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Ausgabe:

1919

Spalte:

296

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Andersen, J. Oskar

Titel/Untertitel:

Overfor kirkebruddet. Den förste Lutherske bevaegelse og Christian II’s forhold dertil 1919

Rezensent:

Scheel, Otto

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handlung: Luther tegen Karftadt en de Wederdoopers !
fleht gelegentlich reichlich ftark unter dem Einfluß
Barges. Daß Luther im Bauernkrieg onvervvaard auf
Seiten des Adels geftandcn habe, ift unzutreffend. Eine
etwas genauere Bekanntfchaft mit der deutfchen Spezial-
literatur hätte den Verfaffern wohl hier und da gute
Dienfte tun können. Das foll nicht mit überheblicher
Betonung gefagt werden. Es wäre fchlimm, wenn die
deutfche Lutherforfchung folche Dienfte nicht erweifen
könnte. Wir deutfchen Forfcher nehmen zum Entgeld
mit Dank die befonderen Hinweife an, die die hollän-
difchen Gelehrten aus ihrer befonderen Kenntnis der
holländifchen Bewegung und Literatur zu geben vermögen
und die fie auch in diefem Werk gegeben haben.

Die noch nicht genannten Auffätze behandeln:
Luthers geboorte, jeugd en eerste levensjaren (H. H. Barger),
Luthers reis naar Rome (J. Lindeboom), De aflaathandel
in Luthers tijd (A. Eekhof), De vijf-en-negentig Stellingen
van Maarten Luther (A. W. Bronsveld), Luther op den
Rijksdag te Worms (F. Pijper), Luther als Bijbelvertaler
(J. W. Pont), Luther en Eramus (J. A. C. van Leeuwen).
Der Buchfchmuck flammt von J. B. Heukelom.

Tübingen. Otto Scheel.

Steinlein, Pfr. D. Piermann: Luther als Seelforger. Mit

e. Anh.: Beleuchtung der Angriffe des franzöf. Arztes
Berillon gegen Luther. (III, 119 S.) 8°, Leipzig,
Dörffling & Franke 1918. M. 3.80

Das Thema .Luther als Seelforger' ift feiten genug
bearbeitet worden, hat vor allem bis jetzt keine wiffen-
fchaftliche Darftellung gefunden. Doch läßt fleh das verliehen
. Wenn Luthers gefamtes Wirken von feelforger-
lichen Motiven beftimmt ift, fo muß dem auch jede
Biographie in ihrer Darfteilung Rechnung tragen. Trotzdem
hat Steinlein gut getan, diefes Thema einmal näher
ins Auge zu faffen. Nachdem er kurz hervorgehoben,
wie das ganze Werk des Reformators feelforgerliches
Gepräge trägt — rnag es nun fleh handeln um fein
Wirken in der Öffentlichkeit, auf dem Katheder, oder um
privaten, brieflichen Verkehr —, berührt er die Schwierigkeiten
für Luthers Seelforge. Er fleht fle in drei Punkten
: ,Der ganz neuen Frageftellung, die die Reformation
mit fleh brachte, dem allmählichen Werden feiner eigenen
Perfönlichkeit, der durch die verfchiedenften Momente
geftörten ruhigen Weiterentwicklung der Reformation'.
Die wichtigflen Darlegungen bietet wohl der Abfchnitt 3,
worin zunächft die dem ieelforgerlichen Wirken des Reformators
zugrunde liegenden allgemeinen Prinzipien:
innerlicher, perlönlicher Charakter der Religion, Bindung
an Gott und fein Wort, Rückfichtnahme auf die Brüder
behandelt und darnach die ihm eignen fpeziellen Grundzüge
: 1) Pädagogifches Verfahren 2) Harmonifche Verbindung
von voller Aufgefchloffenheit für das natürliche
Leben mit Zentralfter Erfaffung und Betonung der evan-
gelifchen Frömmigkeit 3) Die Gabe, fleh in andere Lagen
zu verletzen 4) Das Marke perfönliche Gepräge behandelt
werden. Ein Schlußteil zeigt uns nun die mannigfachften
Einzelzüge aus dem Leben des Reformators gleichfam
die Illuftration der vorausgehenden, mehr prinzipiellen
Ausführungen. — Es handelt fleh alfo nicht um eine
umfaffende Bearbeitung des Themas, das verbot
fchon der zur Verfügung geftellte Raum; es wäre
dazu die Benützung des gefamten Nachlaffes Luthers
zunächft einmal nötig, während Steinlein fleh vor allem
auf die Briefe und Tifchreden befchränken mußte; auch
handelt es fleh nicht fo fehr um prinzipielle Ausführungen
, dann müßte nicht nur ein ganz anderer Auf bau
gewählt, fondern auch Luthers Arbeit an den wirtfehaft-
lichen und kulturellen Fragen feiner Zeit (Bildungswefen,
Kapitalismus Zins ufw.) in Betracht gezogen werden;
Steinlein will nur einzelne Momente aus dem großen, zu
immer neuen Erörterungen wohl führenden Thema herausgreifen
. Aber gerade dafür foll man ihm dankbar
fein, denn nicht nur verfügt er über eine umfaffende, in

