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Ausgabe:

1919 Nr. 1

Spalte:

225-226

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goltz u. a., Eduard Freiherr von der

Titel/Untertitel:

Luthervorträge. Zum 400. Jahrestage der Reformation gehalten in Greifswald 1919

Rezensent:

Schornbaum, Karl

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Seite 1

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225 Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 19/20. 226

Bilden des 16. Jahrhunderts hineintaften kann, wie an
der Hand von Beneke-Lehmanns Iwein in die Literatur
und Sprache des 12. Iahrhunderts. Solche eindringliche
Behandlung hat bisher eigentlich unter den frühneuhoch-
deutfchen Denkmälern nur Seb. Brants ,Narrenfchifif' feit
Fr. Zarncke erfahren. Auf diefen Wegen geht der
Herausgeber des vorliegenden Bandes, der in feinem
ausführlichen Kommentar eine Fülle von Belehrung
über Sprache und Sachen des 16. Iahrhunderts vor uns
ausbreitet, ohne doch den Lefer zu erdrücken. Für
unfere Lefer aber kommt wohl vor allem die forgfältig
und auf Grund weitfchichtigen Materials gefchriebene
Einleitung in Betracht, die ein lebensvolles Bild von
Murners anfänglichem Zufammengehen mit den Reformationsgedanken
, feinem allmählichen Abrücken von
Luther und feiner erft lachlich-zahmen, dann aber immer
heftiger werdenden Polemik entwirft. Murners Gegner
werden dabei näher charakterifiert und neues Licht fällt
u. a. auf den Straßburger Lutheraner Nie. Gerbe], in dem
M. den eigentlichen Verfaffer des ,Eccius dedolatus',
einer der geiftreichften Satiren der Reformationszeit, erkannt
hat. Über diefen Mann verheißt er weitere Auf-
fchlüffe, auf die die Reformationsgefchichte gefpannt fein
darf. Anfchaulich erläutert er weiterhin die ganz allmähliche
Entftehung des .Lutherifchen Narren', der nicht
bloß Murners Hauptwerk, fondern eines der glänzendften
Pasquille des Zeitalters bedeutet und von dem wir heut
noch unmittelbare Wirkung ausgehen fühlen, obwohl uns
die Nähte und Widerlprüche auf Schritt und Tritt fichtbar
werden. In das Geheimnis diefes beftrickend-leben-
digen Stils fucht M. einzudringen. Er liefert auch den
endgültigen Beweis für die früher fchon (feit Martin) geäußerte
Vermutung, daß die Murners Satire und fo
auch dielem Buche beigegebenen Holzfchnitte auf keinen
andern zurückgehen, als auf den ftreitbaren Franziskaner
felber. Den Text gibt M. (unter eingehender, auch für
andere Herausgeber auf diefem Gebiete wichtiger Begründung
) treu nach der urfprünglichen Ausgabe, unter
Befeitigung der offenbaren Druckfehler. Zur Auseinander-
fetzung über manche einzelne Vermutung der Einleitung
und zu gelegentlichen Ergänzungen der Anmerkungen
ift hier nicht der Ort. Zufammenfaffend aber können
wir dem Herausgeber kein befferes Lob erteilen, als
diefes, daß fich feine Ausgabe dem bedeutfamen
Kommentar Burdachs zum ,Ackermann aus Böhmen'
(vergl. Jahrg. I918 Sp. 225 f.) würdig zur Seite Hellt. Wir
werden an diefer Stelle den weiteren Veröffentlichungen
der Elfäffifchen Literaturgefellfchaft gern die gebührende
Aufmerkfamkeit fchenken.
z. Z. Heidelberg. Robert Petfch.

Luthervorträge. Zum 400. Jahrestage der Reformation gehalten
in Greifswald v. Ed. Freiherr v. d. Goltz, Johs. !
Haußleiter, Johs. Luther, Frdr. Wiegand, R. E. j
Zingel. (90S.) 8°. Berlin, K. Siegismund (1918). M.2.50 )
Wie in andern Städten fprachen auch in Greifswald
im Jubeljahr der Reformation Dozenten der Univerfität
vor einem größeren Kreis über die Bedeutung Luthers
und feines Werkes. Wiegand zeigte in dem ,Luther,
der deutfehe Volksmann' überfchriebenen Vortrag in
großen Strichen die grundlegende Bedeutung des Reformators
für das ganze deutfehe Volksleben; Zingel fchil-
derte ihn als den Freund und Kenner der Mufik; Haußleiter
luchte dem kleinen Katechismus neue Freunde zu
gewinnen, indem er auf manche pfychologifche Feinheiten
in deffen Formulierung aufmerkfam machte; Luther wußte
in gedrängten aber alles wichtige gut zufammenfaffenden
Ausführungen die Schwierigkeiten, aber auch das Ver-
dienftvolle von Luthers Tätigkeit bei der Bibelüberfetzung
trefflich zu fchildern; E. v. d. Goltz fchloß endlich fein-
linnig die ganze Vortragsreihe ab, indem er einen Blick
in Luthers Familienleben tun ließ. Keiner wird hier
wiffenfehaftliche Unterfuchungen erwarten; auf viel
Neues kann man bei folchen Thematen kaum mehr hoffen;

wieviel ift z. B. fchon über Luther und das Deutfchtum,
über fein Familienleben gefchrieben worden. Dagegen
wird man fagen können, daß im Ton und in der Form
fie der Höhenlage ihres Zuhörerkreifes gerecht zu werden
wußten. Die Rückficht auf diefen hat auch offenfichtlich
die Stellung der Themata beftimmt. Auch hier tritt zu
Tage, wie doch eigentlich die Perfönlichkeit des Reformators
den Mittelpunkt der Feier bildete.

