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Ausgabe:

1919

Spalte:

259-260

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baumgarten, Otto

Titel/Untertitel:

Christentum und Weltkrieg 1919

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Seite 1

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259 Theologilche Literaturzeitung 1919 Nr. 21/22.

die Arbeiterkoalitionen an, redet auch von gerechten
Streiks; auch einen gewiffen Luxus fieht er als berechtigt
an. All dies gehört zu der von der katholifchen
Theologie gewürdigten Naturgrundlage des Menfchen.
Die übernatürliche Beftimmung des Menfchen temperiert
diefe Natur, bewahrt fie vor Ausartungen und ftcllt fo
vom Chriftentum aus die Einheit der Kultur her.
Bafel. Johannes Wendland.

Baumgarten, Prof. D. Otto: Chriltentum und Weltkrieg.

(IV 139 S.) gr. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1918.

M. 3.30; geb. M. 4.50
Über diefen im Sommer 1917 gehaltenen Vor-
lefungen liegt es fchon wie das herankommende Verhängnis
. Überall merkt man, wie der Verfaffer den
nahenden Niederbruch wittert, als noch die Mehrzahl
der Deutfchen an einen günftigen Ausgang glaubte.
Darum haben auch jetzt noch feine Auffiellungen Giltig-
keit, nachdem es noch fchlimmer gekommen ift, als er
ahnen konnte. B. hat fich die Aufgabe gefetzt, eine
Reihe von Fragen zu beantworten, die dem chriftlichen
Nachdenken aus dem im Titel genannten Verhältnis er-
wachfen. Es ift, als habe er es darauf abgefehen, eine
möglichft fchroffe Antwort zu geben. Es liegt fürchterlich
hart und fchwer über dem ganzen Buch. Es muß
lehr vielen zum Ärgernis gereichen. Denn unbarmherzig
geht B. gegen die ganze Breite eines common sense
vor, wie er fie bei dem Durchfchnitt der Leute in chriftlichen
und auch allgemein gebildeten Kreifen erwarten
kann. Gegenüber dem Glauben an Gottes Allmacht, wie
er fich durch den Krieg bedroht fehen muß, bietet er
die Ahnung einer dunkeln Heimarmene, einer großen
Zentralvernunft auf, in der es fchwer ift, uns wahlverwandte
Züge zu entdecken. Dem Glauben an Gottes
Gerechtigkeit gegenüber zieht er fich auf den Gedanken
des notwendigen Opfers und des Untergangs gerade der
Beften, gegenüber der nafeweilen Ausdeutung aller einzelnen
Gefchehniffe unter fittlichem Maßftab, auf den der
Unparteilichkeit und auf das Recht, jegliches Erfolgrechnen
zu unterlaffen, zurück. Der heilige Gott ift der
verborgene Gott, zu dem wir fchweigend und ehrfurchtsvoll
auffehen müffen, auch wenn er uns vernichtet. Allem
Entwicklungs- und Menfchheitsglauben ftellt B. feinen
durch und durch ariftokratifch-transzendenten Glauben
entgegen, nur einzelne gelangen zur Vollendung und
zwar in einem Jenfeits; die Maffe bleibt für immer ftumpf,
und das Diesfeits ift und bleibt ein Elend. Freilich dem
einzelnen bleibt, wie es auch Luther tat, das Recht, dem
verborgenen Gott gegenüber für fich an dem gnädigen
in Chriftus feftzuhalten und von dem Bruch in der
Lebensentwicklung aus im Sinn des zweiten Artikels fein
inneres Glaubensleben neu aufzubauen. Nur in diefen
ganz innerlichen Regionen ift Gott und die Wahrheit zu
finden; da draußen fucht fie nur der Tor.— B.s Grundgedanke
ift aller idealifierenden und überftiegenen Ausdeuterei
der gewöhnlichen Frömmigkeit gegenüber der
Gehorfam gegen die Wirklichkeit und der Verzicht auf
glatte Löfungen und abfolute Erkenntniffe. Zu diefer Be-
fcheidung fügt er die Forderung, mutig an die innere
Wahrheit der Dinge zu glauben und dem Ganzen zu
dienen. — Es läßt fich die Frage aufwerfen, ob es wohlgetan
ift, diefe Vorlefungen in ihrer ganzen Herbigkeit
einem großen Publikum anzubieten. Viele können Schaden
nehmen an ihrem Glauben und nicht mehr zur Ruhe
kommen. An ihnen rächt fich dann aber nur die Art,
wie die frühere allgemeine Verkündigung ihre Leute verwöhnt
hat, weil fie ihnen keine ftarke Kofi zumuten
wollte. Fraglich bleibt auch, ob die Form der Vorlefungen
geblattet, andern, die die Untertöne nicht hören,
klar und ftark genug die Tiefe der Dinge ohne Schaden
zu zeigen, oder ob eine fyftematifche IDarftellung nicht
vorzuziehen gewefen wäre. Sicher aber weckt das Buch,
in dem B.s ftarke Perfönlichkeit mit betonter Herbigkeit
und Wahrhaftigkeit fpricht, nur Für und Wider beim

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Lefer; und das ift für jeden, der Wahrheit fucht, ein
Gewinn.

