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Ausgabe:

1919

Spalte:

64-65

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wittich, Ernst

Titel/Untertitel:

Umschau auf dem Gebiet der philosophischen Probleme 1919

Rezensent:

Jordan, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 5/6.

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geiftes zu gelangen. Mit dem erften wird Schellings un-
beftimmter Identitätsbegriff gewonnen und Kants Phänomenalismus
überwunden, mit dem zweiten wird Schellings
Identität aus einer romantifchen Ahnung zu einem logifch
notwendigen und durchgeklärten Begriff fowie Kants Apri-
orismus zu dem Mittel, jenen Begriff derartig durchzu-
klären. Das Ganze ift die Lehre vom ,erfcheinenden
Bewußtfein' und von dem aus ihm rekonftruierbaren dia-
lektifchen Prozeß des Weltgeiftes, aus dem es felbft als
notwendiges Moment hervorgeht. Daher auch der Name
Phänomenologie. Jenes Bewußtfeiu wird durch den Aufweis
feiner Antinomien zu der dialektifchen Auffaffung feiner
felbft getrieben, die eben damit eine dialektifche Auffaffung
auch des Weltgeiftes und Weltprozeffes wird. Beide Probleme
fallen daher im Grunde zufammen, aber diefes Zu-
fammenfallen kann erfUdurch das Syftem felbft durchgeführt
und bewiefen werden. Unter diefen Umftänden zeigt
die Ph. natürlich die Doppelfeite, daß fie vom Pfycholo-
gifch-Erften, dem tatfächlichen vordialektifchen Denken
des Verftandes ausgeht und diefes dann auf das eigentliche
, dialektifche Vernunftdenken als feinen logifch-letzten
Kern zurückzuführen fucht. Diefer Hegels ganze Lehre
durchziehende Unterfchied von Verftand und Vernunft, Erkenntnis
und Denken, Erfahrung und Wiffenfchaft, die beide
im Kern identifch find und trotzdem gelegentlich in Gegen-
fatz geraten können, bildet dann allerdings das fchwierigfte
Problem der Phänomenologie, die vom Reflexions-Standpunkt
der gewöhnlichen Logik ausgeht und die dialektifche
Logik doch als den Kern gerade diefer .erfcheinen-
den Vernunft' zeigen möchte. Dadurch erfcheint fie den
einen als bloße Propädeutik, die über den Gegenfatz
nirgends ganz hinauskommt, den anderen als Beftandteil
des Syftems und zwar als Überleitung von der Natur-
philofophie zur Geiftesphilofophie, wo aus der natürlichen
Erfahrung fich die dialektifche Tendenz des Geiftes herausarbeitet
. Der Verfaffer hält mit Recht an der Auffaffung
als Propädeutik feft, leugnet aber ebenfo mit
Recht, daß diefe Propädeutik nicht fchon gerade den
wiffenfchaftlichen Geift der Hegelfchen Logik und Meta-
phyfik voll enthalte. Es ift eben die Herausentwicklung
der dialektifchen Identitätsidee aus dem Standpunkte
der reflektierenden Bewußtfeinsimmanenz oder des kan-
tifchen Phänomenalismus und infofern Hegels Syftem in
nuce, ähnlich wie Bergfons Lehre von der Dauer und
der irrationalen Dynamik aus der modernen Pfychologie
herausgearbeitet ift. Die Problematik der Phänomenologie
, die Doppelheit des gewöhnlich-logifchen Ausgangspunktes
und der Aufrichtung einer höheren Logik, welche
die erftere in fich enthält, aber doch mit ihr in Wahrheit
nicht identifch ift, hat der Verf. leider nicht in ihre
Tiefe weiter verfolgt. Es würde hier der Gegenfatz zwi-
fchen Effenz und Exiftenz, Notwendigkeit und Zufall,
Identität und Individualität, logifcher Entwicklung und
zeitlicher Folge, Apriorität und Empirie in feiner großen
Bedeutung für Hegel zur Frage geftanden haben, und
damit wäre der Weg zu allgemeinften und heute noch
oder wieder brennenden Fragen geöffnet gewefen. Die
kahlen, fcheinbar den ganzen Gedanken zu Gunften einer
biologifch-pfychologifchen Analyfe des Denkens als einer
.Tatfache' der inneren Erfahrung ablehnenden Schlußfätze
des Verf. befagen wenig. Aber das ganze ift eine Differ-
tation und als folche fehr gut. Der Verf. ift offenbar ein
Gelehrter aus der Schule des englifchen Hegelianismus
und trefflicher Kenner Hegels, ift abermit diefem Hegelianismus
in Berlin nicht ganz zurechtgekommen und hat
ihn für feine Differtation nur indirekt verwerten können.
Daher fcheint der unbefriedigende Anfang und Schluß
zu kommen.

