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Ausgabe:

1919

Spalte:

108

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoensbroech, Graf Paul von

Titel/Untertitel:

Kirchenstaat und Christus 1919

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Seite 1

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io7 Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 9/10. 108

Als letztes Hauptftück des geforderten Syftems wird
die Idee einer Religionsphilofophie aufgeftellt, die
die Aufgabe hat, eine ,Mythologie der Vernunft' zu
fchaffen und durch fie die religiölen Anfchauungen des
Volkes mit den Refultaten der philofophifchen Spekulation
in Einklang zu fetzen. Denn ,ehe wir die Ideen
äfthetifch, d. i. mythologifch machen, haben fie für das
Volk kein Intereffe, und umgekehrt, ehe die Mythologie
vernünftig ift, muß fich der Philofoph ihrer fchämen. So
müffen endlich Aufgeklärte und Unaufgeklärte fich die
Hand reichen. Die Mythologie muß philofophifch werden
und das Volk vernünftig; und die Philofophie muß
mythologifch werden, um die Philofophen finnlich zu
machen. Dann herrfcht ewige Einheit unter uns. Nimmer
der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des
Volkes vor feinen Weifen und Prieftern. Dann erft erIdealismus
für die Kultur des Syftemtriebes aufzuweifen —
fteht in Hinficht auf Klarheit und Präzifion m. E. hinter
den vorigen zurück.

Alles übrige ift vortrefflich. Man kann die Berliner
Bibliothek zu diefer Erwerbung nur beglückwünfehen
und muß feiner Freude darüber Ausdruck geben, daß ein
folches Dokument einen folchen Herausgeber gefunden hat.
Breslau. ' Heinrich Scholz.

Hoensbroech, Graf Paul v.: Kirchenftaat und Chrirtus. Eine Löfg.
der ,römifchen Frage'. (84 S.) kl. 8". Leipzig, Breitkopf & Härtel
1917. M. 2 —

Hoensbroech, eine bereits fertige politifch-juriftirche Schrift
über den Kirchenftaat für den Zeitpunkt verfprechend, wo die
Zenfur aufgehoben wird, fucht hier rein religiös zu reden, namentlich
zu Katholiken, auf deren Standpunkt er fich alfo ftellt, obwohl
er ihn nicht teilt. Gerade von der Vorausfetzung aus, daß Chu-
itus eine Kirche habe ftiften wollen und die Päpfte zu feinen Stellwartet
uns gleiche Ausbildung aller Kräfte, des einzelnen Vertretern eingefetzt habe, zeigt er das Mißverhältnis Zwilchen

fowohl als aller Individuen. Keine Kraft wird mehr j jefu Armut und Demut, auch dem Gehorfam, den die Päpfte alter

unterdrückt werden; dann herrfcht allgemeine Freiheit und
Gleichheit der Geifter! Ein höherer Geift, vom Himmel
gefandt, muß diefe neue Religion unter uns ftiften; fie
wird das letzte, größte Werk der Menfchheit fein'.

Es verfteht fich für den Kenner von felbft, daß
diefes höchft intereffante, das ganze Syftem des deut

Zeit gegen die weltlichen Herrfcher bewiefen, und dem Reichtum
und der politifchen Macht der fpäteren Päpfte. Der Kirchenftaat
entfremdet den Papft nur feiner religiöfen Aufgabe. Die Löfung
der römifchen Frage liegt alfo darin, daß der Papft völlig auf weltliche
Ehre und Herrfchaft verzichtet, und die Staaten ihm zu fol-
chem Verzicht helfen. Nur wenige Katholiken werden freilich
eine Schrift von H. lefen. Wirkfam gefchrieben ift fie. S. 45 Z. 4

fchen Idealismus nach feinen wefentlichen Kategorien 1861 (t. 1869, S. 36 1. firm SchlulTe des Zitats aus dem Staats-
, « ... Ti~ij- vvv.iv.jn.iiv.iiv.ii 1 lexikon; gemeint ift die 2. Aufl.) direktive Gewalt ft. direkte,

(wenn auch nicht Inhalten) antezipierende, fieges- und 1 jLej H_ Mulert

zukunftsfichere Programm nicht von dem damals 2Öjäh-
rigen Hegel herrühren kann. Ein folches Programm
lag damals noch gänzlich außerhalb feines Horizontes;

Harnack, Wirkl. Geh. Rat Prof. Dr. A. v.: Die Sicherheit
und die Grenzen gefchichtlicher Erkenntnis. Vortrag, geh.
auch paffen Ton und Stimmung gar nicht zu der äußeren j in der kgl. Refidenz in München aus Anlaß d. 11. Jahresund
inneren Gedrücktheit, in welcher Hegel fich gerade
damals befand.

