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Ausgabe:

1919 Nr. 2

Spalte:

304

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dingler, Hugo

Titel/Untertitel:

Die Kultur der Juden. Eine Versöhnung zwischen Religion und Wissenschaft 1919

Rezensent:

Titius, Arthur

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303 Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 25/26. 304

rafchen. Sicher herrfcht das Empfinden dafür, daß wir
hineingeftellt find in den Strom unendlichen Werdens,
von ihm getragen werden, ihn nicht lenken können, fchon
in den Reden über die Religion. Aber fraglich bleibt,
ob man fo, wie Sch. es tut, den Gottesbegriff beider
Schriften (foweit man bei den Reden von Gottesbegriff
fprechen darf) wefentlich in eins fetzen kann. Es ift doch
nicht nur ein formaler Unterfchied, daß die Reden mehr
äfthetifchen Charakter haben, die Glaubenslehre mehr
dialektifchen. Ebenfo läßt fich die andere Frage hier
nur andeuten, ob die Kritik, die an Schi, geübt wird,
indem man feine kritifchen, religionsphilofophifchen Sätze
mit dem vergleicht, was lebendiges religiöles Empfinden
Gott zufchreibt, gerecht ift. Freilich hat Schi, felbft dadurch
, daß er einerfeits Religion und Philofophie fcheidet,
andrerfeits religiöfe Fragen doch philofophiich erörtert,
diefe Schwierigkeit gefchaffen; oder vielmehr: grundfätz-
lich liegt fie immer fchon da vor, wo, wer Frömmigkeit
hat, über Gott und Welt nachzudenken anfangt.

Kiel. H. Mulert.

Körte, Alfred: Worte zum Gedächtnis an Rudolf Hirzel. —
Gerhard Seeliger: Albert Hauck. (Berichte üb. die
Verhandlgn. der Sächf. Gefellfch. der Wiff. zu Leipzig.
Phil.-hift. Kl. 70. Bd 1918, 7. Heft.) (S. 3*—28*) gr. 8».
Leipzig, B. G. Teubner 1918. M. 1.60

Seinen Nachruf für Albert Hauck eröffnet S. mit
einem Hinweis auf deffen bis zuletzt erftaunliche Jugendlichkeit
in feiner ganzen Erfcheinung; man kann auch
erinnern an die bis an fein Ende klaren feften Züge
feiner Schrift. Sein Wefen charakterifieren die von S.
mitgeteilten Worte Haucks über feine Mutter, die eine
ftille Weife mit großer Beftimmtheit des Willens und
Klarheit des Denkens geeint hatte. Bezeichnend für
Hauck auch eine trotz dem ftarken Bedürfnis, unmittelbar
zu wirken, auf einer gewiffen Keufchheit der Seele
beruhende eigentümliche Verfchloffenheit und feine trotz
lebhaftem Anteil am Leben der Gegenwart fcheue Gelehrtennatur
. Mit Recht zählt S. Haucks Kirchen-
gefchichte Deutfchlands zu den klaffifchen Gefchichts-
werken unferer Literatur. Sie .einerfeits die abfolut objektive
Arbeit des ruhig abwägenden Hiftorikers', ,ander-
feits das Subjektivfte, das man fich denken kann'; fie
beruht durchaus ,auf der klaren, fcharffinnigen und nüchternen
Verwertung der Quellen', und fie empfängt doch
wieder ein ftarkes fubjektives Gepräge, indem fie mit
fchöpferifcher Phantafie die Vergangenheit nach ihrem
Sein und Werden in lebensvoller Wirklichkeit erflehen
läßt. Ihre anerkannten großen Vorzüge die Schilderungen
der Persönlichkeiten und Zeitftrömungen; in
letzterer Hinficht .vielleicht die erften wiffenfchaftlich begründeten
Darftellungen diefer Art auf dem Gebiet des
Mittelalters'. Das fchöne Denkmal, des S. Hauck gefetzt,
fchließt mit dem Worten: ,Der ftille Gelehrte, der nie
nach dem Erfolg fragte, hat Unvergängliches gefchaffen.
Ein Mann von großer Schlichtheit und zugleich von
fchlichter Größe'.
Göttingen. N. Bonwetfch.

Thoden van Velzen, Dr. H. van: Syftem des religiöFen

Materialismus. 2 Tie. gr. 8°. (Joachimsthal i. Mark,
Selbstverlag.) M. 23 —

I. Wiflenrchaft der Seele. 2. deutfche verm. 11. verb. Auflage.
(XV, 474 S.) Leiden 1916. M. 10— . — II. Pfychoencephale
Studien. lUmfchlag: V. verm. Aufl.) (2 Tie.) (316 u. 206 S. m.
1 Bildnis.) Berlin 1913 u. 1916. M. 13 —
Th. v. Velzen verfucht den Nachweis, daß die Seele
als materiell und aus zwei Teilen, dem Ich als Mittelpunkt
u. dem kugelförmigen (vermutlich ebenfo wie der Urftoff
gestalteten) Gedächtnis als zwei verfchiedenen Stoffen zu-
fammengefetzt zu denken fei. Dies Wefen foll fich (beim
Menfchen) im Mittelhirn befinden, fich felbft gleich und
unveränderlich und fomit ewig fein, während der Tod nur
eine .Vorstellung' ift, die nicht dauernd die andern über-
fchattet. Materieller Art find, als urfpünglich von den

