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Ausgabe:

1919 Nr. 1

Spalte:

224-225

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Murner, Thomas

Titel/Untertitel:

Von dem großen Lutherischen Narren. Hrsg. v. Paul Merker 1919

Rezensent:

Petsch, Robert

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Theologifche Literaturzeitung 1919 Nr. 19/20.

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Von größerem Intereffe für die Theologie ift die
zweite Abhandlung von Karl Kunft über die ciceronia-
nifchen Studien des Hieronymus. Kunft zeigt die ftar-
ken Einflüffe auf, die Cicero in formaler und materialer
Beziehung auf Hieronymus geübt hat. Wie der Horten-
fms des Cicero Auguftin von den vergänglichen Dingen
zu Gott führte, fo hat Hieronymus trotz feines Schwurs
in dem anticiceronianifchen Traumgeficht (cp. 22), Cicero
hinfort nicht mehr zu lefen, noch als Mönch ihn immer wieder
zur Hand genommen, mit feinen Mönchen gelefen und
zur Verteidigung feiner Meinungen als Eideshelfer herangezogen
. Kunft hat vor allem in den Briefen des Hieronymus
diefe Einwirkung des heidnifchen Rhetors auf
den Kirchenvater an zahlreichen Beifpielen illuftriert und
damit einen wertvollen Beitrag zur Beurteilung der Schrift-
ftellerei des Hieronymus geliefert.

Münfteri. W. G. Grützmacher.

Würthle, D.Paul: Die Monodie des Michael Pfeltos auf den
Einfturz der Hagia Sophia. (Rhetorifche Studien, 6. Heft.)
(IV, 108 S.) 8°. Paderborn, F. Schöningh 1917. M. 5 —
Unter den Monodien auf einen Einfturz der Hagia
Sophia in Konftantinopel ift die zuletzt bei Migne Patr.
Gr. LXXXVII. III S. 2839 f. abgedruckte handfchriftlich ver-
fchiedenen Verfaffern zugeteilt und zwar fowohl dem auch
als Exegeten bekannten Rhetor Prokop v. Gaza, der
unter Juftinian I blühte, wie dem Hofphiloiophen des
11. Jahrh. Michael Pfellos. Auch in der Forfchung teilen
ftch die Meinungen über die Verfafferfchaft. Würthle
fucht nun zu erweifen, daß Pfellos die Monodie gefchrieben
hat und macht feine Annahme durch feine methodifch
und fachlich vortreffliche Unterfuchung fehr wahrfchein-
lich. Nachdem zunächft der Text des Stückes kritifch
feftgeftellt ift, folgt die fehr eingehende fprachliche Prüfung,
die ftch auf Sprachreinheit und Wortfehatz, wie auf die
Hiatvermeidung und den Satzfchluß erftreckt. Diefes
kann Erfolg verfprechen, denn die Monodie gehört auch
dem Xojoq JtoXixixoq, d. h. dem alles Vulgäre ftreng vermeidenden
Stile an. Das Ergebnis diefer mühiamen
Unterfuchung, die fich über Prokop und Pfellos neben
der Monodie erftreckt, kann natürlich nur der nachprüfen,
der die Arbeit noch einmal täte. Mir fcheint, man kann
dem Verfaffer wohl folgen. Dann kommt man zu dem
Schluß, daß Prokop nicht der Verfaffer, wohl aber daß
Pfellos es fein kann. Die abfchließende chronologifche
Ausführung ftellt darauf feft, daß der erfte Einfturz der
Sophia, der auf den 7. Mai 558 fällt, aller Wahrfcheinlich-
keit fpäter fich ereignete, als Prokop ftarb, und daß wohl
Pfellos den Einfturz vom 26. Oktober 986 im Auge hatte,
als er in feiner erdbebenbewegten Zeit und dem Bedürfnis
der Schule folgend die Monodie fchrieb.
Hannover. Ph. Meyer.

Moritz, Prof. Dr. B.: Beiträge zur Gefchichte des Sinai-
klolters im Mittelalter nach arabifchen Quellen. (Aus
den Abhandlgn. der Kgl. Preuß. Akad. der Wiff.
Jahrg. 1918. Phil.-hift. Kl. Nr. 4.) (62 S. m. 2 Lichtdr.-
Tafeln.) 40. Berlin, G. Reimer 1918. M. 4 —

Es werden hier vorgelegt: 1. ein unechter Schutzbrief
des Propheten, deffen Entftehung der Herausgeber
in die Zeit des Kalifen Häkim (966—1020) verlegt, unter
welchem das Chriftentum in Ägypten fchwerer Bedrückung
ausgefetzt war. Im Anhang S. 21—23 wird
eine ähnliche Urkunde im Auszug wiedergegeben; 2. zwei
echte Firmane des Sultans Käit Bai (1469—96). Aus
feiner Regierung find nach S. 39 22 Firmane zugunften
des Sinaiklofters erhalten, wovon fich 9 auf deffen Schutz
gegen die Beduinen beziehen. Die beiden mitgeteilten
find erlaffen aus Anlaß einer Befchwerde der Sinaimönche
über Beläftigungen und Angriffe der Beduinen und bezwecken
den Schutz der friedlichen Mönche vor diefen
Räubern. In dem zweiten diefer Firmane wird eine
muhammedanifche Mofchee innerhalb der Klofteranlage
erwähnt. Aus diefer Mofchee werden 3) zwei arabifche

