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Ausgabe:

1919

Spalte:

101

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Tosetti, Wilh.

Titel/Untertitel:

Der Heilige Geist als göttliche Person in den Evangelien 1919

Rezensent:

Pott, August

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Seite 1

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ICH

Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 9; 10.

102

die Behauptung der jüdifchen Überlieferung, Lazarus habe
zu Jefu Zeit in Jerufalem gelebt, ferner der allerdings erft
viel fpäter verlautende Name des Reichen ,Amonophis',
der ficher ägyptifcher Herkunft ift, fchließlich Einzelheiten
der Erzählung wie befonders der echt ägyptifche Gedanke
der Auferftehung unmittelbar nach dem Tode.
Freilich bleibt die Frage beftehen, ob zwifchen den
ägyptifch-jüdifchen Legenden und der evangelifchen
Gleichnis-Erzählung wirklich mehr als eine allgemeine
Verwandtfchaft anzunehmen ift. Dem Stoffe nach findet
fich gerade der Hauptpunkt jener Legenden, die Ver-
fchiedenheit des Begräbniffes, hier nicht wieder; und nur
der ungefähre Aufriß der Gefchichten, wonach das Leben
hienieden und im Jenfeits fo ganz verfchieden find, ift der-
felbe. Auch der Grundgedanke des evangelifchen Gleich-
niffes ift ein durchaus anderer. So läßt fich auch trotz
Greßmanns Ausführungen der Verdacht nicht völlig unterdrücken
, das Gleichnis, das von der verfchiedenen Sittlichkeit
der beiden Menfchen nichts zu fagen weiß und
nur von dem großen Unterfchiede ihrer Lebensftellung
redet, ftamme gar nicht von Jefus, ja, vielleicht nicht einmal
aus chriftlichen Kreifen. Und follte der zweite Teil, wie
lchon längft bemerkt worden ift, nicht dennoch ein fpäterer
Zufatz fein, auch wenn die Predigt durch einen Aufer-
ftandenen, die er zurückweift, im ägyptifchen Märchen
enthalten ift? Kann hier nicht ein allgemeiner Gedanke
vorliegen, der im Märchen auftritt, und von dem der Zufatz
nichts wiffen will? Mögen aber auch hierüber die
Meinungen geteilt bleiben: die Hauptfache ift, daß die
fo lange vernachläffigten Fragen nach der Vorgefchichte
der Stoffe endlich aufgenommen werden; und dies Verdienet
wird man dem Verf. nicht ftreitig machen können.
Möge — fo wünfehen wir — diefe Abhandlung viel Nachfolger
finden! Daß auch die Parabel von den widerwilligen
Gaffen (Mt 22,1 ff. Luk. 14,15ff) in jüdifchen Quellen
ihr Gegenftück hat, hat Greßmann (S. 61. 75) fchon felber
bemerkt.

Gießen. Hermann Gunkel.

Tofetti, Rep. D. Wilh.: Der Heilige Geilt als göttliche Perlon
in den Evangelien. Eine biblifch-dogmat. Unterfuchg.
(148 S.) gr. 8U. Düffeldorf, L. Schwann 1918. M. 4.50
Die Frage nach der Perfon des hl. Geiftes ift eine
Frage der immanenten Trinität; folche Anfchauung kann
im N. T. garnicht belegt werden, weil in ihm alles auf
das Heil der Menfchen bezogen ift. Darum ift das Hauptthema
nicht ganz richtig formuliert; in den Evgl. können
fich nur Vorftufen zum Dogma aus anderen Einflüffen
finden. Verf. hat es wohl empfunden; er nennt die Arbeit
im Untertitel ,eine biblifch-dogmatifche Unterfuchung'.
Sie bietet, etwas derb gefagt, Thomas Aqu. in die Evgl.
eingetragen und aus ihnen gerechtfertigt.

Nach Ablehnung der kritifchen Auffaffungen vom Geift und nach j
einer Befprechung des 7rv£u/<a-Begrifl"s im allgemeinen kommt Verf. j
nach 50 S. zu dem nicht neuen Ergebnis, daß nvevßa, abfolut ge- !
braucht, nicht die Perfon bedeutet, und fonft der Sinn ftets vom Zu-
iammenhang abhängt. Natürlich lind ihm Math. 28, 19; Mk. 16, 16;
Matth. 3, i6f., Luk. 1,35 und Mtth. 12, 31h die wichügften Zeugniffe
für die Perfon des hl. Geiftes; am eheften gelungen find in Kap. 5
die Auslührungen über Joh. 14, 16 u. a., weil hier ja die Vorftufe zum j
Dogma ift. Belfer wäre doch wohl die Arbeit mit einer Unterfuchung j
über die Hypoftafenfrage im A. T. und im Spätjudentum und mit der |
Stellung des Paulus fundamentiert, ohne welche die Anfchauungen bei j
Joh. nicht zu begreifen lind. Freilich fcheint für Verf. eine Entwicklung
belanglos zu fein; der hiftorifche Jefus, der Auferftandene( der joh. Chriftus
wird auf gleicher Fläche angefchaut. Die fchwierigen Probleme, daß
der hl. G. bald identifch bald parallel mit dem Chüftus, bald koordi- I
niert bald fubordiniert ift, kommen nicht zur Geltung. Die Literatur
ift äußerft fleißig und forgfältig gefammelt und fachlich behandelt.
Königsberg i. Pr. Pott. 1