Dagegen wird die auf Sendling hinzielende Ver
mutung des nicht ganz ununterrichteten Lefers durch die
muftergültigen Unterfuchungen und Erläuterungen des

verfammlg. d. Deutfchen Mufeums am 6. II. 1917. (Vorträge
und Berichte [d.] Deut. Mufeums. 17. Heft). (16 S.)
gr. 8°. München, Deut. Mufeum 1917. M. —40

In knapp bemeffener Zeit eine methodologifche Grundfrage
der Gefchichtswiffenfchaft zu behandeln, erfordert

äußerft kundigen Herausgebers beftätigt. Es ift nicht die Hand eines Meifters, aber jeder wird fich der Führung
nur wahrfcheinlich, fondern völlig gewiß, daß als Ver- ! A. v. Harnacks gern anvertrauen, weil er der Meifterfüh-
faffer diefes genialen Fragments der 21 jährige Schelling j rung ficher ift. Es werden die Probleme behandelt, die
anzufehen ift. Man möchte das im erften Moment für I ich in der Vorlefung über ,Philofophie der Kirchenunmöglich
halten. Aber bei näherer Prüfung muß jeder , gefchichte' als Ontologie zu behandeln pflege, d. h. die
Zweifel verfchwinden; denn die Beweisführung ift fchla- ! Fragen nach dem Wefen, der Eigenart und Bedingtheit
gend. ! des hiftorifchen Erkennens. Sehr fein werden aus dem

Unfere Vorftellungen von Sendlings Entwicklungs- j >etwas fchalkhaft geredeten' Worte Altmeifters Ranke:
gefchichtewerden hierdurch fo ftarkverändert, daß diefe auf ,die Gefchichte will einfach feftftellen, wie es gewefen
Grund der vorliegenden Veröffentlichung neu zu fchreiben j ift' die Schwierigkeiten entwickelt, fofern es in der Gefein
wird. Die Anregungen von außen, die man bisher j fchichtserkenntnis gilt, ,das Leben als fortfehreitende
für mehr oder weniger entfeheidende Anftöße gehalten j Objektivierung des Geiftes und daher als fortfehreitende
hat und nach Lage der Dinge auch halten mußte, fin- j Beherrfchung der Materie' zu begreifen. Damit ift der
ken zu auslotenden Anläffen von fekundärer Bedeutung j Gegenwartswert der Gefchichtserkenntnis unmittelbar ge-
herab. Es zeigt fich, daß Schellings Syftemfragmente i geben, fie wird ,der große Unterbau der Politik' (das
mit Einfchluß der fpäteften Altersfchöpfungen nur die , Wort im weiteften Sinne genommen), v. H. vollzieht
nacheinander hervortretenden Momente einer großartigen , dann weiter die Auseinanderfetzung mit der materialifti-
Idee feiner früheften Jugend find. Aber auch Schellings ; fchen Gefchichtsbetrachtung, deren ,naive Vorftufe die
Verhältnis zur Romantik wird auf Grund diefes Blattes j aftrologifche war', und der perfonaliftifchen, die allein
einer genauen Nachprüfüng zu unterziehen fein. Es ift j auf die großen Männer abftellt, behandelt die Frage nach
zu vermuten, daß Schelling in einem viel höheren Grade den ,Gefetzen' der Gefchichte, nach dem verläffigen
ein Anreger der Romantik gewefen ift, als man bisher Quellenmaterial der Gefchichte (hier feine Ausführungen
geglaubt hat. Er ift auch in diefer Beziehung vermut- über die Inftitutionengefchichte als Ideengefchichte), nach
lieh viel zu paffiv beurteilt worden. Endlich verfteht es ; Objektivität und Subjektivität in der Gefchichtserkenntnis,
fleh von felbft, daß das befprochene Blatt für die Ent- nach der Einftellung der großen Perfönlichkeit in den
ftehungsgelchichte des deutfchen Idealismus ein Dokument j Gefchichtsverlauf. Auf die von der Windelband-Rickert-
von unfehätzbarem Werte ift. j fchen Schule vertretene Werttheorie geht v. H. nicht ein,

Es ift das befondere Verdienft des Herausgebers, j obwohl fie für die Gefchichtsphilofophie äußerft fruchtbar
durch feinen ungemein lehrreichen Kommentar zu folchem ! ift. Das wird damit zufammenhängen, daß v. H. die
Urteil fchon jetzt einen feften Grund gelegt zu haben. | Motivforfchung, die Unterfuchungen über Seelenzuftände
Seine Sachkenntnis ift fouverän, feine Würdigung, die des Helden, feine Entwicklung und fein Werden aus der
kein Atom außer acht läßt, gleichwohl von allen Über- j Gefchichte hinaus in die Biographie verweift. Aber ift
treibungen frei und mufterhaft in der Genauigkeit, mit die Biographie nicht auch Gefchichte? Und gehören zum
der fie die kritifchen Punkte angibt, die weiterer Auf- [ Apriori der Gefchichte, das v. H. anerkennt, nicht auch
klärung bedürfen. Nur der letzte Abfchnitt VII — ein 1 die Werte? Gerade auch die Perfonalwerte?
Vernich, die epochemachende Bedeutung des deutfchen Zürich. Walther Köhler.