Infchriften mitgeteilt, von denen die eine über der Tür
zur Predigtkanzel fleht und über den Stifter der Kanzel
und das Stiftungsjahr (1106 nach Chr.) Auskunft gibt.
Der Bau felbft wird auch in jene Zeit fallen, ein Schluß,
den auch die zweite auf einem Holzfchemel befindliche
Infchrift nahelegt. Aus diefer Infchrift geht hervor, daß
der Stifter Anufchtekin (unter dem Kalifen el Ämir [von
1101 nach Chr. an]) noch mehrere Bauwerke auf dem
Sinai hat errichten laffen, nämlich ,drei Betörter auf dem
Munagät Müsä', eine .Mofchee, welche auf dem Berge
des Klofters von Färan ift', ,und die Mofchee, welche
unterhalb von Neu-Färän ift, und den Leuchtturm, welcher
an dem Rande der Ebene ift'. Daß unter diefen Bauten
auch zwei chriftliche Heiligtümer find, fcheint man allerdings
annehmen zu müffen. Denn von den ,drei Betörtem
auf dem Berg des Zwiegefpräches Mofes' ift nur
einer nachweislich muhammedaniffch. Seetzen, Reifen III
S. 83 berichtet nämlich, worauf ich aufmerkfam machen
möchte, daß auf dem Südgipfel des Gebel Musablockes
fich nur zwei ärmliche Gebäude von rohen Granitfteinen
befanden, 16 Schritte voneinander entfernt, das eine eine
doppelte Kapelle für Griechen und Katholiken, aber
mehr als zur Hälfte eingeftürzt, das andere ein noch
ziemlich gut erhaltenes muhammedanifches Bethaus.
Wenn man alfo die doppelte Kapelle für ein Gebäude
rechnet, wird man den dritten Betört mit M. in der
chriftlichen Eliaskapelle auf einer Terraffe oberhalb des
Klofters fuchen müffen. Aus der politifchen Lage zur
Zeit des erften Kreuzzuges, auf die der Herausgeber
hinweift, erklärt fich wohl, daß von Ägypten aus eine
muhammedanifche Befatzung auf den Sinai gelegt wurde,
für welche eine Mofchee innerhalb des Klofters gebaut
wurde, nicht aber recht, daß auch die eigentlich chriftlichen
Bauten fürforglich erneuert wurden. — Bei den
Unterfuchungen fallen nebenbei noch manche Gelehr-
famkeitsfpäne ab, fo z. B. auf S. 30 Anm. 2 eine Gefchichte
des Wertes des Dirhem. — Auf der erften der beiden
beigegebenen Tafeln ift wiedergegeben 1) die Kanzel-
infehrift, 2) der Eingang des erften der beiden Firmane
des Käit Bai mit deffen Namenszug, 3) je eine Münze des
Gakmak, des Inal und des Käit Bai; die zweite Tafel
bringt eine Reproduktion der Schemelinfchrift.

Daffenfen, Kr. Einbeck. Hugo Duenfing.

Murner, Thomas: Von dem grollen Lutherifchen Narren.

Hrsg. v. Prof. Dr. Paul Merker. (Thomas Murners
Deutfche Schriften m. den Holzfchnitten der Erft-
drucke hrsg. v. Franz Schultz, Bd. IX.) (XI, 427 S.)
gr.8°. Straßburg,K.J.Trübner 1918. M. 18-; geb.M.24 —
Mit fchmerzlichen Gefühlen nimmt man diefen
prächtigen Band hin, den erften und einzigen der großen
Murnerausgabe, der noch in einem deutfehen Straßburg
ausgegeben werden konnte. Mit ihm follte zugleich eine
ftolze Reihe ,Kritifcher Gefamtausgaben elfäffifcher Schrift-
fteller des Mittelalters und der Reformationszeit' eröffnet
werden, die unter Leitung von Franz Schultz von der
Gefellfchaft für elfäffifche Literatur in Angriff genommen
war. Wir wünfehen dem Herausgeber und leinen Mitarbeitern
, wir wünfehen auch dem verdienten und opferwilligen
Verlage aufrichtig, daß ihre wichtige Arbeit
durch die Ungunft der Zeiten nicht unterbrochen werde.
Nicht bloß unfere Gefühle für das deutfehempfindende
Elfaß laffen uns das wünfehen. Die Wiffenfchaft ift auf
gute, kritifche Ausgaben^ der Werke Murners, Fifcharts
u. a. angewiefen, um in die innere Gefchichte der großen
Bewegungen der Reformationszeit tiefer einzudringen.
Braunes Neudrucke haben uns für das Studium und für
den gelehrten Unterricht eine Fülle wertvollften Stoffes
dargeboten, dem auch knappe Erläuterungen nicht
fehlten. Aber was wir jetzt brauchen, ift eine mit allen
vorhandenen Hilfsmitteln durchgeführte, erfchöpfende
Interpretation der Hauptfchriftfteller, eine Edition, mit
der man fich in das Denken und Fühlen, das Sprechen und