Alfeld. Schornbaum.

Kirche und Reformation. Aufblühendes kathol. Leben im
16. u. 17. Jahrb.. Unter Mitwirkg. von L. v. Paftor,
W. Schnyder, L. Schneller ufw. im Auftrage des vor-
bereit. Ausfchuffes hrsg. v. Koll.-Prof. Dr. Jofeph
Scheuber. (VIII, 835 S.) gr. 8°. Einfiedeln, Verl.-Anft.
Benziger & Co. 1917. M. 14—; geb. M. 17 —

Als Wilhelm Maurenbrecher den Terminus .Reformation
' auf die Bewegung in der katholifchen Kirche des
XVI. Jahrhunderts übertrug, während derfelbe vor dem
Erfcheinen feiner .Gefchichte der katholifchen Reformation
P (1880) nur für die proteftantifche Bewegung der
Zeit üblich gewefen war, hat er zunächft nicht vief Beifall
gefunden. Nachdem aber inzwifchen hier und da
von katholifchen Darftellern das .Reformieren im wahren
Sinne des Wortes' für ihre Kirche und für die Bewegung
in ihr, welche fonft als .Reftauration' oder .Gegenreformation
' bezeichnet wird, in Anfpruch genommen worden
ift, gibt die obige Publikation von 17 meift der Schweiz
angehörigen Gelehrten unter dem Titel .Kirche und Reformation
' eine Darftellung von dem .aufblühenden katholifchen
Leben im 16. und 17. Jahrhundert' und eignet fich
damit den Namen ausdrücklich für diefes an.

An die Spitze diefer bifchöflich approbierten Reformationsgefchichte
tritt der Beitrag, den ein Nichtfchweizer,
Freiherr Ludwig von Paftor liefert, der aus feiner weitgreifenden
Kenntnis der Zeit heraus eine knapp gehaltene,
aber inhaltreiche und gut orientierende einleitende Darftellung
über ,das Papfttum und die Wiederherftel-
lung der Kirche im 16. Jahrhundert bietet. In der
Frage, wo denn die .Wiederherftellung' beginnt, fcheidet
Paftor fich fofort von Maurenbrecher, welcher die katho-
lifch-reformatorifche Bewegung in Spanien einfetzen läßt
— Paftor fucht ihren Anfang in Rom felbft und zwar
bei gewiffen Perfönlichkeiten, die fchon durch ihre Stellung
Garantien für eine Reform im engften traditionellkirchlichen
Sinne bieten, nämlich den Mitgliedern der
durch Ranke in den Gefichtskreis gerückten Bruderfchaft
des .Oratoriums der Göttlichen Liebe', die unter Leo X.
begegnet. Ift der Anfatz richtig — obwohl direkte Erfolge
in der Richtung der Reformation nicht nachweisbar
find —, fo fteigt die gefchichtliche Bedeutung der be-
fcheidenen Vereinigung, über die zuletzt Ref. in der dem
verftorbenen Kawerau gewidmeten Feftfchrift(i9i7,S.7off.)
gehandelt hat, fehr bedeutend, und wir erhalten für die
Anfänge der katholifchen Reformation nach Paftor die
folgenden Etappen: Oratorium unter Leo X. — Stiftung
des Theatiner-, Kapuziner- u.a. Orden unter Clemens VII.—
Gutachten der 7 Kardinäle und Prälaten über Verbeffe-
rungen im Kardinalscolleg unter Paul III. 1537 — Neueinrichtung
der Inquifition 1542 — Trienter Konzil ufw.
bis auf Clemens VIII. Dabei wird vermieden, auch nur
anzudeuten, was ein fo genauer Kenner wie Gothein
(Loyola S. 92) mit Recht feftftellt: daß .durch die (proteftantifche
) Reformation die alte Kirche gezwungen
wurde, ihre Kräfte zufammen zu nehmen', und daß^fie
.früher oder fpäter ihr Leben fo umgeftalten mußte daß
fie ihren Gegner den augenfälligften Anlaß zum Tadel
entzog und ihre eigenen Anhänger befriedigte'.

Der Inhalt unferes Werkes ift fo mannigfaltig, daß über
die weiteren Beiträge nur ganz kurze Notizen gegeben werden
können. Bei der von Profeffor Schnyder in Luzern dargebotenen
Gefchichte des Trienter Konzils im Abriß
kann erft darauf hingewiefen werden, wie fehr das monumentale
Werk der Görresgefellfchaft einem künftigen Ge-