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Ausgabe:

1919

Spalte:

109-110

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mehlis, Georg

Titel/Untertitel:

Probleme der Ethik 1919

Rezensent:

Haering, Theodor

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Seite 1

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Tneologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 9/10.

110

Jaeger, D.Paul: Innfeits. Zur Verftändigg. über die Jen- zweite Kapitel .Bedingte und unbedingte Normen' bringt
feitsfrage. (VII, 126 S.) kl. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr Unterfuchungen über Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Güte,
1917. M. 1.20 Verföhnlichkeit, Treue, wodurch jene .Problematik' des
Geyer, Paft. Johs.: Unfterblichkeit des Menfchen und willen- Ethilchen im wirklichen Leben deutlich wird. Noch be-
fchaftliches Denken. Ein Wegweifer zur Lebensgewiß- fonders ift das der Fall im dritten Kapitel ,Uas Gefchlecht-
heit. (III, 40S.) 8°. Leipzig, M. Altmann 1918. M. 1.10 i liehe und die ethifche Norm'. Seine ethifche Indifferenz
Jäger behandelt in feinem Büchlein das Thema feines : an fich wie fein äfthetifcher und ethifcher Wert wird dar-
vielgelefenen ,Ich glaube keinen Tod' aufs neue, aber um- gelegt. Das vierte Kapitel ,Der ethifche Individualismus'
faffender und dem Gegenftand mehr im Zusammenhang j und das fechfte über ,Die ethifche Perfönlichkeit und fitt-
nachfinnend. War jene Schrift ausgefprochenermal.len liehe Gemeinfchaft' find durch das fünfte ,Der ethifche
ein Troflbuch, fo handelt es fich hier um fyftematifche Konflikt', das an das erfte und zweite anknüpft, verbun-
Gedankenanfätze. Es ift aber nicht eine erfchöpfend durch- den, während das letzte .Macht und Gewalt in ihrem Vergearbeitete
Behandlung des Gegenftandes und nach allen hältnis zu den ethifchen Werten' befonders die Probleme
Richtungen klärend und fichernd abgegrenzte Darlegung des Weltkriegs behandelt.

feiner entfeheidenden Grundgedanken. Das Ganze ift Ein fo reicher Inhalt erlaubt in der hier gebotenen
überhaupt nicht ein fortlaufender Zufammenhang; es be- i Kürze keine irgend zureichende Beurteilung. Es mag
fteht aus vier je in fich abgefchloffenen und gegenein- nur die Frage erlaubt fein: wenn doch vom Herrn Verf.
ander felbftändigen Stücken (Innfeits: [AllerfeelenJ; Jen- ! des öfteren auf das Verhältnis des Sittlichen zum Reli-
feits; Wirklichkeit und Tod; der Himmel), in denen fich giöfen und Chriftlich-Religiöfen (,der Nazarener') hinge-
manche Gedankenreihen wiederholen. Es werden über- i wiefen wird, würde dann nicht durch ein tieferes Ein-
haupt mehr Gedankenanregungen gegeben als bis zum ! dringen in das fpezififch chriftliche Verhältnis des Sittletzten
voll ausgearbeitete Gedanken; und nicht zufällig liehen zum Religiöfen, in die eigenartige Beftimmtheit des
läuft auch gelegentlich etwas mit unter, was nur das Ge- Chriftlich-Sittlichen durch das Chriftlich-Religiöfe die Gewicht
eines feinfinnigen Einfalls hat. Hinter allen Aus- famtdarbietung bereichert und vertieft worden fein? Faft
führungen fteht aber eine klare Grundrichtung, "deren in allen oben genannten Hauptbegriffen, Sexualismus,
Hauptgedanken dem Lefer außerordentlich eindrücklich Individualismus, Gemeinfchaft, Macht und Gewalt. Ge-
und mit nicht geringer Überzeugungskraft vor die Seele rade weil z. B. der Gedanke der Feindesliebe in feiner
treten. Es gilt einer klaren Wurzelung der Gewißheit religiöfen Orientierung anerkannt ift, vermißt man feine
von etwas, was mehr ift als die bloße Tatfächlichkeit, Unzertrennlichkeit von dem beftimmt chriftlichen Gottes-
— heiße es nun Gott oder ewiges Leben — in der inneren gedanken. Und von diefem aus müßten ebenfo die
Welt nicht des bloßen feelifchen Getriebes, fondern der Äußerungen über die Zukunft der Menfchheitsgemein-
befonderen geiftigen Erlebniffe und einer von hier aus fchaft u. a. weniger utopifch und doch hoffnungskräftiger
fich ergebenden ahnenden Gewißheit von dem befon- fich geftalten, auf Grund des genau verftandenen chrift-
deren Inhalt diefes Jenfeitigen oder Ewigen. Auch die liehen Transzendenzgedankens. (Eine Kleinigkeit: Das
Offenbarung des Ewigen in Chriftus wird als ein Zentrales Wort ,relevant' wird fehr häufig verwendet.)
auf dielen Boden der Innerlichkeit geftellt. Tübingen. Th. Haering.