Hegels ,Vorlefungen über die Philofophie der Ge-
fchichte' find trotz ihrer Herftellung aus Notizen und
Nachfchriften eines der monumentalen Werke der deut-

fchen Literatur bis heute und heute wieder erft recht,
von großem Einfluß auf alle hiftorifchen und geifteswiffen-
fchaftlichen Anfchauungen, übrigens in gewiffen Kreifen
Englands und Amerikas einflußreicher als bei uns. G. Laffon,
der verdiente Hegelforfcher und fein Verleger waren der
Meinung, daß der im Weltkrieg offenbare ,Sieg' der deut-
fchen Staatsidee und philofophifchen Kultur im Wefent-
lichen auf Hegel zurückgehe, und hielten daher auskriegs-
patriotifchen Gründen eine neue Ausgabe für geboten.
Bei den Vorftudien für eine folche entdeckte L., daß die
früheren Herausgeber die Urfchriften nicht voll ausgenützt
hatten und daß noch unbenützte ergiebige Nachfchriften
vorhanden waren. Aus diefem Mäterial be-
fchloß L. das ganze Buch zu erweitern und neu zu ge-
ftalten. Es war fo reichlich, daß man befchloß zunächft
die berühmte Einleitung als erften Band befonders er-
fcheinen zu laffen. Der Haupttext foll in einem zweiten
folgen. Es liegt alfo die völlige Revolutionierung eines klaf-
fifch gewordenen Textes vor, und es ift die Frage, ob der
neue Text den alten verdrängen foll, oder ob er nur als
Ergänzung und für gelehrte Zwecke als nützliche Varianten
- und Textforfchung dienen wird. Das erftere ift der
Fall. Denn die Ausgabe von Gans und Karl Hegel war
als Buch gedacht und wirkt in der Tat als ein gefchloffe-
nes und großartiges Buch. Die neue Ausgabe dagegen
ift eine philologifch gedachte Zufammenftellung und
Variantenfammlung, fchon durch großen und kleinen
Druck fowie durch Einfügung von Klammern als folche
gekennzeichnet und inhaltlich in der Tat nichts weniger
als glatt, fondern ein Wellenfpiel von Wiederholungen.
Im übrigen kann man die große Treue fchon der älteren
Ausgabe feftftellen, auch bei den wenigen redaktionellen
Partien das große Gefchick der erften Herausgeber. Die
neue Ausgabe wird daher wefentlich gelehrten Zwecken
zu dienen haben und ift für diefen Zweck in der Tat eine
koftbare, mit großem Dank zu verzeichnende Erweiterung
Berlin. Troeltfch.

Wittich, Dr. Ernft: Umfchau auf dem Gebiet der philofophifchen
Probleme. (36 S.) kl. 8°. Stuttgart, Verl. d.
Ev. Gefellfchaft 1918. M. — 65

Es ift bedauerlich, daß ein großer Teil der Chriften
beider Konfeffionen zur Philofophie kein anderes Ver-
ftändnis zu finden vermag als das einer ,Apologie des
Glaubens ihr gegenüber'. Dazu kommt oft ein erlchrek-
kender Mangel an philofophifcher Bildung, an Kenntnis
des Charakters philofophifcher Methode und der allgemein
üblichen Terminologie. Lächerlich aber wirkt es, wenn
wie im vorliegenden Falle ein wenig oder garnicht mit
philofophifchen Kenntniffen ausgerüfteter Apologet es
verfucht, ,über philofophifche Fragen möglichft kurz und
klar zu orientieren'. Typifch ift der .Beweisgang' einer
folchen Apologetik. Zunächft wird der Glaube als ,ein
Faktor der Erkenntnis anerkannt auf den Gebieten, zu
denen das bloße Denken (1) nicht hinanreicht und die
jenfeits aller äußeren Erfahrung liegen'. Dann kommt
,die geheimnisvolle (I) Welt der innerlich erlebten und zu
erlebenden (1) Geiftes und Gemütswahrheiten' als Brücke
zur .Glaubenserkenntnis'. Inzwifchen wird mit zwei
Schwerthieben im Wefen Kant und der Monismus nieder-
geftreckt, der erfte durch die Begründung des .Glaubens
an eine objektive, reale Außenwelt und die Möglichkeit
einer richtigen Erfaffung derfelben durch unfer Ich', der
zweite durch die das menfchliche Denken befriedigende
und die Wirklichkeit in ihrer ganzen Fülle erfaffende
Weltanfchauung des Theismus. Von da aus ift es leicht,
das dürre Skelett des Glaubens mit dem warmen Fleifch
und Blut einer Chriftologifchen Form der Religion auszufüllen
. Anerkennenswert an diefer fachlich völlig unzureichenden
Umfchau ift allein der ruhige Ton, der