Heidelberg. Nieb ergall.

Bachmann, Prof. D. Ph.: Völkerwelt und Gottesgemeintle.

Predigten über altteftamentl. u. neuteftamentl. Texte.

(VI, 167 S.) gr. 8°. Leipzig, Dörffling & Franke 1918'.

M. 6—-; geb. M. 7.50
28 Predigten aus den Jahren 1912—1918, jede genau
datiert. Sind alle im akademifchen Gottesdienft gehalten?
Nur bei wenigen ergibt es der Inhalt (S. 121, 136); aber
nach der Höhenlage des Ausdrucks fcheint es fo. 15
behandeln altteftamentliche Texte. Nicht alle zeigen ganz
die gleiche Art; Predigten über Gefchichten wie 1 Mof.
15,1—6und 1 Mofe 25, 7—10 unterfcheiden fich natürlich
von folchen über Pfalmtexte oder von Predigten über
das Gefangbuch und über ,Bibelchriften'. Wer die Durchführung
gefchloffener Gedankengänge, die Beantwortung
von Fragen der Zeit zu finden erwartet, geht fehl. Der
Prediger läßt fich durchaus vom Text leiten, manchmal
fo fehr, daß feine Rede fich der /Homilie' im üblichen
Sinn nähert. Die Beziehungen, die er dem Text entnimmt
, find nicht alltäglich, manchmal recht fein, gelegentlich
aber auch künftlich (Johannesjünger Apg 19
und theologifche Richtungen; das hl. Abendmahl im
Licht des Morgenmahles Jefu nach Joh. 21, 1 —14), fie
flehen oft mehr nebeneinander, als daß fie ein innerlich
notwendig zufammenhängendes Ganzes bilden. Sehr ernft
im religiöfen und fittlichen Sinn find fie durchweg (S. 35 ff:
die Zorneskelter Gottes nach Jef. 63, 1—9); des Krieges
gedenken fie, ohne Kriegspredigten im engeren Sinn zu
fein, an paffender Stelle. Die theologifch-konfervative Stellung
des Verfaffers tritt fehr fcharf in der Ausnutzung
des Textes in die Erfcheinung, dagegen bleibt Polemik
erfreulicherweife auf Anfätze befchrankt.

Gießen. M. Schian.

Schaefer, Heinrich: Andachtsbuch. Im Auftrage der
,Dorfkirche' u. unter Mitarbeit ihrer Freunde hrsg.
Mit Bildern v. Ludw.Richter, Rud. Schäfer u.Theod. Herrmann
. (487 S.) 8°. Berlin, Deut.Landbuchhandlung 1917.

Geb. M. 6 —

Abficht und Einrichtung find zu billigen. In einem
knappen Wort wird der Inhalt der Betrachtung zufammen-
gefaßt und als Überfchrift vorangeftellt. Dann folgen
eine oder einige Liedftrophen, der Text, die Betrachtung
und zum Schluß ein Gebet bzw. eine Strophe. Es ift
pädagogifch richtig, daß iür die Sonntage und die Haupt-
fefttage keine Betrachtung gegeben und damit der Kirchen-
befuch vorausgefetzt wird, nur Lied und Gebet werden
dann für die häusliche Erbauung dargeboten. Die Betrachtungen
find nur zu einem Teil Neufchöpfungen, es
ift in den reichen Schatz der Vergangenheit hineingegriffen
und manches Edle feiert, manchmal in freier
Wiedergabe, feine Auferftehung. Bis auf Tertullian, auf
Ephräm und Chryoftomus ift man dabei hinaufgegangen
und bis Kaifer Wilhelm IL, Frenffen und Heffelbacher
hinunter, und dazwifchen begegnen uns Luther, Heinrich
Müller, Claudius, Peftalozzi, Arndt, Cafpari, Ahifeld,
J. Gotthelf, O. v. Horn, Glaubrecht, Rocholl u. a. mehr,
und felbft den Katholiken Alban Stolz hat man nicht ver-
fchmäht. Die mancherlei Gaben, welche hier neu geboten
werden, find verfchiedenen Wertes. Neben recht Fragwürdigem
mit Nr. 192, 198, findet fich Ausgezeichnetes
wie z. B. gleich die eindringliche Neujahrsbetrachtung
oder Nr. 212 oder 276. Hin und wieder trägt der Inhalt
die Spuren feiner Entftehung in Kriegszeit an fich.

Nicht überall ift peinliche Sorgfalt geübt, fodalt ein fo fatales
Verfehlen ftehen bleiben konnte wie in Nr. 297 ,Als ich in Gedanken

dem Apoflel Paulus diefe Gelchichte erzahlte,......Darauf er:', wo

es heißen mußte: Jakobus. Auch find Hörende Druckfehler ftehen geblieben
. Am Schluß ift 1 in kurzes Betbüchlein beigefügt. Die Aus-
ftattung ift etwas kriegsmäßig.

Daffenfen, Kr. Einbeck. Hugo Duenfing.