Kirlch, Päpftl. Hauspräl. Prof. Dr. Johann Peter: Die
römifchen Titelkirchen im Altertum. (Studien zur Gefch.

u. Kultur des Altertums. 9, Bd., 1. u. 2. Heft. (X,
224 S.) gr. 8°. Paderborn, Fi Schöningh 1918. M. 10 —
Nach den erfreulichen Fortfehritten, die die Er-
forfchung der alten Kirchen in der Hauptftadt der
Chriftenheit während der letzten Jahrzehnte gemacht hat,
widmet der bekannte Kirchenhiftoriker und Archäologe
nunmehr der für das kirchliche Leben Roms im Altertum
fo wichtigen Gruppe der Titelkirchen eine eingehende
Unterfuchung und zufammenfaffende Darfteilung. Im
erften Abfchnitt ftellt er drei Liften der alten Titelkirchen
zufammen, wie fie fich aus den Unterfchriften der römifchen
Presbyter zu den römifchen Synoden von 499 und von
595 und aus dem Pontifikate Leos III. ergeben und bietet
dann eine kurze Gefchichte der einzelnen tituli auf Grund
archäologifcher P'orfchungen. Der zweite Abfchnitt gibt
einen Überblick über Urfprung und Entwickelung der
tituli: die Bezeichnung .titulus' bezog fich urfprünglich
auf den Erbauer oder Befitzer eines Haufes, deffen Name
über dem Eingang durch eine Infchrift angegeben war
und zum Hausnamen wurde. Die Mehrzahl der römifchen
tituli waren urfprünglich Privathäufer, die für kirchliche
Zwecke in den Belitz der römifchen Gemeinde übergingen
und nun für die kirchliche Verwaltung und Seel-
forge verwendet wurden. Dazu wurden zunächft keine
welentlichen baulichen Veränderungen an den Häufern
vorgenommen. Erft feit der Mitte des 4. Jahrb.. begann
man an der Stelle der bisherigen Gebäulichkeiten große
dreifchiffige Bafiliken zu errichten. Von den achtzehn im
4. oder 5. Jahrh. ficher nachweisbaren tituli mag die
Mehrzahl aus vorkonftantinifcher Zeit, und zwar aus dem
3. Jahrh. (lammen. Sehr häufig war die Namensgleichheit
eines Titelftifters mit einem Märtyrer der Anlaß, die betreffende
Titelkirche zu einem ihm geweihten Heiligtum
zu erheben. Im 6. Jahrh. war die gefchichtliche Entwicklung
der römifchen tituli abgefchloffen. Im dritten
Abfchnitt der lehrreichen Studie wird die Verwendung
der Titelkirchen im kirchlichen Leben der römifchen Gemeinde
dargeftellt.

In dielem dritten Abfchnitt ift der Forfcher bei der Dürftigkeit
der Quellen am meiften auf Vermutungen angewiefen, wie fchon der
Gebrauch von Wendungen wie ,wohl jedenfalls' (S. 188), ,daraus fcheint
wohl mit Sicherheit hervorzugehen' (S. 194) verrät. Wenn der Liber
pontificalis in der Vita des Papftes Marcellus als Grund für die Einrichtung
|der 25 tituli angibt ,propter baptismum et poenitentiam et
propter sepulterras martyrum', fo ift die Nichterwähnung des eucha-
riftifchen Gottesdienftes, alfo der Hauptlache, doch recht auffallend
(S. 182 ff.). Und die Deutung der Stelle bezüglich des ,fermentum' im
bekannten Briefe des Papftes Innocenz an den Bifchof Decentius von
Gubbio (S. 192 t.) läßt ebenfalls Bedenken übrig.

München. Hugo Koch.

Schmeidler, Prof. Dr. Bernh.: Hamburg-Bremen und Nord-
olt-Europa vom 9.—11. Jahrhundert. Kritifche Unterfu-
chungen zur hamburg. Kirchengefchichte des Adam
v. Bremen, zu Hamburger Urkunden u. zur nord. u.
wend. Gefchichte. Mit 2 Lichtdr.-Taf. (XIX, 363 S.)
gr. 8°. Leipzig, Diederich 1918. M. 16 —

Diefe Unterfuchungen, teils überlieferungsgefchicht-
licher Art, teils zur Urkundenkritik, zur Chronologie und
zur Kenntnis nordifcher Altertümer gehörig, find dem
Verfaffer erwachfen neben feiner Ausgabe der hambur-
gifchen Kirchengefchichte des Adam von Bremen (vgl.
Theol. Lit.-Zeitg. 1918, Sp. 270). Der Verf. betont zu dem
überlieferungsgefchichtlichen Teile feiner Arbeit, daß die
von ihm aufgeftellte Löfung des Problems das Refultat
jahrelanger, fehr fchwieriger und mühevoller Arbeiten fei,
bei denen alle anderen Löfungsmöglichkeiten gewiffenhaft
erwogen und durchgeprüft find. Diefelbe Sorgfalt und
dasfelbe hohe Verantwortungsgefühl hat den Verf. unzweifelhaft
auch bei dem wertvollften Teile, dem urkunden-
kritifchen geleitet. Ohne Frage darf der Verf. verlangen,
daß die Annahme oder Ablehnung feiner Anflehten nur
auf Grund eingehender Erwägung aller Möglichkeiten