Als Gegenbeifpiel zu diefer Art, die letzten Fragen

anzufallen, wirkt der .Wegweifer zur Lebensgewißheit' Niebergall, Prof. D. Friedrich: Praktifche Auslegung des
von Joh. Geyer, der uns den Steinerfchen Weg eigen- Alten Teltaments. Methodifche Anleitg. zu feinem Ge-
tümlicher feelifcher Exerzitien und des .behauenden Be- brauch in Kirche u. Schule. Im Anfchluß an ,Die
wußtfeins' anpreift. Das ift im letzten der befondere Weg Schriften des A.T. in Auswahl' u. m. befand. Berück-
des Indertums, tieffte Erkenntniffe zu gewinnen, gegen ficht, der Perikopen. 2. Bd. Die Propheten. Mit Namen-,
den chriftlich-idealiftifchen der Überzeugungsgewißheit. Sach- u. Stellenregifter. (VIII, 304 S.) gr. 8°. Göt-
Sehr gefchickt ift diefe Empfehlung nicht. Die .kurze tingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1915. M. 6—;
Darftellung der Endrefultate' der von Steiner eröffneten geb. M. 7.50

Erkenntniffe, mit denen die Brofchüre fchließt, ift in der Das Werk, im Krieg geichrieben, will mithelfen.

Tat nur zu fehr geeignet, ,den Glauben aufkommen zu unfer Volk über Enge und Not hinauszuführen. So fucht
Iaffen', daß es fich hierbei lediglich ,um willkürliche, im- der Verfaffer zuerft die geheimften prophetifchen Erfah-
bewiefene Behauptungen handelt'. rungen nachzuerleben und mit Hilfe der gefchichtlichen

Gnadenfeld. Th. Steinmann. Forfchung, der Erkenntnistheorie und Gefchichtsphilofophie

innerhalb des Erlebten das ewig Geltende zu finden. In
Mehlis, Prof. Dr. Georg: Probleme der Ethik. (VII, 104S.) I ganz neuer, eigenartiger Weife wird dadurch die reiche
gr. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1918. M. 3— j Schatzkammer der ifraelitifchen Prophetie für uns nutzbar

Nicht neue fittliche Prinzipien will der Verfaffer auf- j gemacht, vieles abgelehnt, was lange verehrt, vieles ent-
weifen, fie find ihm im deutfehen Idealismus, von Kant, ; deckt, was lange nicht gefehen wurde. Befonders ifts
Richte, Schleiermacher, ein für allemal feftgeftellt. Er dabei N. gelungen, die großen Geftalten der Propheten
will das Wefen des von ihnen erkannten Sittlichen in mit ihren Paradoxieen und ihrem Anonymen, ihrer Einfeiner
Reinheit, abgelöft von allen verwandten Formen ; feitigkeit und Befchränktheit, ihrer tragifchen Größe und
des geiftDen Lebens, klar machen, und namentlich die auch ihrer Schuld ehrfurchtsvoll nachzufchaffen.
Problematik, die feinem Geltungsanfpruch an die Wirk- N. erlebt aber ebenfo eindringlich auch unfre Zeit

lichktit anhaftet. Ausgeführte Beifpiele, wie Sexualismus, als evang.-fozialer Patriot, damit Bibelgeift und Deutfch-
Rinzelner und Gemeinfchaft, Recht, Macht, Krieg dienen ; tum fich durchdringen. Eine erftaunliche Fülle von Fragen
diefem Zweck, manchmal in lebhafter Zwiefprache mit l des perfönlichen, aber auch des Gemeinfchafts-, Volks-
dem Lefer oder Anrede an ihn. Das erfte Kapitel ,Die und Völkerlebens werden in dem Buche verarbeitet. Es
ethifchen Grundbegriffe' erörtert, ausgehend von dem Ge- ! ift ein Proteft gegen alle Religion, die nicht zugleich
danken ,Ich darf nicht fo bleiben, wie ich bin': .Sein und : fittlich und lozial ift, wie auch gegen alles Tun und Treiben,
Sollen', .Beftimmung, Wiffen und Gewiffen', .Pflicht' und : das nicht religiös beftimmt ift.

.fittliche Freiheit' und betont mit alledem die ftärkere In diefem Sinne ift es ein höchft wertvoller Mit-

Gegenfalzlichkeit von ,gut und böfe' im Vergleich mit kämpfer für die religiöfe Erziehung in der Schule und
•fchön und häßlich', ,wahr und falfch', fucht alfo eben das 1 auf der Kanzel. Feinfte Pfychologie und pädagogifche
Wefen des Sittlichen in feiner .Reinheit' darzulegen. Das Einficht, künftlerifches und liturgifches Empfinden helfen