! ihrer Art feltene Kenntnis der Werke des Reformators,
er ift auch mit den in Frage kommenden Problemen
aufs befte vertraut. Noch fei auf zwei Punte aufmerkfam
gemacht. Steinlein hat es auch hier verllanden, manchem
Lutherwort eine neue Beleuchtung zu geben und damit
manch ultramontane Angriffe zu entkräften. Andererfeits
zeigt er uns, wie noch viel zu tun ift, um Luthers Werk
ganz zu verliehen; man gehe an den reichen Anmerkungen
nicht achtlos vorbei. Der franzöfifche Arzt
Berillon hat für feine Schmähung die kurze aber gründliche
Abfertigung am Ende des Buches reichlich verdient.
Alfeld. Schornbaum.

Anderfen, J. Oskar: Overfor kirkebruddet. Den forste
Lutherske bevaegelse og Chriftiern II' s forhold dertiL
Mindefkrift ved Reformationsjubilaeet 1917. (202 S.)
Lex. 8°. Kopenhagen, Univ.-Buchdr. 1917.
Anderfen, feit langem durch treffliche kircliengelchicht-
liche Arbeiten bekannt, hat in diefer .Gedächtnisfchrift'
zum Reformationsjubiläum 1917 feiner Wiffenfchaft einen
wertvollen Dienft erwiefen. Sie überragt an wiffenfehaft-
licher Kraft und Anfchaulichkeit der Darftellung alles,
was mir aus der fkandinavifchen Jubiläumsliteratur zu Geficht
gekommen ift. Anderfen baut auf einer foliden kri-
tifchen Grundlage, tritt alter und neuer Legendenbildung
rückhaltlos entgegen, verfügt über eine ausgebreitete Kenntnis
der Quellen und der Literatur, und verliert trotz den
Seitenwegen, die zu betreten er genötigt wird, nie das
Ziel aus den Augen. Man folgt ihm darum gern auf die
Nebenwege und freut fleh der ficheren Führung. Vielleicht
nur im erften einleitenden Kapitel: ,Für und gegen
das Kirchenverftändnis und die Theokratie des Papalis-
mus' holt A. etwas zu weit aus. Hier erfährt man von
den kirchlichen Verhältniffen in Dänemark fehr wenig,
um fo mehr von der allgemeinen kirchlichen Entwicklung
des fpäten Mittelalters und der Stellung Luthers zum
religiöfen und kirchlichen Problem bis zum Jahre 1522,
das endgültig Luther den Bruch mit dem katholifchen
Kirchentum brachte und die Nötigung zu einem kirchlichen
Neubau. Aber felbfl wenn A. hier weiter ausholt
als vielleicht nötig wäre, fo war angefichts des Standes
der Unterfuchungen über die Zeit Chriftians II diefer allgemeine
Rahmen doch unerläßlich, und zugleich wurde
der flehere Maßftab für die gefchichtliche Einordnung
Chriftians II gewonnen. In zwei Kapiteln — .Chriftians II
Verhältnis zu den Wittenbergern' und .Chriftians II neue
Gefetze und fein kirchlicher Standpunkt' — wird davon
gehandelt. Das erfte diefer Kapitel enthält inftruktive
Auffchlüffe über Martin Reinhards Tätigkeit in Kopenhagen
und die kurze, von Barge z. T. infolge mangelhafter
Kenntnis des Dänifchen ftark verzeichnete Gaftrolle,
die Karlftadt gab. Schon hier hebt fleh Chriftians II
kirchenpolitifche Haltung in fcharfen Umriffen heraus.
Er wollte eine Reform der Kirche, die weder mit der
katholifchen Lehre noch mit der römifchen Kirche als
Inftitution aufräumte. Das ift auch der Standpunkt feiner
umfaffenden, auf Impulfe von katholifcher Seite zurückgehenden
Gefetzgebung, die im letzten Kapitel eingehend
unterfucht wird. Wie die Beziehungen zu den Wittenbergern
, fo wurzeln auch die Gefetze diefes in feinen
Handlungen unberechenbar gewalttätigen Fürften in dem
ernften Streben, das Leben in der dänifchen Kirchenprovinz
der römifchen Kirche zu erneuern. Dennoch hat
Chriftians II Reformgefetzgebung die Auflöfung der alten
Verhältniffe vorbereitet. Und wenn auch Reinhards und
Karlftadts Predigt keine lutherifche Bewegung in Dänemark
fchuf, fo hat fie doch wohl Fragen geweckt, welche
erklären, daß die fpätere Reformation rafch Eingang
finden konnte (S. 199). Aber erft 1526 begann in Dänemark
jene lutherifche Kampfpredigt, welche auf Grund
des allgemeinen Prieftertums verlangte, daß Brauch und
Lehre der römifchen Kirche befeitigt würden und eine
neue Kirchenordnung an die Stelle trete.

Tübingen. Otto Scheel.