfeheidenden Bedeutung
nicht abfichtlich hervorgehoben. Mir aber fcheint, daß
an ihr fo ziemlich Alles hängt. Denn in ihr vereinigt
fleh der Gegenfatz zu fcholaftifcher Theologie, myftifcher
Andacht, Erasmusfchem Moralismus. In ihr fließen zugleich
Luthers Erleben und feine Gottesanfchauung in
eins zufammen. Ich bin mit H. darin einverftanden, daß
de servo arbitrio und alles, was damit zufammenhängt,
ftark verriachläffigt worden ift. Aber es ift, wozu H.
felbft anleitet, in den Glauben an den rechtfertigenden
Gott einzufchließen, nicht umgekehrt diefer Glaube in
jene allgemeinen Anfchauungen.

Gießen. Eck.

Reformationsliteratur.

Unfer drittes Sammelreferat (vgl. 1918 Nr. 19/20) ftellt
Arbeiten nicht-theologifcher Verfaffer, zumeift von Hifto-
rikern, zufammen. Sie haben ihren Sondercharakter, fo-
fern einerfeits andere Intereffen als die theologifchen im
Vordergrunde ftehen, andrerfeits die theologifchen Erörterungen
und Ergebniffe in einem befonderen Spiegel
aufgefangen werden; auf alle Fälle ift aus diefen Arbeiten
zu lernen, fo gewiß fie auch oft zum Widerfpruch
reizen.

Der Vortrag von Merker*) ift in Leipzig ,vor einem
größeren Publikum' gehalten und arbeitet mit fcharf ge-
fchliffenen Thefen, deren Richtigkeit aber nicht ohne
Weiteres feftftehen dürfte. An der Spitze fleht der Satz,
daß ,von einer tiefgreifenden Umwälzung und innerlichen
Neugeburt (durch die Reformation oder Luther) im lite-
rarilchen Leben nichts oder doch nur fehr wenig wahrzunehmen
' ift. Es kann fleh höchftens um .nachhaltige
Anregungen', nicht um ,eine neue Periode' handeln. Die
Zeit vor der Reformation bildet ein .Wellental', ift ,Hte-
rarifches Kunfthandwerk', zeigt eine Blüte nur im Volkslied
, und nach der Reformation .fleht es nicht viel
anders aus', folglich — fchon dieler Schluß ift aber nicht
zwingend — bedeutet die Reformation keine literarifche
Epoche; auch Hans Sachs ift nur ,ein lieber, treuherziger
Menfch'. Da nun aber religiöfes Erleben und künftle-
rifches Schaffen in Wechfelwirkung zu ftehen pflegen,
fchreitet M. alsbald zu der Thefe fort, daß das Reformationszeitalter
kein befonders tieferregtes religiöfes
Zeitalter war; die kirchen- und fozialpolitifchen Erwägungen
hätten die Hauptrolle gefpielt, und daraus erkläre
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') Merker, Paul: Reformation und Literatur. Ein Vortrag.
(46 S.) gr. 8". Weimar, H. Bühlau 1918. M. 1.95.