Sinnen abftammend, auch alle unfre Vorstellungen. Während
diefe Gedanken in I durch pfychologifche Darlegungen
(über finnliche Bilder und ihren Einfluß, über Begriffe
und ihren Einfluß, über Ähnlichkeit und Verfchieden-
heit unfrer Geiftestätigkeiten) fundamentiert und in zufam-
menhängender Darlegung ausgeführt werden, bestehen
die .pfychoencephalen Studien' des Sohnes Thoden ab-
gefehen von dem faft völligen Abdruck des erften Werkes
wefentlich in Darbietungen von Lefefrüchten mit anknüpfender
Beurteilung, die allerdings im letzten Teil an
Zufammenhang gewinnen. Es wird aus Entwicklungsge-
fchichte, Vererbungslehre, Gehirnphyfiologie (bezw. Anatomie
) und Pfychiatrie mit großem Fleiß, aber wie Kraut
und Rüben zufammengetragen, was fich für pfychologifche
Bildung des Arztes, namentlich des Nervenarztes,
anführen läßt, inbefondere aber, was zur Bestätigung der
oben genannten Anfchauungen beigebracht werden kann.
Gegen die Übertreibung der mechaniftifchen und der
Lokalifationsmethode fallen fcharfe, aber berechtigte Worte.
Wem, wie es mir geht, die alte dogmatiftifche Theorie
des Spiritualismus ebenfo unhaltbar erfcheint wie die des
Materialismus und des pfychophyfifchen Parallelismus, der
wird gern von jedem Versuch, die Einheit des Geistes
mit feiner wefentlichen Bedingtheit durch die leiblichen
Funktionen zu verbinden, lernen, auch wenn diefer, wie
im vorliegenden Falle, den notwendigen Forderungen des
Kritizismus noch nicht voll gerecht wird.

Göttingen. Titius.

Dingler, Dr. Hugo: Die Kultur der Juden. Eine Verföhng.

zwifchen Religion u. Wiffenfchaft. (144 S.) gr. 8°.

Leipzig, Der neue Geilt Verlag 1919 M. 3.60

Dingler, deffen Grundlagen der Naturphilofophie ich
in diefer Zeitung (1917 Sp. 354) befprochen habe, verfucht
hier wiffenfchaftliche und ethifche Weltanfchauung
(insbefondere der Pfalmen) zu einem vollen Akkord zusammenklingen
zu laffen. Muß heute an Stelle des alten
.Kaufalzentrums' der Gottheit völlig der allgemeine Kau-
falitätsbegriff treten, fo bleibt doch fein ethifcher Gehalt
unentbehrlich. Jedes Individuum ift geformt durch die
Entwicklung der Jahrtaufende, gleichfam eine .Form gewordene
Erinnerung jener Äonen' und gelangt, je tiefer
es in das eigene Innere hineingreift, desto näher ,an die
letzten und ausfchlaggebenden Marfchlinien der Entwicklung
', erlebt da unmittelbar die .letzten Lebensziele und
Dränge überhaupt' (S. 69). Nenne ich diefe Ziele kurz
,Gott' (73), fo werde ich in feinem Sinn handeln, je mehr
ich in ruhiger Übereinstimmung bin und mit meinem innersten
Kerne handle (77). Eben diefe .irrationalen' .Entwick-
lungsdränge' (vgl. 76. 112) bezeichnen die Alten als ,Gefetz
des Herrn', das fie auf rein empirifchem Wege zu formulieren
fuchen, obwohl fie es im letzten Grunde als un-
ausfprechlich erkennen; im Grunde handelt es fich um
eine Gefamteinftellung, die .Furcht des Herrn' als letzte
Weisheit (106), um Religion (116) oder Glauben und Liebe
im Sinn des Paulus (123 ff). Daß diefer .Einstellung in der
Regel Gedeihen, dem Gegenteil Untergang folgen muß' ift
ohne Weiteres verständlich. Dies der Grundgedanke der
Unterfuchung, der von der Idee der Entwicklung aus, fo-
bald man diefer Zielstrebigkeit beilegt, mit Folgerichtigkeit
fich ergibt. Die Bibel hat Dingler allerdings mit
feinfühligem Sinn, aber doch als Dilettant gelefen, er
wird aus den Forfchungen über die alt- und neuttftament-
liche Religionsgefchichte noch viel lernen können; insbe-
(ondere ift er an dem Sühne- und Erlöfungsgedanken noch
ganz vorübergegangen. Aber fo Vieles und Wichtiges
ich, wenn dazu Platz wäre, beanstanden müßte, fo erfreulich
ift mir D.s Erkenntnis, daß die Bibel eine Erbweisheit
enthält, die vor der heutigen Erkenntnis nicht die
Segel zu streichen braucht.

Göttingen. Titius.